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Kapitel 5-Ein Spiel aus Rache und Macht

last update publish date: 2026-10-22 16:30:44

Vincent – Ich-Perspektive

Im Arbeitszimmer der Villa

Ich sitze auf dem Sofa, und vor mir steht Massimo, mein vertrautester Mann. Ich habe ihn beauftragt, Nachforschungen über Liana anzustellen, und ich sehe, dass er eine Mappe in den Händen hält.

»Nun?«, sage ich mit leiser Stimme, die deutlich in dem stillen Arbeitszimmer widerhallt.

»Was Liana Ihnen erzählt hat, ist vollständig wahr«, antwortet er und reicht mir die Mappe. »Sie hat Nolan tatsächlich an der Universität kennengelernt, und sie sind sieben Jahre zusammengewesen.«

Ich blättere durch die Seiten, die Stirn leicht zusammengezogen.

»Vor sechs Monaten wurde sie entführt und erlitt eine Fehlgeburt in einem verlassenen Lagerhaus. Damals hat Nolan öffentlich behauptet, es handele sich um einen Unfall.«

Ich hebe den Blick zu ihm.

»Und hast du herausgefunden, wer diese Entführung in Auftrag gegeben hat?«

Massimo senkt die Stimme:

»Ja. Es war der persönliche Leibwächter von Fräulein Severine, der sich darum gekümmert hat. Fräulein Severine hat Nolan schon immer geliebt und wollte Liana seit langem loswerden. Als sie erfuhr, dass Liana schwanger war, organisierte sie diese Entführung. Sie wollte sie nur erschrecken, sie hatte nicht erwartet, dass daraus eine Fehlgeburt entstehen würde.«

Ich klopfe leicht mit den Fingerspitzen auf die Mappe.

»Fahren Sie fort.«

»Lianas Herkunft ist ebenfalls korrekt«, fährt Massimo fort. »Sie wurde in eine katholische Familie in Kalabrien hineingeboren. Ihre Eltern hielten sie wegen jenes Muttermals auf ihrer linken Schulter für die Wiedergeburt des Teufels. Als sie acht Jahre alt war, versuchten sie, sie an einen Paten der Mafia zu verkaufen, aber ihre Großmutter rettete sie. Nach dem Tod ihrer Großmutter kam sie allein in diese Stadt, arbeitete, um ihr Studium zu bezahlen, und war dann Verkäuferin in einem Luxusgeschäft. Genau dort hat sie Severine kennengelernt.«

Ich lege die Mappe auf den Tisch und ergreife das Glas mit dem Whisky, um einen Schluck zu nehmen.

»Zu der Zeit, als sie mit ihm zusammen war, war Nolan doch nur ein armer Kerl?«

Massimo nickt.

»Ja, Don Vincent. Als Nolan sein Unternehmen gründete, fehlte es ihm an Geld. Liana ist die ganze Zeit an seiner Seite geblieben und hat sogar mehrere Jobs ausgeübt, um ihm zu helfen. Dann hat Severine eine Million in Nolans Gesellschaft investiert. Genau zu diesem Zeitpunkt hat er sich allmählich von Liana entfernt und sich Severine zugewandt.«

Ich schweige einen Augenblick. Ich glaubte anfangs, Liana sei nur eine Frau, die versuchte, auf der Karriereleiter nach oben zu gelangen. Ich hätte nicht gedacht, dass ihr Leben so schwer war, und auch nicht, dass Severine eine so grausame Tat aus Liebe zu einem Mann begehen könnte.

»Beobachten Sie sie weiter«, befehle ich. »Finden Sie heraus, was sie plant.«

»Verstanden, Don Vincent.«

Er verbeugt sich und verlässt den Raum. Ich bleibe allein zurück, mein Glas in der Hand.

Diese Frau ist faszinierend. Sie wirkt zerbrechlich und wehrlos, aber sie besitzt eine wahre innere Stärke. Von den Menschen verraten, die sie am meisten geliebt hat, und ihr Kind verloren – dennoch nähert sie sich mir, einem Mann, den alle fürchten. Sie ist bereit, alles zu tun, um das zu erreichen, was sie sich wünscht. Ihr Mut und ihre Entschlossenheit beeindrucken mich wirklich.

Aber ich weiß auch, dass sie einen tiefen Hass in sich trägt. Sie nähert sich mir nur, um mich für ihre Rache zu nutzen.

Ich flüstere vor mich hin und beobachte, wie sich die bernsteinfarbene Flüssigkeit in meinem Glas dreht:

»Rache… Vielleicht können wir eine Vereinbarung treffen.«

 

Liana – Ich-Perspektive

Am nächsten Morgen werde ich von Schritten auf der Treppe geweckt.

Nachdem ich mich angezogen habe, gehe ich nach unten und sehe Vincent bereits im Esszimmer beim Frühstück. Auf dem Tisch liegen Eier Benedict, geräucherter Lachs, Avocadotoasts und Milch. Es ist ein recht üppiges Frühstück.

»Du bist wach? Iss mit«, sagt er, ohne den Blick zu heben.

Ich freue mich darüber und setze mich neben ihn, nehme ein Stück Brot und esse es in kleinen Bissen.

»Begleite mich heute zur Firma«, sagt er plötzlich.

»Gerne«, antworte ich und nicke, ohne meine Freude verbergen zu können. Endlich kann ich wieder hinaus.

Vincent nickt zufrieden und trinkt einen Schluck Milch.

»Nach dem Frühstück folge mir.«

Nachdem wir fertig sind, fahren wir gemeinsam zur Firma der Familie Camorra.

Das Auto hält vor dem Gebäude. Kaum sind wir ausgestiegen, sehe ich Severine und Nolan am Eingang stehen.

Als sie mich an Vincents Seite sehen, verzerrt sich Severines Gesicht sofort.

»Vater, da bist du ja«, sagt sie.

Aber als ihr Blick auf mich fällt, verrät ihr Gesicht unverhohlene Feindseligkeit.

»Was machst du hier?«

Ich lächle leicht und nähere mich bewusst Vincent.

»Warum sollte ich nicht hier sein? Von nun an bleibe ich an Don Vincents Seite.«

Nolan öffnet den Mund, um etwas zu sagen, besinnt sich dann aber und nickt nur respektvoll zu Vincent.

»Don Vincent.«

Vincent ignoriert ihre Reaktionen und sagt schlicht:

»Lasst uns hineingehen.«

Er geht voran zum Eingang des Gebäudes. Ich folge ihm und spüre die feindseligen Blicke von Severine und Nolan in meinem Rücken.

Innerlich lächle ich. Das ist erst der Anfang. Severine, Nolan… was ihr mir schuldet, werde ich mir nach und nach zurückholen – und mit Zinsen.

Wir erreichen Vincents Arbeitszimmer. Er bittet mich, mich auf das Sofa zu setzen, während er sich hinter seinen Schreibtisch setzt und arbeitet.

Der ganze Vormittag verläuft ruhig. Solange Vincent da ist, trauen sich Severine und Nolan wahrscheinlich nicht, mich zu belästigen.

Um zwölf ist Vincent noch beschäftigt. Also gehe ich allein in die Kantine der Firma, um zu essen und ihm eine Mahlzeit mitzubringen.

Die Kantine ist geräumig und luxuriös eingerichtet. Ich nehme mein Tablett und suche mir einen Platz, als Severine auf mich zukommt, begleitet von zwei ihrer Freundinnen.

»Darf ich mich zu dir setzen?«, fragt sie und blickt mich an.

Ich sage nichts. Schon ihr heuchlerisches Gesicht nimmt mir den Appetit.

Severine setzt sich neben mich, während ihre beiden Freundinnen sich gegenüber von mir niederlassen.

»Also, das ist Fräulein Hayes?«, beginnt die Erste, gekleidet in ein rotes Kleid, mit verächtlichem Ton. »Ich habe gehört, Sie waren Verkäuferin in einem Luxusgeschäft?«

Die andere fügt hinzu:

»Kein Wunder, dass Sie so gewöhnlich wirken. Selbst an Don Vincents Seite wird man Ihnen diese Armut nicht abgewöhnen können.«

Ihre Stimmen sind nicht laut, aber die Menschen in ihrer Nähe können jedes Wort deutlich verstehen. Alle blicken neugierig zu mir herüber.

Ich umklammere mein Besteck, und Zorn steigt in mir auf.

Ich hebe den Blick zu der Frau in Rot.

»Ich habe tatsächlich im Verkauf gearbeitet. Aber ich habe mir mein Geld redlich verdient. Ich habe niemandem etwas gestohlen, im Gegensatz zu manchen Menschen, die mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurden und nur andere verachten können, weil sie den Namen ihrer Familie tragen.«

»Mit wem sprichst du so?«, ruft die Frau in Rot, ihr Gesicht vor Zorn gerötet.

»Wer sich angesprochen fühlt«, antworte ich ruhig.

»Du wagst es, so mit mir zu sprechen?« Sie steht plötzlich auf und hebt die Hand, um mich zu ohrfeigen.

Ich bin vorbereitet. Ich weiche aus und ergreife ihr Handgelenk im selben Augenblick. Meine Stimme wird scharf:

»Wir sind hier in der Firma der Familie Camorra, nicht an einem Ort, wo Sie sich alles erlauben können. Wenn Don Vincent erfährt, dass die Freundinnen seiner Tochter sich wie ungezogene Kinder benehmen – glauben Sie, dass Fräulein Severine dann ungeschoren davonkommt?«

Das Gesicht der Frau erbleicht, und sie blickt Severine besorgt an.

Severine ist wütend, aber sie zwingt sich, die Fassung zu bewahren.

»Genug, setzt euch. Lasst uns essen«, sagt sie scharf.

Die Frau traut sich nichts mehr zu sagen und setzt sich widerwillig nieder, wirft mir aber weiterhin böse Blicke zu.

Ich nehme das Essen, das ich für Vincent vorbereitet habe, und kehre in sein Arbeitszimmer zurück. Ich stelle es neben seinen Schreibtisch. Er hebt nicht den Blick, er tippt weiter auf seiner Tastatur.

Plötzlich fragt er:

»Hat Severine dir in der Kantine Schwierigkeiten gemacht?«

Ich bin über seine Aufmerksamkeit überrascht. Ich lächle und setze mich auf das Sofa.

»Nichts Schlimmes. Ein paar unfreundliche Worte. Ich kann mich verteidigen.«

Ich sitze auf dem Sofa und streiche mit dem Finger über mein Handy, aber meine Gedanken sind woanders: Ich denke nur an eines… wie ich Nolan und Severine für alles bezahlen lassen kann, was sie mir angetan haben.

 

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