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Erinnere dich an mich nackt....
Erinnere dich an mich nackt....
Author: Déesse

Kapitel 1 — Der Preis des Schweigens

Author: Déesse
last update Last Updated: 2026-01-29 23:52:09

Lyra

Alles hatte vor ein paar Stunden begonnen. Ich war hastig aus Rafael's Wohnung gerannt, meine Schuhe in der Hand, das Herz durcheinander, die Augen geschwollen vor Wut. Mein Telefon vibrierte immer noch, aber ich konnte seine Nachrichten nicht mehr lesen. Es gab nichts mehr zu retten. Weder uns noch diese Lüge, die er Liebe nannte. 

Ich hatte lange, ziellos im Kälte umhergeirrt, bis Cassandre mich anrief. Als wüsste sie es. Als würde sie auf mich warten. 

— Ich bin in der Stadt, hatte sie gesagt. Komm. Ich lade dich auf einen Drink ein. Du musst deine Gedanken ändern, kleine Schwester. 

Kleine Schwester. Das hatte sie nie gesagt. Dieses Wort hatte in der Luft geknallt wie eine Falle. 

Ich hätte misstrauisch sein sollen. 

Aber ich war zu zerbrochen. Zu allein. Also sagte ich ja. 

Die Bar wirkte unwirklich, wie eine zu grelle Filmszene. Cassandre empfing mich mit einer schnellen, fast aufrichtigen Umarmung. Sie trug ein schwarzes Satin-Kleid, schlicht aber provokant, und Ohrringe, die wie Klingen funkelten. 

— Du bist wunderschön, flüsterte sie mir zu. Selbst in Trümmern strahlst du etwas Unglaubliches aus. 

Ich schenkte ihr ein Lächeln, eines von denen, die man macht, wenn man einfach nicht weinen will. 

— Ich habe alles ruiniert, Cass… Ich habe ihn mit einer anderen überrascht. Bei ihm. In unserem Bett. Er hat mich monatelang belogen. 

Sie breitete die Arme aus und bestellte zwei Shots Tequila. 

— Auf alle Männer, die uns nicht verdienen. 

Der erste Shot brannte wie Feuer. Der zweite war wie eine Befreiung. Ich hatte mit ihr gesprochen. Ich hatte alles erzählt, mein Herz in Stücke: das Treffen mit Rafael, die Versprechungen, die Zukunftspläne, das Schwindelgefühl, als ich ihn noch liebte, und die Übelkeit, als ich begriff, dass ich die Einzige war, die daran glaubte. 

Cassandre nickte, streichelte meine Hand. 

— Du bist zu nett. Zu rein. Du vertraust, du vergibst. Du bist perfekt, um niedergetreten zu werden, Lyra. 

— Das denkst du von mir? flüsterte ich. 

Sie lachte leise. 

— Nein. Das denke ich von den Männern. Aber heute Abend vergisst du das alles. Heute Abend trinkst du mit mir, siehst zu, wie die Reichen in ihrer Arroganz verloren gehen, und wirst wieder die, die du warst, bevor du dich verliebt hast. Einverstanden? 

Ich stimmte zu. Und ich trank. 

Jetzt stehen die leeren Gläser wie Narben aufgereiht. Die Luft ist wärmer, schwerer. Mein Kleid klebt an meiner Haut. Ich habe nicht mehr die Kraft, so zu tun. 

— Trink, Lyra. Es wird dir guttun. 

Ich nicke. Wieder. Immer. Mein Wille hat sich im Alkohol aufgelöst. 

Aber irgendetwas stimmt nicht. Es ist nicht nur der Rausch. Es ist dichter. Klebriger. 

Ich fühle mich, als würde ich ohne zu kämpfen verschwinden. 

Ich stehe wankend auf. 

— Ich gehe auf die Toilette… 

Cassandre küsst mich auf die Schläfe. 

— Komm schnell zurück, okay? 

Während ich den Ausgang suche, verschwindet Cassandre nach hinten in die Bar. Dort, wo das Licht nicht mehr eindringt. Dort, wo die schlimmsten Pakte geschlossen werden. 

Sie trifft den Mann. Dieses Monster, das vor ungesunden Wünschen trieft. 

— Also, das ist meine Schwester. Hübsch, oder? flüstert sie mit einer emotionslosen Stimme. 

Er mustert sie mit dem Appetit eines Raubtiers. 

— Eine Million Euro. Sie ist Jungfrau. Du wirst nicht verlieren. 

Cassandre beißt die Zähne zusammen, weicht aber nicht zurück. Das Bild ihrer Schulden, der Drohungen, ihrer Gläubiger, die an ihre Tür klopfen, drängt sich auf. Sie hat keine Lösung mehr. Nur diese zu sanfte Schwester. Zu rein. 

Und sie denkt, dass es gerecht ist. Dass es einfach ihr Turn ist. 

— Du hast den Schlüssel, sagt sie. Sie gehört dir. In einer Stunde wird sie nicht mehr stehen können. 

Ich suche die Toilette, aber alles schwankt. Die Wände dehnen sich wie in einem schmutzigen Traum. Meine Beine geben nach. 

Ich drücke die Tür auf, wanke auf meinen wackeligen Absätzen und falle direkt gegen eine Brust, die hart wie eine Rüstung ist. Der Mann strömt einen betörenden Duft aus, eine Mischung aus Leder, heißen Gewürzen und edlem Holz, der meine Sinne überwältigt. Ich spüre seine festen Finger an meiner Taille, seinen diskreten Atem, der meine Haut streift, und für einen Moment verliere ich vollkommen das Zeitgefühl. 

Ich schaue auf. 

Er ist nicht wie die anderen. 

Er lächelt nicht. Er fragt mich nichts. Er berührt mich nicht mehr als nötig. Er sieht mich an wie ein Rätsel, das es zu lösen gilt, eine unerwartete Variable in einer zu gut kontrollierten Gleichung. 

— Du solltest nicht hier sein, sagt er mit einer tiefen, herzlosen Stimme. 

— Ich wollte… einfach… 

Ich weiß nicht mehr. Ich kann nicht mehr denken. Meine Lippen bewegen sich, ohne dass ein Laut herauskommt. 

Ich bin leer. Und doch spüre ich, dass dieser Mann gerade in mir sieht, was selbst Cassandre nie zu lesen wusste.

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