MasukÖffentliche DemütigungElaras POVDie Menge hatte bereits ihr Urteil gefällt, bevor Kael überhaupt zurückkehrte.Ich spürte, wie es auf mich niederdrückte – dick, erdrückend, das unverkennbare Gewicht der Verurteilung, das sich wie ein Leichentuch über meine Schultern legte. Lyras Finger gruben sich in meinen Arm und versuchten, mich vom Zentrum der Versammlung wegzuführen, aber die Wölfe hatten sich verschoben und schlossen sich um uns in einem lockeren, ungleichmäßigen Ring zusammen, der eine Flucht fast unmöglich machte.„Sie ist hinter der Luna her, sobald sie zusammengebrochen ist.“„Sie so anzufassen. Das ist nicht natürlich.“„Ich habe gehört, sie hat auch die Mondstein-Halskette gestohlen.“„Verflucht. Das ist sie. Verflucht.“Das Wort breitete sich aus, wurde von Mund zu Mund weitergegeben, bis es ein Eigenleben angenommen hatte, mit jeder Wiederholung schwerer und gewisser wurde. Ich hielt meinen Blick geradeaus gerichtet und weigerte mich, die Anschuldigungen meinen Ausdruc
Der InstinktElaras POVIch traf nie die bewusste Entscheidung, mich zu bewegen.Meine Beine trugen mich bereits nach vorne, bevor mein Verstand nachkam – etwas Tiefes und Urtümliches zog mich durch das Meer von Körpern auf Isoldes zusammengesunkene Gestalt zu. Es war dieselbe Kraft, die vor Monaten im Ballsaal meine Hand zu ihrer geführt hatte. Dieselbe Wärme, die durch mich geflutet war, als unsere Haut sich berührte.Ich verstand es nicht. Ich versuchte es nicht. Ich wusste nur, mit einer Gewissheit, die das Denken völlig umging, dass ich sie erreichen musste.„Elara, halt!“ Lyras Stimme jagte hinter mir her, aber ich hatte mich bereits aus ihrem Griff befreit, tauchte zwischen Schultern und Ellbogen hindurch, drängte mich an Wölfen vorbei, die zu sehr in ihrer eigenen Panik verloren waren, um noch einen Körper zu bemerken, der sich nach vorne durchpflügte.„Bewegt euch!“ bellte jemand.„Gebt den Heilern Platz!“Ich blockte alles aus, mein Blick auf Isoldes aschfahles Gesicht gehef
Die RudelversammlungElaras POVIch hatte noch nie so viele Wölfe an einem Ort gesehen.Der zentrale Platz quoll über vor Körpern, als ich ankam – Hunderte von Rudelmitgliedern dicht an dicht unter dem violett verfärbten Abendhimmel. Krieger reihten sich vorne in lockeren Formationen auf. Familien drängten sich weiter hinten zusammen. Die Ältesten hatten die erhöhte Plattform in der Mitte für sich beansprucht, ihre zeremoniellen Roben fingen das sterbende Licht des Sonnenuntergangs ein.Die Nachricht hatte sich seit dem Morgen durch das Blackthorne-Rudel verbreitet. Eine rudelweite Gebetsversammlung, einberufen, um die Mondgöttin speziell um die Genesung von Luna Isolde zu bitten. Niemand hatte technisch gesehen Anwesenheit verlangt, aber ich wusste es besser, als zu glauben, meine Abwesenheit würde unbemerkt bleiben – oder vergeben werden.Ich schmolz ganz hinten in der Menge dahin. Nah genug, um zu hören. Weit genug, um unsichtbar zu bleiben. Das war der Ort, an dem ich mich immer b
Nirgendwo hingehörenElaras POVDie Wände meines Zimmers schienen in dieser Nacht auf mich einzudrängen.Ich schloss die Tür und stand da, meinen Rücken gegen das Holz gepresst, und ließ die Stille endlich über mich hinwegspülen. Die Ruhe fühlte sich fremd an nach Stunden der Anspannung – wie unter Wasser den Atem anzuhalten und erst jetzt die Oberfläche zu durchbrechen. Dieser enge Raum enthielt alles, was ich auf der Welt besaß. Ein schmales Feldbett mit einer Decke so dünn, dass ich die Kälte durch sie spüren konnte. Ein Regal über dem Bett. Eine Holztruhe zu Füßen mit drei Wechselgarnituren Kleidung, einer Haarbürste, deren Borsten zur Hälfte abgebrochen waren, und einem gefalteten Stofffetzen, der einst zu einer Puppe gehört hatte, die ich als Kind besessen hatte – bevor ich verstand, was es wirklich bedeutete, ein Omega zu sein.Ich stieß mich von der Tür ab und sank auf die Matratze.Die letzten Stunden spielten sich in einer endlosen Schleife hinter meinen Augen ab. Isoldes Tr
Die perfekte MaskeIsoldes POVMeine Brust brannte noch am Morgen nach dem Hustenanfall – ein rauer, kratzender Schmerz, den kein Trank vollständig zum Schweigen bringen konnte.Gideon hatte mir vor der Morgendämmerung etwas Bitteres gebracht, eine Mischung, die die Entzündung beruhigen sollte, aber ich sah die Sorge, die er zu verbergen versuchte, als er meinen Puls prüfte. Das Blut auf meiner Handfläche in der vergangenen Nacht hatte ihn erschreckt. Er war zu professionell, um es laut auszusprechen, aber ich wusste es.Ich lag gegen meine Kissen gelehnt und beobachtete, wie das graue Morgenlicht durch die Vorhänge kroch, als die Tür ohne ein einziges Klopfen aufschwang.„Guten Morgen, Helena!“Seraphine trat ein, als gehöre ihr die Luft in diesem Raum – ein Bündel weißer Mondblüten in ihren Armen, ihr Lächeln strahlend und warm und so völlig überzeugend, dass ich fast verstand, wie alle anderen darauf hereinfielen.„Seraphine“, sagte ich vorsichtig.„Ich habe diese für dich mitgebr
Ein schmerzhaftes MissverständnisElaras POVIch riss mich so schnell von Isoldes Händen los, dass ich den Stuhl fast nach hinten umstieß.„Alpha“, stammelte ich und sprang auf. „Das ist nicht –“„Bleib, wo du bist, Elara“, sagte Isolde, ihre Stimme trug ein leichtes Zittern, das sie nicht ganz verbergen konnte.Kael trat über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich mit einem leisen, bedachten Klicken, das irgendwie bedrohlicher wirkte, als hätte er sie zugeschlagen. Seine grauen Augen hefteten sich auf mich, kalt und berechnend.„Ich habe gefragt, was hier vorgeht“, wiederholte er. Seine Stimme war leise. Zu leise.„Ich habe sie gerufen“, sagte Isolde. „Kael, das war mein Tun. Nicht ihres.“„Zu dieser Stunde?“ Sein Blick flackerte zum dunklen Fenster, dann zurück zu mir. „Allein? Ohne dass jemand sonst anwesend ist?“„Ja“, sagte Isolde.Kaels Kiefer spannte sich an. Er musterte mich erneut, und ich beobachtete, wie sich etwas hinter seinen Augen verschob – eine Schlussfolgerung







