Mag-log inRIVENS SICHT
Ich war nicht immer eine Bestie. Das ist die Lüge, die sich Menschen erzählen, um nachts besser schlafen zu können. Dass Monster geboren werden. Dass sie keinen Anfang haben. Keine Vergangenheit. Keine Gründe. Die Wahrheit ist: Ich erinnere mich noch genau an den Moment, bevor alles zerbrach. Ich war ein Alpha. Kein König – aber ein Anführer. Einer, dem man folgte, weil er Stärke ausstrahlte, nicht weil er sie einforderte. Mein Rudel war klein, aber loyal. Wir lebten fern der großen Reiche, fern von Politik, Kronen und Blutlinien. Unser Gesetz war einfach: Schutz, Zusammenhalt, Loyalität. Es reichte. Bis sie kamen. Alphahäuser, die glaubten, Macht bedeute Besitz. Sie nannten es Ordnung. Ich nannte es Gier. Sie brauchten ein Exempel. Ein Rudel, das man brechen konnte, um andere gefügig zu machen. Mein Vater starb zuerst – frontal, stolz, ohne um Gnade zu bitten. Meine Mutter fiel, als sie versuchte, Welpen zu schützen. Danach kamen die anderen. Einer nach dem anderen. Jeder, der sich weigerte, den Kopf zu senken. Ich überlebte. Nicht, weil ich stärker war. Sondern weil ich lernte, grausamer zu sein als nötig. Was sie in mir weckten, ließ sich nicht mehr einschläfern. Die Bestie war kein Fluch. Sie war eine Entscheidung. Eine, die ich traf, als ich begriff, dass Gnade Schwäche war – und Schwäche der Tod. Ich tötete, bevor man mich töten konnte. Ich schlug zu, bevor Zweifel Raum fanden. Und irgendwann hörte ich auf, Namen zu behalten. Ich ließ mich treiben. Von Kampf zu Kampf. Von Revier zu Revier. Ich wurde zu dem, was man flüsterte, wenn das Feuer niedrig brannte. Ein Schatten. Ein Gerücht. Ein Alpha ohne Kette. Ohne Rudel. Ohne Heimat. Je mehr Blut ich roch, desto klarer wurde mein Instinkt. Mein Körper veränderte sich. Kraft sammelte sich dort, wo früher Kontrolle gewesen war. Ich wurde schneller. Härter. Unberechenbarer. Und irgendwann – einsam. Doch selbst in der Einsamkeit gab es sie. Diese eine Leere. Kein Hunger nach Fleisch. Kein Drang nach Dominanz. Sondern dieses Ziehen tief in meiner Brust. Als würde etwas fehlen, das nie da gewesen war. Ich hatte Gefährtinnen gehabt. Körper. Hitze. Nächte ohne Namen. Nichts blieb. Nichts band. Nichts forderte mich. Bis der Geruch kam. Er traf mich wie ein Schlag. Warm. Wild. Autoritär. Weiblich – aber nicht weich. Er roch nach Macht und nach etwas Verbotenem. Nach Krone. Nach Blutlinie. Nach Zukunft. Alphaprinzessin. Ich wusste es sofort. Mein Instinkt kniete vor ihrem, lange bevor mein Verstand widersprechen konnte. Mein Körper reagierte brutal ehrlich. Muskeln spannten sich. Atem wurde schwer. Die Bestie in mir richtete sich auf – nicht zum Angriff, sondern zur Anerkennung. Gefährtin. Das Wort war gefährlicher als jede Klinge. Eine Gefährtenbindung mit einer Alphaprinzessin bedeutete Krieg. Politik. Tod. Kontrolle durch andere. Ich hätte gehen müssen. Den Geruch meiden. Mich tiefer in die Wildnis zurückziehen. Doch ich war es leid zu fliehen. Ich folgte der Spur. Nächte lang. Immer an der Grenze ihres Territoriums. Ich sah sie, ohne gesehen zu werden. Ihre Haltung. Ihre Disziplin. Die Art, wie andere vor ihr zurückwichen – und wie sehr sie das verachtete. Sie war nicht zerbrechlich. Sie war nicht sanft. Sie war ungebändigt. Und genau das machte sie gefährlich. Ihr Vater würde mich töten lassen, wenn er von mir wüsste. Ein herrenloser Alpha. Eine Bestie ohne Namen. Nicht würdig, eine Königin zu berühren. Nicht akzeptabel für eine Blutlinie, die Reinheit predigte. Doch das Schicksal fragte nicht nach Erlaubnis. Je näher ich kam, desto schwerer wurde es, mich zurückzuhalten. Nicht wegen Lust allein. Sondern wegen Anerkennung. Mein Körper wollte sie nicht besitzen. Er wollte sich ihr stellen. Ihre Macht spiegeln. Ihr ebenbürtig sein. Sie war Hitze. Ich war Hunger. Und irgendwo zwischen beidem wusste ich: Wenn wir uns begegnen, würde nichts bleiben, wie es war. Nicht für sie. Nicht für mich. Nicht für die Reiche, die glaubten, uns kontrollieren zu können. Die Bestie in mir hatte endlich einen Grund, nicht mehr zu töten – sondern zu binden. Und genau davor hatten sie alle AngstDie Nacht legte sich schwer auf die Halle der Schwüre, wie ein schwarzer Vorhang, der das Licht verschluckte. Lyra spürte jeden Atemzug von Riven, jede Bewegung der Bestie, die unter seiner Haut lauerte. Das Band pulsierte stärker als je zuvor, ein unsichtbares, vibrierendes Netz aus Macht und Instinkt, das sie alle miteinander verband. Die Prüfungen des Königs hatten nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten auf die Probe gestellt, sondern ihr Vertrauen, ihre Geduld und die Kontrolle über das Band selbst.Sie stand in der Mitte der Halle, der Blick auf den König gerichtet, der auf seinem Thron saß wie ein Schatten aus Stahl. Die Fackeln flackerten, als wollten sie die Dunkelheit noch dichter machen. Jeder Schritt, den Lyra wagte, jeder Atemzug, wurde von der Bestie analysiert, von Riven gespürt und von ihr gelenkt. Es war ein Tanz aus Kontrolle und Instinkt, der nur funktionieren konnte, weil sie bereit war, mehr als nur ihre Angst zu akzeptieren.„Ihr habt das erste Spiel überlebt“, b
Die Halle war still, nur das Knistern der Fackeln und das entfernte Tropfen von Wasser hallte über den kalten Steinboden. Lyra spürte, dass die Ruhe trügerisch war. Jeder Atemzug konnte ihr letzter sein, jeder Herzschlag verriet Angst, die der König gnadenlos ausnutzen würde. Die Bestie in Riven war wach, lauernd, wie ein Schatten hinter seinem Atem. Lyra konnte die Welle der Instinkte spüren, die durch ihn floss – das Band reagierte sofort, pulsierte unter ihrer Haut, als hätte es die Gefahr bereits gerochen, bevor sie selbst sie wahrgenommen hatte.Ein Diener trat aus dem Schatten, schleppte einen schweren Krug. Das Geräusch von Metall auf Stein ließ die Luft vibrieren. Lyra erkannte sofort das Ritual: Blutopfer. Ein uraltes Zeichen der Loyalität, das der König verlangte, um Macht und Gehorsam zu prüfen.„Alphaprinzessin Lyra“, sagte der Diener und neigte sich leicht. „Du musst das Ritual vollziehen.“Lyra blieb stehen. Ihre Hand zitterte nicht. Nicht aus Angst, sondern aus wilder,
Die Halle war noch immer erfüllt vom Nachhallen der Worte des Königs. Doch die Stille war trügerisch. Jeder Schatten, jedes Flackern der Fackeln konnte ein Signal sein, ein Zeichen von Verrat, ein verstecktes Messer. Lyra spürte die Bestie in Riven wie nie zuvor. Sie reagierte auf kleinste Bewegungen, auf den Herzschlag der Wachen, auf die unsichtbaren Schwingen des drohenden Chaos.„Bereit?“ flüsterte Riven. Seine Stimme war rau, knapp, doch hinter dem Ton lag das Wissen um die Gefahr. Seine Finger zuckten leicht, als wollte die Bestie jederzeit losbrechen.Lyra nickte, ihre Hand fest an seiner. Sie spürte die pulsierende Macht des Bandes. Nicht nur Verbindung – Kontrolle und Vertrauen, eine gefährliche Mischung. Jeder Schritt vorwärts fühlte sich wie ein Balanceakt auf einer Messerklinge an.Der König trat zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Eure erste Aufgabe“, verkündete er, „ist nicht zu fallen – physisch oder geistig. Die Fallen sind zahlreich, die Illusionen tücki
Die Halle der Schwüre wirkte größer und bedrohlicher, als Lyra es je in Erinnerung gehabt hatte. Hochgewölbte Decken aus dunklem Holz, durchzogen von Runen, die das flackernde Licht der Fackeln aufsogen, ließen jeden Schritt hallen, als ob die Wände selbst atmeten. Sie spürte sofort, dass dies kein Ort für einfache Rituale oder höfische Höflichkeiten war – dies war ein Reich der Macht, der Kontrolle und der Urteile.Riven folgte dicht hinter ihr. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt wie ein gespannter Bogen. Die Bestie unter seiner Haut lag wachsam, ihre Sinne jede Bewegung in der Halle abtastend. Es war nicht nur die Wachen und der König, die sie beobachteten – die Bestie spürte jede Absicht, jeden Schatten, jedes verborgene Urteil. Lyra konnte die Spannung in ihm fühlen und ließ sich dennoch nicht einschüchtern.Am Ende der Halle stand der König selbst. Seine Präsenz war überwältigend, als er reglos hinter dem Thron stand. Die Krone glänzte matt im Fackelschein, ein Symbol d
Der König erwachte nicht schweißgebadet.Er tat das nie.Er öffnete die Augen in vollkommener Ruhe, als hätte etwas ihn gerufen, nicht erschreckt. Die Halle war still, das Feuer niedergebrannt, die Wachen ahnungslos. Doch tief unter seiner Brust lag ein Ziehen, alt und vertraut.Etwas hatte sich verschoben.Er setzte sich auf, langsam, würdevoll. Legte die Hand auf den geschnitzten Arm des Thrones neben dem Bett – uraltes Holz, getränkt mit den Schwüren vergangener Alphas.„Sie lebt“, sagte er leise.Nicht fragend.Feststellend.Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit der Halle. Der Späher kniete sofort.„Ja, Majestät. Und… sie ist nicht allein.“Der König verzog keine Miene.„Das war sie nie.“Er stand auf, trat barfuß über den kalten Stein. Jeder Schritt kontrolliert. Jeder Gedanke scharf. „Der Herrenlose?“Ein Zögern. Kaum wahrnehmbar.„Er lebt. Aber… anders.“Das ließ den König innehalten.„Erkläre.“Der Späher schluckte. „Die Bestie hat gehorcht.“Stille.Dann ein leises, gefä
Das Blut war längst getrocknet, doch das Gefühl blieb.Lyra saß allein am Rand der Lichtung, die Knie angezogen, die Hände im feuchten Laub. Riven schlief ein paar Schritte entfernt – erschöpft, notdürftig versorgt, sein Atem schwer, aber regelmäßig. Die Bestie ruhte ebenfalls. Zumindest oberflächlich.Doch in Lyra war etwas wach.Es war kein Gedanke. Kein fremder Wille.Es war ein Echo.Als sie die Augen schloss, sah sie nicht Dunkelheit, sondern Tiefe. Ein innerer Raum, weit und roh, als hätte jemand einen Teil von ihr geöffnet, den es gestern noch nicht gegeben hatte. Und dort war sie.Die Bestie.Nicht als Gestalt. Nicht als Monster.Als Präsenz.Du hast gerufen, vibrierte es.Nicht gesprochen. Erkannt.Lyra sog scharf die Luft ein. Ihr Herz schlug schneller – nicht vor Angst, sondern vor Klarheit. „Ich habe nicht befohlen“, dachte sie. „Ich habe gehalten.“Ein kurzes Innehalten.Dann etwas, das sich anfühlte wie… Zustimmung.Bilder flackerten auf. Keine Erinnerungen, sondern Empf






