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Der Mann hinter der warnung

Author: Jay lux
last update publish date: 2026-11-01 08:32:20

Elena las die geheimnisvolle Nachricht zum vierten Mal, während sie zu ihrem Schlafzimmer ging.

„Hör auf, nach dem Erstgeborenen zu suchen, wenn du am Leben bleiben willst.“

Die Handschrift war ihr fremd, und es gab weder einen Namen noch ein königliches Siegel, die den Absender verrieten. Wer auch immer sie geschrieben hatte, hatte sich die Zeit genommen, sie persönlich zu überbringen. Das bedeutete, dass jemand genau wusste, wo sie gewesen war und wonach sie suchte.

Sie schob den Zettel in die Schublade neben ihrem Bett und setzte sich still hin.

In ihrem früheren Leben hatte sie jahrelang geglaubt, dass Adrian der Einzige war, der sie beschützen konnte.  Sie hatte seinen Entscheidungen vertraut, seinen Anweisungen gefolgt und sich von ihm von Angelegenheiten des Königreichs fernhalten lassen.

Dieses Vertrauen hatte sie letztendlich alles gekostet.

Diesmal musste sie wissen, wer auf ihrer Seite stand und wer nur auf eine Gelegenheit wartete, sie auszunutzen.

Ein Klopfen unterbrach ihre Gedanken.

„Eure Hoheit, der Alpha-König erwartet Euch in seinem Büro.“

Elena schloss die Schublade.

„Sagt ihm, ich komme gleich.“

Sie schlüpfte in ein dunkelblaues Kleid und ging zu Adrians Büro. Zwei Wachen standen vor dem Eingang, und einer öffnete sofort die Tür, als er sie sah.

Adrian stand an seinem Schreibtisch und prüfte mehrere Dokumente. Lucien stand ein paar Schritte entfernt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Du hast dir Zeit gelassen“, sagte Adrian.

„Ich wusste nicht, dass ich wegen eines Notfalls gerufen wurde.“

Sein Blick wanderte zu ihr.

„Muss heute alles ein Streit sein?“

 Elena nahm Platz, ohne auf Erlaubnis zu warten.

„Vielleicht sollten Sie erklären, warum Sie mich rufen ließen.“

Lucien warf Adrian einen Blick zu, bevor er sprach.

„Seine Majestät hat Berichte über die nördlichen Gebiete erhalten. Es gab ungewöhnliche Bewegungen unter den Grenzbanden, und der Rat glaubt, dass jemand einen Angriff vorbereitet.“

Elena hörte aufmerksam zu.

Sie erinnerte sich an diesen Vorfall. In ihrem früheren Leben waren die nördlichen Banden beschuldigt worden, heimlich Krieger gegen das Nachtreich zu sammeln. Die Anschuldigungen hatten Spannungen zwischen den Königsfamilien erzeugt und schließlich ihr Bündnis geschwächt.

Aber sie erinnerte sich auch an etwas Wichtiges:

Die Berichte waren falsch gewesen.

„Wer hat die Informationen gebracht?“, fragte sie.

Lucien antwortete sofort:

„Einer unserer Kundschafter.“

„Wo ist er jetzt?“

„Er wird untersucht.“

Elena sah Adrian an.

„Warum behandeln wir die Berichte dann als Tatsachen, bevor wir ihre iRichtigkeit überprüft haben?“

 Adrian legte die Dokumente auf seinen Schreibtisch.

„Weil wir es uns nicht leisten können, eine mögliche Bedrohung zu ignorieren.“

„Und wir können es uns nicht leisten, wegen eines Gerüchts einen Krieg zu beginnen.“

Es wurde still im Raum.

Lucien senkte den Blick, während Adrian seine Frau mit wachsendem Interesse musterte.

„Du scheinst ungewöhnlich besorgt um militärische Angelegenheiten zu sein“, sagte er.

„Ich bin der Luna dieses Königreichs. Sollte ich es nicht sein?“

„Deine Pflicht ist es, die Krone zu unterstützen.“

Elena lächelte schwach.

„Dann sollte die Krone vielleicht endlich auf ihre Luna hören.“

Adrians Gesichtsausdruck verfinsterte sich.

Er entließ Lucien mit einer Geste, und der Wächter verließ augenblicklich das Büro.

Als sie allein waren, rückte Adrian näher an seinen Schreibtisch.

„Was ist nur los mit dir, Elena?“

„Nichts.“

„Du stellst seit heute Morgen alles infrage.“  „Du hast dich geweigert, zur üblichen Zeit herunterzukommen, bist in der Bibliothek verschwunden und stellst jetzt vor meinen Wachen Militärberichte infrage.“

Sie blieb ruhig.

„Würdest du es vorziehen, wenn ich aufhöre zu denken?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Dann solltest du vielleicht aufhören zu erwarten, dass ich dir in allem zustimme.“

Adrian starrte sie einen Moment lang an.

In den fünf Jahren ihrer Beziehung hatte Elena selten so mit ihm gesprochen. Sie hatte immer versucht, Auseinandersetzungen zu vermeiden, da sie glaubte, dass eine friedliche Ehe Geduld und Verständnis erforderte.

Ihm fiel der Unterschied sichtlich auf.

„Hast du verbotene Dokumente gelesen?“, fragte er.

Ihr Herz machte einen Sprung, doch sie behielt ihren Gesichtsausdruck bei.

„Ich war in der Bibliothek.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Dann stell eine klarere.“

Adrians Kiefer verkrampfte sich.

„Halt dich vom verbotenen Bereich fern.“

Elena spürte einen kalten Schauer in der Brust.

Er wusste also Bescheid.

Vielleicht war er bereits über sie informiert worden.  Besuch

„Warum?“, fragte sie.

„Weil diese Aufzeichnungen Angelegenheiten betreffen, die Sie nicht verstehen müssen.“

Sie stand auf.

„Genau das haben Sie auch gesagt, als ich Sie das letzte Mal nach der Geschichte der ursprünglichen Luna fragte.“

Adrians Gesichtsausdruck veränderte sich.

„Was haben Sie gesagt?“

Elena merkte, dass sie zu schnell gesprochen hatte.

Sie fasste sich wieder und sah ihn direkt an.

„Ich sagte, ich habe kein Interesse daran, von der Geschichte meiner eigenen Familie ferngehalten zu werden.“

Einige Sekunden lang rührten sich beide nicht.

Schließlich kehrte Adrian zu seinem Schreibtisch zurück.

„Die Ratssitzung beginnt in dreißig Minuten.“  „Sei pünktlich da.“

Elena nickte und ging zur Tür.

Doch bevor sie gehen konnte, rief er ihren Namen.

„Elena.“

Sie drehte sich um.

„Was auch immer sich zwischen uns verändert hat, vergiss nicht, dass du immer noch meine Frau bist.“

Sie hielt seinem Blick stand.

„Ich habe es nicht vergessen.“

Dann ging sie hinaus.

Die Worte begleiteten sie auf dem Flur, doch sie hatten ihren einstigen Trost verloren.

Als Elena sich der Treppe näherte, bemerkte sie jemanden, der in der Nähe des großen Fensters mit Blick auf die Gärten stand.

Ein junger Mann in einem dunklen Mantel.

Er beobachtete sie.

Sie erkannte ihn als einen der Abgesandten des Nordreichs. Sein Name war Kael Voss, und er war nur wenige Tage vor ihrem Tod in ihrem vorherigen Leben im Palast angekommen.

Sie erinnerte sich aus einem anderen Grund an ihn.

In den letzten Tagen der Apokalypse hatte sie herausgefunden, dass mehrere Krieger des Nordens versucht hatten, die Königsfamilien vor den Erstgeborenen zu warnen. Ihre Botschaften waren ignoriert worden, und viele von ihnen waren im Kampf gegen die Zerstörung gefallen.

Kael bemerkte ihren Blick und trat näher.

„Eure Hoheit.“

Elena nickte höflich.

„Kennen wir uns?“

Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Nicht persönlich, aber ich habe schon einiges über Euch gehört.“

„Hoffentlich nichts Unangenehmes.“

„Das kommt darauf an, was Ihr unter unangenehm versteht.“

Sie musterte ihn aufmerksam.

Seine Anwesenheit wirkte ungewöhnlich.  Anders als die Palastwachen schien er von ihrer Position nicht eingeschüchtert zu sein, und seine Augen strahlten ein Selbstvertrauen aus, das sie an jemanden erinnerte, der mehr wusste, als er preisgeben wollte.

„Ich glaube, wir müssen zu einer Sitzung“, sagte er.

Elena nickte.

„Dann sollten wir den Rat wohl nicht warten lassen.“

Als sie sich abwandte, hielt Kaels Stimme sie auf.

„Eure Hoheit, ein Rat.“

Sie drehte sich leicht um.

„Vertraue niemals einem Mann, der dir vorgaukelt, dich zu beschützen, während er dich im Dunkeln lässt.“

Elena erstarrte.

Einen Moment lang fragte sie sich, ob er von ihrem früheren Leben wusste.

Doch sein Gesichtsausdruck verriet nichts.

„Warum solltet Ihr mir das erzählen?“  Sie fragte.

Kael lächelte leicht.

„Denn manche Geheimnisse sind gefährlicher als die Menschen, die sie hüten.“

Er verbeugte sich und ging in Richtung Ratssaal.

Elena blieb am Fenster stehen und sah ihm nach.

Die mysteriöse Warnung in der Bibliothek erschien ihr plötzlich viel wichtiger.

Jemand beobachtete sie.

Jemand wusste, dass sie nach Antworten suchte.

Und nun war ein Fremder mit einer Warnung an sie herangetreten, die der Wahrheit erschreckend nahe kam.

Vielleicht war Adrian nicht der Einzige, vor dem sie sich in Acht nehmen musste.

Elena holte tief Luft und ging weiter in Richtung Ratssaal.

Sie war zurückgekehrt, um ihr Schicksal zu ändern, doch je mehr sie erfuhr, desto mehr wurde ihr bewusst, dass die Zukunft Geheimnisse barg, von deren Existenz sie nichts geahnt hatte.

Und dieses Mal war sie fest entschlossen, jedes einzelne zu lüften.

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