Share

Kapitel 4

Author: Judith GW
Talias POV

Ich stand am Fenster und blickte hinunter auf den Garten, der einst meiner war.

Nun roch er nach Lavendel und all den anderen Blumen, die Viki für eleganter hielt. Ihr Duft lag über jedem Steinweg und jedem Blumenbeet – ein aufdringlicher, widerlicher Geruch nach Jasmin und Selbstgefälligkeit.

Meine Wölfin knurrte leise im Hintergrund meines Bewusstseins.

Das durftest du nicht zulassen. Sie entweihte unser Territorium.

Es ist nur ein Garten, seufzte ich und schluckte die Bitterkeit hinunter.

Auch wenn ich die Situation ignorieren wollte, hatte meine Wölfin recht. Ich hätte Viki sofort herausfordern sollen und sie zur Unterwerfung zwingen. Doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass es keinen Sinn hatte. Viki bekam, was sie wollte, egal was ich tat. Wenn sie Jason um Hilfe bat, hatte ich keine Chance zu gewinnen.

Viki hatte mir meinen Gefährten, mein Bett und meinen Garten genommen.

Was wollte sie als Nächstes nehmen?

Seit Viki in die Residenz des Alphas eingezogen war, verbrachte Jason keine einzige Nacht mehr mit mir. Stattdessen ging er jede Nacht zu ihr.

Nacht für Nacht verriet er die Gefährtenbindung, ohne sich darum zu kümmern, welche Schmerzen er mir damit zufügte.

Und trotzdem klammerte sich ein verblendeter Teil von mir an die Hoffnung, noch immer einen Platz in seinem Herzen zu haben.

Vielleicht kam er zur Vernunft, sobald der Welpe auf die Welt kam.

Vielleicht behandelte er Viki nur als Gebärerin und kehrte zu mir zurück.

Schließlich war ich immer noch die Luna.

Das konnte Viki mir nicht nehmen.

Am späten Vormittag ging ich in die Küche, weil ich Tee brauchte. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht sehnte sich mein schmerzender Körper nach etwas Beruhigendem.

Viki war bereits dort.

Sie hing lässig auf einem Hocker wie eine rollige Katze. Frustriert stöhnte ich auf. Sie war die letzte Person, die ich an diesem Morgen sehen wollte.

Ihr Morgenmantel stand weit genug offen, um die Blicke jedes unverpaarten Wolfes auf sich zu ziehen. Ihre nackten Beine waren übereinandergeschlagen, und sie zeigte ihre Haut mit einer Schamlosigkeit, die perfekt zu ihr passte.

Meine Nase zuckte, noch bevor ich verstand, warum.

Der Geruch von Blut, frisches Blut.

Ich erstarrte.

An der Seite ihres Halses befand sich eine Markierung. Die Haut war noch gerötet und leicht geschwollen.

Mein Magen zog sich zusammen.

Meine Wölfin stellte das Fell auf.

„Das hat er nicht getan, oder? Sag mir, dass er das nicht getan hat“, knurrte sie.

„Hat... hat der Alpha dich markiert?“, fragte ich mit angespannter Stimme.

Viki lächelte triumphierend und zeigte ihre Zähne.

„Oh, das hier?“ Sie neigte den Kopf, damit ich die Markierung besser sehen konnte. „Ja. Letzte Nacht. Er war wie ein wildes Tier. Er konnte sich einfach nicht beherrschen.“

Mir verkrampfte sich der Magen und mein Blut wurde eiskalt.

Das war nicht bloß Lust.

Ihre Beziehung war nicht einfach etwas gewesen, das passiert war, um einen Erben zu zeugen, wie Jason mir weismachen wollte.

Eine Markierung bedeutete Besitzanspruch.

Eine Bindung.

„Er sagte, ich würde unwiderstehlich riechen“, fügte Viki hinzu und strich mit den Fingern über die Wunde. „Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass auch nur ein anderer Mann mich ansieht. Du weißt ja, wie besitzergreifend Alpha sein kann.“

„Bilde dir nichts darauf ein. Du bist nichts weiter als ein Brutkasten“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Viki beugte sich vor.

Ihre Stimme triefte vor Grausamkeit.

„Alpha hat mir gesagt, dass ich auf einer Stufe mit der Luna stehe. Das macht ja auch Sinn. Schließlich bin ich diejenige, die seinen Welpen trägt.“

Meine Wölfin lief rastlos in meinem Inneren auf und ab.

„Reiß ihr das Gesicht vom Schädel. Sofort!“

Ich holte tief Luft, um mich zu beruhigen, und trat einen Schritt zurück.

Viki grinste, als sie meine Verzweiflung bemerkte.

„Sag bloß, du bist überrascht, Talia“, meinte sie und spielte mit einer Haarsträhne.

„Ich bin überrascht, dass du vollkommen schamlos bist“, fauchte ich.

„Du wusstest, dass dieser Tag kommen würde. Mein Vater hat mich dazu erzogen, Luna zu werden. Jetzt solltest du mit etwas Würde Platz machen“, flüsterte Viki mit einem strahlenden Lächeln.

„Mach dir nichts vor, Viki. Diese Markierung bedeutet nur, dass du eine diebische Hure bist. Es gibt nur eine Luna in diesem Rudel, und das bin ich“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Viki zuckte zusammen, lachte dann aber.

„Noch. Aber warten wir ab.“

„Ich habe keine Zeit für deine Spielchen, Viki.“

Ich drehte mich um und wollte gehen.

Ich hatte Angst davor, was ich tun konnte, wenn ich noch länger mit ihr im selben Raum blieb.

Dann hörte ich es.

Einen schrillen, theatralischen Schrei.

Gefolgt von einem dumpfen Aufprall.

Ich wirbelte herum.

Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Viki sich selbst auf den Boden warf. Eine Hand umklammerte ihren geschwollenen Bauch.

Und während sie zu weinen begann, schenkte sie mir ein kurzes, selbstgefälliges Grinsen.

Ich erstarrte.

Viki schrie erneut.

Lauter diesmal.

„Talia! Warum hast du mich gestoßen? Warum versuchst du, dem Erben etwas anzutun?“

„Was?! Ich habe dich nicht einmal berührt! Du –“

Die Tür flog auf.

Jason stürmte herein.

Seine Augen glühten, sein Wolf war dicht unter der Oberfläche. Der Geruch seiner Wut erfüllte den Raum, als er mich voller Hass anstarrte.

„Was zur Hölle hast du ihr angetan?!“, bellte er.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Die unfruchtbare Luna – Eine zweite Chance   294

    Talias PerspektiveIch sah zu, wie Jason zwischen den Wachen aus dem Saal geführt wurde. Als er selbstgefällig davonging, stieg Wut in mir auf. Ich umklammerte die Armlehnen meines Stuhls so fest, dass das Holz splitterte. Nolan legte seine Hand auf meine und sagte über die Gedankenverbindung: ‚Talia, gönn ihm nicht die Genugtuung, dich die Fassung verlieren zu sehen.‘‚Er ist einfach in Silverfang hereinspaziert, als würde ihm der ganze Ort gehören. Die Göttin weiß, was unseren Kriegern zugestoßen ist, dass er hereinkommen konnte, ohne dass wir alarmiert wurden‘, erwiderte ich wütend.‚Ich weiß. Wir werden uns darum kümmern‘, sagte Nolan. ‚Es ist besser, ihn vorerst glauben zu lassen, dass er die Oberhand hat. Wir können nicht riskieren, dass dein Vater vor allen einen Rückfall erleidet.‘ Er strich mit dem Daumen über meinen Handrücken. Ich atmete ein paarmal tief ein und durch die Nase wieder aus, um meine Wut abklingen zu lassen. Mein Vater hob vorne auf der Bühne die Hand, und d

  • Die unfruchtbare Luna – Eine zweite Chance   293

    Jasons PerspektiveIch tötete den letzten Wachmann vor dem Saal und wischte die Klinge an seinem Ärmel sauber. Im Fenster über mir hob Kent zweimal seine Fackel. Ich grinste. Das war das Signal, auf das ich gewartet hatte.Ich ging auf die großen Türen zu. Als ich sie erreichte, begannen sie sich zu öffnen. Ich trat in den Saal. Sobald die Anwesenden mich sahen, setzte ein hektisches, erschrockenes Flüstern ein.Mein Wolf war angespannt, und mir ging es genauso. Es war riskant, hierherzukommen. Der Saal war voller Alphas. Wenn sie sich entschlossen, mich anzugreifen, konnte ich zwar einige von ihnen ausschalten, würde aber nicht lebend herauskommen. Die Kunst bestand darin, die Anwesenden einzuschätzen, bevor sie mich durchschauten. Ich musterte die Gesichter in den vorderen Reihen und sah genau das, was ich sehen musste. Verwirrung. Zögern. Niemand wollte den ersten Schritt machen. Niemand würde es wagen, mir etwas anzutun, solange der König der abtrünnigen Wölfe hinter mir stand.

  • Die unfruchtbare Luna – Eine zweite Chance   292

    Talias PerspektiveNolan und ich erreichten den Empfangssaal genau bei Sonnenaufgang. Die ersten angereisten Alphas waren bereits dort und standen in Zweier- und Dreiergruppen entlang der Seitengänge. Ich ging von einem zum nächsten und hieß jeden Alpha und jede Luna willkommen, während Nolan einen halben Schritt hinter mir blieb.„Willkommen, Alpha Kent. Es freut mich, dass Sie wieder hier sind“, sagte ich zu ihm, doch Kent antwortete nicht. Er starrte weiter aus dem Fenster. Meine Wölfin sträubte angesichts seines unhöflichen Verhaltens das Fell, aber das spielte keine Rolle. Ich würde mich nicht provozieren lassen. Meine Familie hatte Kent nichts getan. Er machte sich ohne jeden Grund zu unserem Feind, und wenn sich sein Vorgehen gegen ihn wandte, würde ich keine Nachsicht mit ihm haben.‚Er hat mit keinem einzigen Alpha gesprochen, seit wir hereingekommen sind‘, sagte Nolan über die Gedankenverbindung. ‚Er wartet auf etwas.‘„Der Alpha-König ist eingetroffen“, verkündete einer

  • Die unfruchtbare Luna – Eine zweite Chance   291

    Nolans PerspektiveIch überprüfte mit dem Hauptmann am Osttor die Wachablösung und ging dann ein zweites Mal die äußere Verteidigungslinie ab. Die Sicherheitsvorkehrungen waren so streng, wie es die kurze Vorbereitungszeit von nur einer Nacht zuließ.‚Sich Sorgen zu machen hilft uns nicht weiter. Wir haben getan, was wir konnten‘, beruhigte mich mein Wolf, aber ich konnte nicht anders. Ich musste sicherstellen, dass alles nahezu perfekt war. Ich würde nicht zulassen, dass Talia oder dem Silverfang-Rudel etwas zustieß.Derek und Marco warteten beim Innenhof auf mich, als ich von meinem Kontrollgang zurückkehrte.„Entspricht alles Ihren Anforderungen?“, fragte Derek. Er hatte meine Verteidigungsmaßnahmen schon immer gelobt, auch wenn ich damals wegen meiner fehlgeleiteten Wut über den Tod meines Vaters keines seiner Komplimente hatte hören wollen.„Ja, seit meinem letzten Besuch hat sich vieles deutlich verbessert“, antwortete ich. „Hat Marco Sie über alles informiert?“„Ja, unsere

  • Die unfruchtbare Luna – Eine zweite Chance   290

    Talias Perspektive„Papa, was machst du da?“, fragte ich. „Du solltest im Bett liegen und dich ausruhen.“ Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er überhaupt aus dem Bett aufstehen würde, geschweige denn, dass er sich so schnell bewegen würde, ohne dass wir ihn hörten.„Talia, versuch nicht, das Thema zu wechseln“, erwiderte mein Vater kühl. Die Falten um seinen Mund hatten sich unter der Anstrengung vertieft, einen Hustenanfall zu unterdrücken.„Wir haben nur die Vorbereitungen für das Erntetreffen besprochen“, sagte Solon. Ich nickte, obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, dass Solon so mühelos lügen konnte. Allerdings mussten wir unseren Vater nicht zusätzlich belasten, indem wir ihm von Kent erzählten.Mein Vater antwortete nicht sofort. Er sah mich an, dann Solon und schließlich wieder mich. Als er endlich sprach, war seine Stimme sehr ruhig. So klang er immer, wenn er äußerst unzufrieden war.„Lüg mich nicht an, Solon. Und von dir, Talia, bin ich enttäuscht.“„Was habe ich

  • Die unfruchtbare Luna – Eine zweite Chance   289

    Talias PerspektiveTrotz des Regens war der Morgen des Erntetreffens angenehm. Musik erklang in den Straßen des Silverfang-Rudelgebiets. Die Omegas eilten umher und erledigten die letzten Vorbereitungen. Jeder Außenstehende hätte gedacht, dass alles normal war, und genau diesen Eindruck wollten wir vermitteln.‚Atme ruhig weiter und bleib gelassen. Wir werden ihnen nur zeigen, was sie sehen sollen‘, sagte meine Wölfin, und ich stimmte ihr zu. Wir mussten nur diesen Tag ohne Zwischenfälle überstehen.Ich stand in einem schweren roten Umhang, der die Farben des Blut-Mond-Rudels zeigte, am Tor. Meine Augen brannten vor Schlafmangel, während ich die Straße beobachtete und mein Atem in der kalten Luft sichtbar wurde. Colins Rudel traf als Erstes ein.„Immer muss er angeben“, murmelte Nolan.„Ich dachte, ihr beiden hättet euren kleinen Streit inzwischen beigelegt“, neckte ich ihn, und Nolan verdrehte die Augen.„Willkommen, Alpha Colin. Wir freuen uns, dass du kommen konntest“, begrüßt

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status