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last update publish date: 2026-08-06 23:42:11

# Kapitel 2

„Sie ist es.“

Die ruhige Stimme des Krankenhausdirektors durchschnitt die Stille.

„Dr. Tina hatte letzte Nacht Bereitschaft.“

Adams Blick fiel sofort auf das Namensschild an ihrer Brust. Sein Gesicht blieb ausdruckslos.

„Kommen Sie mit.“

Tina blinzelte verwirrt.

„Warum?“

Der Direktor legte ihr leicht die Hand auf den Arm.

„Keine Fragen. Herr Gabriel wartet.“

---

Mit jedem Schritt durch den langen Flur wurde die Luft kälter.

Als sich die Tür zum Direktorzimmer öffnete, blieb Tina wie angewurzelt stehen.

Ein großer Mann lag auf einem breiten Ledersofa.

Ganz in Schwarz gekleidet.

Trotz seiner offensichtlichen Verletzung strahlte er eine Autorität aus, die den ganzen Raum beherrschte. Der Geruch von Desinfektionsmitteln mischte sich mit frischem Blut.

Jakob Gabriel.

Allein sein Blick genügte, um jedem den Atem zu nehmen.

Adam trat näher und sprach leise:

„Alle Überwachungskameras wurden deaktiviert. Jemand wollte jede Spur verwischen. Laut den Krankenhausunterlagen war Dr. Tina letzte Nacht allein in der Ambulanz.“

Jakob hob langsam den Kopf.

Seine kalten Augen ruhten auf Tina.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

*Der Vorstandsvorsitzende der Noor-Gruppe...*

Sie hatte ihn oft in den Nachrichten gesehen.

Doch aus der Nähe wirkte er noch einschüchternder.

Nach einer langen Pause fragte er:

„Waren Sie die Frau, die mir letzte Nacht geholfen hat?“

Tina senkte den Blick.

Nur für einen Augenblick zögerte sie.

Dann nickte sie.

„Ja.“

Sie wusste kaum, warum sie log.

Vielleicht war es Ehrgeiz.

Vielleicht die einmalige Gelegenheit.

Heute sollte entschieden werden, welche Ärzte einen Ausbildungsplatz im Militär-Zentralkrankenhaus erhalten würden. Offiziell war es nur ein Trainingsprogramm.

In Wahrheit war es ein direkter Weg zu einer glänzenden Karriere.

Jakobs Gesicht blieb regungslos.

„Ich kann Ihnen geben, was Sie sich wünschen.“

Er machte eine kurze Pause.

„Sogar eine Ehe.“

Tina starrte ihn fassungslos an.

„Wie... bitte?“

Ihr fehlten die Worte.

Jakob stand auf.

Seine hohe Gestalt warf einen langen Schatten über sie.

„Denken Sie darüber nach.“

Er wandte sich an Adam.

„Gib ihr meine Kontaktdaten.“

Der Krankenhausdirektor eilte herbei.

„Herr Gabriel, ich begleite Sie hinaus.“

Jakob hob nur kurz die Hand.

„Nicht nötig.“

Sein Blick glitt noch einmal zu Tina.

„Sorgen Sie lediglich dafür, dass sie hier gut behandelt wird.“

Der Direktor lächelte sofort unterwürfig.

„Selbstverständlich. Darum kümmere ich mich persönlich.“

---

Kaum hatte sich die Aufzugstür geschlossen, brach Adam das Schweigen.

„Sir... Sie sind verheiratet.“

Jakob ging weiter, ohne langsamer zu werden.

Sein Blick wurde dunkel.

„Sie wollte es so.“

Mehr sagte er nicht.

Adam schwieg.

Er wusste nicht, ob Jakob seine Ehefrau meinte...

oder die Ärztin, die in der vergangenen Nacht etwas in ihm geweckt hatte, das längst verloren schien.

---

Als Lian am Abend das Gabriel-Anwesen betrat, fühlte es sich an, als käme sie aus einer anderen Welt zurück.

Jeder Schritt kostete Kraft.

Im Eingangsbereich wartete bereits Camelia.

Die ältere Haushälterin lächelte freundlich.

„Guten Abend, Frau Gabriel. Waren Sie letzte Nacht nicht zu Hause?“

Lian zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich musste eine Nachtschicht übernehmen.“

Camelia musterte sie einen Moment.

Die blasse Haut.

Die müden Augen.

Sie stellte keine weiteren Fragen.

„Dann ruhen Sie sich aus.“

Lian nickte dankbar und ging langsam die Treppe hinauf.

---

Heißes Wasser füllte die Badewanne.

Lian schloss die Augen und ließ das Wasser über ihre Schultern laufen.

Doch ganz gleich, wie lange sie dort blieb...

Die Erinnerungen ließen sich nicht fortspülen.

Der verletzte Mann.

Seine kalten Augen.

Seine warme Stimme.

Seine Lippen.

Sie presste beide Hände gegen ihr Gesicht.

*Was habe ich getan...*

Sie war verheiratet.

Ganz gleich, wie diese Ehe zustande gekommen war.

Sie trug Jakobs Namen.

Und trotzdem hatte sie in ihrer Hochzeitsnacht einen anderen Mann geküsst.

Das schlechte Gewissen legte sich wie ein schwerer Stein auf ihre Brust.

---

Am nächsten Morgen zog sie sich hastig an.

Unten wartete Camelia bereits.

„Sie wollen schon wieder los? Wenigstens frühstücken Sie doch.“

Lian warf einen Blick auf ihre Uhr.

„Ich komme sonst zu spät.“

Camelia lächelte nachsichtig.

„Dann wenigstens das.“

Sie verschwand kurz in der Küche und kam mit einem Glas warmer Milch zurück.

„Trinken Sie.“

Lian nahm das Glas entgegen.

Zum ersten Mal seit Langem begegnete ihr jemand mit echter Fürsorge.

„Danke.“

„Sie brauchen sich nicht zu bedanken.“

Camelia lächelte so herzlich, dass Lian für einen kurzen Moment ihre Sorgen vergaß.

Sie trank die Milch in wenigen Schlucken aus, stellte das Glas zurück und verließ das Anwesen.

Camelia sah ihr schweigend nach.

---

Doch Lian fuhr nicht zur Ambulanz.

Ihre Schritte führten sie auf die Intensivstation.

Vor dem Krankenzimmer ihrer Mutter blieb sie stehen.

Das monotone Piepen der Monitore erfüllte den Raum.

Ihre Mutter lag reglos im Bett.

Blass.

Schwach.

Jeder Atemzug wurde von Maschinen überwacht.

Das Herz versagte langsam.

Nur eine Herztransplantation konnte ihr Leben noch retten.

Eine Operation, die weit mehr kostete, als Lian jemals bezahlen konnte.

Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie erinnerte sich an die Worte ihres Vaters.

**„Für ihre Behandlung zahle ich keinen einzigen Cent.“**

Damals hatte sie nur eine Wahl gehabt.

Diese Ehe.

Sie war der Preis gewesen, um ihrer Mutter eine Chance auf Leben zu geben.

Lian trat ans Bett und nahm vorsichtig die kalte Hand ihrer Mutter.

„Ich verspreche es dir...“

Ihre Stimme zitterte.

„Ich werde dich retten. Egal, was es mich kostet.“

Für Lian war diese Frau weit mehr als ihre Mutter.

Sie war ihre engste Vertraute.

Ihre einzige Familie.

In diesem Moment vibrierte ihr Telefon.

Der Klingelton durchschnitt die Stille.

Lian wischte sich schnell die Tränen aus dem Gesicht und nahm den Anruf entgegen.

Eine vertraute Stimme klang atemlos.

„Lian... kannst du mir bitte helfen?“

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