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Luna spricht

Author: Jay lux
last update publish date: 2026-11-01 08:32:34

Der königliche Ratssaal war bereits gut besucht, als Elena eintraf.

Sieben Vertreter saßen um den langen Mahagonitisch, jeder von ihnen repräsentierte eines der Werwolfkönigreiche. Ihre Mienen waren ernst, und vor ihnen lagen mehrere Dokumente. Am Kopfende des Tisches saß Adrian, dessen bloße Anwesenheit den Raum verstummen ließ.

Elena nahm neben ihm Platz.

Sie bemerkte Kael Voss unter den Vertretern des Nordens. Er nickte ihr kurz zu, doch sie wandte ihre Aufmerksamkeit schnell dem Rat zu.

„Wir haben die Lage an den nördlichen Grenzen besprochen“, begann Adrian.  „Unsere Kundschafter haben ungewöhnliche Bewegungen der benachbarten Rudel gemeldet. Ich will eine Erklärung, bevor die Angelegenheit unser Königreich bedroht.“

Ein älterer Mann, der ihm gegenüber saß, räusperte sich.

„Eure Majestät, die nördlichen Rudel sammeln Krieger, ohne den Rat zu informieren. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass sie sich auf einen Krieg vorbereiten.“

Elena erkannte ihn als Lord Marcus, einen von Adrians engsten politischen Beratern.

In ihrem früheren Leben hatte sie ihm blind vertraut. Später erfuhr sie, dass er für mehrere Falschmeldungen verantwortlich gewesen war, die das Verhältnis zwischen den nördlichen Gebieten und dem Nachtreich zerstört hatten.

Sie erinnerte sich nur allzu gut an die Folgen.

„Welche Beweise haben wir?“  Sie fragte.

Es wurde still im Raum.

Marcus sah sie leicht überrascht an.

„Eure Hoheit, diese Angelegenheit betrifft die Sicherheit der Königreiche.“

„Dann sollten wir doch wohl eher über Beweise als über Vermutungen sprechen.“

Adrian warf ihr einen Blick zu.

„Elena, lasst den Rat fortfahren.“

Sie ignorierte die Warnung in seiner Stimme.

„Lord Marcus, Ihr erwähntet, dass die nördlichen Banden Krieger sammeln. Wie viele Kundschafter haben diese Information bestätigt?“

„Drei, Eure Hoheit.“

„Und wo sind ihre Berichte?“

Marcus zögerte, bevor er ein Dokument auf den Tisch legte.

Elena griff danach und prüfte die Details. Die Daten kamen ihr bekannt vor, ebenso der Name des Rudels, der im Bericht erwähnt wurde.

Ihr fiel noch etwas ein.

Der nördliche Alpha hatte sich während dieser Zeit außerhalb seines Territoriums aufgehalten und an einer königlichen Versammlung in einem anderen Königreich teilgenommen. Die angeblichen Militärbewegungen konnten unmöglich so stattgefunden haben, wie beschrieben.

„Diese Berichte sind falsch“, sagte sie.

Marcus runzelte die Stirn.

„Eure Hoheit?“

„Die Daten stimmen nicht mit den offiziellen Reiseaufzeichnungen des nördlichen Alphas überein. Er befand sich nicht einmal in seinem Territorium, als diese Bewegungen angeblich stattfanden.“

Einige Ratsmitglieder wechselten Blicke.

Adrian nahm ihr das Dokument ab.

„Seid Ihr Euch sicher?“

 „Ich erinnere mich an die königliche Versammlung. Der nördliche Alpha nahm mit seiner Gemahlin teil, und mehrere Mitglieder dieses Rates waren anwesend.“

Kael beugte sich vor.

„Ihre Hoheit hat Recht.“

Alle wandten sich ihm zu.

„Der nördliche Alpha befand sich zu jener Zeit in den westlichen Gebieten. Ich kann Ihnen bei Bedarf die offiziellen Aufzeichnungen zukommen lassen.“

Marcus wirkte unbehaglich.

„Das könnte einfach ein Missverständnis sein.“

„Dann sollte die Untersuchung kein Problem darstellen“, erwiderte Elena.

Adrian legte das Dokument beiseite.

„Lucien wird sich der Sache annehmen.“

Die Diskussion ging weiter, doch Elena bemerkte, dass Marcus kaum noch sprach.

Sie hatte zwar mit Widerstand gerechnet, aber nicht damit, dass der Berater nach einer so einfachen Frage so nervös werden würde.

Irgendetwas stimmte nicht.

Nach dem Ende der Sitzung verließen die Vertreter den Saal.  Elena blieb sitzen und ging die Dokumente durch, während Adrian sich leise mit zwei seiner Berater unterhielt.

Kael trat an sie heran.

„Eure Hoheit.“

Sie blickte auf.

„Lord Voss.“

„Ihr habt ein gutes Gedächtnis.“

„Ich versuche, aufzupassen.“

Er lächelte leicht.

„Nicht viele in diesem Raum hätten Lord Marcus infrage gestellt.“

„Vielleicht sollten sie es.“

Kael warf Adrian einen Blick zu, bevor er die Stimme senkte.

„Seid vorsichtig, Eure Hoheit. Manche mögen es nicht, vor dem Rat bloßgestellt zu werden.“

Elena schloss das Dokument.

„Ist das eine Warnung?“

„Betrachtet es als freundschaftlichen Rat.“

„Dann danke.“

Kael verbeugte sich und ging.

Elena sah ihm nach, bevor sie ihre Papiere zusammenpackte.

Sie begann zu begreifen, dass die Ereignisse, die zur Apokalypse führten, viel früher begonnen hatten, als sie in Erinnerung hatte. Die falschen Berichte, die verschwundenen Dokumente und die seltsame Warnung in der Bibliothek waren Teile eines größeren Ganzen.

Sie brauchte Antworten, aber sie brauchte auch jemanden, dem sie vertrauen konnte.

Und sie war noch nicht bereit, Kael Voss zu vertrauen.

Als sie sich den Türen des Saals näherte, rief Adrian ihren Namen.

„Elena, warte!“

Sie blieb stehen.

Er ging auf sie zu, sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar.

„Woher weißt du von den Bewegungen des nördlichen Alpha?“

„Aus den Archiven.“

„Welchen Archiven?“

„Dem königlichen Archiv.“

Adrian musterte ihr Gesicht.

„Du hast viel Zeit in der Bibliothek verbracht.“

„Ist das ein Problem?“

 „Es lenkt mich langsam ab.“

Elena verschränkte die Hände vor sich.

„Ich dachte, du wolltest, dass ich die Angelegenheiten des Königreichs verstehe.“

„Ich möchte, dass du deine Verantwortung verstehst.“

„Und ich glaube, ich fange an, sie zu verstehen.“

Irgendetwas in ihrer Antwort ließ ihn innehalten.

Einen Moment lang schien er noch etwas sagen zu wollen, doch schließlich trat er beiseite.

„Komm heute Abend mit mir zum Essen.“

Elena hätte beinahe gefragt, ob es ein Befehl sei, entschied sich aber dagegen.

„Ich sehe, was ich arrangieren kann.“

Sie ging, bevor er antworten konnte.

Zum ersten Mal stand Adrian Nacht in einem Zimmer und fragte sich, was seine Frau wohl dachte.

Unterdessen betrat Lord Marcus auf der anderen Seite des Palastes ein privates Büro und schloss die Tür hinter sich.

Ein Mann wartete drinnen.

„Sie weiß es“, sagte Marcus leise.

Der Fremde blickte von den Papieren auf seinem Schreibtisch auf.

„Wie viel?“

 „Genug, um die Berichte aus dem Norden infrage zu stellen.“

Der Mann schwieg einen Moment, bevor er aufstand.

„Dann müssen wir uns beeilen.“

Marcus schluckte.

„Sollen wir den Alpha-König informieren?“

„Nein.“

Der Fremde ging zum Fenster und blickte auf die Palastgärten hinaus.

„Adrian hat seine eigenen Pläne mit Luna. Wir müssen sicherstellen, dass sie unsere niemals entdeckt.“

Er griff in seinen Mantel und holte einen kleinen silbernen Gegenstand hervor, der das Symbol eines uralten Wolfes trug.

„Findet heraus, was sie gelesen hat. Und wenn sie der Wahrheit zu nahe kommt, erledigt sie, bevor der nächste Vollmond kommt.“

Marcus nickte und verließ den Raum.

Der Fremde blieb am Fenster zurück und hielt den silbernen Gegenstand fest umklammert.

Tief unter dem Schwarzwald regte sich etwas im Schlaf.

Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten begann das uralte Siegel zu schwächeln.

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