LOGINEs klopfte erneut. Drei langsame Schläge. Gleichmäßig. Geduldig. Lyras Finger umklammerten die Silbermünze fester.
Zu dieser Stunde war es in den Bedienstetenräumen normalerweise still. Wer hier etwas zu erledigen hatte, hätte ihren Namen gerufen.
Dieser Besucher hatte das nicht getan. Sie steckte die Münze in die Tasche ihres Nachthemds, bevor sie zur Tür ging.
„Wer ist da?“ Keine Antwort. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Ein weiteres Klopfen. Nicht lauter, nur genauso bedächtig wie zuvor.
Lyra legte eine Hand auf den hölzernen Riegel. „Marta?“
Stille. „Ivy?“ Immer noch nichts. Jeder vernünftige Gedanke sagte ihr, sie solle die Tür nicht öffnen. Doch die Neugierde siegte. Sie öffnete sie einen Spalt breit. Der Flur erstreckte sich vor ihr, beleuchtet von einer einzigen flackernden Kerze, die an der Wand befestigt war. Der Flur war leer. Keine Schritte, kein Schatten, kein Besucher.
Eine kühle Brise wehte durch den Flur. Lyra runzelte die Stirn. „Hallo?“ Nur Stille antwortete ihr. Sie trat hinaus und blickte nach links, dann nach rechts. Immer noch nichts. „Das ist … seltsam“, sagte sie zu sich selbst.
Gerade als sie sich wieder ihrem Zimmer zuwandte, fiel ihr etwas ins Auge. Ein gefaltetes Stück Pergament lag auf dem Boden, genau dort, wo jemand gestanden haben müsste. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Vor einem Augenblick hatte sie es noch nicht gesehen.
Langsam hob sie es auf. Es gab keinen Namen, kein Siegel.
Nur ein Satz, geschrieben in eleganter schwarzer Tinte. Verstecke den Anhänger und vertraue niemandem.
Lyra stockte der Atem. Instinktiv griff ihre Hand nach dem alten Wolfsanhänger, der unter ihrem Nachthemd hing. Nur drei Menschen wussten, dass sie ihn noch trug. Sie selbst, Marta und …
Marta hatte es nie jemandem erzählt. Oder doch? Sie begann, sich selbst zu hinterfragen. Bevor Lyra weiter nachdenken konnte, hallten eilige Schritte vom anderen Ende des Korridors herüber.
Schnell faltete sie den Zettel zusammen und steckte ihn in ihren Ärmel. Ein verschlafener Diener bog mit einem Eimer in der Hand um die Ecke. Er blinzelte überrascht.
„Lyra? Warum stehst du hier draußen?“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich dachte, ich hätte jemanden klopfen hören.“ Er sah sich um. „Ich putze diesen Flur schon seit zehn Minuten.“
„Und?“, fragte Lyra. „Ich habe niemanden gesehen.“ Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Im selben Moment … In der königlichen Ratskammer … stand König Aldric neben dem Kamin, während Kael, Darius und Lucien ihm gegenüberstanden.
Die schweren Eichentüren waren geschlossen. Keine Wachen, keine Bediensteten, keine Zeugen. Der König brach das Schweigen. „Erzählt mir genau, was passiert ist.“
Kael antwortete als Erster. „Mein Wolf hat reagiert.“ „Meiner auch“, sagte Lucien. Darius nickte einmal. „Es war kein Irrtum.“
König Aldric atmete langsam aus. „Der Geruch?“ Kael zögerte nicht. „Partnerin.“ Das Wort hing im Raum. Königin Selene senkte den Blick.
Zum ersten Mal seit Jahren zeigte sich Sorge in ihrem Gesicht. „ „Das ist unmöglich“, flüsterte sie. „Das ist es“, stimmte Kael zu.
„Warum habt ihr drei es dann alle gespürt?“ Niemand hatte eine Antwort. Die Türen öffneten sich ohne Vorwarnung. Kommandant Rowan trat ein und verbeugte sich. „Eure Majestät.“
König Aldric drehte sich um. „Was gibt es?“ „Wir haben einen Mann in der Nähe der Ostmauer festgenommen.“ „Was hat er dort gemacht?“
„Er behauptet, er sei nur auf der Durchreise gewesen.“ „Und Sie glauben ihm nicht“, sagte König Aldric.
Rowans Miene verhärtete sich. „Wir haben ihn durchsucht.“ Er legte einen abgenutzten Lederbeutel auf den Tisch. Darin befanden sich mehrere Silbermünzen. Jede trug das Wappen von Ravencrest.
Jede wies dasselbe halbmondförmige Wolfssymbol auf.
Es wurde still im Raum. Kael nahm eine der Münzen in die Hand. Seine Augen verengten sich. „Woher hat er die?“
Rowans Antwort war leise. „Er sagt … ein vermummter Fremder habe ihn dafür bezahlt, sie rund um das Schloss zu verstreuen.“
Lucien blickte scharf auf. „Rund um das Schloss?“ „Ja“, antwortete Rowan. Darius runzelte die Stirn. „Warum sollte jemand so etwas tun?“ Niemand sprach. Denn alle dachten dasselbe. Jemand hatte begonnen, seinen Plan in die Tat umzusetzen … Lange vor dem Bankett.
Zurück in ihrem Zimmer … Lyra schloss die Tür ab und lehnte sich dagegen. Die Notiz, die Münze, der Anhänger. Nichts davon ergab einen Sinn. Sie zog den Anhänger unter ihrem Kragen hervor. Der winzige Holzwolf hatte ihr schon immer Trost gespendet.
Heute Nacht … fühlte er sich irgendwie schwerer an. Sie drehte ihn in ihrer Handfläche hin und her. Ihr Daumen strich über einen kleinen Riss, der sich auf der Rückseite entlangzog. Sie runzelte die Stirn. „Das ist mir noch nie aufgefallen.“ Neugierig drückte sie mit dem Fingernagel gegen den Riss.
Ein leises Klicken hallte durch den Raum. Lyra erstarrte. Der Anhänger … hatte sich gerade geöffnet. Darin befand sich etwas, das nicht größer war als ein Fingernagel. Ein fest zusammengefalteter Papierstreifen, der seit Jahren versteckt war. Mit zitternden Händen faltete sie ihn vorsichtig auseinander. Darin standen nur drei Worte: Finde Frost Hollow.
„Du hast mich schwören lassen, dich dafür zu bestrafen, falls du es tätest.”Lyra konnte nicht atmen.Das Geständnis der Ersten Luna traf tiefer als jede Waffe. Die Frau behauptete nicht nur, Lyra habe sie verraten, sie sagte, Lyra habe ihren eigenen Verrat vorausgesehen und eine Strafe in ihre eigene Bindung eingebaut.„Warum?”, flüsterte Lyra. „Warum sollte ich dich darum gebeten haben, mir das anzutun?”„Weil du wusstest, was du werden würdest.” Die Erste Luna streckte ihre Hand aus. Als sich die schwarzen Fäden um die drei Alphas strafften, sank Kael auf ein Knie. Darius stützte sich an einer zerbrochenen Säule ab, und Lucien presste eine Hand gegen seine Brust, als würde etwas ihn von innen zerreißen.Lyra eilte zu ihnen, doch eine unsichtbare Barriere schleuderte sie zurück. „Haltet ein!”, rief sie.„Du hast mir das Recht gegeben”, erwiderte die Erste Luna, ihre Stimme brach. „Du hast mich zu deiner Richterin gemacht, als du noch fähig warst zu wählen. Du sagtest mir, sollte Mac
„Die drei Männer, die dich töteten, in die Knie zu zwingen.”Die Worte der Ersten Luna hingen über dem zerschmetterten Thron. Lyra spürte, wie sich Kaels Arm fester um ihre Taille legte, doch ihre Aufmerksamkeit blieb auf die Frau gerichtet, die in den Trümmern stand. Das Silber und Schwarz in ihren Augen wechselte wie entgegengesetzte Flammen, und die Luft um sie trug das Gewicht von etwas, das viel zu lange darauf gewartet hatte, nicht länger verweigert zu werden.„Ihr wollt Rache”, sagte Lyra. „Ich will, was mir genommen wurde.” „Dann sagt mir, was Ihr verloren habt. Erwartet nicht, dass ich mich einer Geschichte ergebe, an die ich mich kaum erinnere.”Für einen Moment wirkte die Erste Luna fast amüsiert. „Ihr sprecht noch immer, als schulde Euch die Welt Erklärungen.” „Nein. Ich spreche als jemand, der es satt hat, für Entscheidungen zu büßen, die andere Menschen in ihrem Namen getroffen haben.”Darius trat neben Lyra und wischte sich Blut vom Mundwinkel. „Ich weiß nicht, was in u
„Das, was er seit Jahrhunderten gefangen hält, wird endlich frei sein.”Die Warnung der Blutkönigin traf tiefer als jede Drohung, die sie zuvor ausgesprochen hatte.Lyra wandte sich der uralten Frau zu. „Was ist es?” Zum ersten Mal, seit sie unter Ravencrest erschienen war, wirkte die Blutkönigin ängstlich. „Etwas, das ich gefangen zu nehmen half.”Cassians Gesichtsausdruck veränderte sich, eine subtile, verräterische Veränderung.Lyra bemerkte es sofort. „Ihr wusstet es.” „Ich wusste, wovor sich der Mondhof fürchtete”, erwiderte Cassian mit gemessener Stimme. „Ich wusste, warum der Thron geschmiedet wurde. Doch ich wusste nie, ob der Gefangene noch existierte.”„Wie bemerkenswert praktisch”, murmelte Darius. „Jedes Mal, wenn wir die Wahrheit ausgraben, erinnert sich plötzlich jemand an ein weiteres Geheimnis.” „Darius”, warnte Kael sanft.„Nein, lasst ihn sprechen.” Lyra hielt ihren Blick fest auf Cassian gerichtet. „Ich bin es leid, die letzte Person zu sein, die die Wahrheit über i
Lyra starrte in die Dunkelheit unter Ravencrest. Zum ersten Mal klang die Stimme nicht mächtig. Sie klang ängstlich. Kael erhob sich langsam, eine Hand auf seine Brust gepresst, wo der Fluch Wurzeln geschlagen hatte. Darius blickte zu ihm. „Du lebst?”Kael sah ihn müde an. „Zu Eurem Pech.” Darius atmete aus. „Gut. Ich war noch nicht bereit, allen zu erklären, wie ich endlich meinen nervigen Bruder losgeworden bin.” Lucien lächelte fast.Dann erbebte der Boden erneut, und Lyras Gesichtsausdruck verhärtete sich. Der kurze Moment der Erleichterung verschwand. „Was geschieht, wenn ich dort hinuntergehe?”„Ihr findet heraus, warum Ihr zurückgebracht wurdet”, sagte Cassian, bevor jemand anders antworten konnte. Lyra wandte sich ihm zu. „Ich wurde nicht zurückgebracht.” Sie blickte auf ihre Hände hinab. „Ich habe überlebt.”Cassians Augen verengten sich. „Vielleicht.” Lyra wandte sich der Öffnung unter der Kammer zu. „Dann gehe ich hinunter.” Kael trat neben sie. „Ich auch.”Darius seufzte.
Lyra starrte in die Dunkelheit unter Ravencrest. Die Stimme war aus ihr gekommen, doch sie fühlte sich nicht ganz wie ihre eigene an. Der Mondthron pulsierte unter dem Schloss. Kael trat näher. „Lyra.”Sie antwortete nicht. Ihr silbernes Auge blieb auf den rissigen Boden gerichtet, während das schwarze etwas widerspiegelte, das keiner von ihnen sehen konnte.Darius griff nach ihrer Hand, doch sie wich zurück. Er hielt inne, die Verletzung auf seinem Gesicht war sofort da, kein Zorn, sondern reiner Schmerz.Lyra bemerkte es, und irgendwie erschreckte sie das mehr als der Thron. „Ich weiß nicht, was mit mir geschieht.” Darius senkte seine Hand sanft. „Dann steh dem nicht allein gegenüber.”Lucien betrachtete sie aufmerksam. „Du hörst sie.” Lyra wandte sich ihm zu. „Wen?” „Dein erstes Selbst.”Die Worte ließen ihre Brust sich zusammenziehen. Die Stimme unter dem Schloss sprach erneut: Du hast es versprochen.Lyra schloss die Augen. „Ich erinnere mich an kein Versprechen.” „Doch.”Cassian
„Ich bin der Grund, warum du beim ersten Mal gestorben bist.” Lyra konnte nicht atmen. Die Stimme, die aus Lioras Mund kam, war ruhig. Das machte es schlimmer. Kael trat näher, sein Schwert erhoben. „Weg von ihr.”Die Frau in Liora lächelte. „Ihr glaubt noch immer, eine Waffe könne Eure Königin beschützen.” Kaels Griff verstärkte sich. Lyra hob eine Hand. „Nicht.”Er sah sie an. „Lyra…” „Sie greift uns nicht an.”Die Frau lachte leise. „Noch nicht.” Lyra starrte in Lioras Gesicht. „Wer seid Ihr?” Die silbernen Augen schärften sich. „Diese Frage hast du schon einmal gestellt.” „Ich erinnere mich nicht an dich.” „Das solltest du auch nie.”Darius trat neben Lyra. „Dann hört auf, in Rätseln zu sprechen.” Die Frau sah ihn an. „Du versteckst noch immer Furcht hinter Humor.” Darius’ Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen. „Und du tust noch immer so, als wäre dir alles gleich.”Ihr Blick wanderte zu Lucien. „Und du trägst noch immer Schuld, die nicht ganz dir gehört.” Lucien versteifte sich.







