ANMELDENAm nächsten Morgen war das Gasthaus ruhiger als sonst. Sophie hatte in der Nacht kaum geschlafen. Immer wieder dachte sie an die drei Männer vom Vortag. An ihre ruhigen Stimmen. An die Art, wie sie gesprochen hatten, als wären sie sich sicher, dass alles genauso kommen würde, wie sie es wollten. Und an den einen Satz, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging.
Die bleibt. Sophie stellte die frischen Tassen auf den Tresen und schaltete die Kaffeemaschine ein. Das vertraute Geräusch erfüllte den Raum, doch heute beruhigte es sie nicht. Kurz darauf kam ihre Mutter aus dem Hinterraum und band sich die Schürze um. „Du bist früh heute“, sagte sie. „Konnte nicht mehr schlafen.“ Ihre Mutter sah sie einen Moment an. „Immer noch wegen gestern?“ Sophie zuckte leicht mit den Schultern. „War ein komischer Tag.“ „Hier gibt es viele komische Tage“, murmelte ihre Mutter und griff nach der Kaffeekanne. Einen Moment lang blieb ihr Blick an ihr hängen. „Und… der Arzt?“, fragte Sophie schließlich. Ihre Mutter hielt nur einen Augenblick inne. „War nichts“, sagte sie dann ruhig. „Nur Kontrolle.“ Bevor sie weiter nachfragen konnte, klingelte die Glocke über der Tür. Mr. Collins trat herein, zog sich die Jacke aus und nickte ihnen zu, bevor er wie selbstverständlich zu seinem Stammplatz am Tisch in der Mitte ging. Hinter ihm kam Mr. Carter herein, dicht gefolgt von Mr. Doyle, der sich über die Kälte beschwerte, noch bevor die Tür richtig zu war. „Morgen“, sagte Collins und setzte sich. „Mach mir bitte gleich einen Kaffee, Sophie.“ „Wie immer“, antwortete sie und griff nach den Tassen. Noch während sie einschenkte, öffnete sich die Tür erneut. Mrs. Harper kam herein, der Mantel noch halb geschlossen, als hätte sie es eilig gehabt. „Habt ihr’s schon gehört?“, fragte sie, noch bevor sie richtig saß. Mr. Doyle sah sie an. „Wenn du das Gleiche meinst wie alle anderen, dann ja.“ „Der Harris hat verkauft“, sagte sie leise. Sophie hielt kurz inne, goss dann weiter Kaffee ein. „Unsinn“, meinte Carter. „Der wollte das Land seinem Sohn geben.“ „Wollte er auch“, sagte Mrs. Harper. „Und trotzdem hat er unterschrieben.“ Sophie stellte die Tassen auf ein Tablett und brachte sie zum Tisch. „Bitte.“ „Danke, Mädchen“, murmelte Collins. Sophie nickte knapp, blieb noch einen Moment in ihrer Nähe stehen. „Für das Geld, würde hier jeder überlegen“, sagte Doyle. Collins schüttelte langsam den Kopf. „Oder er hatte keine Wahl.“ Für einen Moment wurde es still. „Gestern stand ein schwarzer Wagen vor dem Rathaus“, sagte Mrs. Harper. „Hab ich selbst gesehen.“ „Hab ich auch gesehen“, meinte Carter. „Und nicht nur den Wagen.“ Er sah kurz zum Tresen, dann wieder zu den anderen. „Drei Fremde waren gestern hier im Gasthaus.“ Sophie spürte ein Ziehen in ihrer Brust. Ihre Mutter hob den Blick. „Ja. Waren sie.“ „Schwarze Mäntel?“ „Ja.“ Carter nickte langsam. „Dann waren das seine Leute.“ Sophie wandte sich ab, ging zurück zum Tresen und griff nach den Gläsern, um sie ins Regal zu stellen. „Wessen Leute?“, fragte sie. Collins sah zu ihr. „Von dem, der hier alles aufkauft.“ Eine kurze Pause. Dann sagte Mrs. Harper leiser: „Blackwood.“ Für einen Moment sagte niemand etwas. Selbst das Klirren der Tassen schien plötzlich zu laut. „So ein Projekt fällt nicht einfach vom Himmel“, sagte Doyle schließlich. „Ich habe gehört, er will ein Hotel bauen“, meinte Carter. „Nicht nur ein Hotel“, erwiderte Collins ruhig. „Seine Firma soll sich hier auch ansiedeln.“ „Und neue Häuser“, fügte Mrs. Harper hinzu. „Am Ortsrand.“ Sophie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Unwillkürlich musste sie an gestern denken. Das Haus am Ortsrand gehört auch dazu. Sie griff nach einem Glas, obwohl sie längst fertig war. „Wenn das so weitergeht“, sagte Mrs. Harper, „gehört bald das ganze Dorf diesem Mann.“ „Vielleicht gehört es ihm längst“, murmelte Doyle. Collins nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse langsam ab. Sein Blick wanderte durch den Gastraum, blieb kurz am Tresen hängen. Dann sagte er: „Und was ist mit dem Gasthaus hier?“ Sophie sah auf. Ihre Mutter antwortete direkt, aber ihre Stimme war fester als sonst. „Was soll damit sein?“ Collins hob leicht die Schultern. „Ich habe nur gehört, dass sie für das Hotel mehr Platz brauchen.“ „Gerede“, sagte ihre Mutter. „Vielleicht“, meinte Doyle. „Vielleicht aber auch nicht.“ Carter beugte sich ein Stück vor. „Wenn genug Geld dahintersteckt, nimmt er sich, was er braucht.“ Niemand widersprach. Draußen fiel eine Autotür ins Schloss. Stimmen hallten über die Straße, dann wurde es wieder still. Sophie legte das Geschirrtuch neben die Spüle und sah kurz zum Fenster hinaus. Der Himmel war grau, der Wind kam vom Meer. Alles sah aus wie immer. Und trotzdem fühlte es sich nicht mehr so an.Der Abend verging langsamer als sonst. Vielleicht lag es daran, dass Sophie mit den Gedanken immer wieder von der Arbeit abschweifte. Oder daran, dass ihre Mutter seit dem Gespräch kaum mehr als das Nötigste mit ihr sprach.Diese Worte gingen ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf.Mit dieser Familie bringt Nähe nur Probleme.Je öfter Sophie darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihr dieser Satz. Ihre Mutter sprach nie so. Nicht in Andeutungen.Nicht in halben Wahrheiten.Nicht, wenn es um Dinge ging, die Sophie betrafen.Was hat all das auf sich? Was meinte ihr Mutter damit? Diese Fragen gingen ihr ständig durch den Kopf. Sie fand keine Antworten auf diese Fragen, egal wie lange sie darüber nachgedacht hatte. Sie stellte den sauberen Topf in den Schrank zurück und öffnete ihre Schürze. Sie legte sie auf die Arbeitsfläche ab. „Ich mache jetzt eine kleine Pause Mama.“ „Bleib nicht zu lange draußen“, kam nur als Antwort. Sophie verließ die Küche, ging zu ihrem Spind und holte ihre F
Das gedämpfte Licht spiegelte sich in den Gläsern, das leise Stimmengewirr des Restaurants vermischte sich mit dem gedämpften Klirren von Besteck und Porzellan.Adrian saß aufrecht an einem makellos gedeckten Tisch im hinteren Bereich des Restaurants, abgeschirmt genug, um ungestört zu sprechen. Vor ihm stand ein Glas Wasser. Lucian ließ die Speisekarte sinken, lehnte sich leicht zurück und sah über den Tisch zu ihm.„Die Verträge mit dem Bürgermeister sind fast durch.“Adrian nickte ihm zu. „Wie erwartet.“Lucian musterte ihn kurz.„Im Dorf gibt es trotzdem Widerstand.“„Es gibt immer Widerstand.“Er kannte solche Reaktionen, dieser Widerstand überraschte ihn nicht. Ein Kellner trat an den Tisch, er hatte ein weißes Tuch über den Unterarm gelegt.„Was darf ich den beiden Herren bringen?“ „Wir hätten gerne ihre heutige Empfehlung, danke.“ „kommt sofort meine Herren. Die Karten nehme ich wieder mit.“ Der Kellner nahm den beiden die Karten ab und ging zurück um die Bestellung aufz
Sophie blieb noch einen Moment stehen und sah dem schwarzen Wagen nach, bis er am Ende der Straße zwischen dem Regen und den grauen Häusern verschwand. Erst dann löste sie den Blick, zog die Autotür auf und setzte sich hinein. Für einen Augenblick blieb sie einfach sitzen, die Hände noch am Lenkrad, während der Regen leise gegen die Scheiben trommelte.Neugier kann gefährlich werden.Seine Stimme hing ihr noch immer im Kopf. Genauso wie dieser Blick, jedesmal schaute er sie so an, als würde er mehr sehen als er sollte. Und die Art, wie er einfach gegangen war. Als hätte er das Gespräch in genau dem Moment beendet, in dem es ihm passte.Sophie atmete aus, startete den Motor und setzte sich in Bewegung.Greyhaven zog langsam an ihr vorbei. Nasse Straßen. Ein paar wenige Menschen mit hochgezogenen Jacken und Regenschirmen. Der Himmel noch immer schwer von Regenwolken, heute wird es bestimmt nicht mehr aufhören zu regnen. Eigentlich hätte es eine ganz normale Fahrt zurück sein sollen, ab
Kapitel 12 – Neugier„Wir begegnen uns erstaunlich oft.“Sophie zuckte zusammen und blieb stehen. Sie hatte doch extra gewartet, bis er weg war.Allein seine Stimme reichte aus, damit sich etwas in ihr anspannte. Langsam drehte sie sich in seine Richtung. Blackwood stand nur wenige Schritte entfernt, die Hände in den Manteltaschen, der Blick auf sie gerichtet.„Greyhaven ist nicht besonders groß“, sagte Sophie.Sein Mundwinkel zuckte etwas, als wäre da ein kleines Lächeln zu sehen gewesen. „Ist das Ihre Erklärung?“Sophie hob leicht die Augenbrauen.„Haben Sie eine bessere?“„Vielleicht“, sagte er und schaute ihr tief in die Augen. Bevor sie etwas erwidern konnte, fiel der erste Tropfen auf ihre Jacke.Dann noch einer.Sophie warf einen kurzen Blick nach oben.„Perfektes Timing“, murmelte sie.„Für wen?“Die Frage kam so ruhig, dass sie erst einen Moment später verstand, dass er es tatsächlich ernst gemeint hatte.Innerhalb weniger Sekunden wurde aus dem leichten Regen ein richtige
Das graue Morgenlicht fiel durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen, als Sophies Wecker klingelte. Sie schaltete ihn aus und blieb noch einen Moment liegen, den Blick an die Decke gerichtet. Von unten drangen die vertrauten Geräusche aus der Küche zu ihr herauf. Schritte, klirrendes Geschirr. Schließlich schlug sie die Decke zurück, setzte sich auf und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Sie zog sich ihren Pullover über, der über ihren Stuhl hing, nahm eine Hose aus dem Kleiderschrank und ging ins Badezimmer. Sie stellte sich vor den Spiegel und drehte den Wasserhahn auf. Das kalte Wasser auf ihrem Gesicht machte sie wacher, zumindest ein bisschen. Sie putzte sich die Zähne, band ihre kupferfarbenen Haare zu einem lockeren Knoten zusammen und strich ein paar lose Strähnen zurück.Immer noch müde. Mit einem letzten Blick in den Spiegel verließ sie das Badezimmer und ging nach unten. Ihre Mutter stand bereits in der Küche, wie an jedem Morgen. Normalerweise war sie um
Der Abend setzte langsam ein, draußen fing es an zu dämmern. Das Licht im Gasthaus wurde wärmer. Weniger Gäste als am Vormittag, dafür längere Gespräche, ruhigeres Stimmengewirr. Sophie stand hinter dem Tresen und polierte Gläser, als eine kleine Familie hereinkam. Sie stellte das Glas zur Seite, das Handtuch legte sie auf den Tresen. Sie ging auf die Familie zu.„Guten Abend, für drei?“ „Guten Abend, ja genau.“ „Hier drüben bitte“, sagte Sophie und zeigte auf einen leeren Tisch. Die Familie legte ihre Jacken ab und setzte sich. In der Zeit ging Sophie zum Tresen und holte drei Karten, sie brachte sie zu der Familie.„Darf es schon was zu trinken sein?“ „Ja, ich hätte gerne ein Wasser.“ sagte die Frau. „Ich möchte eine Apfelschorle.“ sagte die Tochter leise. „Ich nehme ein Weizen.“ brummte der Mann. „Kommt sofort“, sagte sie und ging zurück zum Tresen. Sophie nahm das Tablett, stellte drei Gläser darauf ab und goss die bestellten Getränke ein. Sie nahm das Tablett hoch und bra
Sophie hatte schon lange das Gefühl, dass sie sich im Kreis drehte, während alle anderen ihren Weg längst gefunden hatten. Die Tage vergingen, einer nach dem anderen, ohne dass sich wirklich etwas veränderte. Jeder Morgen begann gleich, jede Woche fühlte sich an wie die letzte, und manchmal fragte
Der Blick ging ihr nicht aus dem Kopf. Selbst als Sophie längst zuhause war, die Jacke abgelegt hatte und das Licht gelöscht war. Sie lag wach, starrte an die Decke und versuchte die Gedanken abzuschütteln. Es war nur ein Blick gewesen. Mehr nicht. Trotzdem fühlte es sich falsch an, dass diese Männ
Der Saal des Rathauses war bereits gefüllt, als Sophie eintrat. Gedämpfte Stimmen lagen in der Luft, die nach und nach verstummten, während sich Blicke hoben. Stühle standen dicht an dicht, die Reihen fast vollständig besetzt. Einige Dorfbewohner standen an den Wänden, die Arme verschränkt, als wür
Morgenlicht zog sich durch die kleine Küche im Haus ihrer Mutter. Auf dem Küchentisch stand noch die Kaffeekanne vom Vorabend, daneben eine Tasse, die niemand weggeräumt hatte.Sophie blieb im Türrahmen stehen. Irgendetwas daran hielt sie einen Moment fest. Kurz darauf trat sie näher an den Tisch h







