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Kapitel 2 — Das Glas zu viel

Author: Déesse
last update Huling Na-update: 2026-01-29 23:53:31

Gracias

Ich glaube, ich habe die Tür zugeschlagen, aber ich bin mir nicht sicher.  

Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe einfach gehandelt. Wie ein Körper, dem der Sinn entzogen wurde.  

Ich habe das Auto ohne Mantel, ohne Tasche verlassen.  

Nur meine Schlüssel, in die Hand gedrückt, wie ein verzweifelter Versuch, bewusst zu bleiben. Nicht zusammenzubrechen.

Es regnete, einer dieser traurigen Regen, die nichts reinigen.  

Er drang überall ein, in mein Haar und meine Kleidung bis auf die Knochen.

Ich überquerte die Straße, ohne zu schauen.  

Das Herz kurz vor der Explosion.  

Ich war leer und gleichzeitig voll.  

Leer von ihm. Voll von dumpfer Angst, von schrecklichem Vorahnen.

Die Bar ist da.  

Die, die er sagte, dass er sie hasst.  

Zu vulgär, zu jung, zu allem.

Lüge, alles war nur Lüge.

Ich gehe hinein. Und die schwüle Wärme packt mich am Hals.  

Zu laute Musik mit Gerüchen von Schweiß, von billigem Alkohol.  

Und dann… sie.

Hinten auf einer Bank sitzt meine Schwester auf dem Schoß meines Mannes.

Sie lacht und er lächelt sie an.  

Eine Hand auf ihrem nackten Oberschenkel.  

Eine Intimität, die nichts mit einem Spiel zu tun hat.  

Es ist real, es ist offensichtlich.  

Und ich bin deplatziert.

Ich gehe näher, der Boden scheint instabil, meine Beine sind aus Watte.  

Aber ich gehe trotzdem. Denn man läuft nicht vor dem davon, was man sehen muss.  

Auch wenn es zerstört.

Sie sieht mich.  

Und sie lächelt.  

Ein Lächeln, das sagt: Du kommst zu spät.

— Na, schau mal, wer hier auftaucht.

Er dreht den Kopf, sieht mich.

Und reagiert nicht.

Ich bin hier, tropfnass, zitternd, kalt.  

Und er… analysiert mich wie man sich eine unangenehme Fremde ansieht.

Meine Schwester steht auf, sie lässt sich Zeit. Glättet ihr Kleid.  

Sie mustert mich von Kopf bis Fuß.

— Vielleicht solltest du dich setzen. Du machst wirklich einen jämmerlichen Eindruck, Gracias.

Ich höre es, ohne es zu hören.  

Ich sehe nur noch eine Sache: ihn.

Also frage ich ihn.

Mit einer schwachen, gebrochenen Stimme:  

— Sag mir, dass das nicht wahr ist…

Er antwortet nicht sofort.  

Er nimmt einen Schluck. Wischt sich den Mund ab.  

Dann sagt er ruhig:

— Es ist wahr.

Mein Bauch zieht sich zusammen, mein Herz bleibt einen Moment stehen.

Ich weiche einen Schritt zurück.  

Aber ich bleibe.

Ich bleibe.  

Weil ich nicht gehen kann, noch nicht.

— Sie… sie ist von dir schwanger? Ist das wahr?

Er zuckt mit den Schultern.  

— Ja.

Ein einziges Wort, scharf und grausam,  

ohne Umschweife und ohne Reue.

Ich senke die Augen.  

Ich zittere.

— Aber… und ich? Und wir? Du hast es mir versprochen… Du hast gesagt, wir würden es nochmal versuchen… dass du ein Kind wolltest, mit mir…

Er bricht in ein trockenes Lachen aus.

— Du bist steril, Gracias. Du hast es nicht mal geschafft, mir in drei Jahren ein Kind zu schenken. Ich habe genug Zeit verloren.

Der Satz fällt wie ein Fallbeil.  

Er hallt nach.  

Er entblößt mich vor allen.

Die Leute um uns erstarren. Einige lachen leise. Andere wenden den Blick ab, verlegen.  

Ich spüre, wie meine Beine nachgeben.

Aber ich gehe nicht.

Ich gehe näher.  

Ich strecke die Hand nach ihm aus.

Wie eine Bettlerin.  

Wie eine Frau ohne Stolz.

— Bitte… tu mir das nicht an… Nicht hier… Nicht so. Ich kann mich ändern, ich schwöre es. Ich kann… ich kann besser sein, anders… Bitte, lass mich nicht allein.

Er sieht mich angewidert an.  

Nicht einmal wütend. Nur… ausgelöscht.

— Gracias, merkst du, was du tust? Sieh dich an. Du flehst vor allen, das ist pathetisch.

Ich falle auf die Knie, ich spüre nichts mehr.

— Ich liebe dich…

Ich sage es.  

Ich wiederhole es.

— Ich liebe dich, ich flehe dich an, komm zurück zu mir. Nicht für mich… für uns. Für das, was wir waren. Ich bin auch schwanger… Ich habe es gerade erfahren.

Stille.

Eine Stille, die schockieren sollte.  

Aber er sagt nichts.  

Meine Schwester bricht in Gelächter aus.

— Sie? Schwanger? Lass mich lachen. Du musst deine Regeln noch halluzinieren. Hör auf zu träumen, Gracias. Er gehört jetzt mir.

Er wendet den Blick ab.  

Er fragt mich nicht einmal, ob es wahr ist. Es ist ihm egal.

Ich bin… allein.  

Auf den Knien.  

Vor ihm.

Meine Schwester kommt zurück.  

Sie schubst mich sanft mit dem Bein, wie einen unangenehmen Gegenstand.

— Geh, Gracias. Du hast verloren.

Ich richte mich langsam auf.  

Nicht, weil ich die Kraft dazu habe.  

Sondern weil ich nicht tiefer fallen kann als das.

Ich drehe mich um.  

Ich gehe zur Tür.  

Meine Schritte schleppen sich.  

Ich glaube, ich blute von innen. Etwas in mir ist gerade gestorben.

Ich gehe durch die Tür.

Draußen regnet es wieder.  

Aber der Regen erscheint mir jetzt sanft.  

Fast beruhigend.

Ich bleibe unter der Straßenlaterne stehen.  

Meine Hände auf meinem Bauch.

— Ich werde dich beschützen, murmle ich.

Das ist das einzige Versprechen, das ich noch halten kann.

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