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Kapitel 4

Author: J. C. Veyra
last update publish date: 2026-02-08 08:30:03

Lyra kniete auf kaltem Stein, den Rücken gerade, das Kinn erhoben.

So hatte man es ihr beigebracht. Eine Königin beugte sich nicht – sie wartete. Haltung war Macht. Stille war Kontrolle. Doch unter der Oberfläche tobte etwas, das sich nicht mehr beruhigen ließ. Der Geruch von Riven hing noch immer an ihr, eingebrannt in Haut und Blut. Jeder Atemzug trug ihn mit sich. Der Wald. Seine Nähe. Die Art, wie ihr Körper auf ihn reagiert hatte, ohne um Erlaubnis zu fragen.

„Du warst im Grenzwald.“

Die Stimme ihres Vaters schnitt durch die Halle wie eine Klinge. Tief. Autoritär. Unnachgiebig. Der Alpha-König saß auf dem steinernen Thron, die Hände locker auf den Armlehnen, doch seine Präsenz füllte den Raum bis in den letzten Winkel. Macht, alt und schwer, lag in der Luft.

Lyra hob den Blick. „Ja.“

Keine Rechtfertigung. Keine Erklärung. Er hatte sie so erzogen. Schwäche begann mit Ausreden.

Seine Augen verengten sich. „Du hast etwas gespürt.“

Es war keine Frage.

Ihr Magen zog sich zusammen. Sie zwang sich zur Ruhe, ließ sich nichts anmerken. „Ich habe nichts getan, was gegen die Regeln verstößt.“

Ein leises, humorloses Lachen. „Noch nicht.“

Er erhob sich. Mit jedem Schritt, den er auf sie zukam, verdichtete sich der Druck seiner Macht. Nicht körperlich – instinktiv. Alpha gegen Alpha. Vater gegen Tochter. König gegen zukünftige Königin. Sie spürte, wie ihr eigenes Blut reagierte, wie es sich aufrichtete statt nachzugeben.

„Du bist eine Alphaprinzessin“, sagte er ruhig. „Dein Körper gehört nicht dir allein.“

Die Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte. Wut flackerte auf. Hitze. Trotz. Doch sie ließ nichts davon nach außen dringen.

„Mein Körper ist meine Stärke“, erwiderte sie. „Und meine Kontrolle.“

„Dann lerne, sie zu behalten.“

Er blieb vor ihr stehen, beugte sich leicht hinab, sodass nur sie seine nächsten Worte hörte. „Ein herrenloser Alpha wurde in unseren Wäldern gesichtet.“

Ihr Herz schlug einmal zu hart. Verräterisch.

„Wenn du ihm begegnest“, fuhr er fort, „wendest du dich ab. Sofort. Ohne Zögern. Eine Gefährtenbindung jetzt würde dich schwächen.“ Er richtete sich wieder auf. „Und ich werde keine geschwächte Königin dulden.“

Lyra nickte langsam. Gehorsam an der Oberfläche. Rebellion darunter. Denn ihr Körper verriet sie längst. Jede Nacht wurde schlimmer. Ihre Träume intensiver. Sie sah Riven vor sich, spürte seine Präsenz, seine Macht – nicht über ihr, sondern auf Augenhöhe.

In der Ausbildung wurde keine Gnade gezeigt.

Sie trainierte bis zur Erschöpfung. Kämpfte gegen Krieger, die größer und schwerer waren als sie. Lernte, Befehle zu geben, ohne zu zögern. Entscheidungen zu treffen, die Leben kosteten. Ihre Lehrer beobachteten jeden Atemzug, jede Regung, suchten nach Rissen.

„Gefühle sind ein Luxus“, sagte man ihr.

„Verlangen ist eine Schwäche.“

Doch nachts, allein in ihren Gemächern, ließ sich nichts mehr unterdrücken. Ihre Haut war zu empfindlich. Jeder Gedanke an Riven ließ Hitze durch sie schießen, sammelte sich tief in ihr, verlangte nach Antwort. Nicht nach Unterwerfung – nach Resonanz.

Sie presste die Hand auf ihre Brust, spürte ihr Herz rasen. Ihre Gedanken waren verboten. Gefährlich. Und genau deshalb brannten sie sich tiefer ein. Sie stellte sich vor, wie es wäre, ihm gegenüberzustehen ohne Abstand. Ohne Titel. Ohne Krone. Seine Macht an ihrer, gleichwertig, fordernd.

Eine Königin durfte so nicht fühlen.

Aber eine Gefährtin tat es.

Ihr Vater spürte die Veränderung. Er erhöhte den Druck. Mehr Kontrolle. Mehr Beobachtung. Wächter vor ihren Gemächern. Kein Alleingang mehr. Kein Wald. Keine Nachtluft.

„Du wirst lernen, dein Blut zu beherrschen“, sagte er eines Abends. „Oder es wird dich verraten.“

Lyra sah ihn an. Wirklich an. Und zum ersten Mal begriff sie: Er hatte Angst. Nicht nur vor Riven – sondern vor dem, was sie gemeinsam sein könnten.

Denn eine Alphakönigin, die ihren Gefährten selbst wählte, war nicht lenkbar. Nicht politisch nutzbar. Nicht kontrollierbar.

Und tief in ihrem Inneren wusste Lyra:

Je mehr man versuchte, sie von Riven fernzuhalten,

desto stärker wurde die Bindung.

Ihr Körper hatte längst entschieden.

Und kein König der Welt würde das ungeschehen machen.

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