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Vier

Author: Nekky
last update publish date: 2026-06-29 23:44:21

Olivia

Ich stieß ihn heftig gegen die Brust und taumelte so schnell zurück, dass ich beinahe über das nasse Kopfsteinpflaster stolperte.

Der blauäugige Fremde taumelte zurück, seine Hand flog zu seinem Mund. Einen Augenblick lang sah er genauso geschockt aus wie ich.

„Scheiße“, fluchte er.

Er fuhr sich heftig mit der Hand durch sein dunkles, nasses Haar, seine Brust hob und senkte sich unter seinem durchnässten Hemd.

„Verdammt.“

„Bist du völlig wahnsinnig?!“, kreischte ich und wischte mir wütend mit dem Handrücken über den Mund. Mein Herz raste wild und verwirrt. Die elektrischen, brennenden Funken seiner Lippen brannten noch immer auf meiner Haut.

„Mein Wolf“, murmelte er fast zu sich selbst, seine Kiefermuskeln waren angespannt. Seine blauen Augen blitzten für einen Sekundenbruchteil gefährlich golden auf.

„Er hat einfach... reagiert. Er schreit mich an, seit ich dich gesehen habe.“

„Mir ist egal, was dein Wolf treibt!“, schrie ich und schnappte mir meine Handtasche vom Boden. „Halt ihn von mir fern! Ich trage heute die Verantwortung für das Leben eines ganzen Rudels und habe keine Zeit, mich in einer Gasse von einem Fremden angreifen zu lassen!“

Ich wirbelte herum, bereit, zurück in den eisigen Regen zu marschieren, doch seine riesige Hand umfasste sanft mein Handgelenk. Die Funken sprühten erneut und ein warmes Kribbeln durchfuhr mich.

„Du frierst und hast dich verlaufen“, sagte er. Seine Stimme verlor ihren aggressiven Unterton und wich einer tiefen Ruhe. „Mein Auto steht gleich da. Ich fahre dich den Berg hoch.“

Ich riss meinen Arm weg und warf ihm einen vernichtenden, wütenden Blick zu. „Ich vertraue dir nicht. Ich kenne nicht einmal deinen Namen.“

Langsam hob er beschwichtigend die Hände, ein leises, aber umwerfend charmantes Lächeln umspielte seine Lippen. „Du kannst mir vertrauen, kleiner Wolf. Versprochen. Ich bin Cameron.“

„Cameron“, wiederholte ich. Der Name passte nicht zu ihm. Er wirkte zu groß, zu dominant, zu furchteinflößend, um einfach nur ein Cameron zu sein.

„Na schön. Fahr mich. Aber wenn du mich noch einmal anfasst, steche ich dich mit meinem Luna-Dolch ab.“

„Verstanden“, kicherte er finster. Die Heizung in seinem riesigen, maßgefertigten Wagen blies warme Luft und wärmte meine eiskalten Finger. Immer wieder warf ich ihm verstohlene Blicke zu. Sein Griff um das Lenkrad war fest, als müsste er all seine Kraft aufwenden, um sich im Sitz zu halten.

Als die Bäume endlich verschwanden, stockte mir der Atem.

Ich hatte ein rustikales Lager im Militärstil erwartet. Stattdessen ragte ein riesiges, weitläufiges Penthouse gegen den stürmischen Himmel auf. Es war aus dunklem Stein und massiven Glasfenstern erbaut und strahlte unvorstellbaren Reichtum aus. Die Tore öffneten sich lautlos, als wir uns näherten.

Ich schnallte mich ab, noch bevor der Wagen ganz zum Stehen gekommen war. „Danke fürs Mitnehmen, Cameron. Mir läuft die Zeit davon. Ich muss diesen arroganten Alpha anflehen, meine Grenzpatrouillen zu verschonen.“

Ich stieß die Türen des Rudelhauses auf und betrat das große, beheizte Foyer. Direkt hinter mir hörte ich Schritte. Völlig verdutzt drehte ich mich um.

„Kommst du mit?“, fragte ich und zog eine Augenbraue hoch.

Cameron schob die Hände in die Hosentaschen und wirkte völlig unbeeindruckt. „Ja. Ich kenne das Rudel ein bisschen.“

Ein großer, vernarbter Mann im Anzug stürmte die große Treppe herunter. Sein Blick fiel auf mich, dann huschte er zu Cameron. Der Mann erstarrte augenblicklich, seine Haltung wurde furchterregend starr.

„Beta Nathan“, sagte Cameron ruhig, doch seine Stimme verriet eine unterschwellige Warnung. „Diese Frau ist hier, um den Alpha zu sehen.“

Nathan schluckte hörbar, Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. „Stimmt. Ja. Leider … ist der Alpha nicht da. Er ist … noch nicht da.“

„Aber mir wurde gesagt, er würde die Grenze bis Sonnenuntergang überqueren, wenn ich ihn nicht sehe!“, rief ich panisch und trat vor. „Er muss hier sein!“

Nathan sah Cameron erneut an, völlig panisch. Cameron musterte ihn nur mit einem langsamen, kalten Blick.

„Bringt ihr etwas zu essen und zu trinken!“, bellte Cameron plötzlich. Mehrere Dienstmädchen eilten sofort mit gesenkten Köpfen aus den Fluren. „Lasst ein heißes Bad ein. Zieht ihr etwas Bequemes an. Sofort!“

Die Dienstmädchen gehorchten wortlos.

Ich starrte ihn mit leicht geöffnetem Mund an. „Kennst du den Alpha wirklich so gut, dass du seinen Rudelmitgliedern Befehle zurufst?“

Cameron grinste und kam so nah, dass ich seinen betörenden Duft nach Ozon und Zedernholz wieder riechen konnte. „Ich habe meine Privilegien. Geh baden, Olivia. Du zitterst ja.“

Ich war zu erschöpft, um zu widersprechen.

Die Dienstmädchen führten mich in eine riesige, luxuriöse Gästesuite. Das heiße Wasser wusch den Schlamm, den eisigen Regen und einen kleinen Teil des qualvollen Verrats ab, den Drey mir heute Morgen angetan hatte. Ich schlüpfte in den übergroßen, schwarzen Seidenmorgenmantel, den die Dienstmädchen mir hingelegt hatten, und schlich leise in den angrenzenden Wohnbereich. Im Steinkamin prasselte ein Feuer. Cameron saß auf dem Ledersofa, ein Kristallglas mit bernsteinfarbenem Getränk in der Hand, und starrte in die Flammen.

„Danke“, sagte ich leise und verschränkte die Arme vor der Brust, während ich am Feuer stand. „Für alles. Ich wusste gar nicht, dass ich das brauche.“ Er sah auf. Seine blauen Augen verdunkelten sich in dem Moment, als sie meine nackten Beine erblickten, die unter dem Morgenmantel hervorschauten. Er schluckte schwer und klopfte auf den leeren Platz neben sich auf dem Ledersofa.

„Komm, trink mit mir“, murmelte er. Ich zögerte, doch meine Beine bewegten sich wie von selbst. Ich setzte mich und nahm das Glas, das er mir reichte. Der Whiskey brannte auf angenehme Weise in meiner Kehle.

„Was hat dich heute so mitgenommen?“, fragte er plötzlich. Kein Mitleid. Nur die Forderung nach der Wahrheit.

Ich starrte in mein Glas, die Mauern, die ich sonst um mich errichtet hatte, bröckelten unter seinem durchdringenden Blick. „Mein Gefährte“, flüsterte ich.

„Er hat mich rausgeschmissen. Er hat meinen Luna-Titel, mein Zuhause und mein Bett der Witwe seines Bruders gegeben. Er sagte, die Verbindung sei tot.“

Cameron erstarrte. „Er hat dich zurückgewiesen?“

„Im Grunde“, lachte ich bitter und wischte mir eine Träne weg. „Und dann wurde ich hierher geschickt, um seinen Dreck mit dem Nightbane-Alpha zu beseitigen. Ich bin ein Witz, Cameron. Ein weggeworfenes Spielzeug.“

„Du bist kein Witz“, sagte Cameron mit tieferer Stimme. Er nahm mir das Glas aus den zitternden Fingern und stellte es auf den Tisch. Bevor ich seine Bewegung begreifen konnte, umfassten seine großen Hände meine Taille und zogen mich eng an seine harten Oberschenkel.

Ich keuchte auf, meine Hände flogen zu seiner breiten Brust. „Cameron …“

„Ich wollte das schon immer tun, seit ich dich in dieser Gasse auf die Knie fallen sah“, flüsterte er. Seine blauen Augen brannten vor einem rohen, ungezügelten Verlangen, das mir eine Gänsehaut bescherte. „Bitte … lass mich.“

Er wartete nicht auf meine Antwort. Seine Lippen pressten sich auf meine und verschlangen mich vollständig.

Diesmal gab es kein Zögern. Es war ein explosives, verzweifeltes Aufeinanderprallen von Zähnen und Zungen. Meine Finger verfingen sich heftig in seinem dunklen Haar und zogen ihn näher an sich. Er stöhnte auf, ein tiefes, urtümliches Geräusch, das durch meinen ganzen Körper vibrierte. Seine Hände wanderten wie wild über den Seidenmorgenmantel, erkundeten jede Kurve und pressten meine Hüften unerbittlich gegen seine Erregung.

Es war wild. Es war verzweifelt. Es war vollkommen.

Zum ersten Mal seit zwei Jahren fühlte ich mich nicht wie ein Geist. Unter seiner Berührung fühlte ich mich vollkommen, überwältigend lebendig. Er küsste mich, bis meine Lungen brannten, bis die Erinnerung an Drey und Yetty vollständig aus meinem Gedächtnis verblasst war und nur noch der Duft von Zedernholz und sein süchtig machender Geschmack übrig blieben.

Klopf. Klopf. Klopf.

Ich stöhnte und vergrub mein Gesicht tiefer in den dicken Daunenkissen. Das Bett war unglaublich warm und roch ganz nach dem Mann, mit dem ich die Nacht eng umschlungen verbracht hatte.

„Geh weg“, brummte eine tiefe, verschlafene Stimme neben mir. Ein muskulöser Arm schlang sich besitzergreifend um meine nackte Taille und zog meinen Rücken fest an seine Brust.

Klopf. Klopf. Die Tür wurde abrupt aufgestoßen.

„Alpha Xander, Ihre Aufmerksamkeit wird dringend unten benötigt“, ertönte Beta Nathans Stimme, professionell und eindringlich.

Cameron bewegte sich hinter mir. „Ja, Nathan. Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass du klopfen und auf meine Antwort warten sollst?“

Ich erstarrte.

Mein Herz hörte auf zu schlagen. Mir wurde das Blut aus dem Gesicht.

Moment mal. Alpha? Xander? Heißt er nicht Cameron? Warum nennt Nathan ihn Alpha Xander?

Alpha Xander … der skrupellose, blutrünstige Lykaner-Anführer des Nachtbann-Rudels. Genau der Mann, mit dem ich verhandeln sollte. Und das Schlimmste von allem … Dreys ältester Feind.

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