Mag-log inKapitel 6:
`„Warum kann ich nicht aufhören, an sie zu denken?“`
Die Frage ließ Daniel die ganze Nacht nicht los.
Er war schon durch Kugelhagel gelaufen, ohne zu blinzeln.
Er hatte sich selbst den Arm in einem Lager genäht. Auf Beton geschlafen.
Aber eine verängstigte, schwangere Frau hatte etwas in ihm aufgebrochen.
Etwas, für das er kein Wort hatte.
Es war kein Begehren.
Es war schlimmer.
Der Blick in Katelyns Augen.
Ruhig. Wachsam. Am Brechen.
Sie war nicht, wer sie vorgab zu sein.
Und die Wahrheit würde sie beide zerstören.
__ __ __
_Safe House. 03:12 Uhr._
Sie saß allein im Wohnzimmer.
Ein Tablet auf dem Schoß.
Auf dem Bildschirm: eine Hochzeit.
Williams Kingston in Schwarz.
Lilith Sterling schob ihm den Ring an den Finger.
Katelyn sah nicht die Zeremonie.
Sie sah das Zögern.
Diese halbe Sekunde bevor er „Ja“ sagte.
Als wollte er etwas anderes sagen.
Daniel stand in der Tür.
Sie sah nicht hoch.
„In den Klatschblättern stand, sie sei tot“, sagte Daniel.
Katelyns Finger krampften sich um das Tablet.
„Victor sagt, du heißt Katelyn Vance“, fuhr Daniel fort.
Endlich sah sie ihn an.
„Beide Geschichten ergeben keinen Sinn.“
Sie legte das Tablet weg.
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Ich glaube schon“, sagte Daniel.
Er setzte sich ihr gegenüber.
„Ich arbeite für Sasha.“
Die Worte trafen wie Glas.
Katelyn erstarrte.
„Du wurdest eingeschleust?“
„Ich wurde eingeschleust, um Leute am Leben zu halten“, sagte er.
Seine Stimme wurde leiser.
„Dich auch.“
Bevor sie antworten konnte, vibrierte ihr Handy.
Eine Nachricht.
Das Blut wich aus ihrem Gesicht.
Sie stand auf. Das Tablet rutschte aufs Sofa.
Auch Daniel stand auf.
„Was ist los?“
Sie antwortete nicht.
Sie ging raus.
__ __ __
_Sterling Tower. 03:41 Uhr._
Victors Büro war ein Chaos.
Krawatte locker. Hemdsärmel hoch. Telefone klingelten.
„Das ist eine Katastrophe“, sagte er ins Leere.
„Mein Ruf blutet aus.“
Auf jeder Klatschseite.
In jedem Telegram-Kanal.
Sein Sexvideo war überall.
Das Handy leuchtete wieder auf.
`Lilith ruft an.`
Er ignorierte es.
Die Tür ging auf.
Katelyn.
Sie sah die Papiere. Die Telefone. Die Wut.
„Ich kann das regeln“, sagte sie.
Victor lachte.
„Das ist kein Gerücht. Das ist ein Video.“
„Genau“, sagte sie.
Sie holte ihr Handy raus.
Victor runzelte die Stirn. „Wen rufst du an?“
„Meine Medienkontakte.“
Zehn Minuten später stürmte seine Assistentin rein.
„Sir. Das Video ist weg.“
Victor blinzelte. „Was?“
„Die Hashtags sind weg. Die Reposts werden weniger. Überall rechtliche Hinweise.“
Die Assistentin sah zu Katelyn.
„...alles verweist auf sie.“
Victor sah langsam zu ihr.
Sie steckte das Handy weg, als wäre nichts gewesen.
„Das Internet vergisst nie“, sagte sie.
„Aber die Leute schon.“
„Gebt ihnen eine Gala. Eine Spende. Eine Kinderstiftung.“
„Morgen redet keiner mehr darüber.“
„Wer bist du?“, fragte er.
Katelyn lächelte. Klein. Beherrscht.
„Ich bin, was du brauchst.“
Die Tür ging auf, bevor er antworten konnte.
Williams Kingston.
Sein Blick traf Katelyn.
__ __ __
Für eine Sekunde konnte sie nicht atmen.
Williams sah gleich aus.
Müde. Gezeichnet.
Dieselbe Traurigkeit in den Augen.
Die Hochzeit.
Das Kinderzimmer.
Die Nacht, in der sie alles verloren hatte.
Sie begrub es.
„Ich überlasse euch“, sagte sie.
Ihre Stimme zitterte nicht.
Sie ging an ihm vorbei.
Sein Duft traf sie für eine halbe Sekunde.
Es hätte sie fast gebrochen.
Sie sah nicht zurück.
Die Tür klickte.
Stille.
Victor schenkte sich einen Drink ein.
„Du hast dir Zeit gelassen.“
„Lilith hat vom Leck gehört“, sagte Williams.
Victor lachte. „Natürlich.“
„Sie hat mich geschickt. Soll prüfen, ob ich den Namen Sterling in den Dreck ziehe.“
„Es ist erledigt“, sagte Victor.
„Wie?“
„Die Frau, die gerade rausgegangen ist.“
Williams sah zur Tür.
„Deine Assistentin?“
„Sie ist nicht meine Assistentin“, sagte Victor.
„Sie hat einen Skandal gestoppt, der halb diese Stadt begraben hätte.“
Williams sagte nichts.
Aber irgendwas an ihrer Stimme störte ihn.
Vertraut. Nicht der Klang. Der Rhythmus.
„Katelyn“, sagte Victor ins Intercom.
Die Tür ging auf.
Sie trat ein. Ruhig. Professionell.
Als würde die Luft zwischen ihr und Williams nicht voller Geister stecken.
„Erzähl ihm“, sagte Victor.
„Die Plattformen haben den Upload gelöscht“, sagte sie.
„Rechtliche Schritte begraben den Rest.“
„Die Accounts sind weg. Morgen ist die Story tot.“
Williams musterte sie.
„Wie hast du das geschafft?“
„Ich kenne Leute.“
Williams hörte nicht richtig zu.
Dieser eine Satz.
`„Ich glaube lieber, dass Liebe es wert ist, dafür zu kämpfen.“`
Sein Herz zog sich zusammen.
Lisa hatte das mal gesagt.
In einem Zimmer bei Kerzenlicht. In einem weißen Kleid.
„Haben wir uns schon mal getroffen?“, fragte er.
Katelyn lächelte. Höflich. Leer.
„Ich glaube nicht.“
„Ich habe dich unterschätzt“, sagte er.
Sie nickte.
„Wir sprechen später.“
Sie ging.
Williams sah ihr nach.
Und er konnte nicht erklären, warum er wollte, dass sie blieb.
__ __ __
_Safe House. 04:07 Uhr._
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Katelyn lehnte sich dagegen und schloss die Augen.
Ihn zu sehen hatte etwas zerbrochen, das sie monatelang aufgebaut hatte.
Er stand direkt vor ihr.
Und Gott helfe ihr, sie wollte ihm immer noch in die Arme laufen.
„Katelyn“, sagte Daniel.
Sie drehte sich nicht um.
„Du hast ihn gesehen.“
„Ja.“
„Liebst du ihn noch?“
„Ich war überrascht.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Stille.
„Er glaubt, Lisa Carter ist tot“, sagte Daniel.
„Warum hast du dann Angst?“
„Du liebst ihn noch immer“, sagte Daniel.
„Hör auf.“
„Ich verurteile dich nicht.“
„Du weißt nichts.“
„Ich weiß genug.“
Sie flüsterte: „Er hat sich für sie entschieden.“
„Er hat die Welt glauben lassen, ich sei tot.“
Daniels Stimme wurde weicher.
„Wärst du über ihn hinweg... würdest du nicht zittern.“
Daniel legte einen Umschlag auf den Tisch.
„Der kam heute Morgen.“
Drinnen: ein Foto.
Katelyn, wie sie Victors Villa verließ. Vor einer Stunde aufgenommen.
Ihr wurde kalt.
Ein zweites Foto fiel raus.
Daniel hob es auf.
Williams.
Vor Victors Anwesen. Beobachtete den Eingang.
„Sie beobachten uns beide“, sagte Daniel.
Katelyn sah hoch.
„Wir werden gejagt.“
Daniels Handy klingelte.
Er ging ran.
„Sasha.“
Sein Gesicht wurde blass.
„Was?“
Er legte auf.
„Sie haben Kingston Group gehackt.“
„Was haben sie mitgenommen?“
Daniel sah sie an.
„Nichts.“
„Sie haben eine Nachricht hinterlassen.“
`„Wir wollen nicht die Firma. Wir wollen dich.“`
Katelyn legte die Hand auf ihren Bauch.
Zum ersten Mal seit der Gasse...
hatte sie Angst.
Nicht um sich.
Um ihre Tochter.
Wer auch immer das war...
Sie hatten sie gefunden...
Kapitel 37:_DANIELS SICHT_Das Auto war schon zwanzig Minuten unterwegs, bevor mir aufgefallen ist, wie fest ich das Lenkrad gehalten habe, und ich habe mir eingeredet, dass es daran liegt, dass ich schlecht geschlafen habe und nicht daran, dass sich irgendwas in der Luft verändert hat, in dem Moment, in dem wir Millerton hinter uns gelassen haben.Katelyn saß auf dem Beifahrersitz mit Evelyn, die in der Trage an ihrer Brust geschlafen hat, die wir in der Woche gekauft haben, in der sie geboren wurde, und die Stille im Auto war nicht die Art von Ruhe, die gut tut, weil sie voll war mit allem, was wir nicht gesagt haben.Die Nachricht war um 6:47 Uhr gekommen, fünf Minuten nachdem wir losgefahren sind, und obwohl Katelyn sie mir nicht sofort gezeigt hat, habe ich gesehen, wie sich ihr Gesicht verändert hat, als sie draufgeschaut hat, und ich habe gesehen, wie ihr Daumen über dem Display gez&o
Kapitel 36: _LILITHS SICHT_Die Nachricht ging um 6:42 Uhr raus. Ich habe auf den Bildschirm gestarrt, bis unter der Nachricht _Zugestellt_ stand, und ich habe nicht geatmet, bis der Zeitstempel fest da war. Mit der anderen Hand habe ich Kaffee in den angeschlagenen Becher gegossen, den ich immer links auf dem Schreibtisch stehen habe, und ich habe kein einziges Mal vom Handy weggeschaut. Es kam keine Antwort. Genau das hatte ich erwartet. Eine Antwort hätte bedeutet, dass Williams noch die Kontrolle hat, und ich brauchte, dass er glaubt, er hätte sie nicht mehr.Es ging nicht um ein Gespräch. Es ging darum, Bewegung reinzubringen. Es ging darum, Williams und Katelyn aus ihrem ruhigen Haus in der Old Mill Road rauszutreiben, bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnten, was es heißt zu fliehen. Angst funktioniert am besten, wenn sie in kleinen Stücken kommt und sich Schicht für Schicht zu einer Mauer auftürmt.Ich habe die Tasse abgestellt und die Akte zu mir gezoge
Kapitel 35:_KATELYNS SICHT_Der erste warme Tag im April riecht nach feuchter Erde und neuen Blättern.Es ist 9:14 Uhr.Evelyn ist neun Monate und einen Tag alt.Sie zieht sich am Couchtisch hoch und lässt absichtlich Dinge fallen, um zu sehen, ob wir sie aufheben.Williams telefoniert im Gästezimmer. Tür zu.Ich falte Wäsche auf dem Sofa.Das Telefon klingelt.Nicht das Handy in der Schublade.Das Festnetz.Wir haben es im Februar installieren lassen. „Für Notfälle“, hat Williams gesagt. „Für Mrs. Alden.“Es klingelt fast nie.Ich will nicht rangehen.Dann klingelt es nochmal.
Kapitel 34:_KATELYNS SICHT_Das Haus riecht jetzt nach Rosmarin.Es ist 6:52 Uhr.Ende September. Die Luft, die durchs offene Fenster kommt, ist kühl genug für einen Pullover.Williams steht draußen mit Evelyn auf dem Arm und gießt den Ahorn.Sie ist acht Monate und vier Tage alt.Sie zieht sich am Zaun hoch. Sie sagt „da“, wenn sie Vögel sieht.Sie hat einen Zahn. Unten links.Irgendwann um den vierten Monat herum haben wir aufgehört, die stillen Tage zu zählen.Das Telefon liegt im Schrank.Die Schlösser haben wir im Juli einmal kontrolliert und seitdem nie wieder.Keine Anwälte von Mercer Holdings.Keine Presse.&n
Kapitel 33:_LILITHS SICHT_Das Waschbecken tropft um 3:06 Uhr.14 Sekunden.Ich bin wach.Ich bin wach, seit Block C mir beigebracht hat, dass Schlaf ein Luxus ist für Leute, die den Raum nicht beobachten müssen.Heute ist Dienstag.Dienstag bedeutet Wäscherei.Dienstag bedeutet das dritte Buch.Ich falte die neue Decke, die Marisol mir gegeben hat, und lege sie ans Fußende meiner Pritsche. Dunkelblau. Dick. Bezahlung dafür, dass die Zahlen stimmen.Tasha schläft noch. Sie schnarcht einmal, dreht sich um und wird wieder still.Ich nicht.Ich stehe auf. Der Beton ist kalt durch meine Socken.Ich setze mich an den kleinen Tisch und hole das Papier unte
Kapitel 32:_KATELYNS SICHT_Es ist 7:14 Uhr.Sonne fällt durch die Küchenfenster, Staub tanzt im Licht.Williams steht am Herd, in dem alten Flanellhemd, das ich ihm vor drei Jahren wegwerfen wollte, und Mehl klebt an seinen Händen.Unsere Tochter schläft im Stubenwagen neben dem Tisch.Sie ist drei Monate und elf Tage alt.Wir haben ihr noch keinen Namen gegeben.Nicht, weil wir uns nicht entscheiden konnten.Sondern weil wir auf einen Tag gewartet haben, der sich danach anfühlt.Und heute fühlt es sich so an.„Heute passiert nichts“, sagt Williams, ohne vom Herd aufzusehen, als hätte er meine Gedanken gelesen.„Nichts“, sage ich.&nbs







