LOGINLyra starrte auf den winzigen Papierstreifen, der in ihrer Handfläche lag. „Finde Frost Hollow.“ Drei Worte. Mehr nicht. Sie drehte den Zettel um. Er war leer. Keine Unterschrift, kein Symbol, kein Hinweis darauf, wer ihn in dem Anhänger versteckt hatte.
Ein Dutzend Fragen schossen ihr durch den Kopf. Warum Frost Hollow? Wer hatte das geschrieben? Und warum hatte jemand die Nachricht dort versteckt, wo nur sie sie finden konnte?
Ein kalter Luftzug drang durch das schmale Fenster herein und ließ die Kerzenflamme flackern. Lyra faltete das Papier schnell zusammen, steckte es wieder in den Anhänger und schloss ihn mit einem leisen Klicken. Niemand durfte davon erfahren. Noch nicht.
Ein leises Klopfen ertönte an ihrer Tür. Dieses Mal war es anders. Es klopfte nur einmal. „Lyra?“ Sie erkannte die Stimme sofort. „Ivy?“ „Ich bin’s.“
Lyra schloss die Tür auf. Ivy trat ein und trug einen kleinen Korb, der mit einem Leinentuch bedeckt war. „Die habe ich aus der Küche geklaut.“ Lyra hob eine Augenbraue. „Du meinst, ausgeliehen.“
Ivy grinste. „Wenn jemand fragt … auf jeden Fall.“ Sie hob das Tuch an und enthüllte zwei warme Honigbrötchen. „Ich dachte mir schon, dass du das Abendessen ausgelassen hast.“ Lyra lächelte, obwohl ihr alles so schwer auf dem Herzen lag. „Du weißt es immer.“
„Ich habe meine Talente“, sagte Ivy. Die beiden Freundinnen setzten sich auf die Bettkante und teilten sich das Brot in angenehmer Stille. Nach einer Weile warf Ivy einen Seitenblick auf Lyra. „Also …“ Lyra seufzte. „Also? Was ist mit den Prinzen passiert? Nichts.“
„Nichts?“ „Sie haben nach meinem Namen gefragt.“
„Nur nach deinem Namen?“ „Und Prinz Lucien hat mir die Hand verbunden.“ Ivy starrte sie an. „ Das ist deine Definition von ‚nichts‘?“
Lyra lachte leise. „Wenn du es so sagst … „Genau.“ Das Lachen verstummte. Ivy wurde ungewöhnlich ernst.
„Darf ich dich etwas fragen?“ Das hast du gerade getan. „Du weißt, was ich meine.“ Lyra nickte. „Nur zu.“
„Hast du … irgendetwas gespürt?“, fragte Ivy. „Was gespürt?“, erwiderte Lyra.
„Als sie dich angesehen haben.“ Lyra dachte darüber nach. Kaels fester Blick. Darius’ neugieriges Lächeln. Luciens stille Freundlichkeit. Sie schüttelte den Kopf. „Ich war nur verwirrt.“
Ivy wirkte nicht überzeugt. „Nun …“ Sie stand auf und klopfte Krümel von ihrem Kleid. „Was auch immer das ist, sei vorsichtig.“
„Das bin ich immer“, erwiderte Lyra sofort … „Ich weiß.“
Ivy ging zur Tür, hielt dann aber inne. „Oh … noch eine Sache.“ Was denn? „Die Wachen durchsuchen heute Nacht die Zimmer.“
Lyras Lächeln verschwand. „Durchsuchen?“ „Man sagt, jemand habe sich während des Banketts ins Schloss geschlichen.“ Ihre Augen weiteten sich. „Sie überprüfen alle Unterkünfte.“
Die Tür schloss sich hinter Ivy. Lyra wandte sich langsam der alten Holzkiste unter dem Fenster zu. Darin … versteckt unter ordentlich gefalteten Kleidungsstücken … lagen der Anhänger und der Zettel. Wenn die Wachen eines von beiden fanden …
Sie hatte keine Ahnung, was dann passieren würde.
An anderer Stelle … Kommandant Rowan führte sechs Wachen durch den Bedienstetenflügel. „Durchsucht jeden Raum.“ Ein Wächter runzelte die Stirn. „Sogar die Bediensteten, die schon seit Jahren hier arbeiten?“ Rowans Miene veränderte sich nicht. „Jedes Zimmer.“ Keine Ausnahmen.
Zur gleichen Zeit … Hoch oben im Westturm …
Darius lehnte an einem offenen Fenster und beobachtete, wie Fackeln durch den Hof unter ihm zogen. „Du hast den Schlaf gemieden.“
Luciens Stimme erklang hinter ihm. „Ich war nicht müde.“
„Du lügst.“
„Ich weiß.“ Lucien gesellte sich zu ihm ans Fenster. „Worüber denkst du nach?“ Darius lächelte schwach. „Die Dienerin.“
„Lyra“, sagten beide leise. „Du hast dir ihren Namen gemerkt.“ Du auch. Darius bestritt es nicht.
Nach einem Moment sprach er erneut. „Ist dir etwas Seltsames aufgefallen?“ Was? „Unsere Wölfe haben reagiert …“
„…aber sie nicht.“ Lucien runzelte die Stirn. Er hatte recht.
Normalerweise wirkte sich die Bindung auf beide Seiten aus, wenn sich Partner begegneten. Doch Lyra hatte sie nur verwirrt angesehen. Keine Wiedererkennung. Kein Sog. Kein Instinkt. Nur Überraschung.
„Was, wenn …“, begann Lucien vorsichtig, „sie nicht weiß, was sie ist?“ Bevor Darius antworten konnte …
Ein tiefes, klagendes Heulen hallte durch die Nacht. Ein Heulen. Dann noch eines. Dann Dutzende. Jeder Wolf im Schloss hob plötzlich den Kopf. Der Klang kam nicht aus dem Inneren von Ravencrest. Er kam von weit jenseits der nördlichen Berge … aus Richtung Frost Hollow.
Im selben Augenblick trat Kael auf seinen Balkon. Sein Wolf brodelte vor unruhiger Energie. Das Heulen trug nur eine Botschaft. Eine Warnung, dass etwas … erwacht war.
„Du hast mich schwören lassen, dich dafür zu bestrafen, falls du es tätest.”Lyra konnte nicht atmen.Das Geständnis der Ersten Luna traf tiefer als jede Waffe. Die Frau behauptete nicht nur, Lyra habe sie verraten, sie sagte, Lyra habe ihren eigenen Verrat vorausgesehen und eine Strafe in ihre eigene Bindung eingebaut.„Warum?”, flüsterte Lyra. „Warum sollte ich dich darum gebeten haben, mir das anzutun?”„Weil du wusstest, was du werden würdest.” Die Erste Luna streckte ihre Hand aus. Als sich die schwarzen Fäden um die drei Alphas strafften, sank Kael auf ein Knie. Darius stützte sich an einer zerbrochenen Säule ab, und Lucien presste eine Hand gegen seine Brust, als würde etwas ihn von innen zerreißen.Lyra eilte zu ihnen, doch eine unsichtbare Barriere schleuderte sie zurück. „Haltet ein!”, rief sie.„Du hast mir das Recht gegeben”, erwiderte die Erste Luna, ihre Stimme brach. „Du hast mich zu deiner Richterin gemacht, als du noch fähig warst zu wählen. Du sagtest mir, sollte Mac
„Die drei Männer, die dich töteten, in die Knie zu zwingen.”Die Worte der Ersten Luna hingen über dem zerschmetterten Thron. Lyra spürte, wie sich Kaels Arm fester um ihre Taille legte, doch ihre Aufmerksamkeit blieb auf die Frau gerichtet, die in den Trümmern stand. Das Silber und Schwarz in ihren Augen wechselte wie entgegengesetzte Flammen, und die Luft um sie trug das Gewicht von etwas, das viel zu lange darauf gewartet hatte, nicht länger verweigert zu werden.„Ihr wollt Rache”, sagte Lyra. „Ich will, was mir genommen wurde.” „Dann sagt mir, was Ihr verloren habt. Erwartet nicht, dass ich mich einer Geschichte ergebe, an die ich mich kaum erinnere.”Für einen Moment wirkte die Erste Luna fast amüsiert. „Ihr sprecht noch immer, als schulde Euch die Welt Erklärungen.” „Nein. Ich spreche als jemand, der es satt hat, für Entscheidungen zu büßen, die andere Menschen in ihrem Namen getroffen haben.”Darius trat neben Lyra und wischte sich Blut vom Mundwinkel. „Ich weiß nicht, was in u
„Das, was er seit Jahrhunderten gefangen hält, wird endlich frei sein.”Die Warnung der Blutkönigin traf tiefer als jede Drohung, die sie zuvor ausgesprochen hatte.Lyra wandte sich der uralten Frau zu. „Was ist es?” Zum ersten Mal, seit sie unter Ravencrest erschienen war, wirkte die Blutkönigin ängstlich. „Etwas, das ich gefangen zu nehmen half.”Cassians Gesichtsausdruck veränderte sich, eine subtile, verräterische Veränderung.Lyra bemerkte es sofort. „Ihr wusstet es.” „Ich wusste, wovor sich der Mondhof fürchtete”, erwiderte Cassian mit gemessener Stimme. „Ich wusste, warum der Thron geschmiedet wurde. Doch ich wusste nie, ob der Gefangene noch existierte.”„Wie bemerkenswert praktisch”, murmelte Darius. „Jedes Mal, wenn wir die Wahrheit ausgraben, erinnert sich plötzlich jemand an ein weiteres Geheimnis.” „Darius”, warnte Kael sanft.„Nein, lasst ihn sprechen.” Lyra hielt ihren Blick fest auf Cassian gerichtet. „Ich bin es leid, die letzte Person zu sein, die die Wahrheit über i
Lyra starrte in die Dunkelheit unter Ravencrest. Zum ersten Mal klang die Stimme nicht mächtig. Sie klang ängstlich. Kael erhob sich langsam, eine Hand auf seine Brust gepresst, wo der Fluch Wurzeln geschlagen hatte. Darius blickte zu ihm. „Du lebst?”Kael sah ihn müde an. „Zu Eurem Pech.” Darius atmete aus. „Gut. Ich war noch nicht bereit, allen zu erklären, wie ich endlich meinen nervigen Bruder losgeworden bin.” Lucien lächelte fast.Dann erbebte der Boden erneut, und Lyras Gesichtsausdruck verhärtete sich. Der kurze Moment der Erleichterung verschwand. „Was geschieht, wenn ich dort hinuntergehe?”„Ihr findet heraus, warum Ihr zurückgebracht wurdet”, sagte Cassian, bevor jemand anders antworten konnte. Lyra wandte sich ihm zu. „Ich wurde nicht zurückgebracht.” Sie blickte auf ihre Hände hinab. „Ich habe überlebt.”Cassians Augen verengten sich. „Vielleicht.” Lyra wandte sich der Öffnung unter der Kammer zu. „Dann gehe ich hinunter.” Kael trat neben sie. „Ich auch.”Darius seufzte.
Lyra starrte in die Dunkelheit unter Ravencrest. Die Stimme war aus ihr gekommen, doch sie fühlte sich nicht ganz wie ihre eigene an. Der Mondthron pulsierte unter dem Schloss. Kael trat näher. „Lyra.”Sie antwortete nicht. Ihr silbernes Auge blieb auf den rissigen Boden gerichtet, während das schwarze etwas widerspiegelte, das keiner von ihnen sehen konnte.Darius griff nach ihrer Hand, doch sie wich zurück. Er hielt inne, die Verletzung auf seinem Gesicht war sofort da, kein Zorn, sondern reiner Schmerz.Lyra bemerkte es, und irgendwie erschreckte sie das mehr als der Thron. „Ich weiß nicht, was mit mir geschieht.” Darius senkte seine Hand sanft. „Dann steh dem nicht allein gegenüber.”Lucien betrachtete sie aufmerksam. „Du hörst sie.” Lyra wandte sich ihm zu. „Wen?” „Dein erstes Selbst.”Die Worte ließen ihre Brust sich zusammenziehen. Die Stimme unter dem Schloss sprach erneut: Du hast es versprochen.Lyra schloss die Augen. „Ich erinnere mich an kein Versprechen.” „Doch.”Cassian
„Ich bin der Grund, warum du beim ersten Mal gestorben bist.” Lyra konnte nicht atmen. Die Stimme, die aus Lioras Mund kam, war ruhig. Das machte es schlimmer. Kael trat näher, sein Schwert erhoben. „Weg von ihr.”Die Frau in Liora lächelte. „Ihr glaubt noch immer, eine Waffe könne Eure Königin beschützen.” Kaels Griff verstärkte sich. Lyra hob eine Hand. „Nicht.”Er sah sie an. „Lyra…” „Sie greift uns nicht an.”Die Frau lachte leise. „Noch nicht.” Lyra starrte in Lioras Gesicht. „Wer seid Ihr?” Die silbernen Augen schärften sich. „Diese Frage hast du schon einmal gestellt.” „Ich erinnere mich nicht an dich.” „Das solltest du auch nie.”Darius trat neben Lyra. „Dann hört auf, in Rätseln zu sprechen.” Die Frau sah ihn an. „Du versteckst noch immer Furcht hinter Humor.” Darius’ Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen. „Und du tust noch immer so, als wäre dir alles gleich.”Ihr Blick wanderte zu Lucien. „Und du trägst noch immer Schuld, die nicht ganz dir gehört.” Lucien versteifte sich.







