Share

Kapitel 10

Author: Tana Sil
Vor Feierabend trat Luna ins Chefbüro.

„Ihre Mutter hat angerufen“, sagte sie, während sie die Akten ablegte. „Sie erwartet uns heute Abend zum Essen. Sie sind seit einem halben Jahr nicht mehr daheim gewesen, Herr Becker.“

Julians Stirn zog sich unwillig zusammen. „Du stehst oft mit meiner Familie in Kontakt?“

„Nein“, antwortete Luna. „Frau Becker ruft immer von sich aus an.“

Julian warf einen Blick auf seine Uhr und warf ihr die Autoschlüssel zu.

„Du fährst. Ich lasse Tanja vom Fahrer nach Hause bringen.“

Luna folgte ihm, betrachtete seinen Rücken. Eine Frage verschlossen im Schweigen, der geöffnete Mund blieb stumm.

Sie fürchtete die Antwort, die sie bereits ahnte.

Bei den Beckers legte Frau Becker Luna ständig Essen nach.

„Wie bist du nur so abgemagert? Du siehst auch blass aus, bist du krank?“

Julian, ohnehin kühl und wortkarg, verhielt sich daheim noch stiller. Nach der ersten Begrüßung bei der Ankunft hatte er kein Wort gesagt.

Er beobachtete gleichgültig, wie Luna seine nominellen Eltern besänftigte: Sie fasste sich ins Gesicht und sagte lächelnd: „Ach was. Vielleicht liegt es am Lippenstift von heute, der steht mir nicht. Den werfe ich weg.“

Die Sekretärin des CEOs von Biwolke war gewandt und wusste stets, was sie zu wem sagen musste. Sie brachte Frau Becker zum Strahlen.

Plötzlich erinnerte sich Julian an Tanjas Worte von heute. Alle mochten Luna. In der Tat, nicht nur Kollegen und Kunden, auch Ältere schätzten sie.

In den drei Jahren hatte sie sich in seine Arbeit und sein Leben eingefügt. Was in ihren Zuständigkeitsbereich fiel oder nicht, sie kümmerte sich um alles. Deshalb gingen seine Eltern und Freunde stillschweigend davon aus, sie würde seine Frau werden, und hatten ihre Hochzeit mehr als einmal erwähnt.

Ein spöttisches Zucken spielte um Julians Mundwinkel.

Wie erwartet, kam Frau Becker erneut auf das Thema zu sprechen.

Trotz der inneren Vorbereitung im Laufe des Nachmittags wusste Luna keine Antwort und blickte hilflos zu Julian.

Julian nahm sein Wasserglas, trank einen Schluck und sagte mit einer ebenso geschmacks- und ausdruckslosen Stimme: „Eine Heirat zwischen uns kommt nicht in Frage.“

Bei diesen Worten entglitt Luna das Rippchenstück klappernd in die Schüssel. Das leise Geräusch traf ihr Herz wie ein sich ausbreitender Spinnennetzriss in Glas.

Einen Moment lang hörte sie ihren eigenen Herzschlag nicht.

Der Ältere Herr Becker sagte mit bedrohlicher Stimme: „Wenn nicht Luna, wen willst du dann heiraten? Diese kleine Sekretärin in deiner Firma? Glaub ja nicht, ich wüsste nichts von deinen absurden Eskapaden dort!“

„Herr Becker…“ Luna wollte instinktiv den plötzlichen Konflikt entschärfen. Schon immer hatte sie zwischen den beiden vermittelt.

Doch diesmal war Julians Blick eiskalt, wie von einer Wunde getroffen.

„Sie mischen sich zu sehr ein, Vater. Was absurde Eskapaden angeht, Ihre eigene Jugend war auch voll davon. Stimmt's, Frau Becker?“

Frau Beckers Gesicht erstarrte. Der Ältere Herr Becker schlug auf den Tisch. „Unverschämter Bengel!“

Julian nahm eine Serviette und stand auf. „Ich bin satt. Ich gehe.“

Der Ältere Herr Becker war bleich vor Wut. Frau Becker schenkte ihm hastig Wasser ein. „Beruhige dich, Becker. Dein Blutdruck ist hoch, reg dich nicht auf.“

Luna sagte instinktiv: „Das Kundengespräch heute ist nicht gut gelaufen. Deshalb ist Julians Laune so schlecht.“

Der Ältere Herr Becker rieb sich die Stirn.

„Seinen störrischen Charakter kenne ich. Du brauchst ihn nicht zu verteidigen.“

Frau Becker redete besänftigend auf ihn ein.

„Julian ist CEO eines großen Konzerns, und du redest immer noch wie zu einem Kind. Wer würde da nicht schlechte Laune bekommen? Lass es gut sein.“

Zu Luna sagte sie: „Es tut mir leid für dich, Luna... Geh schnell und schau nach Julian. Im Hof stehen mehrere Autos, nimm einfach eines.“

Luna wollte eigentlich nicht gehen.

Heute… nein, seit der Fehlgeburt überkam sie jedes Mal, wenn sie Julian sah, eine Art Erschöpfung. Sie wollte ihm nicht begegnen… Früher hätte sie, allein bei der Erinnerung an ihre erste Begegnung, alles ertragen können.

Doch unter dem Blick von Julians Eltern konnte sie nicht ablehnen. Sie nickte, nahm die Schlüssel vom Hausverwalter, stieg in ein Auto und fuhr ihm nach.

Sie musste nicht weit fahren. An einer Nebenstraße sah sie Julians Wagen stehen, und ihn selbst, rauchend davor.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 550

    Niemand hätte gedacht, dass die Hochzeit des einzigen Sohnes der Familie Becker, der mächtigsten Familie von Flussstadt, ein so unvorhergesehenes Ende nehmen würde.Julian wandte sich ab und ging. Zuerst kam Julian an Jasper vorbei. Jasper wandte den Kopf ab und seufzte, ratlos, was er sagen sollte.Dann ging Julian an Konrad vorbei, und Konrad höhnte: „Hart, Julian, wirklich hart.“Julian stieg in den Wagen, der davonfuhr. Sigrids Wagen schloss rasch auf, und als die beiden nebeneinander fuhren, ließ Sigrid die Scheibe herab und sagte sanft: „Julian, mein Beileid.“Julians Profil zeigte keine Regung, und sein Wagen fuhr einfach weiter.Sigrid hielt unterwegs an und wartete, bis Florians Wagen aufschloss, ehe die beiden gemeinsam weiterfuhren, offenkundig, um irgendwo über die Sache zu reden.Auch sie hätten nicht gedacht, dass Julian Luna töten würde.…Der Fahrer war eine Weile gefahren und musste am Ende doch fragen: „Herr Becker, zurück an die Ostküste?“„Zum Festsaal.“A

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 549

    Julian sah in ihr fahles Gesicht, und auch das seine verlor alle Farbe: „Du willst mich nicht mehr sehen, und dafür willst du sterben?“„Wenn ich sterbe, ist euch das doch lieber. Dann müsst ihr nicht mehr fürchten, dass ich eines Tages mit dem Buch auftauche und euch anzeige.“Julian starrte in ihre leeren Augen, die einst so schön gewesen waren und denen nun aller Glanz fehlte. In ihm zerriss etwas, und er begriff: Diesmal konnte er Luna auf keine Weise halten.Seine Hand um die Klinge schloss sich noch fester, und doch musste er noch einmal fragen: „Gar nichts lässt sich mehr retten, stimmt es?“„Kannst du meine Mutter wieder lebendig machen?“Er konnte die Tote nicht zurückbringen, und sie konnte es auch nicht.Und ebenso wenig gab es für die beiden je ein Zurück.……Julian wandte den Kopf ab, sein Gesicht immer kraftloser. Er sah zu Konrad, dann zu Florian, der seinen Wagen im Gebüsch verborgen hielt und sich nicht zeigte, und zuletzt wieder in Lunas Gesicht.Eine weite

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 548

    Luna drückte das Messer sogar noch tiefer, und mehr Blut quoll hervor. Selbst Konrad stieg vom Wagen, das nachlässige Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden. Er sah Luna unverwandt an, mit einer Miene, die sich kaum deuten ließ.In der Zeit ihrer Gefangenschaft hatte Luna Julian unzählige Male mit ihrem Leben gedroht, immer nur in Worten. Diesmal aber machte sie Ernst.Nach Sigrids Worten hatte sich in Luna das Gefühl breitgemacht, dass selbst der Tod nichts Schlimmes mehr war. Auf dieser Welt gab es niemanden mehr, der ihr etwas bedeutete. Sie fürchtete den Tod wirklich nicht.In Julians Augen flackerte etwas Dunkles. Er starrte auf das Blut an ihrem Hals, und keine drei Sekunden später gab er nach: „Ja.“„Das ist die beste Lösung.“Renate war also wirklich tot, wirklich von seiner Hand.Luna ließ den Atem entweichen. Sie sah Julian an. Drei Jahre lang hatte sie Tag für Tag an seiner Seite verbracht, dazu ein Jahr voller Liebe und Hass, wie konnte es am Ende so kommen?Sie

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 547

    „Und dann was?“Luna umklammerte den Türgriff, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.Sigrid ließ sich Zeit: „Und dann hat Julian einen ‚Dieb‘ angesetzt, der deiner Mutter den Akkupack entriss. Bald darauf brach sie zusammen, der Strom war erschöpft. Ach, ob aus Gleichgültigkeit der Umstehenden oder weil Julian es so eingefädelt hatte, jedenfalls half ihr niemand … Als ich eintraf, war ihr Körper bereits …“Sigrid hob die Mundwinkel. „… kalt.“Luna brachte kein Wort heraus.War ihr der Anblick der falschen Renate, die Julian erschoss, in jenem Moment wie der Weltuntergang erschienen, so blieb ihr nach Konrads Aufnahme und Sigrids genüsslicher Schilderung nur noch eine Leere, eine Leere, für die sie keine Worte fand.Sigrid betrachtete die niedergeschlagene Luna und wusste, das Spiel war jetzt weit genug gediehen. Mit einem feinen Lächeln ließ sie die Scheibe hochfahren, und der Wagen rollte langsam davon.Als er vor ihr verschwunden war, fühlte Luna sich noch leerer

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 546

    Konrad saß auf dem Wagendach, ein Bein lässig übers andere geschlagen, und pfiff provozierend.Woher sie wussten, dass Renate nicht tot war, woher sie wussten, dass auf der Hochzeit etwas geschehen würde, woher überhaupt … Es waren Fragen über Fragen, doch dafür hatte Julian jetzt keinen Kopf.Er zog Luna hinter sich, zielte auf Konrad und schoss.Konrad war flink und schwang sich gleich durchs Fenster in den Wagen. Julians Bolzen hatte ohnehin nicht ihm gegolten. Es klatschte, und der Bolzen durchschlug den Lautsprecher der Anlage.Der Ton aber riss nicht ab. Die Anlage spielte weiter, was folgte: Julian, der Renate Schritt für Schritt in die Enge trieb.„Wo ist das Buch?“„Wo ist Luna?“„Wo ist das Buch?“„Was habt ihr mit meiner Luna gemacht? Ihr wahnsinnigen Bestien! Es reicht euch nicht, Konstantin umgebracht zu haben, ihr lasst nicht einmal seine einzige Tochter in Ruhe!“„Wo ist das Buch?“Wo ist das Buch, wo ist das Buch, wo ist das Buch … Mit immer derselben ungerühr

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 545

    Es war kein schöner Tag. Der Smog hing dicht, und obwohl es auf Mittag zuging, lag das Meer noch immer bleigrau da.Drei Schiffe lagen nebeneinander am Kai. Im dichten Dunst wirkten sie riesig, stumm und bedrohlich, wie eine schwimmende Festung.Alexander hatte sich nicht selbst gezeigt, um keinen Verdacht zu wecken. Er wusste, dass man ihn beobachtete, und sein Plan lebte gerade davon, unvermutet zuzuschlagen.Er stand an Deck und blickte hinaus in die stille Ferne.Über die Schulter fragte er einen seiner Männer: „Was ist mit Niklas und Gesine?“„Niklas ist noch nicht zu erreichen, aber Gesine hat es geschafft.“Jetzt fehlte nur noch Luna.„Macht die Schiffe schon mal startklar“, sagte Alexander. Sobald Luna da war, konnten sie sofort ablegen.Der Mann nickte und ging hinunter, um es weiterzugeben.Hinter dem Rücken drehte Alexander das Feuerzeug zwischen den Fingern, das er seit Jahren bei sich trug. Vor der endlosen blaugrünen See trat sein schönes Gesicht klar hervor.Er

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status