LOGINSophie dachte immer, Greyhaven wäre der Ort, aus dem sie eines Tages verschwinden würde. Doch dann taucht Adrian Blackwood auf. Dunkle Anzüge. Ruhige Worte. Ein Mann, der den Raum verändert, ohne seine Stimme zu heben. Während in Greyhaven immer mehr Häuser verkauft werden und niemand offen ausspricht, was wirklich passiert, gerät Sophie immer tiefer in ein Spiel aus Macht, Geheimnissen und Kontrolle. Und Adrian scheint längst mehr über sie zu wissen, als er sollte. Je näher Sophie ihm kommt, desto stärker wird das Gefühl, dass hinter seinem Blick mehr steckt als bloße Aufmerksamkeit. Etwas Gefährliches. Etwas, dem sie sich nicht entziehen kann. Denn Adrian Blackwood bringt nicht nur Gefahr in ihr Leben – sondern Geheimnisse aus einer Vergangenheit, von der Sophie nichts ahnt. Denn manche Menschen betreten dein Leben nicht zufällig. Und manche Blicke lassen dich nie wieder los. „Du stellst die falschen Fragen.“
View MoreSophie hatte schon lange das Gefühl, dass sie sich im Kreis drehte, während alle anderen ihren Weg längst gefunden hatten. Die Tage vergingen, einer nach dem anderen, ohne dass sich wirklich etwas veränderte. Jeder Morgen begann gleich, jede Woche fühlte sich an wie die letzte, und manchmal fragte sie sich, ob das schon alles gewesen sein sollte.
Sie stand am Fenster ihres kleinen Zimmers und schob den Vorhang ein Stück zur Seite. Der Himmel war grau, wie so oft in letzter Zeit, und ein feiner Schleier aus Nieselregen lag über den Straßen. Nichts Besonderes. Genau wie gestern. Und wie vorgestern. Aus der Küche drang leises Klappern nach oben, kurz darauf folgte die Stimme ihrer Mutter. „Sophie? Bist du wach? Du musst gleich los.“ Sophie schloss für einen Moment die Augen, atmete tief durch und ließ den Vorhang wieder los. „Ja, bin wach“, rief sie zurück, auch wenn sie sich kein bisschen wach fühlte. Sie wandte sich vom Fenster ab, strich sich die Haare mit den Fingern nach hinten und griff nach dem Pullover, der über dem Stuhl hing. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Nicht zu spät – aber spät genug, um sich gehetzt zu fühlen. Als sie die Treppe hinunterging, hörte sie unten Geschirr aufeinandertreffen. Der vertraute Klang ließ keinen Zweifel daran, dass ihre Mutter schon längst in der Küche war. Sophie blieb kurz im Türrahmen stehen. „Morgen“, murmelte sie. Ihre Mutter drehte sich zu ihr um, eine Tasse in der einen und die Kaffeekanne in der anderen Hand. „Morgen? Für dich vielleicht“, sagte sie trocken. „Für mich ist der halbe Tag schon rum.“ Sophie setzte sich an den Tisch und lächelte müde. „Du übertreibst.“ „Tue ich nicht. Wenn du so weitermachst, verschläfst du irgendwann noch den ganzen Vormittag.“ „Mache ich nicht.“ Ihre Mutter stellte ihr die Tasse hin und schenkte Kaffee ein. „Du arbeitest zu viel und schläfst zu wenig.“ „Ich arbeite ganz normal.“ „Für dich vielleicht, für andere nicht“, sagte ihre Mutter ruhig. Sophie antwortete nicht sofort. Sie umschloss die warme Tasse mit beiden Händen und starrte einen Moment auf den Tisch. Das Gasthaus war schon lange ihr Alltag geworden. Zu lange vielleicht. Jeden Tag dieselben Gesichter, dieselben Gespräche, dieselben Abläufe. Früher hatte sie gedacht, das wäre nur vorübergehend. Ein paar Monate arbeiten, Geld sparen, dann weiterziehen. Irgendwohin, wo mehr passierte. Wo sich etwas bewegte. Aber aus Monaten waren Jahre geworden. „Du bist schon wieder in Gedanken“, sagte ihre Mutter. Sophie blinzelte. „Bin ich nicht.“ „Doch. Das machst du in letzter Zeit ständig.“ „Ich denke nur nach.“ „Über was?“ Sophie zuckte leicht mit den Schultern. „Keine Ahnung. Über alles halt.“ Ihre Mutter sah sie einen Moment lang an, sagte aber nichts. Stattdessen stellte sie die Kaffeekanne zurück auf den Herd. „Du solltest trotzdem los“, sagte sie dann. „Und denk dran, du schließt heute auf. Ich muss später zum Arzt.“ Sophie sah auf. „Stimmt, hab ich schon wieder vergessen.“ „Deshalb sag ich es dir ja.“ Sophie nahm noch einen Schluck, stellte die Tasse hin und stand auf. „Ich geh ja schon.“ „Bis später“, sagte ihre Mutter. „Bis später.“ Draußen schlug ihr kühle Luft entgegen, als sie die Haustür öffnete. Der Regen hatte aufgehört, aber die Straßen glänzten noch feucht, der Himmel hing tief über den Dächern. Sophie zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher und machte sich auf den Weg. Der Weg zum Gasthaus war kurz. So kurz, dass sie ihn längst auswendig kannte. Selbst wenn sie nicht darauf achtete, trugen ihre Schritte sie automatisch in die richtige Richtung. Die Häuser standen dicht nebeneinander, jedes mit einem kleinen Vorgarten, der noch nass vom Regen war. Vor einigen Fenstern brannte Licht, irgendwo bellte ein Hund. In einem Ort wie diesem blieb selten etwas unbemerkt. Man kannte sich, auch wenn man nicht wollte. „Morning, Sophie.“ Sie hob kurz die Hand, als Collins vor seinem Haus die Zeitung aufhob. „Morning.“ Mehr Worte brauchte es nicht. Sie bog um die Ecke, und das vertraute Schild des Gasthauses kam in Sicht. Es hing wie immer leicht schief über der Tür und bewegte sich knarrend im Wind. Einen Moment blieb sie stehen. Das Gasthaus gehörte ihrer Familie, solange sie denken konnte. Schon als Kind war sie zwischen den Tischen herumgelaufen, hatte in der Küche gesessen und ihrem Vater zugesehen, wie er hinter dem Tresen stand und mit den Gästen lachte. Nach seinem Tod war alles anders geworden. Ihre Mutter hatte weitergemacht, weil sie weitermachen musste. Und Sophie blieb, obwohl sie damals sicher gewesen war, dass es nur für eine Weile sein würde. Nur bis sich wieder alles eingespielt hatte. Nur bis ihre Mutter alleine klarkam. Nur bis… Sophie zog den Schlüssel aus ihrer Jackentasche und steckte ihn ins Schloss. Das leise Klicken klang in der stillen Straße lauter als sonst. Sie drückte die Tür auf und trat hinein. Drinnen war es kühl. Die Luft roch nach Holz, nach Kaffee vom Vortag und ein wenig nach Reinigungsmitteln. Die Stühle standen noch auf den Tischen, so wie sie sie am Abend zuvor hochgestellt hatten. Sophie schloss die Tür hinter sich, legte den Schlüssel auf den Tresen und begann, einen Stuhl nach dem anderen herunterzustellen. Heute war sie allein. Ungewohnt. Die Bewegungen gingen ihr leicht von der Hand. Sie musste nicht mehr darüber nachdenken. Als sie den letzten Stuhl abstellte, strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ein Geräusch draußen ließ sie kurz innehalten. Reifen auf nassem Kies. Langsam zog das Auto an den Fenstern vorbei. Dann verschwand es wieder. Sophie blieb einen Moment stehen. Zu früh für Gäste. Sie lehnte sich leicht gegen den Tresen und sah in den leeren Gastraum. Und wieder war dieses Gefühl da. Leise. Unbestimmt. Hartnäckig. „Reiß dich zusammen“, murmelte sie. Es war ein ganz normaler Morgen, noch.Der Abend verging langsamer als sonst. Vielleicht lag es daran, dass Sophie mit den Gedanken immer wieder von der Arbeit abschweifte. Oder daran, dass ihre Mutter seit dem Gespräch kaum mehr als das Nötigste mit ihr sprach.Diese Worte gingen ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf.Mit dieser Familie bringt Nähe nur Probleme.Je öfter Sophie darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihr dieser Satz. Ihre Mutter sprach nie so. Nicht in Andeutungen.Nicht in halben Wahrheiten.Nicht, wenn es um Dinge ging, die Sophie betrafen.Was hat all das auf sich? Was meinte ihr Mutter damit? Diese Fragen gingen ihr ständig durch den Kopf. Sie fand keine Antworten auf diese Fragen, egal wie lange sie darüber nachgedacht hatte. Sie stellte den sauberen Topf in den Schrank zurück und öffnete ihre Schürze. Sie legte sie auf die Arbeitsfläche ab. „Ich mache jetzt eine kleine Pause Mama.“ „Bleib nicht zu lange draußen“, kam nur als Antwort. Sophie verließ die Küche, ging zu ihrem Spind und holte ihre F
Das gedämpfte Licht spiegelte sich in den Gläsern, das leise Stimmengewirr des Restaurants vermischte sich mit dem gedämpften Klirren von Besteck und Porzellan.Adrian saß aufrecht an einem makellos gedeckten Tisch im hinteren Bereich des Restaurants, abgeschirmt genug, um ungestört zu sprechen. Vor ihm stand ein Glas Wasser. Lucian ließ die Speisekarte sinken, lehnte sich leicht zurück und sah über den Tisch zu ihm.„Die Verträge mit dem Bürgermeister sind fast durch.“Adrian nickte ihm zu. „Wie erwartet.“Lucian musterte ihn kurz.„Im Dorf gibt es trotzdem Widerstand.“„Es gibt immer Widerstand.“Er kannte solche Reaktionen, dieser Widerstand überraschte ihn nicht. Ein Kellner trat an den Tisch, er hatte ein weißes Tuch über den Unterarm gelegt.„Was darf ich den beiden Herren bringen?“ „Wir hätten gerne ihre heutige Empfehlung, danke.“ „kommt sofort meine Herren. Die Karten nehme ich wieder mit.“ Der Kellner nahm den beiden die Karten ab und ging zurück um die Bestellung aufz
Sophie blieb noch einen Moment stehen und sah dem schwarzen Wagen nach, bis er am Ende der Straße zwischen dem Regen und den grauen Häusern verschwand. Erst dann löste sie den Blick, zog die Autotür auf und setzte sich hinein. Für einen Augenblick blieb sie einfach sitzen, die Hände noch am Lenkrad, während der Regen leise gegen die Scheiben trommelte.Neugier kann gefährlich werden.Seine Stimme hing ihr noch immer im Kopf. Genauso wie dieser Blick, jedesmal schaute er sie so an, als würde er mehr sehen als er sollte. Und die Art, wie er einfach gegangen war. Als hätte er das Gespräch in genau dem Moment beendet, in dem es ihm passte.Sophie atmete aus, startete den Motor und setzte sich in Bewegung.Greyhaven zog langsam an ihr vorbei. Nasse Straßen. Ein paar wenige Menschen mit hochgezogenen Jacken und Regenschirmen. Der Himmel noch immer schwer von Regenwolken, heute wird es bestimmt nicht mehr aufhören zu regnen. Eigentlich hätte es eine ganz normale Fahrt zurück sein sollen, ab
Kapitel 12 – Neugier„Wir begegnen uns erstaunlich oft.“Sophie zuckte zusammen und blieb stehen. Sie hatte doch extra gewartet, bis er weg war.Allein seine Stimme reichte aus, damit sich etwas in ihr anspannte. Langsam drehte sie sich in seine Richtung. Blackwood stand nur wenige Schritte entfernt, die Hände in den Manteltaschen, der Blick auf sie gerichtet.„Greyhaven ist nicht besonders groß“, sagte Sophie.Sein Mundwinkel zuckte etwas, als wäre da ein kleines Lächeln zu sehen gewesen. „Ist das Ihre Erklärung?“Sophie hob leicht die Augenbrauen.„Haben Sie eine bessere?“„Vielleicht“, sagte er und schaute ihr tief in die Augen. Bevor sie etwas erwidern konnte, fiel der erste Tropfen auf ihre Jacke.Dann noch einer.Sophie warf einen kurzen Blick nach oben.„Perfektes Timing“, murmelte sie.„Für wen?“Die Frage kam so ruhig, dass sie erst einen Moment später verstand, dass er es tatsächlich ernst gemeint hatte.Innerhalb weniger Sekunden wurde aus dem leichten Regen ein richtige











