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last update publish date: 2026-08-07 03:15:56

# Kapitel 3

„Lian? Kannst du mir einen Gefallen tun? Bitte.“

Schon an seiner Stimme erkannte sie, wie dringend es war.

Lian und Zachary hatten am selben Universitätsklinikum studiert. Er war zwei Semester vor ihr gewesen und nach seiner Rückkehr aus dem Ausland zum aufstrebenden Star der Chirurgie geworden. Sein Name fiel inzwischen in jedem Fachgespräch, doch ihr gegenüber war er derselbe geblieben – ruhig, verlässlich und mit einer Wärme, die sie seit Studienzeiten kannte.

Kaum hatte sie seinen Anruf angenommen, antwortete sie ohne zu zögern.

„Sag einfach, was du brauchst. Ich bin da.“

„Ich muss sofort in die Ambulanz. Eigentlich sollte ich noch einen Patienten versorgen, aber etwas Dringendes ist dazwischengekommen. Kannst du für mich einspringen?“

Lian warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.

Ihre beiden Operationen begannen erst am Nachmittag. Der Vormittag war frei.

„Natürlich.“

Zacharys Stimme wurde augenblicklich ernst.

„Wohnanlage Rosenpark. Gebäude 306, Block A. Sag den Wachleuten nur, dass du zu Herrn Adam musst. Sie wissen Bescheid.“

Er machte eine kurze Pause.

„Und hör gut zu: Niemand darf erfahren, dass du dort warst. Stell dem Patienten keine Fragen. Behandle ihn und geh sofort wieder.“

„Verstanden.“

---

Wenig später hielt ihr Wagen vor der luxuriösen Wohnanlage.

Hohe schmiedeeiserne Tore, makellos gepflegte Gärten und Sicherheitskameras an jeder Ecke ließen keinen Zweifel daran, dass hier nur wenige Menschen Zutritt erhielten.

Noch bevor sie das Tor erreichte, traten zwei Sicherheitsleute auf sie zu.

„Wen möchten Sie sprechen?“

„Herrn Adam.“

Die Männer wechselten einen kurzen Blick.

Einer griff zum Funkgerät und sprach leise hinein.

Minuten vergingen.

Dann öffnete sich das schwere Tor lautlos.

„Sie können passieren.“

Lian betrat eine Welt, die sich bewusst vor den Blicken der Öffentlichkeit verbarg.

---

Vor der Tür von Wohnung 306 drückte sie auf die Klingel.

Fast augenblicklich wurde geöffnet.

Der Mann vor ihr war groß und breitschultrig. Sein Gesicht wirkte unbewegt, doch sein Blick war scharf genug, um jedes Detail wahrzunehmen.

„Wer sind Sie?“

Hinter ihrer medizinischen Maske blieb Lians Miene verborgen.

„Dr. Zachary hat mich geschickt.“

Seine Augen glitten sofort zu ihrer Arzttasche.

„Hat er Ihnen erklärt, was zu tun ist?“

„Ja.“

Ihre Stimme blieb ruhig.

„Ich kenne alle notwendigen Informationen. Sie können sich auf meine Schweigepflicht verlassen.“

Für einen Moment musterte er sie schweigend.

Dann trat er zur Seite.

„Kommen Sie.“

Er führte sie durch das stille Haus.

Nicht einmal ihre Schritte schienen ein Echo zu hinterlassen.

Schließlich blieb er vor einer Tür im Obergeschoss stehen und öffnete sie.

Der Raum dahinter lag vollkommen im Dunkeln.

Lian blieb stehen.

„Entschuldigung ... Wie soll ich jemanden untersuchen, wenn ich kaum etwas sehen kann?“

Noch bevor Adam antworten konnte, erklang aus der Finsternis eine tiefe Männerstimme.

Kalt.

Beherrscht.

Und seltsam vertraut.

„Das Licht ist an.“

Lian runzelte die Stirn.

Erst als Adam den Schalter betätigte, flutete grelles Licht den Raum.

Für den Bruchteil einer Sekunde musste sie die Augen schließen.

Als sie sie wieder öffnete, fiel ihr Blick auf den Patienten.

Ein Mann lag reglos auf dem Bett.

Sein weißes Hemd war an mehreren Stellen von getrocknetem Blut dunkel verfärbt.

Über seinem Gesicht lag eine elegante Jacke.

Offensichtlich wollte er unerkannt bleiben.

Lian unterdrückte jede Neugier.

Zacharys Warnung klang ihr noch immer in den Ohren.

Keine Fragen.

Nur behandeln.

Sie stellte ihre Tasche auf den Tisch, zog eine sterile Schere hervor und schnitt vorsichtig die provisorischen Verbände auf.

Darunter kamen mehrere tiefe Schnittwunden zum Vorschein.

Die Blutung hatte bereits nachgelassen, doch ohne eine sorgfältige Versorgung würden Narben bleiben.

Sie legte das Werkzeug beiseite und bereitete das Nahtmaterial vor.

„Gibt es Allergien gegen Lokalanästhetika?“

Ein kurzer Moment der Stille.

Dann antwortete der Mann knapp.

„Nein.“

Lian zog das Betäubungsmittel auf und setzte die erste Injektion.

Ruhig.

Präzise.

Ihre Hände arbeiteten mit der Sicherheit jahrelanger Erfahrung.

Nach wenigen Minuten begann das Medikament zu wirken.

Der Schmerz verschwand langsam aus den angespannten Muskeln des Fremden.

Eine Stunde verging, ohne dass jemand ein Wort sagte.

Nur das leise Klirren der Instrumente und der sterile Geruch des Desinfektionsmittels erfüllten den Raum.

Lian setzte den letzten Stich, zog den Faden fest und legte einen frischen Verband an. Erst als sie sicher war, dass jede Wunde sauber versorgt war, nahm sie die Handschuhe ab.

An ihren Fingern klebten feine Spuren getrockneten Blutes.

„Ich müsste mir kurz die Hände waschen.“

Adam nickte.

„Das Badezimmer ist im Erdgeschoss. Sie finden es allein.“

Lian verließ schweigend das Zimmer.

Ihre Schritte verklangen auf der Treppe.

Adam wartete, bis sie außer Sicht war. Erst dann schloss er die Tür leise hinter sich und wandte sich dem Mann auf dem Bett zu.

Jacob hatte sich inzwischen aufgerichtet. Trotz der frischen Verletzungen strahlte er eine bedrohliche Ruhe aus. Sein Blick war dunkel, kalt und vollkommen klar.

Adam sprach leise.

„Wir haben die Verantwortlichen gefunden.“

Jacob hob langsam den Kopf.

„Quincy steckt dahinter. Nachdem du ihre Leute aus deiner Nähe entfernt hast, geriet sie in Panik. Sie wollte dich ausschalten, bevor du ihr zuvorkommst.“

Kein Muskel regte sich in Jacobs Gesicht.

Nach einer langen Pause fragte er mit erschreckender Gelassenheit:

„War sie es auch, die diese Hochzeit eingefädelt hat?“

Adam zögerte nur einen Augenblick.

„Ja.“

Seine Stimme war fest.

„Rashid stand mit ihr in Kontakt. Je tiefer ich gegraben habe, desto offensichtlicher wurde alles. Die gesamte Heirat war von Anfang an geplant. Deshalb hat Rashid ausgerechnet dich als Schwiegersohn ausgewählt – nicht Yusuf.“

Ein kaum hörbares Lachen löste sich aus Jacobs Kehle.

Es klang nicht nach Belustigung.

Es klang wie die Ruhe vor einem Sturm.

„Interessant...“

Er senkte kurz den Blick.

„Wenn sie sich solche Mühe gibt, mir Geschenke zu machen, wäre es unhöflich, mich nicht zu revanchieren.“

Adam verstand sofort.

„Yusuf besitzt den Nachtclub in der Central Street.“

Jacob sah ihn schweigend an.

„Seit sie aus der Unternehmensgruppe ausgeschlossen wurden, ist das ihre wichtigste Einnahmequelle.“

Adam sprach den Gedanken zu Ende.

„Wenn der Club verschwindet, verlieren sie fast alles.“

Jacob nickte nur ein einziges Mal.

„Dann sorg dafür.“

Mehr sagte er nicht.

Doch dieses eine Urteil genügte.

Für Adam war der Befehl längst erteilt.

---

Als Adam die Treppe hinunterging, kam Lian ihm bereits entgegen.

Er blieb stehen.

Sein Blick war scharf wie eine gezogene Klinge.

„Hören Sie gut zu, Doktor.“

Seine Stimme war ruhig.

Gerade deshalb jagte sie ihr einen Schauer über den Rücken.

„Was Sie heute gesehen oder gehört haben... verlässt dieses Haus niemals.“

Er machte einen Schritt auf sie zu.

„Sollte auch nur ein einziges Wort nach draußen gelangen... werden Sie die Konsequenzen tragen.“

Lian spürte, wie sich ihre Finger unwillkürlich um den Griff ihrer Tasche schlossen.

Sie wusste nicht, wer diese Männer waren.

Aber sie verstand sofort, dass dies keine leere Drohung war.

„Keine Sorge.“

Ihre Stimme blieb erstaunlich ruhig.

„Ärztliche Schweigepflicht bedeutet mir mehr als jedes Versprechen.“

Adam musterte sie noch einen Moment.

Dann trat er zur Seite.

„Sie können gehen.“

Lian nickte leicht.

„Ich hole nur noch meine Tasche.“

Sie kehrte ins Zimmer zurück.

Im selben Moment blieb sie wie angewurzelt stehen.

Der Verletzte hatte inzwischen das blutverschmierte Hemd ausgezogen.

Breite Schultern.

Ein trainierter Rücken, gezeichnet von Kraft und unzähligen alten Narben.

Selbst die frischen Verbände konnten nicht verbergen, welche außergewöhnliche körperliche Präsenz dieser Mann besaß.

Er stand mit dem Rücken zu ihr.

Als hätte er ihre Anwesenheit längst bemerkt, drehte er den Kopf nur ein wenig.

Sein Blick streifte sie über die Schulter.

Ein flüchtiger Augenkontakt.

Kühl.

Und dennoch von einer schwer erklärbaren Intensität.

„Sie sind immer noch hier?“

Seine tiefe Stimme war ruhig, fast gelangweilt.

Lian blinzelte erschrocken.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie ihn viel zu lange angesehen hatte.

Hitze stieg ihr ins Gesicht.

Sofort senkte sie den Blick, griff hastig nach ihrer Tasche und wandte sich zur Tür.

Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Zimmer.

Doch während sie das Haus verließ, ließ sie das Gefühl nicht los, diese Stimme schon einmal gehört zu haben.

Und genau dieser Gedanke begleitete sie bis hinaus in die kühle Abendluft.

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