Mag-log inLyra spürte ihn, bevor sie ihn sah.
Es war kein Geräusch, kein sichtbarer Schatten zwischen den Bäumen. Es war ein Druck auf ihrer Brust, als hätte die Luft selbst beschlossen, schwerer zu werden. Der Wald hielt den Atem an. Ihr eigener Atem verlangsamte sich, wurde kontrolliert, geschult – und doch spannte sich ihr Körper an. Nicht aus Angst. Aus Instinkt. Da ist etwas. Nein. Jemand. Der Wald war ihr vertraut. Jeder Pfad, jede Wurzel, jeder Geruch war Teil ihres Territoriums. Sie war hier aufgewachsen, hatte hier trainiert, gekämpft, geblutet. Doch dieser Geruch war neu. Dunkel. Warm. Maskulin. Er legte sich über ihre Sinne wie eine unsichtbare Hand, die nicht fragte, ob sie bleiben durfte. Lyra blieb stehen. Ihre Ausbildung schrie nach Kontrolle. Nach Rückzug. Nach einem knappen Handzeichen für die Wachen, die nur wenige Meter entfernt patrouillierten. Nach Pflicht. Nach Vernunft. Doch ihr Blut… ihr Blut reagierte anders. Es zog sie nach vorn. Tiefer zwischen die Bäume. Weg von Blicken. Weg von Regeln. Weg von der Krone. „Zeig dich“, sagte sie laut. Ihre Stimme war ruhig. Autoritär. Die Stimme einer zukünftigen Königin. Doch unter der Oberfläche vibrierte etwas Ungezähmtes. Eine Hitze, die nichts mit der Nachtluft zu tun hatte. Ihre Sinne waren geschärft, jede Faser ihres Körpers auf Spannung. Dann trat er aus dem Schatten. Groß. Breitschultrig. Seine Bewegungen waren kontrolliert, effizient – wie die eines Raubtiers, das nicht hetzen musste, weil es wusste, dass seine Präsenz reichte. Seine Augen trafen ihre. Dunkel. Wach. Voll einer Müdigkeit, die nur Männer kannten, die zu viel verloren und trotzdem weitergelebt hatten. Riven. Sie kannte seinen Namen nicht. Und doch kannte sie ihn. Ihr Körper erkannte ihn, bevor ihr Verstand folgen konnte. Ein Schock durchfuhr sie, heiß und elektrisierend. Ihr Herz schlug schneller, tiefer. Ihr Atem wurde schwerer, ohne dass sie es verhindern konnte. Er blieb stehen. Genau weit genug entfernt, um keine offene Bedrohung zu sein. Nah genug, um alles zu verändern. „Du solltest nicht allein hier sein“, sagte er. Seine Stimme war tief. Rau. Nicht unterwürfig. Nicht fordernd. Eine Feststellung. Und allein das ließ etwas in ihr erzittern. Niemand sprach so mit ihr. Niemand wagte es. „Das ist mein Land“, erwiderte Lyra. Ihr Kinn hob sich minimal. „Ich gehe, wo ich will.“ Ein kaum sichtbares Lächeln zuckte über seine Lippen. Kein Spott. Anerkennung. „Das habe ich gerochen.“ Ihre Augen verengten sich. Ein falsches Wort, und sie würde ihn niederstrecken. Doch ihr Körper… ihr Körper lehnte sich unmerklich nach vorn. Ihre Haut kribbelte, als würde sie sich an seine Nähe erinnern wollen. Jeder Nerv stand unter Spannung. Sie musterten einander. Zwei Alphas. Zwei Gewalten. Die Welt zwischen ihnen spannte sich wie ein unsichtbares Seil. Lyra spürte es zuerst. Dieses Ziehen. Tief. Uralt. Als würde etwas Unsichtbares nach ihr greifen und sich fest um ihr Innerstes legen. Es war kein Besitz. Keine Forderung. Es war Erkennung. Ihr Atem stockte, ihr Puls raste. Ihre Ausbildung hatte sie auf vieles vorbereitet – aber nicht darauf. Gefährte. Der Gedanke traf sie wie ein Schlag. Verboten. Unmöglich. Gefährlich. Ihr Vater würde ihn töten lassen, ohne zu zögern. Eine Alphaprinzessin durfte nicht binden, bevor sie Königin war. Und schon gar nicht an einen herrenlosen Alpha. Riven spürte es ebenfalls. Sie sah es an der Art, wie seine Schultern sich spannten. Wie seine Augen kurz aufblitzten, als würde er innerlich kämpfen. Gegen Instinkt. Gegen Hunger. Gegen etwas, das stärker war als Wille. „Du bist…“, begann er und brach ab. Schluckte. Seine Stimme war tiefer, rauer. „…gebunden an eine Krone.“ „Und du bist eine Gefahr“, antwortete sie – zu schnell, zu scharf. Ein Schritt. Er kam näher. Nicht bedrohlich. Herausfordernd. Ihre Haut brannte dort, wo er hätte sein können. Ihr Körper reagierte verräterisch auf seine Nähe. Hitze sammelte sich in ihr, ließ ihre Gedanken verschwimmen. „Für dich?“, fragte er leise. Lyra hob die Hand. Stoppte ihn. Berührte ihn nicht. Ihre Finger zitterten kaum merklich. Wut auf sich selbst flackerte auf. Und darunter… Verlangen. Roh. Machtvoll. Nicht nach Unterwerfung – sondern nach Gleichgewicht. „Wenn mein Vater dich findet“, sagte sie, „wirst du sterben.“ Riven hielt ihrem Blick stand. Keine Angst. Keine Bitte. „Dann sterbe ich wissend“, antwortete er ruhig, „dass ich dich gefunden habe.“ Die Worte trafen sie härter als jede Drohung. Ihr Atem stockte. Ihr Blut sang. Für einen Moment vergaß sie alles. Die Regeln. Die Krone. Die Welt. Dann riss sie sich los. „Geh“, befahl sie. Ihre Stimme bebte kaum hörbar. „Jetzt.“ Riven zögerte. Ein langer, gefährlicher Augenblick. Dann nickte er langsam. „Das hier ist nicht vorbei“, sagte er. „Egal, was dein Vater will.“ Er verschwand so lautlos, wie er gekommen war. Lyra blieb zurück. Zitternd. Brennend. Mit dem sicheren Wissen, dass sie gerade nicht nur einem Mann begegnet war – sondern ihrem Schicksal. Und dass ihr Vater alles daran setzen würde, es zu zerstören.Die Nacht legte sich schwer auf die Halle der Schwüre, wie ein schwarzer Vorhang, der das Licht verschluckte. Lyra spürte jeden Atemzug von Riven, jede Bewegung der Bestie, die unter seiner Haut lauerte. Das Band pulsierte stärker als je zuvor, ein unsichtbares, vibrierendes Netz aus Macht und Instinkt, das sie alle miteinander verband. Die Prüfungen des Königs hatten nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten auf die Probe gestellt, sondern ihr Vertrauen, ihre Geduld und die Kontrolle über das Band selbst.Sie stand in der Mitte der Halle, der Blick auf den König gerichtet, der auf seinem Thron saß wie ein Schatten aus Stahl. Die Fackeln flackerten, als wollten sie die Dunkelheit noch dichter machen. Jeder Schritt, den Lyra wagte, jeder Atemzug, wurde von der Bestie analysiert, von Riven gespürt und von ihr gelenkt. Es war ein Tanz aus Kontrolle und Instinkt, der nur funktionieren konnte, weil sie bereit war, mehr als nur ihre Angst zu akzeptieren.„Ihr habt das erste Spiel überlebt“, b
Die Halle war still, nur das Knistern der Fackeln und das entfernte Tropfen von Wasser hallte über den kalten Steinboden. Lyra spürte, dass die Ruhe trügerisch war. Jeder Atemzug konnte ihr letzter sein, jeder Herzschlag verriet Angst, die der König gnadenlos ausnutzen würde. Die Bestie in Riven war wach, lauernd, wie ein Schatten hinter seinem Atem. Lyra konnte die Welle der Instinkte spüren, die durch ihn floss – das Band reagierte sofort, pulsierte unter ihrer Haut, als hätte es die Gefahr bereits gerochen, bevor sie selbst sie wahrgenommen hatte.Ein Diener trat aus dem Schatten, schleppte einen schweren Krug. Das Geräusch von Metall auf Stein ließ die Luft vibrieren. Lyra erkannte sofort das Ritual: Blutopfer. Ein uraltes Zeichen der Loyalität, das der König verlangte, um Macht und Gehorsam zu prüfen.„Alphaprinzessin Lyra“, sagte der Diener und neigte sich leicht. „Du musst das Ritual vollziehen.“Lyra blieb stehen. Ihre Hand zitterte nicht. Nicht aus Angst, sondern aus wilder,
Die Halle war noch immer erfüllt vom Nachhallen der Worte des Königs. Doch die Stille war trügerisch. Jeder Schatten, jedes Flackern der Fackeln konnte ein Signal sein, ein Zeichen von Verrat, ein verstecktes Messer. Lyra spürte die Bestie in Riven wie nie zuvor. Sie reagierte auf kleinste Bewegungen, auf den Herzschlag der Wachen, auf die unsichtbaren Schwingen des drohenden Chaos.„Bereit?“ flüsterte Riven. Seine Stimme war rau, knapp, doch hinter dem Ton lag das Wissen um die Gefahr. Seine Finger zuckten leicht, als wollte die Bestie jederzeit losbrechen.Lyra nickte, ihre Hand fest an seiner. Sie spürte die pulsierende Macht des Bandes. Nicht nur Verbindung – Kontrolle und Vertrauen, eine gefährliche Mischung. Jeder Schritt vorwärts fühlte sich wie ein Balanceakt auf einer Messerklinge an.Der König trat zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Eure erste Aufgabe“, verkündete er, „ist nicht zu fallen – physisch oder geistig. Die Fallen sind zahlreich, die Illusionen tücki
Die Halle der Schwüre wirkte größer und bedrohlicher, als Lyra es je in Erinnerung gehabt hatte. Hochgewölbte Decken aus dunklem Holz, durchzogen von Runen, die das flackernde Licht der Fackeln aufsogen, ließen jeden Schritt hallen, als ob die Wände selbst atmeten. Sie spürte sofort, dass dies kein Ort für einfache Rituale oder höfische Höflichkeiten war – dies war ein Reich der Macht, der Kontrolle und der Urteile.Riven folgte dicht hinter ihr. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt wie ein gespannter Bogen. Die Bestie unter seiner Haut lag wachsam, ihre Sinne jede Bewegung in der Halle abtastend. Es war nicht nur die Wachen und der König, die sie beobachteten – die Bestie spürte jede Absicht, jeden Schatten, jedes verborgene Urteil. Lyra konnte die Spannung in ihm fühlen und ließ sich dennoch nicht einschüchtern.Am Ende der Halle stand der König selbst. Seine Präsenz war überwältigend, als er reglos hinter dem Thron stand. Die Krone glänzte matt im Fackelschein, ein Symbol d
Der König erwachte nicht schweißgebadet.Er tat das nie.Er öffnete die Augen in vollkommener Ruhe, als hätte etwas ihn gerufen, nicht erschreckt. Die Halle war still, das Feuer niedergebrannt, die Wachen ahnungslos. Doch tief unter seiner Brust lag ein Ziehen, alt und vertraut.Etwas hatte sich verschoben.Er setzte sich auf, langsam, würdevoll. Legte die Hand auf den geschnitzten Arm des Thrones neben dem Bett – uraltes Holz, getränkt mit den Schwüren vergangener Alphas.„Sie lebt“, sagte er leise.Nicht fragend.Feststellend.Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit der Halle. Der Späher kniete sofort.„Ja, Majestät. Und… sie ist nicht allein.“Der König verzog keine Miene.„Das war sie nie.“Er stand auf, trat barfuß über den kalten Stein. Jeder Schritt kontrolliert. Jeder Gedanke scharf. „Der Herrenlose?“Ein Zögern. Kaum wahrnehmbar.„Er lebt. Aber… anders.“Das ließ den König innehalten.„Erkläre.“Der Späher schluckte. „Die Bestie hat gehorcht.“Stille.Dann ein leises, gefä
Das Blut war längst getrocknet, doch das Gefühl blieb.Lyra saß allein am Rand der Lichtung, die Knie angezogen, die Hände im feuchten Laub. Riven schlief ein paar Schritte entfernt – erschöpft, notdürftig versorgt, sein Atem schwer, aber regelmäßig. Die Bestie ruhte ebenfalls. Zumindest oberflächlich.Doch in Lyra war etwas wach.Es war kein Gedanke. Kein fremder Wille.Es war ein Echo.Als sie die Augen schloss, sah sie nicht Dunkelheit, sondern Tiefe. Ein innerer Raum, weit und roh, als hätte jemand einen Teil von ihr geöffnet, den es gestern noch nicht gegeben hatte. Und dort war sie.Die Bestie.Nicht als Gestalt. Nicht als Monster.Als Präsenz.Du hast gerufen, vibrierte es.Nicht gesprochen. Erkannt.Lyra sog scharf die Luft ein. Ihr Herz schlug schneller – nicht vor Angst, sondern vor Klarheit. „Ich habe nicht befohlen“, dachte sie. „Ich habe gehalten.“Ein kurzes Innehalten.Dann etwas, das sich anfühlte wie… Zustimmung.Bilder flackerten auf. Keine Erinnerungen, sondern Empf







