LOGINMia Voss ist ein Omega — niemand, nichts, ein Schatten im Rudel. Kein Rang, keine Familie, keine Zukunft. Seit dem Tod ihrer Eltern lebt sie als Dienerin bei der mächtigen Familie Brenner, unsichtbar und vergessen. Lukas Brenner ist der gefährlichste Alpha des Schwarzwaldes — kalt, unnahbar, und begehrt von jeder Frau im Rudel. Beim großen Mondball geschieht das Unmögliche: Sein Wolf erkennt ausgerechnet Mia als seine Schicksalspartnerin. Doch das Schicksal ist grausam. Zwischen ihnen steht Lena Brenner — schön, mächtig und bereit, alles zu tun, um Mia zu vernichten. Und hinter Lukas dunklen Augen verbirgt sich ein Geheimnis, das alles verändern könnte. Kann eine Omega die Herz eines Alphas gewinnen — oder wird der Fluch sie für immer trennen?
View MoreDer Regen hörte nicht auf.
Mia zog die Schultern hoch und lief schneller, aber es nützte nichts mehr. Ihr Haar klebte ihr ins Gesicht, ihr billiger Kapuzenpullover war längst durchnässt. Der Kiesweg zum Anwesen schimmerte im Dunkel, und irgendwo hinter den Bäumen leuchtete der Vollmond durch die Wolken – groß, rund, unerbittlich. Heute Nacht war der Mondball. Sie hätte zu Hause bleiben sollen. Nein – sie hatte kein Zuhause. Sie hatte ein Zimmer unter dem Dach des Anwesens, eine schmale Matratze, einen Holzstuhl und einen Spiegel, der zu klein war, um darin ihr ganzes Gesicht zu sehen. Das war kein Zuhause. Das war eine Abstellkammer für Menschen, die niemand brauchte. Menschen wie Mia Voss. Sie war achtzehn, Omega, und die einzige Tochter von Eltern, die vor zehn Jahren gestorben waren. Seitdem lebte sie bei der Familie Brenner. Nicht als Gast. Nicht als Pflegekind. Als Hausangestellte – die jüngste, die billigste, die unsichtbarste. Sie putzte, kochte, wusch, schwieg. Und wenn Lena Brenner schlechte Laune hatte, tat sie so, als wäre Mia Luft. Meistens war das einfacher so. Sie erreichte das Vordach des Anwesens – und blieb stehen. Lena stand dort. Natürlich stand Lena dort. In einem silbernen Kleid, das aussah wie flüssiges Mondlicht, flankiert von Clara und Sophie, die beide so taten, als wären sie ihre Leibwächterinnen. Alle drei sahen Mia an. Lena lächelte – das Lächeln, das nie ihre Augen erreichte. „Du bist nass," sagte Lena. „Ich weiß," sagte Mia. „Du siehst schrecklich aus." „Ich weiß." Lena neigte den Kopf, wie eine Katze, die mit ihrer Beute spielt. „Du weißt, dass du heute Nacht nichts hier verloren hast, oder? Der Mondball ist für echte Mitglieder des Rudels. Nicht für—" sie machte eine Handbewegung, die Mia von Kopf bis Fuß erfasste, „—das." Clara kicherte. Sophie schaute weg. Mia schluckte. Sie kannte dieses Spiel. Wenn sie antwortete, wurde es schlimmer. Wenn sie schwieg, wurde es auch schlimmer – aber wenigstens schneller vorbei. Sie senkte den Blick, wich zur Seite aus und betrat das Anwesen durch den Seiteneingang, den Eingang, den nur die Bediensteten benutzten. Der Korridor roch nach Kerzenwachs und frischen Blumen. Der Ballsaal roch nach Macht. Mia blieb in der Nähe der Küchentür stehen und beobachtete alles aus sicherer Entfernung. Hunderte Kerzen. Seidenkleider in Grün und Schwarz und Silber. Männer, die aussahen, als wären sie aus einem anderen Jahrhundert herausgetreten – breit, dunkel, gefährlich. Die Energie im Raum war so dicht, dass Mia sie fast schmecken konnte. Und dann – Stille. „Das Rudel empfängt seinen Alpha." Die Menge teilte sich. Mia stellte sich auf die Zehenspitzen. Lukas Brenner war nicht so, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Sie hatte ihn zuletzt vor drei Jahren gesehen – kurz, flüchtig, aus der Distanz. Damals war er groß und ernst gewesen. Jetzt war er etwas anderes. Etwas, für das Mia kein Wort hatte. Er betrat den Saal wie jemand, der es gewohnt war, dass Räume sich um ihn herum veränderten – und Räume taten es tatsächlich. Die Luft wurde schwerer. Die Gespräche verstummten. Selbst die Kerzen schienen heller zu brennen. Sein Blick glitt durch die Menge. Und dann traf er Mias Augen. Es war wie ein Sturz. Nicht schmerzhaft – aber plötzlich und vollständig, so als hätte jemand den Boden unter ihr weggezogen. Ihr Herz machte einen seltsamen, holprigen Schlag. Ihre Fingerspitzen kribbelte. Irgendwo tief in ihrem Inneren regte sich etwas – leise, warm, und völlig fehl am Platz. Sie trat zurück. Stieß gegen die Wand. Blinzelte. Lukas Blick war bereits weitergeglitten. Ruhig. Ungestört. Als wäre nichts gewesen. Als hätte er sie nicht gesehen. Mia presste die Hand gegen ihre Brust und versuchte, normal zu atmen. Das war nichts. Das war der Vollmond. Das war die Magie, die heute Nacht in der Luft lag und alle ein bisschen verrückt machte. Das bedeutete gar nichts. Sie wiederholte es, bis sie es fast glaubte. Eine Stunde später wollte sie gehen. Sie hatte genug gesehen – genug von Lenas strahlendem Lächeln, genug von Lukas' undurchdringlichem Gesicht, genug von einem Abend, zu dem sie nie hätte kommen sollen. Sie legte die Hand auf die Küchentür. „Warte." Tiefe Stimme. Ruhig. Direkt hinter ihr. Mia erstarrte. Sie drehte sich langsam um. Lukas Brenner stand einen Schritt entfernt. Nur einen. Der Korridor war leer, der Lärm des Ballsaals gedämpft durch die geschlossene Tür. Seine dunklen Augen lagen auf ihr – diesmal ohne Ablenkung, ohne Publikum. Einfach nur er. Einfach nur sie. Mia vergaß, wie man atmet. „Wie heißt du?" fragte er. Sie schluckte. „Mia. Mia Voss." Irgendetwas in seinem Gesicht veränderte sich. Kaum merklich. Ein Anspannen des Kiefers. Ein kurzes Aufflackern hinter seinen Augen. „Mia Voss," wiederholte er leise. Und dann sagte er die vier Worte, die ihre Welt in zwei Hälften rissen. „Mein Wolf kennt deinen." Ende Kapitel 1Der Morgen nach der Hochzeit brachte keine Ruhe.Mia wachte auf, weil ihr Telefon vibrierte, früh, vor sieben, was niemand tat, der wusste, was gestern gewesen war.Sie sah den Namen.Reiter.Sie setzte sich auf.Lukas wachte auch auf, spürte ihre Bewegung.„Was ist?" fragte er.„Reiter," sagte Mia, und öffnete die Nachricht.Sie las sie zweimal.Dann reichte sie Lukas das Telefon.Die Nachricht lautete: Die Gruppe im Westen ist gespalten. Drei wollen jetzt sofort kommen, heute wenn möglich. Die vier anderen haben gedroht, alles öffentlich zu machen, wenn die drei gehen. Mit öffentlich meinen sie: an Eisenberg. Ich brauche eine Antwort.Lukas las es zweimal.Sah Mia an.„Das ist kein Zufall," sagte er. „Eisenberg."„Vielleicht," sagte Mia. „Vielleicht auch nur Angst, die einen Ausweg sucht."Sie stand auf.Der Hochzeitstag war vorbei.Das Leben war schon wieder da.---Sie riefen Reiter um halb acht zurück.Mia sprach, Lukas hörte zu, beide im Bett noch, die Decke um sie, die Aprilkäl
Der Morgen der Hochzeit kam grau.Nicht der freundliche Grau des frühen Morgens, der sich in Blau verwandelte, wenn die Sonne aufging. Ein echter Grau, der blieb. Die Wolken, die tief hingen und keine Absicht zeigten, sich zu bewegen.Mia stand am Fenster und sah hinaus.Der Garten. Der Apfelbaum, dessen Blüten im windstillen Grau anders leuchteten als im Sonnenlicht. Weicher. Echter.Das war in Ordnung.---Hedda kam kurz nach sechs.Das war früher als sonst.Sie trat durch die Hintertür, hängte den Mantel auf, sah Mia am Küchentisch.Sagte nichts.Setzte Wasser auf.Machte Kaffee.Stellte die Tasse vor Mia hin.Dann setzte sie sich.Auch das war ungewöhnlich. Hedda saß selten, wenn andere saßen.„Wie geht es dir?" fragte Hedda.Mia sah sie an.Die echte Frage. Nicht die höfliche.„Ich weiß es nicht," sagte Mia ehrlich.Hedda nickte.Das Nicken von jemandem, die das erwartet hatte.„Das ist richtig," sagte Hedda.„Warum?"„Weil jemand, der weiß, wie er sich an seinem Hochzeitstag füh
Klaus kam am zwanzigsten.Wie angekündigt.Mit Bello, der aus dem Taxi sprang und sofort zur Auffahrt lief, als wäre er nie weg gewesen, als wäre das Anwesen sein Territorium, das er kannte und das er begrüßte.Klaus stieg aus.Sah das Anwesen an.Dann sah er den Apfelbaum, der jetzt vollständig blühte, das Weiß der Blüten, das im Aprilmorgen leuchtete.„Ich bin pünktlich," sagte Klaus.„Ja," sagte Mia. „Der Baum auch."---Die Woche vor der Hochzeit war voll.Nicht mit Vorbereitung im aufwendigen Sinn. Mit dem Ankommen der Menschen. Mit dem Füllen des Anwesens, das sich anders anfühlte, wenn viele da waren.Alva kam am zweiundzwanzigsten.Lars holte sie vom Bahnhof.Sie trat durch die Haustür und blieb einen Moment stehen, den Geruch des Anwesens in sich aufnehmend, den sie kannte, weil sie jetzt öfter hier war.Dann sah sie Klaus.Die zwei kannten sich nicht.Aber das Kribbeln von Alva erkannte Klaus auf eine Art, die Mia interessant fand.Nicht das Mondwächterwissen.Das Blut.Alva
Es begann mit einem Telefonat.Mia hörte es nicht. Sie war im Garten, der Apfelbaum, die Blüten, die täglich mehr wurden. Lukas war drin, im Arbeitszimmer, die Tür geschlossen.Das war nicht ungewöhnlich.Lukas führte viele Gespräche, als Alpha, als Mensch, als jemand, der Verantwortung trug, die nicht aufhörte, nur weil Eisenberg gegangen war.Was ungewöhnlich war, war sein Gesicht, als er rauskam.Mia sah ihn durch das Küchenfenster kommen.Das Kribbeln registrierte ihn, wie es ihn immer registrierte, die vertraute Frequenz.Aber die Frequenz war anders.Nicht alarm. Nicht gefährlich.Schwerer.---Sie wartete.Das hatte sie gelernt. Nicht sofort fragen. Ihm Zeit geben, das zu sagen, wenn er bereit war.Lukas setzte sich.Hedda brachte Kaffee, ohne gefragt zu werden, weil Hedda das tat.Er trank.Schwieg.Dann: „Das war Eisenberg."Mia sah ihn an.„Er hat dich angerufen?"„Ja."„Was wollte er?"Lukas sah auf die Tasse.Das war das Zeichen. Wenn Lukas auf die Tasse sah, war das, was











