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DAS FUNFZEHNTE JAHR

last update Fecha de publicación: 2026-08-11 15:18:14

Das fuenfzehnte Jahr beginnt mit dem Brief, den ich nicht erwartet hatte, aber das Netz erwartete.

Er kommt von Sigrún, aus dem hohen Norden, und er ist der laengste Brief, den sie je schrieb, drei Seiten, in ihrer Schrift, die aus dem arktischen Netz kommt und deshalb anders aussieht als gewoehnliche Schrift: klar und sehr praezise und mit einer Qualitaet von Unveraenderlichkeit, als ob die Worte nicht geschrieben, sondern gemeisselt sind.

Sie schreibt: Das arktische Netz hat mir etwas gezeigt
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  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAS FUNFZEHNTE JAHR

    Das fuenfzehnte Jahr beginnt mit dem Brief, den ich nicht erwartet hatte, aber das Netz erwartete.Er kommt von Sigrún, aus dem hohen Norden, und er ist der laengste Brief, den sie je schrieb, drei Seiten, in ihrer Schrift, die aus dem arktischen Netz kommt und deshalb anders aussieht als gewoehnliche Schrift: klar und sehr praezise und mit einer Qualitaet von Unveraenderlichkeit, als ob die Worte nicht geschrieben, sondern gemeisselt sind.Sie schreibt: Das arktische Netz hat mir etwas gezeigt, das ich dir sagen muss. Das Fundament haelt immer. Das war die Aussage des arktischen Netzes, immer. Aber das Haelten des Fundaments ist nicht passiv. Das Haelten ist aktiv. Das Fundament haelt, weil es immer haelt. Das Immer-Haelten ist eine Handlung, keine Eigenschaft. Das bedeutet: jeder, der das Fundament kennt, haelt das Fundament mit, durch das Kennen.Das Kennen ist das Haelten.Ich lese das dreimal.Das Kennen ist das Haelten.Ich gehe zu Damon und lese ihm den Brief vor, und er hoert

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   WAS DAMON SAGT

    Damon sagt etwas, an einem Herbstabend des vierzehnten Jahres, das ich nicht erwartet hatte, nicht weil es ueberraschend ist, sondern weil es das Richtige ist, zur richtigen Zeit, und das Richtige zur richtigen Zeit ist immer das Unerwartete.Wir sitzen vor dem Kamin, weil es der Herbst ist und der Kamin die Jahreszeit des Kamins ist, und Amara schlaeft, und das Anwesen ist still, und das Netz summt, alle sieben Verbindungen, tief und harmonisch.Er schaut auf das Feuer und sagt: Ich moechte Marcus besuchen.Ich schaue ihn an.Das oestliche Territorium, sagt er. Roan und Marcus. Ich war noch nie dort, seit Marcus hinging. Das ist zu lange.Das ist fast drei Jahre, sage ich.Zu lange, sagt er.Warum jetzt? sage ich.Er schaut auf das Feuer. Das oestliche Netz, sagt er. Es singt. Roan schreibt, es singt. Ich moechte das selbst hoeren. Nicht durch das noerdliche Netz. Direkt.Das macht Sinn, sage ich.Und Marcus, sagt er. Das ist laenger unfertig als ich zugab.Das Vergeben, sage ich.Da

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAS VIERZEHNTE JAHR

    Amara sieht Jun anders als wir alle.Das bemerke ich am dritten Tag nach seiner Ankunft, als Amara neben ihm sitzt und auf seine Haende schaut, die auf dem Tisch liegen, und dann sagt sie: Du hast sieben Linien.Jun schaut auf seine Haende. Ich habe zehn Finger, sagt er.Nein, sagt Amara, geduldig, wie Kinder sind, wenn Erwachsene das Falsche antworten. Sieben Linien. Das Netz-Linien. Von deinen Haenden aus.Jun schaut auf das Kind. Dann schaut er auf seine Haende.Ich sehe es nicht, sagt er.Ich sehe es, sagt Amara. Sieben Linien. Eine fuer jedes Netz.Das siebte Netz, sagt Mira, wenn man das Metanetz traegt, ist man mit allen anderen verbunden. Das koennte sichtbar sein, fuer das Kind.Sichtbar wie? sagt Nadia.Amara sieht das Netz buchstaeblich, sagt Mira. Nicht als Metapher. Das Kind des Netzes, das in dem Anwesen der Netze aufwuchs, sieht das Netz als visuelles Phaenomen.Ist das moeglich? sagt Damon.Das arktische Netz, sagt Sigrún, durch den Bildschirm, macht das Sehen klarer.

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAS SIEBTE NETZ

    Jun kommt im Fruehling des vierzehnten Jahres, und er kommt aus dem fernen Osten, nicht Roans oestliches Territorium, sondern tiefer, viel tiefer, jenseits der bekannten Karten des Netzes.Er ist jung, jünger als ich es erwartete, Ende zwanzig, mit dem Aussehen von jemandem, der sehr viel allein nachgedacht hat, eine Innerlichkeit, die sich nicht in Schweigen zeigt, sondern in der Art, wie er Räume betritt: aufmerksam, als ob jeder Raum eine Information trägt, die er lesen will.Er tritt durch die Eingangstuer und haelt nicht inne, wie die meisten. Er dreht sich einmal im Kreis.Warum drehst du dich im Kreis? fragt Amara, die neben mir steht, weil Amara immer neben mir steht, wenn jemand kommt.Ich schaue, sagt Jun, was hinter mir ist.Das ist der Wald, sagt Amara.Ich weiss, sagt Jun. Ich wollte sehen, ob er sich veraendert, wenn ich hereingehe.Veraendert er sich? sagt Amara.Er wird ruhiger, sagt Jun.Das Netz, sagt Amara.Jun schaut das Kind an. Das Kind kennt das Wort, sagt er.D

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAS DREIZEHNTE JAHR

    Adaeze geht wieder, an einem Maiumorgen, und dieses Mal ist das Gehen anders als alle Male zuvor.Beim ersten Mal sagte sie: Mein Teil hier ist getan. Das war das Ende des ersten Teils.Beim zweiten Mal kam sie zurueck, weil das arktische Netz einen neuen Teil begann. Das war das Ende des arktischen Teils.Jetzt geht sie, und sie sagt nicht, warum, und ich frage nicht, weil ich gelernt habe, dass manche Abschiede keine Erklaerungen brauchen, weil die Erklaerung in dem Gehen selbst liegt.Sie steht an der Eingangstuer, mit dem Gehstock und der einen Tasche, und das Anwesen nimmt das Gehen auf, mit der Ruhe des Verstehens.Amara kommt, wie immer, wenn jemand Bedeutsames geht, und sie schaut Adaeze an.Du gehst weit, sagt Amara.Ja, sagt Adaeze.Weiter als das letzte Mal?Adaeze schaut das Kind an, lang. Dann sagt sie: Das weiss ich noch nicht.Amara schaut sie an, mit den Netz-Augen. Das arktische Netz weiss es, sagt sie.Adaeze ist sehr still. Dann: Was sagt das arktische Netz?Amara s

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG    DAS SECHSTE BUCH IST FERTIG

    Das sechste Buch ist fertig im April des zwölften Jahres, und das Fertig-Werden kommt nicht mit einem letzten dramatischen Satz, sondern mit dem Gefuehl, das entsteht, wenn man aufhoert zu schreiben und weiss, dass man aufgehoert hat, nicht weil man muede ist, sondern weil das Buch vollstaendig ist.Das letzte, was ich schreibe, ist nicht von mir. Es ist Sigruens letzter Abschnitt, der durch das arktische Netz kam, in der Nacht vor dem Fertig-Sein, und er lautet:Das arktische Netz bittet um nichts. Es gibt. Das ist die einzige Funktion des Fundaments: zu geben, ohne zu fordern. Das Fundament haelt, damit das, was auf ihm steht, stehen kann. Das Haelten ist das Geben. Das war immer so. Das wird immer so sein.Ich lese das und dann lege ich den Stift hin und sage zu Damon, der neben mir am Schreibtisch sitzt, weil er die Angewohnheit entwickelte, neben mir zu sitzen, wenn ich die letzten Seiten eines Buches schreibe: Fertig.Er schaut auf das Manuskript. Dann schaut er mich an. Wie fue

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