LOGINFÜNF: POV: Clem | Brimstone Point, Fogo Island, diese Nacht
„Geh hinten raus“, befahl Dolly Goudie und drückte mir eine karierte Thermoskanne in die Hände. „Nimm den Pfad hinter dem Friedhof. Er führt zum Point. Niemand geht jemals zum Point.“ Sie schob mir mit großer Feierlichkeit eine Stricknadel in die Manteltasche. „Für alle Fälle.“
„Für alle Fälle wovon?“
„Für den Fall, dass du jemanden abstechen musst, mein Schatz.“ Sie tätschelte meine Wange. Ihre Hand war warm und trocken und roch nach Wolle und altem Tee. „Jetzt geh. Ich bremse Männer seit neunzehnhunderteinundsiebzig. Ich werde ihnen sagen, dass du nach Joe Batt’s Arm gegangen bist. Das ist ein sehr weiter Weg, und sie werden sich verirren.“
„Dolly“, flüsterte ich, „ich kann nicht…“
„Doch, das kannst du.“ Ihre schwarzen Augen waren hell und wild und nass. „Das ist ein wundervoller Mann, den du da hast, mit einem sehr schlechten Mantel. Lass ihn nicht umbringen. Er sieht aus, als wäre er eine Menge Ärger beim Begraben.“
Ich küsste sie auf die Stirn. Dann hatte Atlas meine Hand, fest, und wir rannten.
Ich bin noch nie so gerannt. Aus der Hintertür der Kirche, durch ein Tor in einer Steinmauer, zwischen den schiefen grauen Kreuzen eines Friedhofs hindurch, während der Wind vom Wasser in großen, nassen Schlägen kam und der Himmel die Farbe eines toten Fisches hatte. Der Pfad war eine dünne Linie aus rotem Schlamm zwischen zwei Böschungen aus tropfendem Gras. Hinter uns kam die Ziege, galoppierend in einem steifen, meckern den, empörten Trab am Ende ihres Bindfadens, weil Atlas ihn nicht losgelassen hatte.
„Lass die Ziege los!“, keuchte ich.
„Ich kann nicht! Sie ist an meinem Handgelenk festgebunden!“
„Warum ist sie an deinem Handgelenk festgebunden?“
„Ich weiß es nicht! Er hat sie angebunden! Es ging sehr schnell!“
Es begann zu regnen. Nicht nieseln. Eine Wand aus kaltem, hartem, waagerechtem Wasser, die aus dem Atlantik wie eine Faust herauskam und uns ins Gesicht schlug, und innerhalb einer Minute war ich durch und durch nass. Der Pfad stieg an. Er wurde schmaler. Er wurde zu einem Sims aus nassem schwarzem Fels über einem kochenden Meer, mit der Brandung, die darunter dröhnte und weißen Gischt fünfzig Fuß in die Luft warf. Ich rutschte aus. Mein Knöchel drehte sich unter mir mit einem knackenden Schmerz, und ich ging auf ein Knie in den Schlamm.
„Clem!“
„Mir geht’s gut!“
„Dir geht’s nicht gut.“ Er war stehen geblieben, keuchend, mit der Ziege gegen sein Bein geklemmt und dem Regen, der über sein ruiniertes Gesicht strömte. „Du hinkst. Ich trage dich.“
„Das wirst du nicht.“
„Clementine.“
„Ich bin eine erwachsene Frau. Ich bin vollkommen in der Lage…“
Er diskutierte nicht. Er bückte sich einfach und hob mich gegen seine Brust, in dem lächerlichen Regenmantel, während die Ziege meckern und der Wind heulen, und begann zu gehen. Er zitterte. Ich spürte es durch seine Rippen. Er hatte seit vier Tagen nicht geschlafen, und er trug mich am Rand einer Klippe in einem Sturm, und er hielt nicht ein einziges Mal an.
„Das ist demütigend“, murmelte ich in seinen Kragen.
„Ja.“
„Du wirst mich fallen lassen.“
„Ich werde dich nicht fallen lassen.“ Seine Stimme war rau, direkt an meinem Haar. „Ich wollte dich zwei Jahre lang halten. Ich werde dich jetzt nicht fallen lassen.“
Ich antwortete nicht. Ich legte mein Gesicht an seine nasse Schulter und hielt mich fest.
Die Welt war nur noch Wind und Wasser und der langsame, unerbittliche Rhythmus seiner Schritte. Jedes Mal, wenn er den Fuß setzte, spürte ich den Aufprall in meinem verletzten Knöchel, aber ich sagte nichts. Sein Herz schlug unter meinem Ohr, unregelmäßig und zu schnell. Er war kalt. Seine Haut unter dem lächerlichen gelben Stoff war kalt, und seine Arme zitterten unter meinem Gewicht, und trotzdem ging er weiter, als gäbe es keinen anderen Weg und keine andere Wahl und keine Möglichkeit, mich abzusetzen und einfach weiterzurennen.
Ich dachte an die Kirche. An die vier Männer in dunklen Mänteln, die den roten Schotterweg hochkamen. An Cornelius, der neben mir gesessen und meine Hand getätschelt und gesagt hatte, es sei schade, dass ich keine Kinder gehabt hätte. An die neun Mikrofone in den Wänden der Penthouse-Wohnung. An die zwei Jahre, in denen ich nachts im Dunkeln gelegen und auf die Decke an der Decke gestarrt und mir vorgestellt hatte, was er denken würde, wenn er mich so sähe – nass, schmutzig, mit einem verstauchten Knöchel und einer Ziege und einem Mann, der mich trug, als wäre ich etwas Kostbares und Zerbrechliches und unbedingt zu Bewahrendes.
Der Leuchtturm stand ganz am Ende des Points, ein kurzer, dicker, weißer Turm mit einer roten Laterne obenauf und einer Tür so schwarz wie ein Sarg, und er war seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr benutzt worden. Der Wind riss an ihm. Die Farbe blätterte in langen grauen Streifen ab. Wir kamen aus dem Regen durch eine aufgequollene Holztür, die Atlas mit einem bereits gespaltenen Stiefel aus den Angeln trat, und er setzte mich am Fuß einer spiralförmigen eisernen Treppe in einem runden Steinhaus ab, das nach Rost und Möwendreck und hundert Jahren Feuchtigkeit roch, und lehnte sich keuchend an die Wand.
Die Ziege schüttelte sich wie ein Hund und fraß ein Stück Seil.
„Hoch“, sagte Atlas. „Höher. Wenn sie kommen, werden sie zuerst das Erdgeschoss durchsuchen.“
Wir stiegen. Hundertvier Stufen. Die Treppe wand sich in einer dünnen eisernen Spirale durch das Herz des Turms, während der Wind durch die Schlitze in den Wänden schrie, und oben kamen wir durch eine Falltür in einen runden Glasraum, den Laternenraum, mit einer verrosteten Lampe von der Größe eines Fasses in der Mitte und einem Ring aus salzverkrusteten Fenstern, die auf ein kochendes graues Meer hinausblickten.
Die Lampe war ein Uhrwerk. Ich sah es sofort. Ein großes Messingmechanismus, schwarz vor Alter und grün vor Grünspan, mit einem Gewicht und einer Kette und einer Hemmung von der Größe eines Esstellers. Eine Uhr für einen Leuchtturm. Ich streckte die Hand danach aus, ohne nachzudenken, so wie man ein schlafendes Tier berührt.
„Sie ist wunderschön“, flüsterte ich.
„Sie ist eine Ruine.“
„Sie ist eine Ruine, die wunderschön ist.“ Ich schluckte. „Es tut mir leid. Ich mache das immer.“
„Entschuldige dich nicht.“ Atlas ließ den Bindfaden der Ziege fallen. Er hockte sich vor mir auf die Fersen, im grauen Licht, und nahm meinen Fuß in seine Hände, sehr behutsam, und begann, meinen Stiefel aufzuschnüren. „Darf ich?“
„Es ist nur eine Verstauchung.“
„Darf ich?“
Ich nickte. Mein Herz schlug mir im Hals. Er zog den Stiefel vorsichtig aus und rollte meine Socke herunter und tastete meinen Knöchel mit kalten, vorsichtigen Fingern ab, und als ich zusammenzuckte, verzog sich sein ganzes Gesicht, als hätte ich ihn geschlagen.
„Er ist nicht gebrochen“, sagte er schließlich.
„Hab ich dir gesagt.“
„Gott sei Dank.“ Er ließ nicht los. Er saß auf dem Boden eines Leuchtturms mit meinem nackten Fuß in seinen Händen, in einem gelben Regenmantel, der zu klein war, und schaute durch das salzverkrustete Glas auf das Meer. „Clem.“
„Ja.“
„Ich muss etwas sagen.“
„Dann sag es.“
„Ich weiß nicht wie.“ Seine Stimme brach am letzten Wort. „Ich habe drei Wochen lang geübt, im Auto, im Flugzeug, auf der Fähre. Ich habe es aufgeschrieben. Es war mir sehr klar. Und jetzt kann ich mich an nichts davon erinnern.“
Ich schaute ihn an. Sein Haar klebte an der Stirn. Seine geplatzte Lippe war wieder aufgegangen. Er zitterte so stark, dass seine Zähne klapperten, und seine Hände an meinem Knöchel zitterten, und ich dachte mit einer langsamen, schrecklichen, schmelzenden Zärtlichkeit: Er hat Angst.
Die Brandung dröhnte unter uns. Der Wind heulte durch die Ritzen der alten Fenster. Die Ziege lag jetzt zusammengekauert in einer Ecke und kaute an etwas, das einmal ein Stück Segeltuch gewesen sein musste. Atlas’ Daumen strich unwillkürlich über meinen Knöchel, hin und her, eine kleine, unbewusste Bewegung, als wollte er den Schmerz wegwischen, und ich spürte, wie etwas in meiner Brust, das seit zwei Jahren eingefroren war, langsam, schmerzhaft, unaufhaltsam zu tauen begann.
„Atlas“, sagte ich sanft.
„Ja.“
„Schau mich an.“
Er schaute.
Ich griff in meine Tasche. Ich holte ein kleines, gefaltetes Viereck aus gelbem Papier heraus, weich vom vielen Anfassen, und glättete es auf meinem Knie im grauen Licht des Sturms und hielt es so, dass er es sehen konnte.
An denjenigen, der dies findet: Ich habe noch nie Angst gehabt. Es ist sie.
Sein Atem stockte.
„Ich habe es im siebten Monat gefunden“, murmelte ich. Meine Stimme war ruhig und sehr leise. „In einer französischen Kutschenuhr. Ich dachte, ein toter Uhrmacher hätte es geschrieben. Ich habe es hundertmal gelesen. Ich habe mehr darüber geweint, als ich dir jemals sagen werde.“
„Clem…“
„Der Schwanz des g“, bot ich an. „In ‚Angst‘. Du hast sehr gute Arbeit geleistet. Du hast es wunderschön getarnt. Aber du konntest den Schwanz nicht verhindern. Er schlägt nach hinten, im Winkel, wie ein Angelhaken.“ Ein Laut kam aus mir, halb Lachen, halb Schluchzen. „Ich bin Restauratorin, Atlas. Ich bin die Beste in Brooklyn. Ich kann eine Fälschung vom Original auf vierzig Schritte Entfernung unterscheiden. Und ich habe nicht hingeschaut. Ich war so daran gewöhnt, nicht angesprochen zu werden, dass ich, als endlich jemand es tat, seine Stimme nicht erkannte.“
Er weinte. Er versuchte nicht, es zu verbergen. Er kniete auf dem kalten eisernen Boden im Dröhnen des Sturms, mit Tränen, die über sein unrasiertes Gesicht liefen, und den Händen um meinen Knöchel geschlungen, und er schaute zu mir auf, und was ich in seinen Augen sah, war etwas, auf das ich zwei Jahre gewartet hatte und dessen Namen ich bis zu diesem Moment nicht gekannt hatte.
Die Ziege meckern leise. Der Wind riss an den Fenstern. Irgendwo weit unten schlug eine Welle so hart gegen den Felsen, dass der ganze Turm einen Moment lang zu zittern schien. Atlas’ Finger zitterten noch immer an meinem Knöchel. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, schüttelte den Kopf, als könnte er die Worte nicht finden, die groß genug waren für das, was er sagen wollte.
„Es gab elf“, flüsterte er schließlich.
„Ich weiß. Ich habe sie alle in einer Keksdose.“
„Ich habe sie um drei Uhr morgens geschrieben.“
„Ich weiß.“
„Ich wollte, dass du weißt, dass ich…“ Er schluckte. „Dass ich da war. Dass ich immer da war. Dass ich jede Nacht in dieser Wohnung wach lag und dir beim Atmen zuhörte und mein Leben gegeben hätte, um deinen Namen laut zu sagen und dich wissen zu lassen, dass ich es ernst meinte.“
„Du hättest ihn sagen können“, antwortete ich. „Im Dunkeln. Im Flüsterton. Ich hätte es gehört.“
„Sie haben zugehört.“
„Ich hätte einen Weg gefunden.“
„Ich weiß.“ Sein Mund verzog sich. „Das ist die ganze Tragödie daran. Ich weiß, dass du einen gefunden hättest. Ich hätte dir vertrauen sollen. Ich war ein Feigling. Ich dachte, wenn ich dich laut liebe, würden sie dich töten, und ich zog es vor, dich im Geheimen zu lieben und dich lebendig und mich hassend zu haben. Es war die dümmste Entscheidung meines Lebens.“
„Ja“, stellte ich fest. „Das war sie.“
„Es tut mir so leid, Clem.“
„Ich weiß, dass es dir leidtut.“
„Kannst du jemals…“
„Nein“, sagte ich.
Er zuckte zusammen. Es ging durch ihn hindurch wie ein Schlag.
„Nicht heute Nacht“, flüsterte ich leise. „Ich werde dir heute Nacht nicht verzeihen. Ich bin zu wütend und zu müde und zu kalt, und du hast mich begraben, du Idiot, du hast mich wirklich begraben, mit einem Streichquartett. Ich werde noch sehr lange wütend darüber sein.“
„Das ist fair.“
„Aber ich werde in diesem Raum bleiben.“
Seine Augen schlossen sich.
„Und du wirst diesen lächerlichen Mantel ausziehen“, fügte ich hinzu, „bevor du erfrierst, und dich neben mich setzen, und wir werden Dollys Thermoskanne teilen. Und morgen früh werden wir entscheiden, was wir mit deinem Onkel machen.“
„Ja“, flüsterte mein Mann mit gebrochener Stimme. „Ja. Alles.“
Wir setzten uns auf den Boden des Laternenraums, mit dem Rücken an die Uhrwerkslampe und einer Decke aus mottenzerfressenem Teerzeug über den Knien, und tranken süßen, milchigen Tee aus dem Deckel der karierten Thermoskanne und hörten dem Sturm zu. Die Ziege lag zwischen uns mit dem Kopf auf Atlas’ Stiefel. Das Meer dröhnte auf den Felsen darunter. Meine Schulter war gegen seine gepresst, und zum ersten Mal seit zwei Jahren spürte ich die Wärme von ihm durch zwei Lagen nasser Wolle, solid und lebendig und leicht zitternd, und ich rückte nicht weg.
Draußen tobte der Atlantik gegen den Point, als wollte er den Leuchtturm vom Felsen reißen und uns beide mitnehmen. Innen war es still, bis auf das Ticken der alten Lampe und das leise, gleichmäßige Atmen des Mannes neben mir. Atlas hatte den gelben Mantel ausgezogen und über die Ziege gelegt. Darunter trug er ein dunkelblaues Hemd, das an den Nähten aufgerissen war, und eine dunkle Hose, die bis zum Knie matschig war. Sein Haar war noch nass. Die geplatzte Lippe blutete wieder ein wenig. Er schaute nicht auf mich. Er schaute auf seine eigenen Hände, die um die Thermoskanne geschlungen waren, als könnte er das Zittern nicht anders kontrollieren.
Ich dachte an die elf Notizen. An die Keksdose unter meinem Bett im Museum. An die Nächte, in denen ich sie gelesen und geweint und mir vorgestellt hatte, dass ein toter Uhrmacher aus dem neunzehnten Jahrhundert mich geliebt hatte, weil es einfacher war, als sich vorzustellen, dass mein eigener Mann es getan haben könnte. Ich dachte an die Beerdigung. An die Lilien. An das leere Grab und die zweihunderttausend Dollar und die Kameras und die Art, wie er meinen Namen gerufen hatte, als er mich in der hinteren Bank gesehen hatte, als wäre er aus einem Traum aufgewacht und hätte entdeckt, dass die Welt immer noch real war.
„Erzähl mir von den anderen“, bat ich nach einer Weile. „Den Notizen. Was hat die zweite gesagt?“
„Erinnerst du dich nicht?“
„Ich will sie in deiner Stimme hören.“
Er schwieg lange. Dann, leise, im Dunkeln, in einem tiefen, heiseren Grollen, das ich tagsüber noch nie von ihm gehört hatte, begann er, sie zu sagen.
„An denjenigen, der diese Schublade öffnet, falls du eine Frau kennst, die über ihre eigenen Witze lacht, bevor sie sie zu Ende erzählt…“
Seine Stimme füllte den runden Raum. Sie war rau und müde und so voll von etwas, das ich zwei Jahre lang nicht hatte benennen können, dass mir die Kehle eng wurde. Er sprach weiter, eine Notiz nach der anderen, und ich saß da und hörte zu und hielt die Thermoskanne so fest, dass meine Fingerknöchel weiß wurden, und dachte, dass ich ihn vielleicht doch nicht hassen konnte. Nicht ganz. Nicht genug, um aufzustehen und die Falltür zu öffnen und die Treppe hinunterzugehen und ihn allein in diesem Turm mit der Ziege und dem Sturm und dem Onkel, der uns suchte, zurückzulassen.
„An denjenigen, der dies findet: Ich habe seit neun Tagen nicht geschlafen.“
„An denjenigen, der dies liest: Ich möchte festhalten, dass sie summt, wenn sie arbeitet, und dass es der schönste Klang ist, den ich je gehört habe.“
Er hatte hundert Wörter darüber geschrieben, wie ich einen Schraubenzieher hielt. Ich wusste nicht, dass ein Mensch so vollständig gesehen werden und es überleben konnte.
Als er fertig war, lag eine Stille zwischen uns, die dichter war als der Sturm draußen. Atlas’ Schulter berührte noch immer meine. Die Ziege schnarchte leise. Irgendwo in der Mechanik der alten Lampe tickte etwas weiter, langsam und unnachgiebig, als hätte die Zeit selbst beschlossen, auf uns zu warten.
Ich legte den Deckel der Thermoskanne ab und lehnte meinen Kopf an die kalte Messingfläche der Lampe. Atlas’ Hand lag jetzt neben meiner auf dem Boden, die Finger leicht geöffnet, als warte er darauf, dass ich sie nehme oder zurückweise. Ich tat keines von beidem. Ich ließ sie dort liegen, nah genug, dass ich die Wärme seiner Haut spürte, und weit genug, dass ich noch immer die Wahl hatte.
„Ich bin so müde“, flüsterte ich.
„Ich weiß.“
„Ich will nicht mehr rennen.“
„Dann rennen wir nicht mehr.“ Seine Stimme war leise und absolut. „Nicht heute Nacht. Nicht, solange ich atme.“
Draußen schrie der Wind. Drinnen tickte die Uhr. Und zum ersten Mal seit dem Tag, an dem ich in meinem eigenen Auto fast gestorben wäre, fühlte ich mich – nicht sicher. Aber nicht allein.
POV: Clem | Das Museum und der DachbodenDas Museum lag still in dem grauen Morgenlicht, als wäre es selbst ein ausgestopftes Tier. Die Tür war nicht abgeschlossen. Dolly hatte gesagt, sie würde sie offen lassen, und dass die Männer schon alles durchwühlt hatten, was sich durchwühlen ließ. Drinnen roch es nach Rauch und nassem Holz und dem schwachen, metallischen Geruch von Angst, der hängen geblieben war, seit sie die Keksdose mit den Notizen mitgenommen hatten.Atlas ging hinter mir, nah genug, dass ich seinen Atem hören konnte, und Bram blieb an der Tür stehen, das Gesicht nach draußen gewandt. Die Ziege hatten wir bei Wilf gelassen. Sie hatte protestiert.„Die stehen gebliebene Uhr“, sagte ich leise. „Dolly meinte, niemand schaut in eine Uhr, die nicht tickt.“Sie stand in der Ecke des Hauptraums, zwischen einem Schaukasten mit alten Kompassen und einem Regal voller Seezeichen. Eine schwere, dunkle Standuhr mit einem Riss im Zifferblatt und Zeigern, die auf zehn Minuten nach zwei
POV: Clem | Tilting und die anglikanische KircheWir rannten, bevor die Männer den Hügel erreichten. Bram hatte den Pickup schon gewendet, der Motor lief unruhig, und Atlas zog mich auf die Ladefläche, während Dolly am Steuer saß und fluchte, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Die Reifen quietschten auf dem nassen Schotter, und hinter uns hörte ich Rufe und das Zuschlagen von Autotüren und das harte Geräusch von Stiefeln auf Stein.„Kirche“, keuchte ich und klammerte mich an die Bordwand, während der Truck über eine Bodenwelle sprang und mein Knöchel hell aufloderte. „Bring uns zur Kirche.“Dolly warf mir einen kurzen, scharfen Blick über die Schulter zu. Ihre weißen Locken flogen im Wind. „Die Kirche ist das Erste, was sie durchsuchen werden, mein Schatz. Das ist der höchste Punkt und der lauteste.“„Nicht, wenn sie denken, dass wir woanders sind.“ Ich wischte mir Regen und Haare aus dem Gesicht. „Ich kenne den Uhrenturm. Ich habe drei Wochen an dieser Uhr gearbeitet.
POV: Clem | Dachboden über Wilf Pardys Bootsschuppen.Die drei langsamen Schläge und der eine schnelle hallten noch in dem kleinen Raum, als Atlas schon das Fischmesser in der Hand hatte. Sein Gesicht war kreidebleich im Licht der Öllampe, und die Sehnen an seinem Handgelenk traten hervor, als würde er bereit sein, alles und jeden zu zerlegen, der durch diese Luke kam. Das Blut an seinem Verband war durchgesickert und hatte einen dunklen, unregelmäßigen Fleck auf dem Stoff hinterlassen. Ich spürte, wie mein eigener Puls in dem verstauchten Knöchel pochte, ein dumpfer, hartnäckiger Schmerz, der seit dem Leuchtturm nicht besser geworden war.„Bram soll in New York sein“, wiederholte er, so leise, dass ich die Worte kaum von dem Wind draußen unterscheiden konnte. „Er sollte die Küstenwache beschäftigen. Er sollte die Spuren verwischen. Er sollte nicht hier sein.“Die Luke zum Dachboden wurde von unten aufgestoßen. Ein kalter Luftzug kam herein, und mit ihm ein riesiger Schatten, tropfnas
POV: Clem | Wurzelkeller über dem Hafen von Tilting, nach MitternachtEs war nur Dolly Goudie.Sie kam in einem verrosteten Pickup an, der Motor stotterte und starb direkt vor dem Keller, und neben ihr saß Nurse Bernice Parsons mit einer Tasche voller Verbände und dem Gesicht einer Frau, die zu alt war für diese Art von Nacht. Dolly stieg aus, in ihrer Verkehrshütchen-Strickjacke und mit den weißen Locken, die vom Wind zu einem Heiligenschein zerzaust waren, und sie verkündete, dass die Männer das Zimmer über dem Museum auseinandergenommen hätten, auf der Suche nach etwas.„Sie haben die Keksdose mitgenommen, mein Schatz“, sagte sie, und ich spürte, wie der Boden unter mir kippte. Die Keksdose. Die elf Notizen. Die Worte, die Atlas um drei Uhr morgens geschrieben hatte, während ich im Nebenzimmer schlief und nichts davon wusste.„Das Notizbuch ist sicher“, fügte Dolly hinzu, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. Sie legte eine Hand auf meinen Arm. „Versteckt in einer Uhr, die nicht tic
: Clem | Laternenraum, Brimstone Point, diese NachtCornelius Rourke setzte sich auf einen umgedrehten Eimer, als wäre er zu Weihnachten auf Besuch gekommen. Der Revolver ruhte weiterhin auf Atlas’ Brust, und seine Stimme war warm und weich und gütig, während er erklärte, dass vier seiner Männer jede Stufe des Turms besetzt hielten und dass er heute Nacht niemanden verletzen wollte, es sei denn, man sei unhöflich.„Es gibt ein zweites Hauptbuch“, sagte er und lächelte Atlas an, als würde er einem besonders langsamen Kind etwas beibringen. „Dein Vater hat es versteckt, bevor er starb. Das Buch mit den Namen jedes Käufers, jeder Bestechung, jeder Lüge. Und du wirst mir helfen, es zu finden.“Atlas schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war blass im grauen Licht, das durch die salzverkrusteten Fenster fiel, und das Blut an seiner Schulter hatte aufgehört zu sickern, aber die Stelle war dunkel und nass. „Es gibt kein zweites Buch.“„Dein Bruder hat jedem gelogen, außer einer Person.“ Cornelius
POV: Clem | Laternenraum, Brimstone Point Lighthouse, dieselbe NachtEin Knistern kam vom Fensterbrett.Ich zuckte zusammen. Es war ein kleines, uraltes, schwarzes Transistorradio, das in der Ecke des Sims unter einem Haufen toter Motten eingeklemmt war, und ich weiß nicht, was es eingeschaltet hat – ein loser Draht oder ein Windstoß oder die schiere Bosheit des Universums. Ein Rauschen von Statik erfüllte den Laternenraum, und daraus erhob sich, dünn und blechern und schwach, die unverkennbare Stimme eines Nachrichtensprechers.…wiederholen wir, ein schwerer Zwischenfall vor Long Island Sound heute Nacht, wo eine Luxusyacht explodiert und mit Mann und Maus gesunken ist. Das Schiff wurde als die Valkyrie identifiziert, eine einhundertachtzig Fuß lange Superyacht, registriert auf Rourke and Crown. Quellen der Küstenwache sagen, dass der Eigentümer, der Diamantenmagnat Atlas Rourke, an Bord vermutet wurde.Ich rührte mich nicht.Herr Rourke, sechsunddreißig, ist das zweite Mitglied sein







