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Kapitel 4 – Die Regeln des Paten

last update تاريخ النشر: 2026-10-22 16:17:39

Liana – Ich-Perspektive

In dem Moment, in dem unsere Lippen sich berührten, stoppten Vincents Bewegungen plötzlich.

Er war keineswegs erregt; stattdessen wurde sein Gesicht eiskalt. Er streckte plötzlich die Hand aus und packte mein Handgelenk, mit einem Griff, der schmerzte.

Er sprach mit leiser, gebietender Stimme: »Glaub nicht, ich wüsste nicht, was du vorhast. Wenn du mich benutzen willst, um jemandem etwas vorzuspielen – dann bist du dazu nicht geeignet.«

Mein Herz sank. Mein Mut verließ mich augenblicklich, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

Er hatte mich bereits durchschaut?

Vincent ließ mein Kinn los, dann strich er mit den Fingern über seine eigenen Lippen, als würde er etwas Unangenehmes wegwischen.

Er trat zur Seite, versperrte den Blick auf die Türöffnung und sagte: »Geh in das Nebenzimmer hinein. Sofort.«

Ich wagte nicht zu widersprechen. Ich umklammerte mein Kleid und eilte in das kleine angrenzende Zimmer, mein Herz pochte wild.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, hörte ich Vincent zu dem sprechen, der draußen stand – seine Stimme klang gleichmäßig, ohne jedes Gefühl: »Was wollen Sie?«

Nolans Stimme ertönte, angespannt und nervös: »Don Vincent, ich … ich bin hier, um über den Fortschritt des neuen Projekts zu berichten.«

»Kommen Sie herein.«

Schritte und gedämpfte Gesprächsfetzen drangen durch die Tür. Ich presste mein Ohr an das Holz und versuchte, jedes Wort zu verstehen.

Wäre ich nur eine Sekunde langsamer gewesen, hätte Nolan alles gesehen. Ein Teil von mir bedauerte das – zuzusehen, wie es ihm dämmerte, sein Gesicht zu sehen, wenn er erfuhr, dass der Mann, den er fürchtete und respektierte, derjenige war, der mich hatte. Das wäre unbezahlbar gewesen.

Aber nicht heute. Vincents Laune war unberechenbar und scharf. Ihn zu sehr herauszufordern, könnte mich alles kosten. Besser, diesen mächtigen Verbündeten an meiner Seite zu wissen und abzuwarten.

Ich wartete fast eine Stunde lang in diesem stillen Raum, bis schließlich die Schritte verklungen waren und die äußere Tür ins Schloss fiel.

Als ich hinaustrat, saß Vincent hinter seinem Schreibtisch und rauchte eine Zigarre. Der Raum war erfüllt von ihrem dichten, schweren Rauch.

Er blickte auf und klopfte mit der Zigarre leicht gegen den Aschenbecher. »Sie haben ganz schön Nerven – mich zu benutzen, um Ihren Ex-Freund zu provozieren?«

Ich sank auf das Sofa und blickte zu Boden. »Ich habe das nicht geplant. Wie sollte ich wissen, dass er kommt? Es war nur … ungünstiger Zeitpunkt.«

Vincent stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. »Liana, jeder einzelne Gedanke in Ihrem Kopf steht Ihnen ins Gesicht geschrieben. Ich sehe es ganz deutlich.«

Er stand auf und kam zu mir herüber; seine große Gestalt warf einen Schatten über mich. Ich lehnte mich instinktiv zurück.

»Ich weiß, was man Ihnen angetan hat«, sagte er, seine Stimme klang leiser, aber nicht weniger bestimmt. »Sie haben jedes Recht, sie zu hassen. Aber verstehen Sie eines: Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, gelten meine Regeln.«

Ich blickte auf und traf seinen Blick. In seinen Augen lag keine Wut – nur eine stille, unmissverständliche Warnung.

Er hob mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine Berührung war leicht, aber sein Ton unerbittlich: »Das ist Ihre einzige Warnung. Wenn Sie noch einmal so einen Trick anwenden, werden Sie erfahren, was geschieht, wenn Sie mich herausfordern.«

»Ich verstehe«, sagte ich schnell. »Das wird nicht wieder vorkommen.«

Er ließ mich los und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück, wo er eine Mappe öffnete. »Warten Sie hier. Sie gehen nach Feierabend mit mir.«

Ich wagte nicht zu fragen, wohin. Ich saß einfach da und tat so, als würde ich auf meinem Handy herumtippen, während er arbeitete. Das einzige Geräusch im Raum war das leise Umblättern der Seiten.

Ich beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er sah beeindruckend aus, wenn er konzentriert war – scharfes Kinn, ruhige Hände, diese stille Intensität. Ein Mann, der jeden in den Bann ziehen konnte. Aber ich wusste, dass ich mich nicht täuschen lassen durfte. Dieser Mann war gefährlich. Skrupellos.

Er ist ein Mittel zum Zweck, sagte ich mir fest. Verliebe dich niemals in ihn.

Als er schließlich die letzte Mappe schloss, war es draußen bereits dunkel geworden. Er griff nach seiner Jacke. »Lassen Sie uns gehen.«

Wir gingen aus dem Gebäude und stiegen in eine elegante schwarze Limousine. Die Fahrt führte uns aus der Stadt hinaus, vorbei an belebten Straßen in ruhigere Viertel, bis wir vor einem kleinen, unscheinbaren italienischen Restaurant hielten. Zwei breitschultrige Männer standen am Eingang. Dies war kein Ort, an dem jeder einfach so hineinkam.

Vincent ging voran. Der Ober begrüßte ihn mit offensichtlichem Respekt und führte uns in ein privates Zimmer ganz im hinteren Teil des Hauses.

»Was möchten Sie essen?« Er öffnete die Speisekarte, ohne sie wirklich anzusehen.

Ich hatte keinen Appetit. Ich wählte etwas Beliebiges – Pasta – während meine Gedanken rasten. Warum brachte er mich hierher? Was wollte er von mir?

Als der Kellner gegangen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, legte Vincent seine Speisekarte beiseite und blickte mich an.

»Erzählen Sie mir alles«, sagte er schlicht. »Was ist zwischen Ihnen und Nolan vorgefallen?«

Meine Gabel blieb in der Luft hängen. Langsam erzählte ich ihm – von der Universität, den Jahren zusammen, unseren Plänen, dem Verrat. Ich sprach von der Verlobungsfeier, von dem Verlust, den ich erlitten hatte. Einiges verschwieg ich, aber der Kern der Wahrheit war da. Wenn er bereits Nachforschungen über mich anstellte, würden Lügen mich nur einholen. Besser, bei dem Wesentlichen ehrlich zu sein.

Er hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen, drehte den Rotwein in seinem Glas und beobachtete mich mit seinen ruhigen Augen. Als ich schwieg, nickte er langsam. Dann wanderte sein Blick und blieb auf meiner nackten linken Schulter haften.

»Dieses Muttermal«, sagte er. »Was hat es damit auf sich?«

Mein Herz schlug heftig. Woher wusste er …?

»Ich habe es seit meiner Kindheit«, sagte ich und bemühte mich, ruhig zu bleiben. »Meine Eltern nannten es das Zeichen des Teufels.«

Er hakte nicht weiter nach. Er nickte nur und nahm seine Gabel zur Hand, als würde diese Antwort ihm genügen.

Der Rest des Essens verlief schweigend.

Als wir nach draußen traten, war die Nacht vollständig hereingebrochen. Das Auto lenkte von der Stadt weg, in Richtung der Hügel; die Straßen wurden dunkler und stiller.

»Wohin fahren wir?«, fragte ich und konnte die Frage nicht länger zurückhalten.

Vincent antwortete gelassen: »Bis Sie beweisen, dass Sie für mich von Nutzen sind, bleiben Sie dort, wo ich Sie im Auge behalten kann.«

Es gab keine Möglichkeit zu widersprechen. Ich lehnte mich zurück und beobachtete die unbekannte Landschaft, die an uns vorbeizog.

Das Auto wurde schließlich langsamer vor einer weitläufigen Villa, die weit zurück von der Straße lag und von hohen Steinmauern umgeben war. Wachen patrouillierten auf dem Gelände. Dies war nicht nur ein Wohnsitz – es war eine Festung.

Im Inneren deutete Vincent zur Treppe. »Erster Stock, linke Seite, zweite Tür. Dieses Zimmer gehört Ihnen. Gehen Sie nicht ohne meine Erlaubnis durch das Haus. Und bleiben Sie dem Keller fern. Vor allem dem Keller.«

Er reichte mir einen Schlüssel aus einem kleinen Schrank neben der Tür.

»Das werde ich«, sagte ich.

»Ruhen Sie sich aus«, war alles, was er sagte, bevor er den Flur entlangging und sein eigenes Zimmer betrat. Die schwere Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Ich wusch mich und legte mich auf das weiche Bett, aber Schlaf wollte sich nicht einstellen. Vincent verwirrte mich – eiskalt im einen Moment, fast beschützend im nächsten. Er warnte mich, und dennoch hielt er mich in seiner Nähe. Hielt mich dort, wo er mich sehen konnte.

Mitten in der Nacht hörte ich Schritte vor meiner Tür. Ich setzte mich auf und lauschte. Zwei leise Stimmen murmelten draußen, dann verklangen sie allmählich.

Meine Brust wurde eng.

Er beobachtete mich wirklich.

 

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