Mag-log inLyra kniete auf kaltem Stein, den Rücken gerade, das Kinn erhoben.
So hatte man es ihr beigebracht. Eine Königin beugte sich nicht – sie wartete. Haltung war Macht. Stille war Kontrolle. Doch unter der Oberfläche tobte etwas, das sich nicht mehr beruhigen ließ. Der Geruch von Riven hing noch immer an ihr, eingebrannt in Haut und Blut. Jeder Atemzug trug ihn mit sich. Der Wald. Seine Nähe. Die Art, wie ihr Körper auf ihn reagiert hatte, ohne um Erlaubnis zu fragen. „Du warst im Grenzwald.“ Die Stimme ihres Vaters schnitt durch die Halle wie eine Klinge. Tief. Autoritär. Unnachgiebig. Der Alpha-König saß auf dem steinernen Thron, die Hände locker auf den Armlehnen, doch seine Präsenz füllte den Raum bis in den letzten Winkel. Macht, alt und schwer, lag in der Luft. Lyra hob den Blick. „Ja.“ Keine Rechtfertigung. Keine Erklärung. Er hatte sie so erzogen. Schwäche begann mit Ausreden. Seine Augen verengten sich. „Du hast etwas gespürt.“ Es war keine Frage. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie zwang sich zur Ruhe, ließ sich nichts anmerken. „Ich habe nichts getan, was gegen die Regeln verstößt.“ Ein leises, humorloses Lachen. „Noch nicht.“ Er erhob sich. Mit jedem Schritt, den er auf sie zukam, verdichtete sich der Druck seiner Macht. Nicht körperlich – instinktiv. Alpha gegen Alpha. Vater gegen Tochter. König gegen zukünftige Königin. Sie spürte, wie ihr eigenes Blut reagierte, wie es sich aufrichtete statt nachzugeben. „Du bist eine Alphaprinzessin“, sagte er ruhig. „Dein Körper gehört nicht dir allein.“ Die Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte. Wut flackerte auf. Hitze. Trotz. Doch sie ließ nichts davon nach außen dringen. „Mein Körper ist meine Stärke“, erwiderte sie. „Und meine Kontrolle.“ „Dann lerne, sie zu behalten.“ Er blieb vor ihr stehen, beugte sich leicht hinab, sodass nur sie seine nächsten Worte hörte. „Ein herrenloser Alpha wurde in unseren Wäldern gesichtet.“ Ihr Herz schlug einmal zu hart. Verräterisch. „Wenn du ihm begegnest“, fuhr er fort, „wendest du dich ab. Sofort. Ohne Zögern. Eine Gefährtenbindung jetzt würde dich schwächen.“ Er richtete sich wieder auf. „Und ich werde keine geschwächte Königin dulden.“ Lyra nickte langsam. Gehorsam an der Oberfläche. Rebellion darunter. Denn ihr Körper verriet sie längst. Jede Nacht wurde schlimmer. Ihre Träume intensiver. Sie sah Riven vor sich, spürte seine Präsenz, seine Macht – nicht über ihr, sondern auf Augenhöhe. In der Ausbildung wurde keine Gnade gezeigt. Sie trainierte bis zur Erschöpfung. Kämpfte gegen Krieger, die größer und schwerer waren als sie. Lernte, Befehle zu geben, ohne zu zögern. Entscheidungen zu treffen, die Leben kosteten. Ihre Lehrer beobachteten jeden Atemzug, jede Regung, suchten nach Rissen. „Gefühle sind ein Luxus“, sagte man ihr. „Verlangen ist eine Schwäche.“ Doch nachts, allein in ihren Gemächern, ließ sich nichts mehr unterdrücken. Ihre Haut war zu empfindlich. Jeder Gedanke an Riven ließ Hitze durch sie schießen, sammelte sich tief in ihr, verlangte nach Antwort. Nicht nach Unterwerfung – nach Resonanz. Sie presste die Hand auf ihre Brust, spürte ihr Herz rasen. Ihre Gedanken waren verboten. Gefährlich. Und genau deshalb brannten sie sich tiefer ein. Sie stellte sich vor, wie es wäre, ihm gegenüberzustehen ohne Abstand. Ohne Titel. Ohne Krone. Seine Macht an ihrer, gleichwertig, fordernd. Eine Königin durfte so nicht fühlen. Aber eine Gefährtin tat es. Ihr Vater spürte die Veränderung. Er erhöhte den Druck. Mehr Kontrolle. Mehr Beobachtung. Wächter vor ihren Gemächern. Kein Alleingang mehr. Kein Wald. Keine Nachtluft. „Du wirst lernen, dein Blut zu beherrschen“, sagte er eines Abends. „Oder es wird dich verraten.“ Lyra sah ihn an. Wirklich an. Und zum ersten Mal begriff sie: Er hatte Angst. Nicht nur vor Riven – sondern vor dem, was sie gemeinsam sein könnten. Denn eine Alphakönigin, die ihren Gefährten selbst wählte, war nicht lenkbar. Nicht politisch nutzbar. Nicht kontrollierbar. Und tief in ihrem Inneren wusste Lyra: Je mehr man versuchte, sie von Riven fernzuhalten, desto stärker wurde die Bindung. Ihr Körper hatte längst entschieden. Und kein König der Welt würde das ungeschehen machen.Die Nacht legte sich schwer auf die Halle der Schwüre, wie ein schwarzer Vorhang, der das Licht verschluckte. Lyra spürte jeden Atemzug von Riven, jede Bewegung der Bestie, die unter seiner Haut lauerte. Das Band pulsierte stärker als je zuvor, ein unsichtbares, vibrierendes Netz aus Macht und Instinkt, das sie alle miteinander verband. Die Prüfungen des Königs hatten nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten auf die Probe gestellt, sondern ihr Vertrauen, ihre Geduld und die Kontrolle über das Band selbst.Sie stand in der Mitte der Halle, der Blick auf den König gerichtet, der auf seinem Thron saß wie ein Schatten aus Stahl. Die Fackeln flackerten, als wollten sie die Dunkelheit noch dichter machen. Jeder Schritt, den Lyra wagte, jeder Atemzug, wurde von der Bestie analysiert, von Riven gespürt und von ihr gelenkt. Es war ein Tanz aus Kontrolle und Instinkt, der nur funktionieren konnte, weil sie bereit war, mehr als nur ihre Angst zu akzeptieren.„Ihr habt das erste Spiel überlebt“, b
Die Halle war still, nur das Knistern der Fackeln und das entfernte Tropfen von Wasser hallte über den kalten Steinboden. Lyra spürte, dass die Ruhe trügerisch war. Jeder Atemzug konnte ihr letzter sein, jeder Herzschlag verriet Angst, die der König gnadenlos ausnutzen würde. Die Bestie in Riven war wach, lauernd, wie ein Schatten hinter seinem Atem. Lyra konnte die Welle der Instinkte spüren, die durch ihn floss – das Band reagierte sofort, pulsierte unter ihrer Haut, als hätte es die Gefahr bereits gerochen, bevor sie selbst sie wahrgenommen hatte.Ein Diener trat aus dem Schatten, schleppte einen schweren Krug. Das Geräusch von Metall auf Stein ließ die Luft vibrieren. Lyra erkannte sofort das Ritual: Blutopfer. Ein uraltes Zeichen der Loyalität, das der König verlangte, um Macht und Gehorsam zu prüfen.„Alphaprinzessin Lyra“, sagte der Diener und neigte sich leicht. „Du musst das Ritual vollziehen.“Lyra blieb stehen. Ihre Hand zitterte nicht. Nicht aus Angst, sondern aus wilder,
Die Halle war noch immer erfüllt vom Nachhallen der Worte des Königs. Doch die Stille war trügerisch. Jeder Schatten, jedes Flackern der Fackeln konnte ein Signal sein, ein Zeichen von Verrat, ein verstecktes Messer. Lyra spürte die Bestie in Riven wie nie zuvor. Sie reagierte auf kleinste Bewegungen, auf den Herzschlag der Wachen, auf die unsichtbaren Schwingen des drohenden Chaos.„Bereit?“ flüsterte Riven. Seine Stimme war rau, knapp, doch hinter dem Ton lag das Wissen um die Gefahr. Seine Finger zuckten leicht, als wollte die Bestie jederzeit losbrechen.Lyra nickte, ihre Hand fest an seiner. Sie spürte die pulsierende Macht des Bandes. Nicht nur Verbindung – Kontrolle und Vertrauen, eine gefährliche Mischung. Jeder Schritt vorwärts fühlte sich wie ein Balanceakt auf einer Messerklinge an.Der König trat zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Eure erste Aufgabe“, verkündete er, „ist nicht zu fallen – physisch oder geistig. Die Fallen sind zahlreich, die Illusionen tücki
Die Halle der Schwüre wirkte größer und bedrohlicher, als Lyra es je in Erinnerung gehabt hatte. Hochgewölbte Decken aus dunklem Holz, durchzogen von Runen, die das flackernde Licht der Fackeln aufsogen, ließen jeden Schritt hallen, als ob die Wände selbst atmeten. Sie spürte sofort, dass dies kein Ort für einfache Rituale oder höfische Höflichkeiten war – dies war ein Reich der Macht, der Kontrolle und der Urteile.Riven folgte dicht hinter ihr. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt wie ein gespannter Bogen. Die Bestie unter seiner Haut lag wachsam, ihre Sinne jede Bewegung in der Halle abtastend. Es war nicht nur die Wachen und der König, die sie beobachteten – die Bestie spürte jede Absicht, jeden Schatten, jedes verborgene Urteil. Lyra konnte die Spannung in ihm fühlen und ließ sich dennoch nicht einschüchtern.Am Ende der Halle stand der König selbst. Seine Präsenz war überwältigend, als er reglos hinter dem Thron stand. Die Krone glänzte matt im Fackelschein, ein Symbol d
Der König erwachte nicht schweißgebadet.Er tat das nie.Er öffnete die Augen in vollkommener Ruhe, als hätte etwas ihn gerufen, nicht erschreckt. Die Halle war still, das Feuer niedergebrannt, die Wachen ahnungslos. Doch tief unter seiner Brust lag ein Ziehen, alt und vertraut.Etwas hatte sich verschoben.Er setzte sich auf, langsam, würdevoll. Legte die Hand auf den geschnitzten Arm des Thrones neben dem Bett – uraltes Holz, getränkt mit den Schwüren vergangener Alphas.„Sie lebt“, sagte er leise.Nicht fragend.Feststellend.Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit der Halle. Der Späher kniete sofort.„Ja, Majestät. Und… sie ist nicht allein.“Der König verzog keine Miene.„Das war sie nie.“Er stand auf, trat barfuß über den kalten Stein. Jeder Schritt kontrolliert. Jeder Gedanke scharf. „Der Herrenlose?“Ein Zögern. Kaum wahrnehmbar.„Er lebt. Aber… anders.“Das ließ den König innehalten.„Erkläre.“Der Späher schluckte. „Die Bestie hat gehorcht.“Stille.Dann ein leises, gefä
Das Blut war längst getrocknet, doch das Gefühl blieb.Lyra saß allein am Rand der Lichtung, die Knie angezogen, die Hände im feuchten Laub. Riven schlief ein paar Schritte entfernt – erschöpft, notdürftig versorgt, sein Atem schwer, aber regelmäßig. Die Bestie ruhte ebenfalls. Zumindest oberflächlich.Doch in Lyra war etwas wach.Es war kein Gedanke. Kein fremder Wille.Es war ein Echo.Als sie die Augen schloss, sah sie nicht Dunkelheit, sondern Tiefe. Ein innerer Raum, weit und roh, als hätte jemand einen Teil von ihr geöffnet, den es gestern noch nicht gegeben hatte. Und dort war sie.Die Bestie.Nicht als Gestalt. Nicht als Monster.Als Präsenz.Du hast gerufen, vibrierte es.Nicht gesprochen. Erkannt.Lyra sog scharf die Luft ein. Ihr Herz schlug schneller – nicht vor Angst, sondern vor Klarheit. „Ich habe nicht befohlen“, dachte sie. „Ich habe gehalten.“Ein kurzes Innehalten.Dann etwas, das sich anfühlte wie… Zustimmung.Bilder flackerten auf. Keine Erinnerungen, sondern Empf







