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Kapitel 3 – Der Glanz vor dem Fall

Author: Déesse
last update Last Updated: 2026-01-29 23:54:42

Lyra

Ich weiß nicht, wann ich die Grenze überschritten habe. Ich weiß nicht, ob ich sie überschritten habe… oder ob er sie zu mir gezogen hat.

Ich erinnere mich an seine präzisen, frechen, geduldigen Hände.

An seine tiefe, bissige Stimme, die meinen Nacken wie eine Warnung streifte.

An diesen Blick, der in meinen verankert war, der mir sowohl Verlust als auch Licht versprach.

Die erste Berührung war sanft, fast respektvoll.

Ein Finger, der der Linie meines Kiefers folgte, eine Handfläche, die auf meinen Rippen lag, als wollte sie mir die Knochen, die Risse zählen. Er hatte es nicht eilig. Er beobachtete mich. Kostete mich aus. Als wollte er meine Sprache lernen, die ich nie laut ausspreche.

Dann kam er näher. Näher. So nah, dass sein Atem meinen eigenen zum Erröten brachte.

Er sagte:

— Du kannst immer noch gehen.

Doch seine Hand hielt bereits meine fest.

Und alles kippte.

Er war nicht brutal.

Aber er war auch nicht sanft.

Er war alles, was ich befürchtet hatte: ganz, ganz bis zur Unsittlichkeit.

Sein Körper schlüpfte mit einer Gewissheit gegen meinen, die mir den Atem raubte. Jede Geste, jeder Druck seiner Finger auf meiner Haut schien vorab geschrieben, als würde er meine Reaktionen lesen, bevor ich sie erlebte.

Sein Mund erkundete meinen ohne Zurückhaltung, fordernd, fast grausam.

Aber er riss nie. Er nahm, langsam, bis ich ihm alles ohne Widerstand anbot.

Er ließ seine Finger entlang meiner Wirbelsäule gleiten, als wollte er den genauen Weg meines Falls nachzeichnen.

Er küsste meine Knie, meine Hüften, die Innenseiten meiner Handgelenke. Stellen, die niemand betrachtet. Er murmelte Worte in einer Sprache, die ich nicht kannte. Und doch verstand ich sie.

Ich weiß nicht, wie oft er mich wieder an die Oberfläche brachte, noch wie oft ich gegen ihn gesunken bin.

Ich weiß nur, dass meine Nägel Spuren auf seinem Rücken hinterließen.

Dass sein Mund meinen Namen in brennenden Buchstaben auf jeden Zentimeter meines Bauches schrieb.

Und dass ich für einen Moment glaubte, zu verschwinden.

Oder vielleicht wiedergeboren zu werden.

Die Nacht dehnte sich, zeitlos.

Die Welt verschwand.

Es blieb nichts als dieser Raum, unsere verwobenen Körper, dieser Atem im Einklang und dieser bittersüße Riss zwischen Freude und Wahnsinn.

Und ich hielt seine Schultern fest, als würde ich das Unvermeidliche festhalten.

Ich ließ ihn mich nehmen. Mich markieren. Mir etwas stehlen, das ich nicht benennen kann.

Und er tat es.

Der Morgen trifft mich wie eine Ohrfeige.

Das Licht ist grell. Mein Körper, schwer und schmerzend. Ich habe Schmerzen in den Oberschenkeln, in den Armen, im Nacken. Im Stolz.

Das Bettlaken klebt an meiner Haut. Es trägt noch seinen Duft, diesen trockenen, holzigen Geruch, der mir wie ein zweiter Verrat im Bauch sitzt.

Und dort, neben mir, sein langsamer, gleichmäßiger Atem.

Er liegt auf der Seite, ein Arm nachlässig auf meinen Hüften, als hätte er vergessen, dass er mich noch festhielt. Seine Finger streifen meine Seite, warm, unbewusst. Sein dunkles Haar fällt ihm auf die Stirn. Er sieht ruhig aus. Fast friedlich.

Fast verletzlich.

Ich beobachte ihn. Zu lange.

Er hat ein Grübchen an der rechten Wange, wenn er schläft. Ein kaum sichtbarer Abdruck von der Nacht auf seinem Schlüsselbein, ein vielleicht zu fester Kuss, vielleicht meiner.

Ein Haar von mir klebt an seiner Brust, wie ein Faden, den ich nicht abgeschnitten habe.

Ich ziehe mich langsam zurück, mit einem tierischen Vorsicht. Ich halte den Atem an, als sein Arm über die Matratze gleitet. Er wacht nicht auf. Ein kaum hörliches Stöhnen, dann dreht er sich auf die andere Seite.

Als wäre ich nie da gewesen.

Das Zimmer ist unordentlich.

Mein Kleid von gestern ist zerknittert, mein BH auf den Stuhl geworfen, ein Schuh unter dem Bett, der andere nahe der Tür.

Ich sammle meine Sachen, wie man die Trümmer eines Fehlers einsammelt.

Und dann kommt mir der Satz wieder in den Sinn.

Wie ein Messerstich in die Stille.

„Ich bezweifle, dass du dir eine Nacht mit mir leisten kannst.“

Ich schließe die Augen, der Kiefer angespannt.

Ich durchsuche meine Jacke. Nur hundert Euro.

Pathetisch?

Nein. Perfekt.

Ich falte sie ruhig. Ich lege sie auf den Nachttisch, wo seine Uhr gestern Abend lag.

Dann nehme ich einen alten Zettel, die Rückseite eines Taxiquittung. Ich schreibe, langsam, kalt:

Du bist nicht mehr wert.

Meine Schrift ist gerade, klar, eisig.

Ich schaue ihn ein letztes Mal an.

Er schläft immer noch.

Ich frage mich, was er sagen wird, wenn er das liest.

Ob er lächeln wird.

Ob er wütend sein wird.

Ich beiße die Zähne zusammen.

Ich habe keinen Stolz. Nicht nach dieser Nacht.

Aber ich habe immer noch meine Zähne. Und ich weiß, wie man beißt.

Ich verlasse das Zimmer ohne ein Geräusch.

Ohne einen Blick zurück.

Die Tür schlägt leise zu. Genau so, dass sie wie eine Ohrfeige klingt.

Draußen ist die Sonne grausam.

Der Wind klebt mir die Haare ins Gesicht, blendet mich einen Moment.

Aber ich weine nicht.

Ich bin lebendig. Schmerzhaft, aber lebendig.

Und ich weiß genau, wohin ich gehe.

Meine Schwester.

Sie hat Antworten für mich.

Rechenschaft abzulegen.

Und diesmal werde ich nicht fragen.

Ich werde nehmen.

Alexandre

Das Knallen weckt mich. Dieses trockene, präzise Geräusch, wie eine gut platzierte Ohrfeige.

Ich liege einen Moment lang da, noch benommen, die zerknitterten Laken um mich gewickelt. Die Wärme auf der Matratze hat sich verändert. Irgendetwas fehlt. Nein, jemand.

Ich strecke die Hand aus. Leer.

Mein Körper protestiert einen Moment, dann richte ich mich auf. Das Zimmer ist still, aber es ist kein beruhigendes Schweigen. Es ist das des Verlassens. Des Gehens.

Mein Blick fällt auf den Nachttisch.

Der Schein.

Und dieses Papier.

Ich greife danach.

Du bist nicht mehr wert.

Ich bleibe stehen.

Ein Schlag. Zwei.

Dann lache ich. Erstickt.

Kein Humor, nur ein Rest von Staunen und Unglauben.

— Kleine Wildfang...

Das Wort bleibt mir auf der Zunge liegen, süß und wütend zugleich.

Ich springe auf. Nackt. Egal.

Ich durchquere den Raum mit großen Schritten, suche mein Telefon. Ich finde es am Fuß des Bettes. Der Bildschirm leuchtet auf. Ich wähle schon.

— Esteban?

(Stille.)

— Finde mir diese Frau. Und schnell.

(Er atmet ein.)

— Nein, ich kenne ihren Namen nicht. Aber sie hat eine Kratzspur in meinem Rücken hinterlassen… und eine Ohrfeige auf meinem Nachttisch.

Ich lächle. Langsam. Kalt.

Ein Lächeln eines Raubtiers, das eine zu gewagte Beute entdeckt hat.

— Das wird genügen.

Ich lege auf.

Und ich stehe da, vor der geschlossenen Tür, das Papier immer noch in der Hand.

Niemand verlässt mich so.

Nicht ohne Konsequenzen.

Und ganz bestimmt nicht… ohne mich zu faszinieren.

Sie hat etwas geweckt.

Und jetzt wird sie es tragen müssen.

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