LOGINKAPITEL SECHS
Seth Der Raum beruhigte sich nach der Ankündigung nicht. Er kochte über. Gespräche brachen in gedämpften Stimmen aus, Stühle scharrten über den polierten Boden, während die Direktoren unruhige Blicke tauschten, manche flüsterten, andere taten so, als würden sie es nicht tun. Ich blieb, wo ich war. Reglos. Emily gegenüber konnte das Gleiche nicht behaupten. Sie hatte sich nicht bewegt, doch die Mappe vor ihr zitterte leicht unter ihren Fingerspitzen. Sie senkte kurz den Blick, bevor sie wieder zum Anwalt sah. „…ich würde Ihnen raten, Ihre Beziehung zu beenden", sagte der Anwalt vorsichtig. Ein Rat. Interessant. Emilys Brauen zogen sich zusammen. „Das fühlt sich nicht richtig an." Ihre Stimme war ruhig, doch darunter lag eine Anspannung. Die Art, die Menschen an sich tragen, wenn sie sich sehr bemühen, die Kontrolle nicht zu verlieren. Sie schluckte einmal, bevor sie fragte: „Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?" Der Anwalt schüttelte den Kopf. „Nichts weiter." Stille dehnte sich zwischen ihnen. Emily erhob sich langsam von ihrem Stuhl. „Ich werde dann gehen." „Das sollten Sie zuerst mitnehmen." Er hielt ihr eine Mappe hin. „Alles, was besprochen wurde, ist hier dokumentiert." Sie zögerte, bevor sie sie nahm. Statt zu gehen, setzte sie sich wieder hin. Da es nichts mehr zu besprechen gab, leerte sich der Raum allmählich. Ein Direktor nach dem anderen verabschiedete sich unbeholfen, bevor er durch die Türen des Konferenzraums verschwand. Meine Mutter ging mit den Übrigen. Mein Vater blieb neben mir stehen, seine Hand landete kurz auf meiner Schulter. Ein fester Druck. Mehr nicht. Er brauchte keine Worte. Als sich die Tür wieder schloss, waren nur noch Emily und ich übrig. Die Stille fühlte sich jetzt anders an. Schwerer. Sie öffnete die Mappe, Seite um Seite wandte sich unter ihren Fingern, während sie jedes Dokument mit voller Konzentration überflog. Oder vielleicht vermied sie es einfach, mich anzusehen. Ich wartete. Als sie die letzte Seite erreichte, schloss sie die Mappe leise. „Fertig?", fragte ich. Sie sah auf. „Fertig womit?", konterte sie. Ich nickte in Richtung der Mappe. „Auf der Suche nach einem Ausweg." Ein langsamer Atemzug entwich ihr. „Nein." Ein schwaches, humorloses Lächeln berührte ihre Lippen. „Leider." Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf. „Dann heiraten wir." Einfach. Endgültig. „Ich fange an zu glauben, dass dir das gefällt." Das ließ mich innehalten, als ich mich vollständig zu ihr umdrehte. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Sitzung musterte ich sie richtig. Ihre Schultern waren angespannt. Ihr Kiefer weigerte sich, sich zu entspannen. Selbst in die Enge getrieben, sah sie noch aus, als wäre sie bereit zu streiten. „Die Wahrheit", fragte ich ruhig, „oder Beschwichtigung?" Sie zögerte nicht. „Die Wahrheit." Natürlich. Ich nickte knapp. „Dann ja." Ihre Augen weiteten sich leicht. „Ich genieße das", fügte ich hinzu. „Sehr sogar." Sie starrte mich an, zu schockiert, um zu antworten. Ich steckte die Hände in die Taschen. „Wir sprechen uns wieder." Ohne auf eine Antwort zu warten, ging ich hinaus. --- Daniel wartete vor dem Konferenzraum. Sobald er mich sah, richtete er sich auf. „Wie ist es gelaufen, Boss?" „Die längste Sitzung meines Lebens." Er lachte. Wir gingen nebeneinander her, bis ich die Richtung wechselte. „Dach." Er nickte, ohne zu fragen, warum. Der Nachmittagswind empfing uns, sobald wir hinaustraten. Kühl. Scharf. Genau, was ich brauchte. Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Dann durchbrach ich die Stille. „Die Fusion kommt mit Bedingungen." Daniel wandte sich mir zu. Ich erklärte alles: die Fusion, das Erbe, die Heirat. Als ich fertig war, starrte er mich einen Moment an, bevor ihm ein Lachen entfuhr. Ich sah ihn an. „Was?" „Entschuldige." Er presste eine Hand gegen den Mund, um sich zu fassen. „Aber du?" Er zeigte auf mich. „Verheiratet?" „Anscheinend." Ich zuckte mit den Schultern. „Mit Dr. Emily DelaRosa?" „So wurde mir gesagt." Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Das hätte ich wirklich nicht kommen sehen." „Ich auch nicht." Ich stützte die Unterarme auf das Geländer. Weit unten kroch der Verkehr durch die Stadt. Heirat war nie Teil meiner Pläne gewesen. Nicht jetzt. Vielleicht nie. Wäre die Entscheidung allein bei mir gelegen, ich wäre gegangen. Doch die Worte meines Vaters hallten noch in meinem Kopf. *Manchmal bedeutet es, das zu beschützen, was man aufgebaut hat, das zu opfern, was man geplant hatte.* Es gefiel mir nicht. Nicht im Geringsten. Und doch war ich hier. Daniel lehnte sich neben mich. „Also… was hältst du von ihr?" Ich antwortete nicht sofort. Bilder aus der Sitzung liefen erneut vor meinem inneren Auge ab. Alle anderen hatten die Krankenhauspräsidentin gesehen. Die brillante Ärztin. Die Frau, die Respekt einforderte. Ich hatte etwas anderes bemerkt. Die Art, wie sie die Mappe umklammert hatte, bis ihre Knöchel die Farbe verloren. Die Art, wie sie zweimal geblinzelt hatte, bevor sie dem Anwalt antwortete. Die Art, wie sie sich weigerte, irgendjemanden sehen zu lassen, wie erschüttert sie wirklich war. „Sie trägt zu viel allein", sagte ich schließlich. Daniel sah überrascht aus. „Das… hätte ich nicht von dir erwartet." Ich auch nicht. Ich löste mich vom Geländer. „Zurück an die Arbeit." Die Arbeit wartete nicht. Probleme auch nicht. --- Später an jenem Abend vibrierte mein Handy. Ich starrte auf den Bildschirm. Eine unbekannte Nummer. Etwas daran kam mir bekannt vor. Gegen meinen besseren Willen nahm ich ab. „Seth… Baby." Die Stimme kam sofort, kaum dass ich abgenommen hatte. Mein Griff um das Handy verhärtete sich. Diese Stimme. „Warst du immer noch nicht bei einem Therapeuten?", fragte ich gleichmütig. Ein scharfes Einatmen. „Ich brauche keinen Therapeuten!", schrie sie. Ich schloss kurz die Augen. Manche Dinge änderten sich nie. „Ich will dich, Seth!" Die Verzweiflung in ihrer Stimme hätte bei jedem anderen Mitgefühl geweckt. Bei mir nicht. „Verpiss dich." Ich beendete den Anruf, bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte. Der Bildschirm wurde dunkel. Ich starrte ihn einen langen Moment an, bevor ich das Handy zurück in meine Tasche steckte. Manche Menschen weigerten sich zu akzeptieren, dass eine Tür bereits geschlossen war. Sie war nicht mehr eines meiner Probleme. Sie hatte es nur noch nicht begriffen.KAPITEL DREIUNDDREISSIGEmily*Eine Woche später…*Eine Woche als verheiratete Frau. Als Mrs. Hernandez.Eine Woche der Stille, ohne Drohnachrichten, ohne anonyme Anrufe. Eine Woche, ohne jeden Morgen aufzuwachen und mich zu fragen, welche unbekannte Nummer als Nächstes auf meinem Display erscheinen würde.Es hätte mich beruhigen sollen. Stattdessen machte es mich nur noch unruhiger.Seth. Er verhielt sich in den letzten Tagen so anders, dass ich mich oft fragte, ob es sich nur um Einbildung handelte.Drei Tage zuvor war er plötzlich fürsorglich und aufmerksam gewesen, nachdem Mrs. Briggs ihm gesagt hatte, dass es mir nicht gut ging.Ich war wütend auf sie gewesen, weil sie es ihm erzählt hatte, aber was hatte ich auch erwartet, sie würde ihm sowieso alles berichten, was im Haus geschah.Ihr konnte man nicht trauen, wenn es um mich ging. Das stand fest.„Emily." Er rief meinen Namen an jenem Abend, seine Stimme sanft. Da war er, nach einem Klopfen, ins Zimmer getreten und hatte mich u
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG*Früher an diesem Tag,*Meilen entfernt von der Hernandez-Villa und dem Café lächelte jemand, als zwei Nachrichten im exakt selben Moment von einem Display verschwanden.Das Handy ruhte auf dem Tisch zwischen einem Paar behandschuhter Hände.Ein Lächeln formte sich langsam in der Stille des Raumes.Eine Nachricht war bereits gelesen worden. Eine weitere stand kurz davor, verschickt zu werden.Der Daumen schwebte einen Moment über dem Bildschirm, bevor er auf Senden drückte.Ein sanftes Vibrieren folgte. Wird zugestellt.Das Lächeln wurde breiter.„Mal sehen, wie lange Vertrauen überlebt."Das Handy wurde beiseitegelegt, ein anderes aufgenommen. Derselbe Ort, andere Nummer.*Bellington Café. 10:30 Uhr. Komm allein.*Sie ging raus.„Perfekt", murmelte er.Der Stuhl knarrte leise, als sich der Sitzende zurücklehnte.Auf dem Schreibtisch lagen mehrere Fotografien. Eines zeigte Emily, wie sie vor dem Café aus dem Auto stieg. Ein anderes hielt Tristan fest, wie er ne
KAPITEL EINUNDDREISSIGEmilyEs geschah nur wenige Minuten, nachdem Seth nach dem Essen aufgestanden war, dass mein Handy aufleuchtete. Eine Nachricht. Noch eine Nachricht.Es wurde höchste Zeit, meine SIM-Karte zu wechseln, doch gleichzeitig wollte ich das Ende von alldem sehen.Ich sah mich sofort um, um sicherzugehen, dass niemand in Sichtweite war, bevor ich das Handy näher heranzog, um zu sehen, wer geschrieben hatte, nur um dieselbe Nummer zu erkennen.*Wenn du die Wahrheit über deinen Ehemann erfahren willst, triff mich an dieser Adresse, zu dieser Zeit.*Darunter standen Adresse und Uhrzeit.Ich hatte anderthalb Stunden, um mich vorzubereiten und dort hinzukommen.Meine Brauen zogen sich zusammen. Ein Café? Von allen Orten mussten sie sich einen öffentlichen Raum aussuchen.Ich würde hingehen. Immerhin, da es ein öffentlicher Ort war, konnten sie mir dort wohl kaum etwas antun. Außerdem brauchte ich die Wahrheit, und ich wollte diesem allem ein Ende setzen.Ich hielt das Handy
KAPITEL DREISSIGSethDas Arbeitszimmer war zu meiner Zuflucht geworden, und ich konnte nicht dankbarer dafür sein. Mir war aufgefallen, wie Emily mich immer wieder ansah, fast so, als würde sie erwarten, dass ich sie erneut befrage.Aber ich tat es nicht.In dem Moment, als ich das stille Arbeitszimmer betrat, legte sich eine Art Ruhe über mich. Ich ging direkt zu meinem Schreibtisch und zog den Stuhl heraus.Die Fusionsdokumente lagen aufgeschlagen vor mir, doch ich hatte denselben Absatz bereits dreimal gelesen, ohne ein einziges Wort davon aufzunehmen.Meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Zu Emily. Genauer gesagt, zu dieser Nachricht.Ich lehnte mich zurück und rieb mir den Kiefer.„Das gerät außer Kontrolle."Ein leises Klopfen unterbrach meine Gedanken.„Herein."Die Tür öffnete sich, und Daniel trat ein, grinsend.„Guten Morgen an den neuesten verheirateten Mann der Stadt!"Ich deutete auf den Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch.„Guten Morgen. Setz dich."Er runzelte kur
KAPITEL NEUNUNDZWANZIGEmilyAm nächsten Morgen…Kaum hatte ich die Badezimmertür hinter mir geschlossen, zerbrach jede Kraft, an der ich mich festgehalten hatte.Ich lehnte mich gegen die Tür und schloss die Augen.Papa hatte recht gehabt.Ich hatte wohl Menschen nach ihrem Gesicht und der Unterstützung beurteilt, die sie zeigten, ohne zu ahnen, dass die Feinde näher waren, als ich dachte.Ha! Dabei hatte ich gerade erst angefangen, dieser Person zu vertrauen.Ich löste mich von der Tür und griff nach meinem Handy. Es war leer.Wunderbar.Vor mich hin murmelnd, steckte ich es ans Ladegerät und wartete ungeduldig, meine Finger klopften gegen die Matratze.Der Bildschirm leuchtete wenige Sekunden später auf.Fast sofort erschien die Nachricht wieder. Offenbar war es das Letzte gewesen, worauf ich geschaut hatte, bevor mich der Schlaf übermannt hatte.Ich hatte sie immer wieder angestarrt, und mit jeder Sekunde zog sich mein Magen enger zusammen.Mein Blick wanderte langsam über den Bil
KAPITEL ACHTUNDZWANZIGSethDas Handy war noch immer an mein Ohr gepresst.„Was ist mit den Fusionsdokumenten?", fragte ich.Daniel antwortete nicht sofort. Als er schließlich sprach, war die Verspieltheit aus seiner Stimme verschwunden.„Ich glaube, du solltest dir etwas ansehen."Mein Gesicht verhärtete sich. „Was ist passiert?"„Ich bin gerade die endgültige Fassung durchgegangen, die die Rechtsabteilung geschickt hat, bevor sie sie heute Abend einreichen wollten."„Und?"„Es gibt Änderungen."Ich runzelte die Stirn. „Was für Änderungen?"„Die Art, die weder du noch Dr. Emily genehmigt habt."Ich richtete mich auf. „Was?"„Ja."Ich ging bereits in Richtung Arbeitszimmer.„Was genau ist passiert? Welche Seite?"„Seite vierzehn", sagte er fast augenblicklich. Ich hörte das Blättern von Papier auf seiner Seite.Ich erreichte meinen Schreibtisch, öffnete meinen Laptop und rief die digitale Kopie auf.„Ich sehe es mir gerade an."„Geh bitte zu Klausel acht."Meine Augen wanderten über d







