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Kapitel 2: Der Alpha Lucien

last update publish date: 2026-07-21 10:50:01

POV Maëlys

Luciens Stimme dröhnte unter dem Glasdach. Die Scheiben vibrierten, die anwesenden Wölfe neigten den Nacken und selbst Diane erstarrte, die Hand mitten in der Bewegung über mir erhoben.

Lucien durchquerte die Orangerie mit großen Schritten. Er kam direkt von der Grenze, mit Schlamm bis zu den Knien und einer frischen Schnittwunde auf dem Jochbein. Der Regen hatte seine schwarzen Haare an die Stirn geklebt. Sein feuchter Pullover lag eng an seinem massiven Oberkörper an, und seine Schultern streiften fast zwei Gäste, als diese aus seinem Weg wichen. Er hatte nichts mehr von dem schweigsamen Mann an sich, der eine Stunde zuvor noch ein Festtagsjackett getragen hatte. Der Mann, der da herantrat, war der Alpha, der im Winter die Pässe patrouillierte, streunende Wölfe mit eigenen Händen erlegte und manchmal mit getrocknetem Blut unter den Fingernägeln heimkehrte.

Er schloss seine Finger um Dianes Handgelenk.

„Auf die Knie.“

Der Befehl traf den gesamten Saal. Dianes Beine gaben nach und ihr Knie knallte auf den Boden. Sie kämpfte gegen den Zwang an, das Gesicht blass vor Wut, während Lucien ihren Arm fern von mir hielt.

Seine Augen verfärbten sich golden. Ein Geruch nach nassem Wald, Fell und Schnee erfüllte die Orangerie. Sein Wolf drängte sich unter seiner Haut mit einer Macht nach vorne, die ich bis in die Zähne spürte. Niemand brachte ein Wort heraus.

Gabriel trat hinter ihm mit drei Mitgliedern der Patrouille ein.

„Nimm sie mit“, befahl Lucien.

Diane fand genug Stimme wieder, um zu protestieren, während Gabriel sie aufrichtete.

„Meine Familie hält seit fünfzehn Jahren deine Ostgrenze. Agnès hatte meinem Vater dieses Bündnis versprochen. Du willst uns wegen eines Mädchens demütigen, das nicht einmal in der Lage ist, sich zu verwandeln?“

Lucien ließ ihr Handgelenk los und wandte sich mir zu. Sein Blick blieb an meinem zerrissenen Kleid hängen, wanderte zu dem Blut, das meinen Arm hinablief, und schließlich zu den Abdrücken, die Dianes Finger an meinem Hals hinterlassen hatten.

Eine Träne glitt mir über die Wange. Ich wischte sie mit einer abrupten Bewegung fort, wütend darüber, dass mein Körper dem Schauspiel noch immer etwas darbot.

Lucien kniete sich vor mir nieder. Selbst so verdeckte er einen Teil des Saals. Seine Hände fuhren über meine Schultern, meine Rippen und meinen Nacken – mit der Präzision eines Mannes, der daran gewöhnt war, nach einem Kampf nach Knochenbrüchen zu suchen.

„Sag mir, wo du Schmerzen hast.“

„Sie war ziemlich gründlich. Sie können es sich aussuchen.“

Meine Stimme klang rau. Sein Kiefer spannte sich an, als er meinen Hals untersuchte.

„Sieh mich an, Maëlys.“

Ich hob die Augen. Das Grollen seines Wolfs drang tief in meine Brust, und plötzlich pochte etwas unter meinen Rippen. Das Gefühl glich weder der Angst noch dem Schmerz von meinem Sturz. Es erinnerte an ein eingesperrtes Tier, das lange genug aufgewacht war, um einmal gegen seine Tür zu schlagen.

Ich krallte mich in die Vorderseite von Luciens Pullover.

Sein Blick glitt hinab zu meiner Hand.

„Hast du etwas gespürt?“

„Ja. Meine Schulter hat dem Rest meines Körpers gerade den Krieg erklärt.“

Er hörte die Lüge, aber er zwang mich nicht, vor den anderen zu antworten. Ein Arm geschoben sich hinter meinen Rücken, der andere unter meine Knie. Er hob mich hoch, bevor ich begreifen konnte, was er tat.

Die Wärme seines Körpers drang durch mein Kleid. Ich klammerte mich eine Sekunde lang an seinen Nacken, bevor ich mich versteifte, als mir die auf uns gerichteten Blicke auffielen.

„Setzen Sie mich ab. Ich kann gehen.“

„Deine Beine zittern.“

„Sie gehören nicht zu Ihrem Rudel. Sie sind nicht verpflichtet, einem Alpha-Befehl zu gehorchen.“

Etwas bewegte sich in seinem Mundwinkel, viel zu flüchtig für ein Lächeln.

„Im Moment fehlen ihnen vor allem die Argumente.“

Diane stieß ein ersticktes Lachen zwischen Gabriels Händen aus.

„Sieh dich an. Du trägst sie bereits wie deine Luna.“

Lucien drehte sich zu ihr um, ohne mich abzusetzen.

„Maëlys ist meine bestimmte Gefährte. Mein Siegel stellt sie unter den Schutz des Silbergrunds, und du kanntest das Gesetz, als du sie geschlagen hast.“

„Eine Bestimmung, die aus einem Skandal geboren wurde, wird aus ihr niemals eine Luna machen.“

„Von diesem Titel habe ich nicht gesprochen.“

Seine Antwort traf mich an einer Stelle, die Diane nicht berührt hatte. Der Rat hatte unsere politische Verbindung eingetragen, weil man uns zusammen gefunden hatte, weil die verbündeten Rudel eine Erklärung verlangten und weil Lucien sich weigerte, mich dafür verurteilen zu lassen, dass ich ihren Alpha kompromittiert hatte. Er hatte mich vor der Schande bewahrt, indem er meinen Namen an seinen gebunden hatte. Er hatte mir nie gesagt, dass er mich in seinem Leben haben wollte.

Lucien befahl, dass Diane bis zu ihrer Anhörung im Pavillon festgehalten werden sollte. Die beiden Wachen, die gezögert hatten einzugreifen, würden Gabriel ihre Abzeichen übergeben und ihr Verhalten erklären müssen. Dieses Mal lenkte kein Gast ab. Sie beobachteten, wie Diane in wenigen Sätzen die Sicherheit verlor, die ihr Rang ihr garantiert hatte.

Gabriel führte sie fort. Als sie an uns vorbeikam, hörte sie auf zu kämpfen.

„Wenn sie dein Rudel zerstört hat“, sagte sie zu Lucien, „denk daran, dass ich dich gewarnt habe.“

Er wartete, bis sich die Türen schlossen, bevor er mich zu einem unversehrten Tisch trug. Er setzte mich vorsichtig darauf ab, zog seine Einsatzjacke aus und legte sie um meine Schultern. Das Leder roch nach Regen, Kiefern und seiner Haut. Dieser Geruch beruhigte mich, bevor ich mich überhaupt dazu entschließen konnte, ihn zuzulassen, was mich nur noch mehr verärgerte.

„Sie waren zwei Jahre weg“, sagte ich, während er nach einer Heilerin rief. „Sie wissen nicht mehr, was mich beruhigt.“

Er hielt inne und sah mich an.

„Du hast recht. Ich hätte früher zurückkehren sollen.“

„Die Bestimmung macht Ihre Abwesenheit nicht wett, Onkel Lucien.“

Sein Blick glitt hinab zu meiner verletzten Lippe.

„Nenn mich nicht mehr so.“

„Das ist der Name, den Sie mir beigebracht haben.“

„Du warst achtzehn, als ich gegangen bin.“

„Und Sie haben bis heute gewartet, um zu bemerken, dass ich vierundzwanzig bin.“

Seine Brust hob sich langsam. Er hätte mit einem Befehl antworten können, so wie er es bei seinen Wachen tat, wenn ihn deren Fragen störten. Stattdessen legte er die Hand auf den Tisch zwischen uns und überließ es dem Schweigen, das auszusprechen, was er sich noch weigerte zu sagen.

Die Heilerin traf mit ihrer Tasche ein. Lucien blieb neben mir stehen, während sie die Schrammen reinigte und meine Schulter abtastete. Er hatte seine Ärmel hochgekrempelt; weiße Narben durchzogen seine kräftigen Unterarme, und eine frische Wunde blutete noch nahe seinem Ellenbogen. Ich fragte mich, was an der Nordwache geschehen war, und verabscheute dann die Erleichterung, die mir seine Anwesenheit trotz allem verschaffte.

Gabriel kehrte mit einem versiegelten Umschlag zurück.

„Das Labor hat gerade die Analyse des Bechers aus der Vollmondnacht geschickt.“

Jeder Muskel in Luciens Rücken spannte sich an. Er öffnete den Bericht und las die erste Seite. Die Heilerin trug eine kühle Salbe auf meinen Hals auf, aber ich spürte ihre Finger kaum.

„Was haben sie gefunden?“, fragte ich.

Gabriel tauschte mit Lucien einen Blick aus, der mein Recht bestätigte, die Antwort zu hören.

„Eisenhut in hoher Konzentration. Die Dosis reichte aus, um einen Alpha daran zu hindern, seine Verwandlung zu kontrollieren. Gemischt mit Mondkraut konnte sie auch die geruchliche Erkennung einer Gefährtin verfälschen.“

Meine Hand krallte sich in die Jacke um meine Schultern. Ich hatte das Mondkraut hineingegossen. Ich hatte seine Wirkung gekannt und die Menge berechnet. Der Eisenhut stammte von einer anderen Person – jemandem, der gewusst hatte, was ich vorhatte, und der wollte, dass Lucien die Kontrolle verlor, während ich allein bei ihm war.

Lucien blickte vom Bericht auf.

„Wer hatte Zugang zur Reserve?“

„Sechs Personen“, antwortete Gabriel. „Zwei Heiler, zwei Mitglieder des Rats, Agnès und du. Maëlys hatte keinerlei Befugnis.“

„Überprüfe die Zugänge, die Dosierungen und die Wachen. Jemand hat ihre Handlungen genutzt, um einen Anschlag auf uns beide zu verschleiern.“

Gabriel zögerte.

„Bist du sicher, dass sie nicht versucht hat, dich in die Falle zu locken?“

Das Gold kehrte augenblicklich in Luciens Augen zurück.

„Ich bin sicher, dass sie dieses Gift nicht beschaffen konnte. Ich will den Namen der Person, die versucht hat, mich die Kontrolle verlieren zu lassen, während sie in meinem Zimmer war.“

Er faltete den Bericht zusammen und erteilte seine Befehle. Zum ersten Mal seit jener Nacht erklärte jemand vor Zeugen, dass ich nicht alles organisiert hatte, was geschehen war. Die Erleichterung hätte meine Brust lockern sollen. Sie machte das Geheimnis, das ich hütete, nur noch schwerer.

Lucien wusste jetzt, warum ich den Eisenhut nicht besorgt haben konnte.

Er wusste immer noch nicht, dass ich in sein Zimmer gegangen war, um Noahs versiegelte Akte zu stehlen.

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