LOGINLocke erstarrte.
Er kam gerade aus der Dusche, Wassertropfen hingen noch an seinem dunklen Haar und rannen langsam über seine Schultern hinunter. Ein Handtuch war fest um seine Hüften gewickelt, ein weiteres hing um seinen Hals. Seine silbernen Augen weiteten sich in dem Moment, als sie auf Darcy fielen.
Darcy schnappte nach Luft.
„E-Es tut mir leid!“, piepste sie und wirbelte so schnell herum, dass sie auf dem polierten Boden fast ausrutschte. „Ich habe geklopft … mehrmals. Du hast nicht geantwortet.“
Locke runzelte die Stirn, bevor er einen Blick auf die geschlossene Badezimmertür warf. Das fließende Wasser musste das Geräusch übertönt haben.
Schnell griff er nach einem schwarzen Hemd, das auf dem Stuhl lag, zog es sich über den Kopf und trat auf sie zu.
Bevor sich einer von beiden erklären konnte – hallte ein donnerndes Klopfen durch die Villa.
Jede Lampe zitterte.
Es folgte ein weiteres Klopfen.
„Öffnet im Namen des Konklaves!“
Unten verdüsterte sich Luciens Miene.
Cassian blickte mit einem genervten Zungenschnalzen zum Eingang.
„Die sind früh dran.“
Lockes Gesicht verhärtete sich augenblicklich. Jegliche Unbeholfenheit, die zwischen ihm und Darcy geherrscht hatte, verschwand.
Er bedeutete ihr, dort zu bleiben, wo sie war.
Darcys Herz hämmerte.
„Sie haben mich gefunden …“, flüsterte sie.
Locke nickte einmal beruhigend, bevor er aus dem Zimmer schlüpfte.
Unten …
Das Hämmern an der Haustür wurde lauter.
„Die Vollstrecker des Konklaves fragen nicht zweimal!“, dröhnte eine tiefe Stimme. „Übergebt uns sofort den Kanal!“
Lucien riss die schweren Türen auf. Draußen standen fünf Gestalten, gekleidet in lange purpurrote Umhänge, auf denen das silberne Wappen des Konklaves gestickt war. Ihre Gesichter waren hinter polierten Stahlmasken verborgen, und jeder trug einen schwarzen Speer, der vor uralter Magie summte.
Der Mann in der Mitte trat vor.
„Alpha Lucien Silvercrest.“
Lucien verschränkte die Arme.
„Was wollt ihr?“
„Wir haben glaubwürdige Informationen erhalten, dass ein Conduit das Gebiet der Silvercrests betreten hat.“
Cassian lehnte sich träge gegen den Türrahmen.
„Glaubwürdige Informationen?“, spottete er. „Von wem? Von euren imaginären Freunden?“
Der Vollstrecker ignorierte ihn.
„Übergib uns das Mädchen.“
Es herrschte Stille zwischen ihnen.
Luciens Blick wurde eiskalt.
„Nein.“
Dieses eine Wort hatte genug Autorität, um mehrere jüngere Krieger hinter den Enforcers unruhig werden zu lassen.
„Du würdest dich dem Gesetz des Konklaves widersetzen?“, fragte der Anführer.
„Das würde ich.“
„Die Strafe dafür ist Hochverrat.“
Lucien zuckte nicht mit der Wimper.
Cassian knackte grinsend mit den Fingerknöcheln.
„Man hat uns schon Schlimmeres nachgesagt.“
Der Anführer hob langsam seinen Speer.
„Ihr lasst uns keine Wahl.“
Genau in diesem Moment … durchfuhr ein stechender Schmerz Luciens Brust.
Er taumelte.
Cassian klammerte sich an die Wand, als derselbe Schmerz auch ihn durchfuhr.
Locke, der sich auf halber Höhe der Treppe befand, wäre beinahe auf ein Knie gesunken.
Alle drei Brüder blickten gleichzeitig nach oben.
Darcy.
Jemand war hinter ihr her.
Bevor irgendjemand reagieren konnte – hallte ein entsetzter Schrei durch das Herrenhaus.
„AAAH!“
Lockes Augen weiteten sich.
Darcy.
Ohne weiter nachzudenken sprintete er die Treppe hinauf, Lucien und Cassian dicht hinter ihm, während die verwirrten Vollstrecker des Konklaves am Eingang zurückblieben.
Die Jagd hatte begonnen.
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Locke erreichte als Erster den zweiten Stock. Er stieß Darcys Zimmertür mit solcher Wucht auf, dass sie gegen die Wand knallte.
Der Raum war leer. Seine silbernen Augen huschten in jede Ecke, bevor sie auf die offenen Balkontüren fielen. Die Vorhänge wehten heftig im Nachtwind.
Lucien und Cassian kamen Sekunden später hinzu.
„Was ist passiert?“, fragte Cassian, dessen Atem aufgrund des Schmerzes, der plötzlich durch die Bindung geschossen war, unregelmäßig war.
Locke deutete auf den Balkon.
Ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren, eilten die drei Brüder nach draußen.
„Hilfe …“
Eine schwache Stimme drang von unten herauf. Darcy lag auf dem Rasen unterhalb des Balkons, hielt sich den Knöchel fest und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Sie war gestürzt.
Locke war schon über das Geländer gesprungen, bevor einer seiner Brüder ihn aufhalten konnte. Er landete anmutig neben ihr und ging sofort in die Hocke.
Darcys Lippen zitterten.
„Ich … ich habe unten Stimmen gehört.“ Sie zuckte zusammen, als eine weitere Schmerzwelle durch ihren Knöchel schoss. „Ich wollte sehen, was los ist.“
Kaum hatte sie den Satz beendet, spürten alle drei Brüder einen stechenden Schmerz in ihren eigenen Knöcheln.
Cassian zischte.
„Diese Verbindung wird mich noch in den Wahnsinn treiben.“
Lucien drückte sich die Nasenwurzel.
„Du hättest den Raum nicht verlassen sollen.“
Darcy senkte den Kopf.
„Es … tut mir leid.“
Locke untersuchte behutsam ihren geschwollenen Knöchel, bevor er sie ohne zu zögern in seine Arme hob.
Darcy versteifte sich.
Sie war noch nie zuvor getragen worden.
Ihr Herz raste, als sie instinktiv einen Arm um seinen Hals schlang, um nicht zu fallen.
Locke blickte zu ihr hinunter. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke.
„Alpha Lucien!“
Rief einer der Wachen von unten.
„Die Vollstrecker des Konklaves dringen in die Villa ein!“
Lucien fluchte leise vor sich hin.
„Die haben aber Nerven.“
Cassians verschmitzter Gesichtsausdruck verschwand.
„Sie durchsuchen tatsächlich das Haus.“
Lucien wandte sich an Locke. Nimm sie mit. Locke verstand sofort.
Ohne ein weiteres Wort trug er Darcy zum gegenüberliegenden Ende des Flurs.
Darcy runzelte die Stirn.
„Wohin gehen wir?“
Locke antwortete nicht.
Stattdessen blieb er vor einem großen Bücherregal stehen und drückte seine Handfläche gegen eine der Holzverkleidungen.
Ein lautes Grollen hallte durch die Wand. Darcy schnappte nach Luft, als das Bücherregal langsam zur Seite glitt und eine dahinter verborgene schmale Treppe zum Vorschein kam.
Ihre Augen weiteten sich.
„Ein Geheimgang …“
Cassian grinste.
„Jede Villa eines Alphas hat einen.“
Locke trug sie vorsichtig hinein.
Gerade als das Bücherregal wieder an seinen Platz zurückschob, hallten schwere Schritte durch den Flur.
Die Vollstrecker des Konklaves hatten das zweite Stockwerk erreicht.
Unten.
Der Anführer der Enforcers senkte seinen Speer.
„Du hast sie gut versteckt.“
Lucien verschränkte die Arme.
„Ich habe es dir doch gesagt.“
„Hier gibt es keinen Kanal.“
Der Blick des Enforcers schweifte durch die luxuriöse Villa.
„Durchsucht jeden Raum.“
Mehr als zwanzig Enforcer verteilten sich sofort.
Die Silvercrest-Krieger beobachteten das Geschehen von draußen mit geballten Fäusten, doch keiner wagte es, einzugreifen.
Cassian lehnte sich gegen die Treppe und setzte ein gezwungenes, träges Lächeln auf.
„Sollte einer Ihrer Männer unser Eigentum beschädigen, werde ich Ihnen die Reparaturrechnung persönlich zusenden.“
Der Anführer ignorierte ihn.
Minuten vergingen. Jedes Schlafzimmer … Jeder Flur … Jeder Balkon … aber nichts.
Einer der Enforcer kehrte zurück und verbeugte sich.
„Kommandant.“
„Wir haben niemanden gefunden.“
Die Augen des Kommandanten verengten sich hinter seiner Maske.
Unmöglich.
Er hatte persönlich die Energie des Kanals in dieser Villa gespürt.
Sein Blick richtete sich erneut auf Lucien.
„Das ist noch nicht vorbei.“
Er drehte sich abrupt um.
„Zieht euch zurück.“
Die purpurroten Umhänge verschwanden nacheinander in der Dunkelheit.
Erst als sich die Tore der Villa hinter ihnen schlossen, atmete Lucien den Atem aus, den er angehalten hatte.
Cassian rieb sich den Nacken.
„Nun …“
„Das war knapp.“
Locke trat aus dem Geheimgang hervor, Darcy immer noch in seinen Armen.
Bevor jemand etwas sagen konnte, durchfuhr Darcys Brust ein scharfer, brennender Schmerz.
Sie schrie auf und krallte sich an Lockes Hemd fest.
Im selben Augenblick … krümmten sich Lucien, Cassian und Locke alle vor Schmerzen.
Ihre Wölfe heulten in ihnen.
Darcys Atem ging unregelmäßig. Ihre Augen begannen langsam, in einem schwachen silbernen Licht zu leuchten. Die Brüder warfen sich besorgte Blicke zu.
„Was nun?“
Das Geräusch des Medaillons, das auf den Holztisch fiel, hallte durch den Raum. Darcy starrte auf die zerbrochenen Stücke. Einen Moment lang bewegte sich niemand.Ein helles silbernes Licht schoss aus den Fragmenten hervor. Darcy taumelte rückwärts. Locke griff sofort nach ihr.„Darcy!“„Mir geht es gut.“Aber das stimmte nicht. Ihre Brust brannte.Ein seltsamer Druck baute sich hinter ihren Augen auf und plötzlich wurde der Raum um sie herum verschwommen. Sie konnte Stimmen hören.Flüstern.Hunderte davon, dann erhob sich eine Stimme über die anderen.Finde mich. Darcys Augen weiteten sich.„Wer bist du?“Die Stimme antwortete nicht.Stattdessen blitzte eine weitere Vision vor ihren Augen auf.Ein Wald. Dunkelheit. Regen.Eine Frau rannte. Darcy erkannte sie sofort.Ihre Mutter.Sie trug dasselbe Bündel Kräuter, das Darcy zuvor gesehen hatte. Doch dieses Mal folgte ihr jemand.Drei Gestalten. Jung. Silberne Augen.Die Silvercrest-Brüder.Darcy sah hilflos zu, wie ihre Mutter stehen
Der Morgen kam schneller, als Darcy erwartet hatte.Sie hatte kaum geschlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie dieselben Dinge. Den Kenavara-Altar.Sarah, die daneben stand. Das seltsame Symbol und das Flüstern, das sich in ihrem Kopf immer wiederholte.Erinnere dich.Darcy saß auf der Bettkante und starrte auf das Medaillon auf dem kleinen Tisch neben ihr. Der Riss, der sich durch das Medaillon zog, war über Nacht etwas größer geworden. Sie griff danach.In dem Moment, als ihre Finger die silberne Oberfläche berührten, breitete sich eine schwache Wärme durch ihre Handfläche aus. Darcy zog ihre Hand schnell zurück.„Nicht heute.“Sie stand auf und zog sich an. Als sie das Wohnzimmer betrat, warteten die drei Brüder bereits. Cassian aß, während Locke still am Fenster saß. Lucien stand mit verschränkten Armen da.„Wir brechen jetzt auf.“Darcy nickte.„Wohin genau gehen wir?“„Zu Elara.“Cassian schluckte.„Sie ist ungefähr zwei Stunden von hier entfernt.“Darcy runzelte
Die Stille in der Wohnung fühlte sich schwerer an als zuvor. „Warum hat es auf mich reagiert?“ Lucien antwortete nicht. „Lucien.“ Er sah sie schließlich an. „Wir wissen es nicht.“ Darcy schüttelte den Kopf.„Du sagst das immer wieder.“ „Weil es wahr ist.“ „Aber du weißt etwas.“ Luciens Kiefer spannte sich an. „Ich weiß genug, um zu verstehen, dass das, was passiert, nicht gewöhnlich ist.“ Cassian hob das Medaillon vorsichtig auf. Das silberne Licht war verschwunden.„Vielleicht sollten wir es zerstören.“ Darcy schüttelte sofort den Kopf. „Nein.“ Cassian sah sie an. „Warum?“ „Ich weiß es nicht.“ Sie starrte auf das Medaillon. „Aber ich habe das Gefühl, dass ich es behalten soll.“ Locke schrieb in sein Notizbuch. Dann behalten wir es. Cassian seufzte. „Na gut.“ Er legte es zurück auf den Tisch. Darcy sah zur Uhr. Es war weit nach Mitternacht.„Wir sollten schlafen.“ Lucien nickte.
Darcy starrte auf die Inschrift. Kenavara. Das Wort schien sich in ihren Verstand einzubrennen. „Warum führt alles immer wieder zu diesem Ort zurück?“ Luciens Kiefer spannte sich an. „Weil das, was mit dir geschieht, schon lange vor deiner Begegnung mit uns begonnen hat.“ Darcy sah ihn an. „Du wusstest, dass das kommen würde.“ „Nein.“ „Du hast das Symbol erkannt.“ „Weil ich es schon einmal gesehen habe.“ „Wo?“ Lucien zögerte und Cassian seufzte.„Am Altar.“ Darcys Stirn legte sich in Falten. „Was hast du gesehen?“ Cassian tauschte einen Blick mit seinen Brüdern. „Nichts Ungewöhnliches.“ Darcy schnaubte. „Das ist eine Lüge.“ Cassians lässiger Ausdruck verschwand. „Na gut.“ Er lehnte sich gegen den Tisch. „Der Kenavara-Altar ist kein Ort, den wir zum Spaß besuchen. Dort wurde unser Blutschwur besiegelt. Unter ihm gibt es eine alte Kammer, aber wir durften sie nie betreten.“ „Warum?“ „Weil unser Vater es
Deracy blieb wie erstarrt. Das Medaillon fühlte sich seltsam warm in ihrer Handfläche an. Sie sah von Lucien zu Cassian und dann zu Locke.„Das Zeichen deiner Mutter.“Lucien nickte langsam.„Ja.“„Wie?“„Ich weiß es nicht.“Darcy zog die Brauen zusammen.„Aber du hast gesagt, dass die Silvercrest-Hexen seit Jahren nicht mehr gesehen wurden.“„Wurden sie auch nicht.“„Dann wie ist das hierhergekommen?“Cassian sah sich auf der belebten Straße um.„Das müssen wir herausfinden.“Darcy starrte erneut auf das Medaillon.Sie konnte es nicht erklären, aber irgendetwas daran fühlte sich vertraut an.Nicht, weil sie das Symbol schon einmal gesehen hatte, sondern wegen des Gefühls, das es in ihr auslöste.Als wäre sie irgendwie schon lange damit verbunden gewesen, bevor sie überhaupt wusste, was es bedeutete.„Kann ich es behalten?“Lucien sah sie an.„Vorerst.“Darcy steckte es vorsichtig in ihre Tasche.„Gut.“Cassian sah zu Locke.„Du hast es auch gespürt, nicht wahr?“Locke nickte.Cassian
Der Raum blieb vollkommen still. Darcy starrte auf den Zettel in Luciens Hand, während ihre Gedanken rasten. Es konnte unmöglich sein, dass ihre Mutter noch lebte. Das wusste sie seit Jahren. Sie hatte an ihrem Grab geweint. Unzählige Nächte hatte sie sich gewünscht, die Stimme ihrer Mutter noch einmal hören zu können, doch die Nachricht hatte etwas in ihr gelöst.Die Wahrheit über deine Mutter lebt noch.Was sollte das überhaupt bedeuten?Darcy streckte langsam die Hand nach dem Zettel aus.„Gib ihn mir.“Lucien zögerte, bevor er ihn ihr reichte.Sie las die Worte immer wieder. Mehr stand dort nicht. Kein Name, keine Erklärung, nichts, was ihr verraten konnte, wer ihn geschickt hatte.„Vielleicht ist es eine Falle“, sagte Cassian.Darcy sah ihn an.„Warum dann meine Mutter erwähnen?“„Weil sie wissen, dass das der einfachste Weg ist, deine Aufmerksamkeit zu bekommen.“Er lag nicht falsch. Darcy faltete den Zettel vorsichtig zusammen.„Aber jemand weiß etwas.“Lucien nickte.„Was bede







