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last update Veröffentlichungsdatum: 03.07.2026 22:09:16

Lyra

Falls ich jemals gehofft hatte, dieses Gefängnis würde gütiger sein als das meines Vaters, dann bewiesen mir die ersten beiden Reisetage, wie töricht ich gewesen war.

Als die Kutsche schließlich ruckelnd vor dem Anwesen des Blackthorn-Rudels zum Stehen kam, bot Draven mir nicht einmal die Hand an. Er stieg in die kühle Luft hinaus und ließ mich allein die hohe Stufe in meinem schweren Kleid hinuntersteigen. Kaum hatte ich den Boden erreicht, erhob sich ein leises Flüstern.

„Die wolfslose Prinzessin“, hauchten sie.

„Sie ist wirklich von überirdischer Schönheit.“

Ich tat das Einzige, wozu man mich erzogen hatte.

Ich setzte ein Lächeln auf und hielt es aufrecht, bis mir die Wangen schmerzten.

Draven ging direkt auf eine Frau zu, die auf der Veranda stand. Sie schien etwa dreißig Jahre alt zu sein und hatte scharfe, berechnende Augen.

Zu meinem Entsetzen zog er sie in eine lange Umarmung – die Art von Umarmung, die Liebenden vorbehalten war und nicht Familienmitgliedern. Als sie sich schließlich von ihm löste und mich ansah, tropfte ihr Blick förmlich vor Gift.

„Du bist tatsächlich so schön, wie die Gerüchte behaupten“, höhnte sie mit einer Stimme, die rau wie Schmirgelpapier klang.

„Schade nur, dass du stumm bist. Und wolflos.“

Die Beleidigung brannte, doch ich hielt mein Lächeln eisern aufrecht. Ich wollte schreien. Ich wollte fragen, was ich getan hatte, um eine solche Grausamkeit von jemandem zu verdienen, den ich nicht einmal kannte.

„Elin!“, rief die Frau scharf.

Ein junges Dienstmädchen, kaum älter als ich, eilte herbei.

„Sie ist jetzt deine Verantwortung“, befahl die Frau. „Bring sie in ihr Gemach und sorge dafür, dass sie es nicht verlässt.“

Ich folgte Elin durch das Schloss. Es war ein Ort von kalter Pracht – Marmorböden, auf denen meine Absätze klackerten, und der erdrückende Duft von edlem Holz und Macht. Doch je weiter wir gingen, desto mehr verblasste der Luxus.

Wir ließen die prächtigen Gemächer hinter uns und stiegen eine Treppe hinab, die tief in das Innere des Gebäudes führte. Die Luft wurde feucht und eisig.

Schließlich blieben wir vor einer goldenen Tür am Ende eines dunklen Korridors stehen. Es war das einzige Zimmer hier unten, verborgen vor dem Rest des Rudels. Direkt dahinter, ganz am Ende des Ganges, stand ein geschmackvoll dekoriertes und hell erleuchtetes Zelt.

„Dort wohne ich“, sagte Elin und deutete auf das Zelt, bevor sie die goldene Tür für mich aufschloss.

„Das ist Euer Zimmer, Mylady. Wenn Ihr mich braucht, drückt einfach diesen Knopf, da Ihr nicht sprechen könnt. Ich werde die Tür öffnen, wenn Ihr zu einer Veranstaltung müsst.“

Sie wartete, bis ich nickte, dann ging sie.

Das Klicken des Schlosses, das sich hinter mir verriegelte, hallte durch die Stille wie der Schlag eines Richterhammers.

Ich ließ mich auf das Bett fallen. Das Gewicht des Tages brach endgültig über mir zusammen. Die Tränen, die ich so lange zurückgehalten hatte, strömten lautlos hervor. Ich weinte in das Kissen, bis schließlich die Angst überwog, Draven könnte meine „geschwollenen Augen“ sehen.

Ich drückte auf die Klingel.

Als Elin zurückkam, deutete ich auf mein Gesicht. Sie verstand sofort und trug eine frische Schicht Make-up auf, um mein Elend zu verbergen.

Ich saß stundenlang am Rand des Bettes und wartete auf meinen Ehemann.

Maya hatte gesagt, die Hochzeitsnacht sei „etwas Besonderes“ – die Zeit, in der Mann und Frau ihre Ehe vollziehen. Ich verstand nicht ganz, was das bedeutete, aber ich wusste, dass ich bereit sein sollte. Ich ging in dem kleinen, kalten Zimmer auf und ab. Mein königsblaues Kleid fühlte sich an wie Blei, doch ich weigerte mich, es auszuziehen, aus Angst, ihn zu enttäuschen.

Als der Mond hoch am Himmel stand, bemerkte ich, dass meine Tür einen Spalt offen stand. Mein Herz setzte einen Schlag aus. War Elin unvorsichtig gewesen? Oder war das eine Einladung?

Von verzweifeliger Neugier getrieben schlich ich hinaus. Barfuß stieg ich die Treppe hinauf, lautlos über den kalten Steinboden. Ich durchsuchte die Zimmer im oberen Stockwerk, bis ich am Ende des Flurs eine Tür entdeckte, die nur einen Spalt offen stand.

Ich stieß sie vorsichtig auf.

Mein Blut gefror.

Alpha Draven war dort – aber er war nicht allein.

Er war mit der Frau vom Nachmittag zusammen, derselben Frau, die er am Eingang umarmt hatte. Beide waren nackt, ihre Haut glänzte vor Schweiß.

Ich blieb wie erstarrt stehen, als mir bewusst wurde, was ich da sah.

Sex.

Mein Ehemann war in unserer Hochzeitsnacht mit einer anderen Frau zusammen.

Die Frau hob den Blick. Ein triumphierendes Lächeln glitt über ihre Lippen, als sich unsere Blicke trafen. Draven machte keine Anstalten aufzuhören. Er versuchte nicht einmal, es zu verbergen. Er sah lediglich über seine Schulter, seine Augen so kalt wie Stahl.

„Wenn du mit Zuschauen fertig bist“, sagte er mit einer flachen, gelangweilten Stimme, „kannst du die Tür schließen.“

Ich tat, was er sagte. Meine Hände zitterten, als ich die Türklinke herunterdrückte.

Als ich mich umdrehte, um zu fliehen, stand Elin bereits dort und wartete darauf, mich zurück in mein Zimmer zu bringen.

Da begriff ich es.

Die offen gelassene Tür.

Die angeblich unvorsichtige Magd.

Die angelehnte Schlafzimmertür …

Es war alles inszeniert gewesen. Ein Schauspiel, das nur für mich aufgeführt worden war.

Zurück in meinem Zimmer saß ich regungslos in der Dunkelheit.

„Geht es Euch gut?“, fragte Elin.

Zum ersten Mal sah ich echtes Mitleid in ihren Augen.

Ich hasste es.

Ich wollte nicht, dass sie Mitleid mit mir hatte.

Ich zwang mich zu einem Lächeln und nickte so lange, bis sie schließlich ging.

Sobald sich die Tür hinter ihr schloss, rannte ich ins Badezimmer.

Ich ließ die Badewanne volllaufen und tauchte meinen Kopf unter Wasser.

Dort unten ließ ich endlich den Schrei heraus, den ich jahrelang unterdrückt hatte.

Ich schrie in die lautlose Welt unter der Wasseroberfläche, bis meine Lungen brannten.

Als ich wieder auftauchte und keuchend nach Luft rang, blickte ich in den Spiegel.

Selbst mit verschmiertem Make-up und blutunterlaufenen Augen war ich noch immer „von überirdischer Schönheit“.

Ich war noch immer ein Meisterwerk.

Ich hasste jeden Zentimeter meines Spiegelbildes.

Ich übte mein Lächeln, veränderte meinen Gesichtsausdruck so lange, bis das Mädchen im Spiegel wieder „nützlich“ aussah.

Ich dachte an das Messer.

Ich dachte daran, das Einzige zu zerstören, was die Menschen an mir schätzten.

Doch die Stimme meines Vaters hallte in meinem Kopf wider.

„Du bist nur wegen deiner Schönheit noch am Leben.“

Ich war kein Mensch.

Ich war ein wolfloser Freak, den man wie ein Haustier hielt, nur weil ich schön anzusehen war.

„Die wolfslose Prinzessin mit der überirdischen Schönheit“, flüsterte ich.

Das war alles, was ich sein durfte.

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