MasukAlexei starrte Carla einige Sekunden lang an. Da war etwas Seltsames an diesem Gefühl — es war keine Euphorie, keine explosive Glückseligkeit. Es war einfach Frieden. Ein Gefühl, das in den letzten Monaten so ungewöhnlich war, dass es fast verdächtig wirkte.Er neigte leicht den Kopf, die Augen noch auf sie gerichtet.— Weißt du was?— Was?— Ich glaube, ich habe vergessen, wie es ist, an einem Ort zu sein, ohne auf etwas zu warten. Ohne auf den nächsten Angriff, die nächste Enthüllung, die nächste Krise zu warten.Carla runzelte die Stirn, den Stift noch zwischen den Fingern.— Meinst du das ernst?— Leider. Es ist erbärmlich, ich weiß.Sie lächelte, ein kleines, verständnisvolles Lächeln.— Es ist nicht erbärmlich, aber vielleicht ist es Zeit, es wieder zu lernen. Frieden zu lernen.Doch bei Alexei war Frieden nicht dasselbe wie Stillstehen. Er schaute sich im Raum um. Er hatte leise Musik angestellt — einen alten Jazz, den Dmitry hasste —, der Bioethanol-Kamin verbreitete eine de
Alexei und Dmitry kamen kurz vor dem Mittagessen in der Villa Rurik an. Der Schnee bedeckte weiterhin den Garten und spiegelte das blasse Winterlicht wider, und das Anwesen wirkte nach allem, was in diesen Tagen geschehen war, seltsam ruhig.Alexei stieg ohne ein Wort aus dem Auto, die Hände in den Taschen des Mantels. Dmitry schloss die Tür hinter ihm und beobachtete den Bruder einige Sekunden.— Du bist still.— Ich denke nach.— Das ist normalerweise gefährlich.Alexei warf ihm einen Seitenblick zu, eine Augenbraue hochgezogen.— Für dich oder für mich?— Für alle. Vor allem für die Möbel.Ein kleines Lächeln erschien im Gesicht von Alexei. Es war keine Glückseligkeit — ein wirklich glücklicher Alexei wirkte wie eine seltene Krankheit —, doch da war etwas anderes an ihm, eine Leichtigkeit, die nicht existiert hatte, als sie aufgebrochen waren. Dmitry bemerkte es. Er kommentierte es nicht. Die beiden betraten die Villa.Das Mittagessen verlief fast schweigend. Alexei aß mehr, als er
Alexei blieb stehen. Das Blatt lag noch in seinen Händen, und die Worte der Mutter waren in seinen Geist eingebrannt. „Lasst nicht zu, dass andere für ihn entscheiden“, „Versucht nicht, das zu trennen, was vereint geboren wurde“. Er hatte nie gedacht, dass die Suche nach seiner Mutter bedeuten würde, Geheimnisse über sich selbst zu entdecken. Jahrelang hatte er nur wissen wollen, wer Ulyana war. Und erst in diesem Moment begriff er, dass er so sehr in sich selbst versunken gewesen war, dass er seinen ursprünglichen Wunsch vergessen hatte. Er wollte eine Person kennenlernen, die er nie die Chance gehabt hatte kennenzulernen. Seine Mutter.Boris beobachtete den Enkel schweigend. In seinen Augen lag keine Eile — seit vielen Jahren versuchte er nicht mehr zu entscheiden, wie viel Alexei ertragen konnte. Er wartete lediglich darauf, dass er fragte. Und Alexei fragte, die Stimme leiser, als er beabsichtigt hatte:— Wer war sie?Es war keine Frage nach ihrem Tod, keine nach dem Geheimnis,
Das Blatt zitterte leicht zwischen Alexeis Fingern. Nicht, weil er Angst hatte — zumindest wollte er das glauben. Doch da war etwas an jener Handschrift, an der bereits vom Alter abgenutzten Tinte, an der bloßen Tatsache, nach achtundzwanzig Jahren einen Teil der Mutter in den Händen zu halten, das seine Brust auf eine Weise zusammenzog, die keine Schlacht je geschafft hatte. Ulyana. Die Schrift war die ihre. Er würde sie überall erkennen — von den Fotografien, die er in der geheimnisvollen Schachtel erhalten hatte, von dem Notizbuch mit Kontakten, das er noch im Büro aufbewahrte.Er atmete tief durch, bevor er den Blick auf das Papier senkte. Die Zeilen waren kurz, unterbrochen, wie Notizen, die in Eile von jemandem gemacht worden waren, der wenig Zeit hatte. Es war kein Brief — es wirkte eher wie ein verzweifelter Versuch, einen Gedanken festzuhalten, bevor er verschwand.„Wenn er es eines Tages herausfindet…“„Lasst nicht zu, dass andere für ihn entscheiden.“„Versucht nicht, das
Der Morgen brach still in der Villa Rurik an. Der Schnee bedeckte den Garten, die Äste der Bäume trugen dünne weiße Schichten, und die Welt schien in einer Art künstlicher Ruhe stehengeblieben. Doch Alexei wusste, dass manche Stürme keinen Donner brauchten, um zu existieren — manche begannen im eigenen Kopf, still und verheerend.Er stand vor dem Fenster des Wohnzimmers, eine vergessene Tasse Kaffee zwischen den Fingern, und starrte ins Leere. Zum ersten Mal seit langer Zeit floh er nicht vor einer Frage. Er ging ihr nach.— Du fährst hin.Dmitrys Stimme erklang hinter ihm, ruhig und kontrolliert wie immer. Alexei drehte sich nicht um.— Du hast die schlechte Angewohnheit, ohne Geräusch aufzutauchen. Du solltest eine Glocke tragen.— Und du hast die schlechte Angewohnheit zu glauben, niemand merkt, wenn du planst, alles allein zu lösen. Das ist ein Muster.Alexei stieß einen Seufzer aus, führte die Tasse an die Lippen und verzog das Gesicht. Der Kaffee war bereits kalt.— Sasha hat ge
Alexei zögerte einige Sekunden, bevor er die Tür zum Zimmer öffnete. Er machte so wenig Geräusch wie möglich. Carla sollte schon schlafen – und sie schlief. Seitlich liegend, teilweise vom Federbett bedeckt, ein offenes Buch auf der Brust, das sich im Rhythmus ihrer Atmung hob und senkte. Wieder einmal beim Lesen eingeschlafen.Er lächelte. Vorsichtig näherte er sich dem Bett und nahm ihr das Buch aus den Händen, markierte die Seite und legte es auf den Nachttisch.Sie erwachte im selben Augenblick, die braunen Augen öffneten sich langsam. Sie blinzelte. Dann lächelte sie auf diese kleine Art, die immer etwas in ihm zusammenzog.— Du bist zurück.— Bin zurück. — Er setzte sich auf den Bettrand und ließ den Blick über ihr Gesicht wandern. — Ich war nicht lange weg.— Du hast mit ihm gesprochen.Es war keine Frage. Alexei stieß ein kleines Lachen aus und schüttelte den Kopf.— Das wird langsam nervig.— Das war ich schon immer. Du hast nur lange gebraucht, es zu merken.Er blieb einige
Die Fahrt zum Hauptsitz von Rurik Motors verlief in absolutem Schweigen. Die Stadt pulsierte draußen, gleichgültig gegenüber dem Sturm, der in ihm wirbelte.Dmitry hielt eine Hand fest am Lenkrad und die andere am Kinn, die Augen auf die Straße gerichtet, doch der Verstand weit weg. Er musste sich
Dmitry öffnete die Augen und wusste, dass er nicht mehr in der wachen Welt war.Es war nicht das erste Mal.Dieser luxuriöse Saal, von alter Architektur und stillem Prunk, hatte ihn schon einmal aufgenommen. Ein verzerrtes Abbild der Wirklichkeit, vielleicht. Oder eine ätherische Ebene, die nur an
„Das wird ein Problem, Alpha.“Der Lykaner murmelte in seinem Kopf, die Stimme leise, schleppend, wie eine durch die Zähne gezischte Warnung.Dmitry antwortete nicht. Er bewegte dezent sein Handgelenk und schaute auf die Uhr, als wolle er sich daran erinnern, dass die Zeit noch Regeln gehorchte. Es
Der große Konferenzsaal von Rurik Motors strahlte Erhabenheit aus. Die Glasfenster, die vom Boden bis zur Decke reichten, boten eine privilegierte Aussicht auf die Stadt Moskau, während der ovale Tisch aus dunklem Holz das Zentrum des Raumes beherrschte. Das schwarze Leder der Stühle, der dezente G







