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Author: Fireflies
last update publish date: 2026-07-03 22:11:43

Lyra

Die Tür knarrte auf, und das Geräusch ging mir durch Mark und Bein. Ich zwang meine Augen auf. Meine schweren Lider weigerten sich beinahe, sich zu heben, als mir bewusst wurde, dass ich immer noch zusammengesunken auf dem kalten Badezimmerboden lag. Als ich versuchte, mich hochzustemmen, fühlten sich meine Muskeln an wie Wasser. Meine Beine gaben sofort nach, und ich stürzte wieder auf die Fliesen.

„Uff …“

Ein schwerer, rauer Atemzug entwich meiner Lunge.

„Lady Lyra?“, rief Elins Stimme aus dem Schlafzimmer.

Ich antwortete nicht.

Allein der Gedanke, Worte zu formen, fühlte sich an wie ein Berg, den ich noch nicht erklimmen konnte. Ich versuchte erneut aufzustehen, doch meine Knie knickten wieder ein. Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass sie schmerzten, und verdrehte genervt die Augen über meine eigene Nutzlosigkeit.

Die Erinnerungen an die vergangene Nacht überrollten mich wie eine eisige Welle.

Ich hasste die leere Stelle in meiner Brust, an der ein Wolf hätte sein sollen.

Meine Gefühle waren ein bitterer, schmerzhaft echter Knoten aus Groll.

Ich war fehlerhaft.

Etwas Zerbrochenes.

Und in diesem Moment hasste ich es, dass ich nicht einmal meinen eigenen Körper dazu bringen konnte, aufzustehen.

Nach vier weiteren qualvollen Versuchen gelang es mir schließlich, mich auf den Beinen zu halten.

Ich drehte mich zum Spiegel, und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

Die Frau, die mich ansah, war ein Meisterwerk der Täuschung: Haut makellos wie gesponnene Seide, Augen so groß und leuchtend wie der Mond und Lippen von der Farbe zerdrückter Erdbeeren. Meine langen, dunklen Wimpern umrahmten einen Blick, aus dem jedes Licht verschwunden war.

Ich sah aus wie eine Leiche, eingehüllt in die Haut einer Göttin.

Sie durften die Fäulnis in meinem Inneren nicht sehen.

Also tat ich, was ich immer tat.

Ich zog meine Lippen zu einem einstudierten, porzellanartigen Lächeln.

Ich hielt es so lange, bis es sich natürlich anfühlte.

Bis es eine Maske geworden war, die ich wie eine Rüstung tragen konnte.

Erst dann öffnete ich die Badezimmertür.

Elin eilte sofort auf mich zu. Ihr Gesicht war kreidebleich, und blanke Panik stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Was ist nur mit ihr los?, fragte ich mich und hielt meinen Gesichtsausdruck ruhig.

„Lady Lyra!“, rief sie mit brechender Stimme.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Mein Puls hämmerte gegen meine Rippen.

Warum weint sie?

Panik breitete sich in meinem Magen aus.

„Es tut mir leid. Es tut mir so, so leid“, schluchzte sie. Mit zitternden Händen untersuchte sie mich auf Verletzungen. „Ich weiß, ich hätte nicht auf Lady Selene hören dürfen. Ich hasse mich dafür, dass ich Euch in diesen Zustand gebracht habe, aber … ich hatte keine andere Wahl.“

Ich wollte ihr sagen, dass alles in Ordnung war.

Ich wollte ihr sagen, dass ich ihr keine Vorwürfe machte.

Doch die Wände dieses Hauses hatten Ohren.

Ich hatte schreckliche Angst, dass dies eine Falle war – eine Prüfung, um herauszufinden, ob ich endlich mein Schweigen brechen würde.

Anstatt zu sprechen, zog ich sie in eine Umarmung und klopfte ihr ruhig und gleichmäßig auf den Rücken.

Eine wortlose Versicherung.

Nach einigen Minuten löste sie sich von mir und wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Der Alpha hat gesagt“, schniefte sie, ohne meinen Blick zu erwidern, „ich soll Euch zum Abendessen hinunterbringen.“

Ich nickte steif.

Sie ließ ein Bad für mich ein, ihre Bewegungen hastig und nervös. Nachdem ich gewaschen und angezogen war, begann sie, mein Haar zu bürsten.

„Ihr seht unwirklich aus, Lady Lyra“, flüsterte Elin. Durch den Spiegel sah sie mich mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid an.

Ich nickte stumm als Dank.

„Gut“, sagte sie schließlich und legte die Bürste mit einem entschlossenen Klacken beiseite.

„Gehen wir.“

Bevor ich aufstand, warf ich noch einen letzten Blick in den Spiegel. Ich trug ein schimmerndes rosafarbenes Kleid, und mein silberblondes Haar war zu einem hohen, glatten Pferdeschwanz gebunden.

Die Seide ließ einen Großteil meiner blassen Haut frei – eine Entscheidung, von der ich wusste, dass sie nicht meine gewesen war, sondern die des Alphas. Man kleidete mich wie eine Puppe an, die zur Schau gestellt werden sollte.

Ich folgte Elin durch die verwinkelten Korridore. Als wir die Halle betraten, veränderte sich die Atmosphäre. Die Stille meines Zimmers wurde vom gedämpften Summen des Lebens und dem stechenden Gewicht unzähliger Blicke ersetzt. Flüsternde Stimmen folgten mir wie ein Leichentuch.

„Sie ist so unwirklich“, murmelte jemand.

„Ich wünschte, ich wäre so schön wie sie“, seufzte eine andere Stimme.

Ich hatte all das schon tausendmal gehört.

Doch eine Bemerkung ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

„Dass sie keinen Wolf hat, ist der Grund, warum sie so überirdisch schön aussieht. Was für ein Glück. Ich wünschte, ich wäre sie.“

Glück.

Dieses Wort fühlte sich wie eine Ohrfeige an.

Meine Hände begannen zu zittern, und ich grub meine Fingernägel in die Seide meines Kleides, um das Zittern zu verbergen.

Sich diese Leere zu wünschen. Diesen goldenen Käfig.

Es war eine Beleidigung, die ich nicht hinunterschlucken konnte.

„Mylady?“, flüsterte Elin, als sie mein Zögern bemerkte.

Ihre Augen fragten mich, ob alles in Ordnung sei.

Ich zwang mir wieder dieses große, strahlende, leere Lächeln auf und nickte.

Wir erreichten den Speisesaal, und Elin zog sich zurück.

Ich ging auf den leeren Stuhl neben meinem Ehemann zu.

Er schenkte mir keinen Blick.

Er war viel zu beschäftigt damit, Lady Selene liebevoll anzulächeln.

Ich starrte sie an, während die Verwirrung an mir nagte.

Wer ist sie?

„Oh, seht nur, wer da ist“, lachte mein Ehemann laut und überheblich.

„Meine überirdisch schöne Ehefrau. Das schönste Geschöpf der Welt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich sie gewonnen habe.“

Er lachte erneut.

Ich zwang mein Lächeln, an Ort und Stelle zu bleiben.

Gewonnen.

Ich war keine Ehefrau.

Ich war eine Trophäe.

Ein Preis, den er vermutlich durch Betrug gewonnen hatte.

„Iss, Ehefrau. Iss“, befahl er.

Mit zitternden Händen nahm ich mir Essen.

Ich hatte solche Angst, dass schon eine fallengelassene Gabel den trügerischen Frieden zerstören könnte.

„Alpha Draven, letzte Nacht hat Spaß gemacht“, sagte Lady Selene mit einer Stimme, die vor spöttischer Süße triefte.

„Aber du weißt doch, dass du dich eigentlich bei deiner Frau entschuldigen solltest, oder?“

Ich hielt den Blick auf meinen Teller gerichtet und tat so, als wären ihre Worte nichts weiter als der Wind.

„Sie ist nicht wütend. Oder bist du wütend, Ehefrau?“, fragte Draven.

Er drehte sich zu mir um.

Der Blick in seinen Augen ließ mich schwer schlucken.

Es war keine Frage.

Es war eine Drohung.

Ich schüttelte hastig den Kopf und zwang mich zu einem weiteren Lächeln.

„Ich habe es dir doch gesagt, Schwägerin“, sagte Draven und wandte sich wieder Selene zu. Also heißt sie Selene.

„Sie ist nicht wütend. Sie kennt ihren Platz.“

Schwägerin.

Dieses Wort traf mich wie ein körperlicher Schlag.

Mein sorgfältig einstudiertes Lächeln verschwand.

Ich kniff die Augen zusammen, während mein Verstand fieberhaft versuchte, alles zusammenzusetzen.

Die Vertrautheit.

Die verstohlenen Blicke.

Der „Spaß“ der vergangenen Nacht.

Er führte seine Geliebte offen zur Schau.

Und diese Geliebte gehörte zur Familie.

Plötzlich überkam mich ein heftiger Hustenanfall.

Ich schob meinen Stuhl zurück und sprang abrupt auf.

„Was ist los, Ehefrau?“, fragte er mit schärferer Stimme.

Ich antwortete nicht.

Ich verdrehte lediglich die Augen – ein seltener Moment des Widerstands, der meine Maske durchbrach.

Ich holte tief und zitternd Luft und umklammerte mein Kleid so fest, dass der Stoff unter meinen Fingern spannte.

Der Verrat schmeckte bitter wie Galle in meinem Hals.

Ich wusste, dass er mich nicht liebte.

Aber die Ehefrau seines eigenen Bruders ganz offen zur Schau zu stellen …

Diese Schamlosigkeit war eine völlig neue Form der Grausamkeit.

Ich drehte mich um und rannte davon.

Die Konsequenzen waren mir egal.

Lieber würde ich im Kerker verrotten, als auch nur eine weitere Sekunde an diesem Tisch zu sitzen.

Als ich hastig den Speisesaal verließ, eilte Elin mit einem von Angst gezeichneten Gesicht zu mir.

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, und heiße Tränen brannten hinter meinen Augenlidern.

Ich hatte den sicheren Bereich meines Flügels fast erreicht, als plötzlich eine kräftige Hand nach meinem Arm griff und mich grob herumriss.

Klatsch.

Das Geräusch seiner Hand, die meine Wange traf, hallte wie ein Pistolenschuss durch den Korridor.

Die Wucht des Schlages schleuderte mich zu Boden.

Mir wurde schwindelig.

Mein Vater hatte mich niemals auch nur ein einziges Mal geschlagen.

„Es tut mir so leid! Ich wollte dich nicht schlagen!“, geriet Draven sofort in Panik.

Doch nicht aus Schuldgefühl.

Er beugte sich über mich, sein Gesicht von Angst verzerrt.

„Oh, Mondgöttin … Alpha Kael wird mich umbringen, wenn er erfährt, dass ich seine Tochter geschlagen habe.“

Er sorgte sich nicht um meine Schmerzen.

Er sorgte sich darum, dass die Ware beschädigt worden war.

Er hatte Angst, mein Vater könnte ihren Handel rückgängig machen und sein Geld für den beschädigten Preis zurückverlangen.

„Elin!“, bellte er.

„Ja, Alpha“, flüsterte sie zitternd.

„Sperr sie ein, bis sie verheilt ist. Ich will sie draußen nicht sehen. Wenn ich sie sehe, bevor dieser Bluterguss verschwunden ist, bringe ich dich um“, spuckte er aus, bevor er wie ein Feigling davonlief.

Elin streckte mir die Hand entgegen, um mir aufzuhelfen.

Ich rührte mich nicht.

Ich blieb auf dem Boden sitzen.

Meine Wange pochte in einem heißen, gleichmäßigen Rhythmus.

Die Tränen, die ich so lange zurückgehalten hatte, brachen endlich hervor und zogen heiße Spuren durch mein Make-up.

„Ich hasse mein Gesicht“, sagte ich.

Die Worte klangen laut.

Rau.

Unverfälscht.

Ich wusste, dass ich nicht sprechen durfte.

Ich wusste, wie gefährlich das war.

Doch der Damm war gebrochen.

„Lady Lyra … Ihr habt gesprochen“, keuchte Elin. Ihre Augen waren vor Schock weit aufgerissen.

Ich zwang mich aufzustehen.

Die Tränen liefen noch immer über mein Gesicht.

Ich trat dicht an sie heran, und meine Stimme wurde zu einer kalten, scharfen Klinge.

„Wenn du irgendjemandem davon erzählst, wird dein Tod weitaus schlimmer sein als alles, was du jemals gesehen hast. Ich rate dir dringend, dieses Wissen für dich zu behalten.“

Ich wartete ihre Antwort nicht ab.

Ich drehte mich um und rannte in mein Zimmer.

Die Tür schlug mit einem lauten Knall hinter mir zu.

Genau wie in der Nacht zuvor taumelte ich ins Badezimmer.

Mit zitternden Händen drehte ich die Wasserhähne auf und beobachtete, wie das Wasser laut rauschend die Badewanne füllte.

Sobald sie voll war, tauchte ich meinen Kopf unter.

Unter Wasser, wo die Welt gedämpft und erstickt war, schrie ich.

Ich schrie, bis sich meine Kehle anfühlte, als würde sie bluten.

Warum? Warum? Warum?

Ich hatte geglaubt, endlich zu entkommen.

Ich hatte geglaubt, die Ehe sei der Weg in die Freiheit.

Oder zumindest der Weg, endlich geliebt zu werden.

Ich hatte mich geirrt.

Ich würde niemals Freiheit finden.

Und noch viel weniger Liebe.

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