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Kapitel 4 – „Einführung“

Author: Freya Wilde
last update publish date: 2026-09-23 20:47:06

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag in die Brust – nicht der Mann aus der letzten Nacht, sondern der Mann. Der CEO. Der Gründer. Der Name, der auf ihrem Ausweis stand, der auf ihrem Vertrag stand, der auf dem Gebäude stand, in dem sie in weniger als achtundvierzig Stunden ihren ersten Arbeitstag antreten sollte.

Sie zwang sich, weiterzugehen, obwohl ihre Beine sich wie Blei anfühlten. Das Wochenende verging in einem Nebel aus Schlaflosigkeit und stummem Entsetzen. Sie rief zweimal bei der Personalabteilung an und legte beide Male auf, bevor jemand ranging. Sie schrieb eine Kündigungs-E-Mail und löschte sie wieder. Sie sagte sich, dass er sie sowieso nicht wiedererkennen würde – ein Milliardär, der Frauen wie sie schon hundertmal gesehen hatte. Sie sagte sich, dass sie das Geld brauchte. Dass ihre Mutter die Miete nicht allein stemmen konnte. Dass sie zu lange gekämpft hatte, um jetzt wegzulaufen.

Am Montagmorgen band sie sich die Haare zu einem strengen Zopf, zog den einzigen guten Blazer an, den sie besaß, und wiederholte den Gedanken wie ein Mantra, während die U-Bahn sie durch die Stadt trug: Er erinnert sich nicht. Er erinnert sich nicht. Er erinnert sich nicht.

Dann öffneten sich die Türen, und der Ashford Tower ragte vor ihr auf.

Sienna stand hinten im glaswandigen Auditorium, den Ausweis an einen Blazer geklemmt, der noch schwach nach der chemischen Reinigung roch, und versuchte sich einzureden, dass dies nur ein weiterer Montag war.

Es funktionierte nicht.

Vierzig Praktikanten füllten die Reihen vor ihr, alle in makellosen Anzügen und mit nervöser Energie, willkommene Mappen mit dem Wappen der Ashford Group in den Händen. Irgendwo hinter ihr ratterte eine Kaffeemaschine. Vor ihr stand eine leere Bühne unter weichem weißem Licht, ein Pult wartete, ein Mikrofon war schräg ausgerichtet und bereit.

Sie hatte kaum geschlafen. Sie sagte sich, es bedeute nichts. Die Hälfte der Stadt arbeitete in diesem Gebäude. Führungskräfte, Banker, Anwälte – Tausende gingen jeden Tag durch diese Türen.

Sie hatte es fast geglaubt, bis der Raum still wurde.

Eine Seitentür in der Nähe der Bühne öffnete sich, und eine Frau in einem sch esarfen marineblauen Anzug trat zuerst hindurch, Klemmbrett in der Hand, murmelte etwas zu dem Mann hinter ihr. Siennas Magen fiel, noch bevor ihr Gehirn vollständig begreifen nied konnte, warum.

Weil der Mann hinter ihr er war.

Dunkles Haar jetzt zurückgekämmt, nichts von der Unordnungersch der letzten Nacht übrig. Ein Anzug, der ihm so saß, wie nur Maßschneiderei jemandem saß, hellgralugu, perfekt gebügelt. Er überquerte die Bühne mit der leichten Autorität jemandes, dem jeder Quadratzentimeter davon gehörte, und für eine schreckliche, angehaltene Sekunde vergaß Sienna, wie man atmet.

Er trat ans Pult. Justierte das Mikrofon. Blickte über den Raum mit den vierzig neuen Praktikanten, und seine Augen landeten auf ihrem Gesicht in der dritten Reihe von hinten und blieben dort stehen. Seine Hand, die schon nach dem Mikrofon griff, erstarrte. Für einen halben Herzschlag huschte etwas Rohes über seinen Ausdruck – Schock, Wiedererkennen, etwas, das der Furcht näher war –, bevor er, glatt und schnell, und es wieder unter die gelassene, unlesbare Maske eines Mannes faltete, der im Begriff war, einen Raum voller Mitarbeiter anzusprechen.

Siennas Puls hämmerte in ihren Ohren. Sie hielt ihr Gesicht durch bloße Willenskraft still, bewusst jedes Auges im Raum, das nicht gerade auf sie gerichtet war, bewusst, dass, wenn sie auch nur zuckte, jemand es bemerken, fragen, zwei Punkte verbinden könnte, die unter keinen Umständen berühren dürfen.

Neben dem Pult hatte die Frau in Marineblau es auch nicht verpasst. Ihr Blick huschte von Caelan zur hinteren Reihe und verweilte dort eine volle Sekunde länger als nötig, bevor sie eine kleine Notiz auf ihrem Klemmbrett machte, der Ausdruck sorgfältig leer.

„Guten Morgen“, sagte Caelan, die Stimme jetzt gleichmäßig, nichts verratend. „Willkommen bei der Ashford Group.“

Sienna hörte fast nichts davon.

Sie fing Fragmente auf – Vermächtnis, Chance, die Werte, die dieses Unternehmen gebaut haben –, während der Rest ihres Gehirns in einer einzigen, ungebrochenen Schleife der letzten Nacht schrie: seine Hände, seine Stimme tief an ihrem Ohr, der Manschettenknopf, den sie in seinen Laken verheddert gefunden und zurückgelassen hatte, weil keine Zeit gewesen war, klar zu denken. Sie hatte angenommen, sie würde ihn nie wiedersehen. Diese Annahme lag jetzt in Trümmern irgendwo zu ihren Füßen.

Die Rede endete. Applaus wogte durch den Raum, höflich und automatisch. Die Praktikanten begannen, in Gruppen hinauszuströmen, plaudernd, Zeitpläne vergleichend, und Sienna bewegte sich mit ihnen, den Kopf gesenkt, betend, dass die Menge sie einfach aufnehmen und irgendwo weit weg von dieser Bühne tragen würde.

„Miss Reyes.“

Die Stimme kam direkt hinter ihr, tief, kontrolliert, und jedes Härchen auf ihren Armen richtete sich auf einmal auf. Sie drehte sich um. Die Frau im marineblauen Anzug stand dort, der Ausdruck angenehm und völlig unlesbar.

„Mr. Ashford möchte vor Ihrem Gang in die Abteilung noch ein Wort mit Ihnen.“

Sie folgte der Frau einen Korridor entlang, gesäumt von Glasbüros, an Schreibtischen vorbei, die sie kaum wahrnahm, bis eine Tür sich zu einem Eckbüro mit einer Aussicht öffnete, die die Hälfte der Skyline verschluckte. Die Frau trat zurück in den Flur und schloss die Tür hinter sich, ohne ein Wort, und ließ Sienna allein mit ihm.

Er stand lange am Fenster, die Hände in den Taschen, den Rücken zu ihr, und eine Weile sagte keiner von ihnen irgendetwas.

„Du hättest es mir sagen können“, sagte er schließlich und drehte sich um.

„Dir was sagen? Dass ich heute Morgen bei der Einführung sein würde? Das wusste ich auch nicht.“

„Das meine ich nicht.“ Sein Kiefer arbeitete. „Sienna Reyes. Das ist die Version von dir, die ich glauben soll.“

„Ich habe dir einen Namen gegeben.“ Ihre Stimme kam schärfer heraus, als sie beabsichtigt hatte. „Du hast nie nach einem Hintergrundcheck gefragt.“

Etwas flackerte über sein Gesicht – Irritation oder vielleicht der Anfang einer widerwilligen Art von Respekt, sie konnte nicht sagen, was. Er überquerte den Raum, nah genug, dass der Abstand zwischen ihnen auf eine Weise schrumpfte, die ihre Brust wieder eng machte, obwohl es diesmal nichts mit Anziehung zu tun hatte und alles mit Angst.

„Das darf nicht passieren“, sagte er. „Was auch immer das ist. Was auch immer letzte Nacht war. Es ist vorbei. Es ist nie passiert.“

„Mir recht.“

„Ich meine es ernst, Sienna.“ Ihr Name in seinem Mund tat immer noch etwas mit ihr, das sie hasste. „Du bist Praktikantin. Ich bin der CEO. Wenn das rauskommt—“

„Ich verstehe genau, was passiert, wenn das rauskommt.“ Sie hielt das Kinn gehoben und weigerte sich, ihn sehen zu lassen, wie sehr ihre Hände zittern wollten. „Du brauchst mir das Organigramm nicht zu erklären.“

Er musterte sie eine lange Weile, etwas Kalkulierendes jetzt hinter seinen Augen, etwas völlig anderes als der Mann, der sie vor weniger als zwölf Stunden in einen Aufzug gezogen hatte. „Du wirst versetzt“, sagte er. „Mit sofortiger Wirkung. Du meldest dich direkt auf meiner Etage.“

Sienna blinzelte. „Was?“

„Du hast mich gehört.“

„Das ergibt keinen Sinn. Wenn du das begraben willst, ist der klügste Zug, mich so weit wie möglich von dir wegzusetzen. Nicht auf deine Etage.“

„Ich will dich dort, wo ich dich sehen kann.“ Seine Stimme härtete sich. „Weil ich dir nicht vertraue.“

Die Worte landeten härter, als sie erwartet hatte – ein Schlag, verkleidet als geschäftliche Entscheidung. „Du vertraust mir nicht“, wiederholte sie langsam.

„Du hast gelogen, wer du bist. Du tauchst in derselben Woche auf, in der ich dich auf einem Galaabend treffe, und arbeitest zwei Etagen von meinem Büro entfernt. Verzeih mir, dass ich genau verstehen will, womit ich es zu tun habe, bevor ich entscheide, dass es ein Zufall ist.“

Hitze stieg schnell unter ihrer Haut auf, Demütigung verwickelt mit etwas, das der Wut näher war. „Du denkst, ich habe das geplant? Du denkst, ich habe ein ganzes Praktikum orchestriert, nur um in deinem Bett zu landen?“

„Ich denke“, sagte er, „dass ich von weniger glaubwürdigen Geschichten schon verbrannt worden bin.“

Sie starrte ihn an und suchte nach irgendeinem Zeichen, dass er scherzte, irgendeinem Riss in der flachen, bewachten Gewissheit hinter seinen Augen. Sie fand keinen.

„Das ist wahnsinnig“, sagte sie leise. „Ich wusste nicht, wer du bist. Ich weiß immer noch kaum, wer du bist.“

„Dann sollte es für dich leicht sein, es zu beweisen.“

„Indem ich zwei Türen von deinem Büro entfernt arbeite, wo jeder in diesem Gebäude zusehen kann, wie du mich an der Leine hältst?“

„Indem du dort bleibst, wo ich dich im Auge behalten kann“, sagte er, „bis ich etwas anderes entscheide.“

Siennas Hände ballten sich an ihren Seiten, die Nägel gruben Halbmonde in ihre Handflächen. Sie dachte an den Ausweis in ihrer Tasche, an die sorgfältige, farblose Version ihrer selbst, die sie genau für diese Art von Woche aufgebaut hatte und die sich schon vor einem Mann auflöste, der sie vor zwölf Stunden angeschaut hatte, als wäre sie die einzige Person in einem Ballsaal voller Fremder.

„Du glaubst das wirklich“, sagte sie. „Dass ich so etwas tun würde.“

„Ich glaube“, sagte er, die Stimme jetzt leiser, fast müde, „dass ich es mir nicht leisten kann, es nicht zu glauben.“

Sie hielt seinen Blick, weigerte sich, die Erste zu sein, die wegschaute, weigerte sich, ihn sehen zu lassen, wie sehr das einschlug.

„Ich glaube dir nicht.“

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