LOGINYVONNE
Im Garten war endlich Ruhe eingekehrt.
Das fröhliche Stimmengewirr, das Klirren der Gläser, das Lachen und der Applaus – all das war längst verklungen und nur noch eine ferne Erinnerung.
Nur die engsten Mitglieder der Familie Jordan waren noch geblieben. Zwischen halb abgebauten Dekorationen und den Scherben der zerbrochenen Buddha-Statue standen sie schweigend beisammen.
Senior Jordan war von den Ereignissen des Tages sichtlich erschöpft.
Langsam erhob er sich.
„Ich werde mich für heute zurückziehen“, sagte er leise. „Ihr könnt euch weiter unterhalten.“
Kaum war er hinter der Tür der Villa verschwunden, entlud sich Joey Youngs aufgestaute Wut.
Ihr Blick bohrte sich in mich.
Ihr ganzer Körper strahlte blanken Hass aus.
„Du böses, undankbares Adoptivkind!“, schrie sie. „Terra hat dich dein ganzes Leben lang beschützt! Und so dankst du es ihr? Du hast sie vor allen Leuten gedemütigt! Wie konntest du nur?“
Ich zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Ich legte den Kopf leicht schief.
„Ich habe gar nichts getan“, erwiderte ich ruhig. „Habe ich sie etwa gezwungen, einen gefälschten Meteoritenstein zu kaufen?“
Meine Antwort machte Joey nur noch wütender.
Sie trat einen Schritt auf mich zu.
„Sie wurde betrogen! Und du? Du hast sie nicht gewarnt, nicht beschützt und sie stattdessen öffentlich bloßgestellt! So behandelst du eine Schwester, die sich immer um dich gekümmert hat?“
Da ertönte Adam Jordans donnernde Stimme.
„Genug! Bringt sie hier weg! Die Familie Jordan duldet ein solches Verhalten nicht!“
Mehrere Sicherheitskräfte kamen sofort auf mich zu.
Doch ich hob lediglich eine Hand.
Mein schwarzes Lederjackett bewegte sich kaum im sanften Abendwind.
„Nicht nötig“, sagte ich kühl. „Ich finde allein hinaus.“
Ich rückte meine Jacke zurecht und ging langsam zum Ausgang der Villa.
Jeder meiner Schritte war ruhig und kontrolliert.
Ich hatte ohnehin nicht vor, länger zu bleiben.
Nicht heute.
Nicht ihretwegen.
Terra eilte hinter mir her.
Auf ihrem Gesicht lag ein gespielt besorgter Ausdruck.
„Yvonne, warte! Wohin willst du denn? Mama und Papa sind jetzt nur wütend. Sie werden sich wieder beruhigen. Entschuldige dich einfach. Es würde mir das Herz brechen, wenn du auf der Straße leben müsstest.“
Ich blieb stehen.
Langsam zog ich einen riesigen Schlüsselbund aus meiner Jackentasche.
Mit einem leichten Schütteln ließ ich ihn klimpern.
Hunderte Schlüssel hingen daran.
Jeder einzelne gehörte zu einer Immobilie.
Ein schwaches Lächeln erschien auf meinen Lippen.
„Keine Sorge“, sagte ich gelassen.
„Ich habe mir inzwischen einen ganzen Villenkomplex gekauft.“
Ich sah ihr direkt in die Augen.
„Etwa zwanzig Häuserblocks.“
Ich steckte den Schlüsselbund wieder ein.
„In letzter Zeit war ich ziemlich beschäftigt damit, Miete einzusammeln.“
Ohne ein weiteres Wort ging ich an ihr vorbei.
Das Klirren der unzähligen Schlüssel hallte durch die stille Nacht wie eine lautlose Warnung.
Alle erstarrten.
Hunderte Immobilien?
Eine adoptierte Tochter, die fünf Jahre lang verschwunden gewesen war, sollte ein solches Vermögen besitzen?
Ungläubige Blicke trafen mich.
Überall begannen die Menschen zu flüstern.
Ich blieb noch einmal stehen.
Dann trat ich dicht an Terra heran.
Schulter an Schulter.
Ich beugte mich leicht zu ihr.
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Na, Betrügerin...“
Ich lächelte.
„Mach dich besser bereit.“
Meine Augen wurden eiskalt.
„Jetzt, wo ich zurück bin, hole ich mir alles zurück, was mir gehört.“
Eine kurze Pause.
„Und diejenigen, die mir damals wehgetan haben...“
Mein Lächeln blieb unverändert.
Doch es war kein freundliches Lächeln.
Es war das Lächeln eines Hais.
Geduldig.
Ruhig.
Tödlich.
„...sollten sich besser einen Gott aussuchen und anfangen zu beten.“
Terra wurde kreidebleich.
Ihre Knie gaben beinahe nach.
Die schüchterne, gehorsame Yvonne, die sie einst gekannt hatte, existierte nicht mehr.
Ich richtete mich auf.
Den Rücken gerade.
Den Kopf erhoben.
Dann ließ ich sie einfach stehen.
Sie blickte mir nach, als hätte sie einen Geist gesehen.
Am Ende der Auffahrt erreichte ich mein Motorrad.
Ich setzte den Helm auf und schwang mich auf den Sitz.
Mit einem tiefen Dröhnen sprang der Motor an.
Der Klang hallte durch die ruhige Nachbarschaft.
Dies war noch nicht meine offizielle Rückkehr.
Ich wollte nicht länger an einem Ort bleiben, an dem man mich immer noch nur als das „adoptierte Kind“ betrachtete.
Mein wahrer Neustart würde anders aussehen.
Ein Tag, an dem mich jeder willkommen heißen würde.
Nicht aus Mitleid.
Nicht mit Verachtung.
Sondern mit Respekt.
Ich gab Gas.
Die Lichter von Burlington City verschwanden langsam hinter mir.
Der Wind strich durch mein Haar und trug die stickige Luft der Villa ebenso davon wie all die Beleidigungen und Anschuldigungen.
Meine Gedanken waren längst bei meinem eigentlichen Plan.
Nicht lange nachdem ich die Stadt verlassen hatte, vibrierte mein Handy.
Ich verlangsamte das Tempo, hielt am Straßenrand an und nahm den Anruf entgegen.
„Miss Jordan! Warum haben Sie uns nicht informiert, dass Sie zurück sind? Wir hätten Ihre Fahrt organisieren können.“
Die Stimme am anderen Ende klang außer Atem.
„Mein Chef hat bereits eine Fünf-Sterne-Villa für Sie vorbereitet...“
„Nein“, unterbrach ich ruhig.
„Das ist nicht nötig.“
Ich blickte in die Dunkelheit der Straße.
„Ich bin nur wegen einer persönlichen Angelegenheit zurückgekehrt. Ich werde nicht bleiben.“
„Aber...“
„Ich melde mich, sobald alles erledigt ist.“
Meine Stimme blieb ruhig.
„Bis dahin überprüft bitte die Gästeliste des Phoenix Hotels von vor fünf Jahren.“
Ich machte eine kurze Pause.
„Vor allem die Männer, die sich am Valentinstag in der obersten Etage aufgehalten haben.“
Am anderen Ende herrschte für einen Moment Schweigen.
„Verstanden“, kam schließlich die Antwort.
„Ich kümmere mich sofort darum.“
Ich beendete das Gespräch, steckte das Handy wieder ein und startete den Motor.
Mein Blick war entschlossen.
Der Mann, der vor fünf Jahren mein Leben zerstört hatte...
...würde gefunden werden.
Und er würde für alles bezahlen.
Doch während ich in Richtung meiner abgelegenen Villa fuhr, bemerkte ich nicht den schwarzen Lieferwagen, der mir in einiger Entfernung lautlos folgte.
Meine Villa war nur noch achthundert Meter entfernt.
Abgelegen.
Still.
Viel zu still.
Dann durchschnitt ein ohrenbetäubender Knall die Nacht.
Bumm!
Der Lieferwagen rammte mein Motorrad von hinten.
Die Wucht schleuderte mich hoch in die Luft.
Ich prallte hart auf den steilen Abhang neben der Straße.
Ein stechender Schmerz durchzuckte meinen ganzen Körper.
Ich biss die Zähne zusammen und versuchte verzweifelt, irgendwo Halt zu finden.
Vergeblich.
Die Schwerkraft riss mich mit.
Ich rollte den Hang hinunter.
Immer weiter.
Immer schneller.
Mein Motorrad stürzte hinterher und zerschellte an den Felsen.
Schwarzer Rauch stieg aus den verbogenen Metallteilen auf und kringelte sich wie dunkle Schlangen in den Nachthimmel.
Der Lieferwagen kam quietschend zum Stehen.
Der Fahrer sprang heraus.
Mit zusammengekniffenen Augen suchte er den Abhang ab.
Hastig zog er sein Telefon hervor.
„Miss Jordan“, zischte er.
„Yvonne ist vom Motorrad gesprungen und den Hang hinuntergerollt.“
Seine Stimme wurde eiskalt.
„Findet sie.“
„Tot oder lebendig.“
Ich lag am Fuß des Hanges.
Mein Körper war übersät mit Wunden.
Blut färbte meine Kleidung rot.
Doch ich schrie nicht.
Der Schmerz brannte wie Feuer.
Aber mein Verstand blieb klar.
Von oben hörte ich Stimmen.
Schritte.
Sie kamen näher.
Ich zwang mich aufzustehen.
Jede Bewegung war eine Qual.
Mein Blick glitt über die Umgebung.
Dann entdeckte ich eine Höhle.
Halb verborgen hinter dichtem Gestrüpp.
Ohne zu zögern kroch ich hinein.
Im kühlen Schatten der Felsen lehnte ich mich gegen die Wand und atmete tief durch.
Die Höhle war vollkommen still.
Dann durchschnitt eine kleine Stimme die Dunkelheit.
„Mama! Mama!“
Ich erstarrte.
Noch bevor ich reagieren konnte, warf sich ein kleiner, schlammverschmierter Körper gegen meine Brust.
Ich blickte hinunter.
Ein kleiner Junge.
Nicht älter als fünf Jahre.
Mit großen, tränengefüllten Augen sah er zu mir auf.
Er zitterte am ganzen Körper.
Seine kleinen Hände klammerten sich an mich, als wäre ich seine letzte Hoffnung.
Für einen kurzen Augenblick blieb die Welt stehen.
Der Verrat.
Die Schmerzen.
Die fünf Jahre voller Hass.
Mein geplanter Rachefeldzug.
Alles trat in den Hintergrund.
Mein Blick wurde weich.
Er war echt.
Warm.
Unschuldig.
Ganz instinktiv legte ich eine Hand auf seinen Rücken.
„Alles wird gut“, flüsterte ich.
„Ich bin jetzt bei dir.“
Für einen Herzschlag verschwanden die Villa, meine Feinde und all ihre Intrigen.
Doch ich wusste...
Diese Ruhe würde nicht lange anhalten.
Die Gefahr kam immer näher.
Ich zog den Jungen fest an mich und schob mich tiefer in die Dunkelheit der Höhle.
Jede Bewegung schickte neue Schmerzwellen durch meinen Körper.
Aber ich zwang mich, klar zu denken.
Zu planen.
Zu überleben.
Das Spiel hatte sich erneut verändert.
Der erste Zug war gemacht.
Der nächste würde über alles entscheiden.
Und ich...
Verletzt.
Aber ungebrochen.
...war bereit.
Mein Blick ruhte auf dem Höhleneingang.
Die Schritte kamen näher.
Ich war nicht länger das schüchterne Mädchen, das man zum Schweigen gebracht hatte.
Ich war ein Sturm.
Und er hatte gerade erst begonnen.
Yvonne verließ das Schlafzimmer erst, nachdem sie darauf bestanden hatte, ihre eigenen Kleider wieder anzuziehen. Die Schmerzen in ihrem Körper waren noch deutlich zu spüren, doch sie hatte längst gelernt, Beschwerden zu ignorieren. Fünf Jahre voller Entbehrungen hatten sie gelehrt, dass Schwäche ein Luxus war, den sie sich niemals leisten durfte. Als sie die Tür öffnete, wartete Chris bereits auf dem Flur. Seine Augen leuchteten sofort auf, und er lief ihr mit einem strahlenden Lächeln entgegen. „Mama!“, rief er fröhlich und nahm ihre Hand, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Yvonne seufzte leise, entzog ihm ihre Hand jedoch nicht. Stattdessen strich sie ihm sanft über den Kopf. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht deine Mutter bin.“ Chris schüttelte entschlossen den Kopf. „Aber mein Herz sagt etwas anderes.“ Seine Antwort war so ernst, dass selbst Anthony, der einige Schritte entfernt stand, für einen Augenblick schwieg.Gemeinsam gingen sie in den Speisesaal. Auf dem la
Yvonne öffnete langsam die Augen, als das warme Sonnenlicht durch die hohen Fenster des Zimmers fiel. Einen kurzen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Erst als sie den scharfen Geruch von Medikamenten wahrnahm und das Ziehen in ihrer Schulter spürte, kehrten die Erinnerungen der vergangenen Nacht zurück. Der Zusammenstoß mit dem Lieferwagen, der steile Abhang, die dunkle Höhle und der kleine Junge, der sie ohne Zögern „Mama“ genannt hatte, tauchten nacheinander vor ihrem inneren Auge auf. Vorsichtig setzte sie sich auf. Mehrere Verbände bedeckten ihren Arm und ihr Bein, doch die Wunden waren sauber versorgt worden. Neben dem Bett lagen ihre persönlichen Sachen ordentlich zusammengelegt. Nichts fehlte. Wer auch immer sie gerettet hatte, hatte ihre Habseligkeiten unangetastet gelassen. Sie hob die Decke ein Stück an und bemerkte, dass sie ein sauberes weißes Hemd trug. Sofort runzelte sie die Stirn. Sie erinnerte sich deutlich daran, bewusstlos geworden zu sein. Wer hatte ihre Kleidung
Der Schuss durchschnitt die Dunkelheit wie ein Blitz. Im selben Augenblick brach im gesamten Bailey-Anwesen Chaos aus. Alarmanlagen begannen schrill zu heulen, schwere Schritte hallten über die Marmorböden, und aus den Fluren drangen die Befehle der Leibwächter, die ihre Positionen einnahmen. Ich konnte kaum noch etwas erkennen, doch noch bevor ich reagieren konnte, legte sich eine kräftige Hand um mein Handgelenk. Anthony zog mich ohne ein Wort von der Behandlungsliege herunter und stellte sich schützend zwischen mich und die Tür. Obwohl wir uns erst vor wenigen Stunden begegnet waren, zögerte er keinen Augenblick. Sein Instinkt sagte ihm offenbar, dass der Angriff nicht zufällig erfolgt war. Jemand hatte gewusst, dass ich mich auf dem Bailey-Anwesen befand. Das bedeutete, dass meine Feinde mich entweder verfolgt hatten oder Informationen aus einer Quelle erhielten, die selbst ich noch nicht entdeckt hatte. Beide Möglichkeiten waren gleichermaßen gefährlich.Mehrere Sekunden lang bli
YVONNEDer Behandlungsraum versank in bedrückendes Schweigen, während die Worte des Arztes noch immer in der Luft hingen. Ich beobachtete ihn aufmerksam, doch sein ernster Gesichtsausdruck verriet bereits alles, noch bevor er weitersprach. „Das Gegengift wird frühestens in dreißig Minuten eintreffen“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Bis dahin wird sich das Gift weiter ausbreiten. Wenn wir nichts unternehmen, könnte es ihre Organe erreichen.“ Ich senkte den Blick auf die zwei kleinen Einstichstellen an meinem Oberschenkel. Sie wirkten harmlos, beinahe unscheinbar, doch ich spürte längst, wie sich ein brennender Schmerz langsam durch mein Bein fraß und mit jedem Herzschlag stärker wurde. Die Königskobra hatte mich nur einmal gebissen, doch das genügte. Ein einziger Fehler konnte selbst den stärksten Menschen töten.Der Arzt legte seine Instrumente beiseite und wandte sich Anthony zu. „Es gibt nur eine Möglichkeit, Zeit zu gewinnen. Das Gift muss sofort aus der Wunde entfernt werden, be
YVONNEDer schmale Tunnel führte immer tiefer unter den Berg. Kalte, feuchte Luft strich über meine Haut, während das Geräusch unserer Schritte von den Steinwänden zurückgeworfen wurde. Hinter uns verklangen die Stimmen der Männer, die mich noch vor wenigen Minuten gejagt hatten, doch ich erlaubte mir nicht, erleichtert zu sein. Menschen wie Terra gaben niemals nach einem einzigen Fehlschlag auf. Wenn sie einmal beschlossen hatte, mich aus dem Weg zu räumen, würde sie weitere Leute schicken. Mein Blick glitt unwillkürlich zu dem kleinen Jungen, der friedlich in den Armen des Fremden lag und sich mit beiden Händen an dessen Mantel festhielt. Trotz allem lächelte er mich immer wieder an, als wäre ich tatsächlich seine Mutter. Es war ein Blick voller Vertrauen, den ich seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hatte. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, doch ich zwang mich, diesen Gedanken zu verdrängen. Gefühle machten einen Menschen schwach, und ich hatte mir geschworen, nie wieder schwa
YVONNEKaum hatte sich meine Hand in seine gelegt, zog der Fremde mich entschlossen hinter sich her. Der schmale Tunnel verlief tief unter dem Berg und war nur schwach von vereinzelten Öffnungen in der Felsdecke erhellt. Kalte Luft strömte durch die Gänge und trug den Geruch von feuchter Erde und altem Gestein mit sich. Hinter uns hallten die Stimmen meiner Verfolger durch die Höhle, doch sie wurden mit jedem Schritt leiser. Offenbar hatten sie den versteckten Durchgang nicht entdeckt. Trotzdem blieb ich angespannt. Ich wusste nicht, wer der Mann vor mir war und ob ich ihm wirklich vertrauen konnte. Doch im Augenblick hatte ich keine andere Wahl.Der kleine Junge ruhte inzwischen friedlich auf seinem Arm. Seine kleinen Finger hielten den Kragen des schwarzen Mantels umklammert, als hätte ihn die bloße Anwesenheit seines Vaters bereits beruhigt. Hin und wieder drehte er den Kopf zu mir und schenkte mir ein Lächeln, das in der Dunkelheit beinahe fehl am Platz wirkte.„Mama ist auch da“,







