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Kapitel Sechs

last update publish date: 2026-09-05 00:10:05

Lucias Perspektive

Ich verstehe nicht, wovon Damien spricht. Verwirrt sah ich ihn an.

„Was meinst du damit?“, fragte ich.

Er sah mich an, ohne seinen durchdringenden Blick zu verlieren.

„Tu einfach weiter so und spiel ruhig die Unschuldige. Aber mich kannst du nicht täuschen, denn du bist genauso verdorben wie deine Familie.

„Du trägst diese trügerische und widerwärtige Fassade mit dir herum – etwas, worin die Romanos sehr gut sind.“

„Meine Familie?“ Ich runzelte die Stirn. „Mein Vater war ein guter Mann.“

Damien lachte erneut.

„Gut inwiefern? Definiere ‚gut‘, Lucia.“

Ich versuchte zu sprechen, aber es kam kein Ton heraus. Ich durchforstete mein Gehirn nach einer Antwort, nach irgendetwas, das mir hier helfen würde, aber das Einzige, was mir einfiel, war Schmerz.

Ich öffnete erneut den Mund, um zu sagen, dass der Schmerz gut ist, aber jedes Mal, wenn das Wort meinen Mund verlassen wollte, schnürte sich meine Kehle zusammen, und das Wort, das ich so verzweifelt herausbringen wollte, blieb stecken.

Meine Zunge krallte sich an die Innenseite meiner Kehle, bevor sie es schaffte, aus mir herauszurutschen.

Ich schloss den Mund.

„Das habe ich mir gedacht“, stellte Damien trocken fest.

„Du kannst nicht einmal das Wort ‚gut‘ definieren, und dennoch behauptest du, es treffe auf deine verdorbene Blutlinie zu.“

Er neigte den Kopf, als wäre ihm gerade ein Gedanke gekommen.

„Es gibt eine Sache, der ich nur zustimmen kann, eine Sache, wie dein Vater dich früher genannt hat.“

Er schien innezuhalten und angestrengt nachzudenken.

„Wie war das noch mal …“

Ein selbstgefälliges Lächeln begann, seine Mundwinkel zu ziehen.

„Ah …, ich erinnere mich an diese Worte. Versager.“

Dieses Wort traf mich härter als tausend Ohrfeigen; es schien in mir nachzuklingen, als würde es niemals aufhören.

„Das warst du schon immer, und das wirst du auch immer bleiben.“

Meine Brust zog sich so stark zusammen, dass es sich anfühlte, als würden unsichtbare Arme mein Herz umschlingen.

Es war so eng, dass keine Luft mehr in meine Lungen gelangen konnte; meine Atemzüge wurden kurz und flach.

Ich habe diese Worte schon oft von meiner Familie gehört, und obwohl sie jedes Mal wehtaten, traf es mich in dem Moment, als die Worte Damiens Mund verließen, härter als wenn sie von meiner Familie gekommen wären.

Meine Augen verschwammen, aber das bedeutete nicht, dass sie die tiefe Wunde nicht sehen konnten, die sich in meiner Brust auftat, wo niemand den schmerzhaften Schmerz sehen konnte, den sie verursachte.

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Ich … ich bin kein Versager“, stammelte ich.

Noch während die Worte aus mir herauskamen, fühlten sie sich so schwach an, so verloren in der unermesslichen Leere meines Schmerzes, während ich versuchte, mich selbst davon zu überzeugen – aber Gott, ich habe es versucht. Herr, ich habe mich so sehr bemüht.

„Wir wissen beide, dass das eine Lüge ist“, sagte Damien.

Ich weiß es, ich wusste es verdammt noch mal, und ich wollte nicht, dass mir noch jemand anderes das sagt.

Denn tief in meinem Inneren wusste ich – egal, wie sehr ich versuchte, mich selbst davon zu überzeugen –, dass ich ein Versager bin und es immer bleiben werde.

Ich habe mich so verdammt sehr bemüht, nicht zu weinen, als Damien mir diese brutalen Worte entgegen schleuderte.

Aber verdammt, es tat weh.

Gott, es tat so verdammt weh.

Sofort presste ich meine Hände auf meinen Mund, ein verzweifelter Versuch, den Klang der Tränen auszublenden.

Ich hasste das; ich hasse das so sehr.

Was hatte ich nur getan?

Das allein machte mich wütend und traurig zugleich. In meiner Wut und meinem Schmerz merkte ich erst, nachdem ich die Worte ausgesprochen hatte, dass ich geschrien hatte – während er auf die Tür zustürmte.

„Wenn ich ein Versager bin …“, schrie ich, und meine Stimme brach vor Wut.

„Dann bist du es auch!“

Damien blieb wie angewurzelt stehen.

„Du bist ein Versager, genau wie vor acht Jahren.“

Das ließ ihn erstarren; ich wollte ihm wehtun. Ich wollte, dass er nur einen Bruchteil des Schmerzes spürte, den ich empfand.

Wenn ich ertrinken würde, würde er mit mir ertrinken.

Damien drehte sich blitzschnell um und stürmte auf meinen Käfig zu, wobei er die Gitterstäbe so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß wurden.

„Was zum Teufel weißt du schon über vor acht Jahren?!“, brüllte er.

Ich sah, wie ein kurzer Blitz in seinen Augen aufblitzte.

Schmerz? Ich war mir nicht sicher, aber verdammt, es fühlte sich so gut an. So verdammt gut.

Ein Lachen entfuhr mir.

„Du bist auch ein verdammter Versager, Damien.“

Ich sah ihm direkt in die Augen. „Der Unterschied zwischen dir und mir …“ Ich machte eine dramatische Pause. „… ist, dass du weggelaufen bist, du bist weggelaufen, und jetzt kommst du nach acht Jahren zurück.“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Halt verdammt noch mal die Klappe!“, brüllte er. Ihn so aufgebracht und wütend anzusehen, bereitete mir ein krankhaftes Vergnügen.

„Ahh … ich verstehe, darum geht es also.“

Es war jedes schmerzhafte Wort wert, den Hass in seinen Augen zu sehen, zu sehen, wie wütend er war.

„Weißt du was, Damien, ich bereue verdammt noch mal nichts.“

Ich erwiderte seinen Blick, ohne zu blinzeln. „Eigentlich wünschte ich mir, du wärst zusammen mit diesen verdammten Parasiten gestorben, die du Eltern nanntest.“ Diese Worte sprudelten mir aus dem Mund, und sofort veränderte sich etwas.

Noch nie zuvor hatte ich so reinen Hass und so reine Wut in den Augen eines Menschen gesehen.

Sein Gesicht verdunkelte sich, und ohne ein Wort zu sagen, griff er in seine Tasche, holte einen Schlüssel heraus, schloss die Tür auf und trat dann ein.

Mein Instinkt sagte mir, ich solle zurückweichen, aber ich konnte nirgendwo hin. Im Nu stand er vor mir.

Ich sprang auf und versuchte zu fliehen, doch seine Hand schoss hervor und rammte mich hart auf den Boden.

Der Schlag raubte mir den Atem. Ich wehrte mich gegen ihn und versuchte, ihn wegzustoßen, aber ich schaffte es nicht.

Seine Hand schlang sich um meine Kehle und drückte mir das Leben aus dem Leib.

Ich bekam keine Luft mehr; mein Blick verschwamm. Vielleicht, nur vielleicht, sollte ich sterben; das wäre besser als jeden Tag aufzuwachen und nicht zu wissen, was Damien mir antun würde.

Meine Brust zog sich noch weiter zusammen.

Die wenige Luft, die noch in meinen Lungen war, verflüchtigte sich. Es war mir egal. Mit meiner letzten Kraft gelang es mir, einen letzten Atemzug auszustoßen: „… des… äh… ved.“

Das Wort erstarb auf meinen Lippen; sein Gesichtsausdruck veränderte sich, und gerade als die Welt um mich herum verschwand, riss jemand Damien von mir weg.

Ich schnappte nach Luft und holte tief in meine brennenden Lungen ein.

Ich hustete heftig, und meine Brust fühlte sich an, als würde sie vor Schmerz zerbrechen. Stimmen hallten durch den Raum, wütendes italienisches Geschwätz, von dem ich kein einziges Wort verstand.

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, dass Damien sich beruhigt hatte; eine unheimlich beunruhigende Stille senkte sich nun um uns herum.

Der Mann, der neben ihm stand – derjenige, der mich gezwungen hatte, den Tod meiner Eltern mitanzusehen –, sagte etwas in schnellem Italienisch zu Damien.

Damiens Augen brannten immer noch, doch wenige Sekunden später hatte der Mann zu Ende gesprochen, und Damien nickte einmal kurz und scharf.

Mein Tod würde also noch warten müssen.

Damiens Blick kehrte zu mir zurück, seine Wut schwand langsam, bis seine Augen wieder leer und kalt waren.

Er sagte nichts und verließ den Raum.

Der andere Mann machte einen Schritt auf meinen Käfig zu, und Entsetzen überkam mich. Ich versuchte, mich weiter zurückzuziehen, kroch rückwärts über den kalten Fliesenboden, doch er war schneller, als ich erwartet hatte.

Er packte mich an den Haaren und riss daran. Ich stieß einen erstickten Schrei aus, als ein scharfer Stich meine Halsseite durchzuckte.

Er hatte mir erneut eine Spritze verabreicht, und der Raum begann zu verschwimmen.

Meine Sicht verschwamm, als ich spürte, wie mein Bewusstsein zum zweiten Mal schwand.

Das Letzte, was ich hörte, bevor ich der Dunkelheit erlag, war: „Behalte diese Energie bei, Lucia, denn diesen Krieg, den du begonnen hast, wirst du hoffentlich auch zu Ende führen können.“

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