Compartilhar

4

Autor: Jupit3r
last update Data de publicação: 2026-10-14 11:49:41

KAPITEL VIER: DIE ZIEGE

POV: Clem | Fogo Island, Neufundland, drei Wochen später

Auf Fogo Island leben vierhundertdreiundsechzig Menschen, und am Ende meines zweiten Tages kannte ich das Geschäft von jedem einzelnen, und keiner von ihnen kannte meins.

„Du bist das Mädchen, das die Uhr repariert“, verkündete Dolly Goudie und stellte einen Teller mit gebratenem Brotteig vor mich auf den Küchentisch, mit der Miene einer Frau, die beschlossen hatte, mich zu füttern, bis ich entweder wuchs oder platzte. „Von woanders her. Stilles kleines Ding. Nimm ein paar Toutons, mein Schatz. Du bist nur Haut und Knochen.“

„Danke, Mrs. Goudie.“

„Dolly. Mrs. Goudie war meine Schwiegermutter, Gott hab sie selig, und sie war eine schreckliche Frau.“ Sie setzte sich mir gegenüber, siebzig Jahre alt, einen Meter fünfzig, mit weißen Locken, einer handgestrickten Strickjacke in der Farbe eines Verkehrshütchens und einem Paar heller schwarzer Augen wie eine sehr kleine und sehr kluge Krähe. „Iss. Und erzähl mir, vor wem du wegrennst.“

Ich legte die Gabel hin. „Ich renne vor nichts weg.“

„Nein, natürlich nicht.“ Sie nahm ihr Strickzeug. „Das hat die letzte auch behauptet. Ein liebenswertes Mädchen aus Toronto. Sie hatte einen Mann mit einer sehr großen Faust. Iss deine Toutons.“

Ich aß. Ich sagte nichts. Und sie fragte nicht noch einmal, und ich liebte sie dafür mit einem Schmerz, der in den Zähnen wehtat.

Ich war an einem Montag angekommen, mit der Fähre von Farewell, mit einer Segeltuchtasche, einer Dose Schraubenzieher und neunhundert Dollar Bargeld, die ich am Morgen meiner Beerdigung um sechs Uhr von meinem eigenen Konto in Queens abgehoben hatte. Ich hatte kein Telefon. Ich hatte keinen Namen. Ich hatte einen billigen grauen Pullover aus einem Secondhandladen in Halifax und ein sehr gutes Werkzeugset, und ich war den roten Schotterweg vom Dock zum nächsten Gebäude mit Licht gelaufen, das sich als winziges Holzmuseum mit einem schiefen Schild herausstellte, auf dem stand: Fogo Island Heritage Society. Bitte klopfen. Oder auch nicht.

Im Flur stand eine Standuhr mit fehlendem Zifferblatt. Dolly, die das Museum, die Post und, soweit ich sehen konnte, das meiste Wetter führte, hatte mich von oben bis unten gemustert und gesagt: Kannst du das reparieren?

Ich hatte sie in vier Tagen repariert. Sie hatte mir ein Zimmer über dem Museum gegeben, einen Teller Toutons und den Namen Clem Marsh und nach nichts anderem gefragt.

Das war vor drei Wochen. Ich war einundzwanzig Tage tot.

Es ist eine seltsame Art zu leben. Ich stand um sechs auf, in einem schmalen Bett unter dem Dach, mit einer Decke, die nach Holzrauch roch, und einem Fenster, das auf eine graue Platte Atlantik hinausschaute. Ich verbrachte den Tag im Museum, auf einer Trittleiter, und reparierte die Uhr der anglikanischen Kirche, ein hohes, zinnspitzes Ding, das seit 1987 nicht mehr die Stunde geschlagen hatte. Ich aß Fischsuppe an Dollys Tisch. Ich war um neun im Bett. Und jede Nacht, gegen drei Uhr morgens, wachte ich im Dunkeln auf, das Gesicht nass und das Geräusch von hundert tickenden Uhren im Kopf, und lag wach bis zum Morgengrauen und dachte an einen Mann auf den Knien mitten auf der Fifth Avenue.

Ich wusste nicht mehr, was ich glaubte. Das war der schlimmste Teil.

Ich hatte das Notizbuch unter der Matratze. Ich holte es jede Nacht heraus und las es bei Kerzenlicht, Seite für Seite, bis die Zahlen schwammen. Antwerpen. Luanda. Mombasa. C.R. schleust die Steine durch das Auktionshaus. Die Wände hören zu. Wenn C. das findet, ist es für uns alle vorbei. Ich hatte diese Zeilen so oft gelesen, dass sie aufgehört hatten, Sätze zu sein, und zu einer Art Wetter geworden waren.

Es war in der einundzwanzigsten Nacht, dass ich es sah.

Ich lag auf dem Bauch auf der Decke, die Kerze flackerte neben dem Kissen und das Notizbuch lag offen auf dem Boden, und ich schaute auf die letzte Seite, den unterstrichenen Satz, als eine kleine, stille, nagende Stimme im Hinterkopf, die Stimme, die ich an der Werkbank benutze, antwortete: Hör hin.

Hör hin auf was?

Hör hin, was daran falsch ist.

Ich hielt das Buch gegen die Kerze. Ich schaute auf die Handschrift. Eine starke, schwarze, schräge Hand, die Hand der Haftzettel an meinem Kühlschrank, die Hand auf unserer Heiratsurkunde. Das A von Atlas war ein hohes, steiles Zelt. Das R hatte einen kleinen Kick im Bein. Und ganz unten auf der Seite, in dem Satz über für uns alle, war ein kleines g – in der Randnotiz darüber, in dem Wort going, mit einem langen, geschlungenen, rückwärts gehakten Schwanz, wie ein Fischhaken.

Ich starrte darauf.

Ich stand auf. Ich ging barfuß über den kalten Boden und öffnete die kleine Dose in der Ecke, das Einzige außer dem Notizbuch, das ich aus Brooklyn mitgebracht hatte, mit pochendem Herzen. Es war eine alte dänische Keksdose mit einem Windmühlenbild auf dem Deckel. Drinnen lag ein einziges gefaltetes Quadrat gelben Papiers.

Es war aus einer Schublade im Sockel einer französischen Reiseuhr gekommen, im siebten Monat meiner Ehe. Es war in einer kunstvollen, antiken Kupferstichschrift geschrieben, in verblasster brauner Tinte, von der ich angenommen hatte, sie sei hundert Jahre alt.

An die Person, die das findet: Ich habe noch nie Angst gehabt. Es ist sie.

Ich hielt es neben das Notizbuch ins Kerzenlicht.

Es ist eine sehr seltsame Sache, gut in einer Fertigkeit zu sein, die die Leute für nutzlos halten. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, winzige Unterschiede anzustarren, einen Faden Rost an einer Feder, ein Härchen Kratzer an einem Zahnrad. Ich kann eine gefälschte Unterschrift von einer echten auf einen Blick unterscheiden und ein originales Scharnier von einer Kopie auf vierzig Schritte. Mein Großvater hat mir gesagt, man schaut sich eine Uhr nicht an. Man hört ihr zu. Und ich hörte diesen beiden Papierstücken im Dunkeln zu mit pochendem Herzen, und was ich hörte, in dem Wort afraid, war ein kleiner, fischhakenförmiger Schwanz an einem kleinen g.

Es war getarnt. Es war wunderschön getarnt. Wer auch immer diese Notiz geschrieben hatte, hatte seine Handschrift in einen hundert Jahre alten Frack gesteckt und versucht, sie durch eine Party laufen zu lassen. Aber der Schwanz dieses g war derselbe. Er hakte rückwärts, auf dieselbe Weise, im selben Winkel, mit einem kleinen ungeduldigen Zucken am Ende, genau wie das g in going in der Handschrift meines Mannes.

Ich setzte mich auf den Boden.

„Oh“, antwortete ich laut, zu niemandem. „Oh nein.“

Die Liebesbriefe toter Uhrmacher, hatte ich sie genannt. Ich hatte sie Prue vorgelesen. Ich hatte um Mitternacht in der Werkstatt darüber geweint. Ich hatte sie an die Brust gepresst und gedacht: Jemand, einmal, wurde so geliebt.

Und es waren elf. Und jede einzelne war aus einer Uhr gekommen, die mein Mann mir geschickt hatte.

Ich weiß nicht, wie lange ich da saß. Eine Möwe schrie draußen. Der Wind rüttelte am kleinen Fenster. Ich hielt einen Papierfetzen in den Händen, und die ganze Welt ordnete sich um ihn neu, wie Eisenfeilspäne um einen Magneten, und ich dachte: Er hat es mir gesagt. Achtzehn Monate lang. Auf die einzige Weise, die er konnte. Und ich habe nicht hingehört.

Es war Viertel nach zehn am nächsten Morgen, und ich stand auf der Trittleiter in der Kirche mit dem Mund voller Schrauben, als die Tür aufging.

Ich drehte mich nicht um. Ich dachte, es sei Dolly, die Tee brachte. Ich griff in den Uhrturm hinauf mit einem kleinen Messingrad zwischen den Fingern und summte etwas vor mich hin, von dem ich erst später merkte, dass es Pachelbel war.

„Hallo, Clem.“

Ich ließ das Rad fallen.

Es klang auf dem steinernen Boden. Es rollte in einem langen, schwankenden Kreis und fiel auf die Seite mit einem kleinen hellen Geräusch. Ich stand auf der Leiter, die Hand noch in der Luft, und jedes Härchen an meinem Körper stellte sich auf, und langsam, langsam schaute ich hinunter.

Mein Mann stand im Kirchenschiff der anglikanischen Kirche von Fogo Island, in einem gelben Regenmantel.

Es war der kleinste gelbe Regenmantel, den ich je an einem Menschen gesehen hatte. Er endete an seinen Rippen. Die Ärmel reichten nur bis zur Mitte der Unterarme, und die Kapuze saß zerdrückt auf seinem Kopf wie eine Zitrone auf einem Berg, und darunter hatten ein Paar rote Gummistiefel, zwei Größen zu klein, an der Seite gerissen. Er hatte einen Viertagebart. Seine Augen waren gerötet und hohl und wild, unmöglich lebendig. Und neben ihm, am Ende eines Stücks orangen Bindfadens, stand eine sehr kleine, sehr verärgerte, braunweiße Ziege.

„Ich kann die Ziege erklären“, murmelte Atlas Rourke.

„Was“, bot ich schwach an, „passiert hier?“

„Ich bin um sechs mit der Fähre angekommen. Ich hatte keinen Mantel. Der Mann am Dock hat mir den verkauft. Ich weiß nicht, warum er mir eine Ziege verkauft hat. Er war extrem hartnäckig.“ Seine Stimme war heiser und gleichmäßig und vollkommen ernst. „Ich dachte, es wäre unhöflich, abzulehnen.“

Ich kam die Leiter herunter. Ich weiß nicht wie. Meine Knie waren Wasser. Ich erreichte den Boden und stand da, fünf Fuß von ihm entfernt, die Fäuste geballt und ein zermalmendes Brausen von Blut in den Ohren, und starrte den Mann an, mit dem ich zwei Jahre verheiratet gewesen war.

Er sah schrecklich aus. Er sah aus wie ein Mann, der vier Grenzen und ein sehr kaltes Meer überquert hatte. Und er schaute mich an, als wäre ich die Sonne.

„Du hast mich getötet“, stellte ich fest.

„Ja.“

„Absichtlich.“

„Ja.“

„Du hast einen Gerichtsmediziner bestochen. Du hast meine Zahnunterlagen gefälscht. Du hast eine Beerdigung in die Zeitung gesetzt und zweihunderttausend Dollar für Lilien ausgegeben.“

„Es waren hundertachtzigtausend. Es waren sehr gute Lilien.“

„Du hast mich begraben, Atlas!“

„Ich weiß.“

„Du hättest es mir sagen können!“

„Du hättest Nein gesagt.“

„Natürlich hätte ich abgelehnt!“, schrie ich. Es hallte von den Steinwänden wider. „Ich hätte abgelehnt und die Polizei gerufen und ich hätte…“ Meine Stimme brach und war weg. „Du hast mir keine Chance gegeben!“

„Ich weiß.“ Er bewegte sich nicht. Sein Gesicht war hohl und still. „Ich weiß das, Clementine. Ich weiß. Ich sage mir das seit einundzwanzig Tagen. Ich würde alles geben, was ich besitze, um es rückgängig zu machen.“

„Warum hast du es dann getan?“

„Weil ich nur vierzig Minuten hatte.“ Seine Stimme zitterte. „Weil mein Onkel eine Bombe in dein Auto gelegt hat und ich keine Zeit hatte und es das Einzige war, was dich am Leben halten würde.“

„Dein Onkel?“ Ich starrte ihn an. „Dein Onkel Cornelius?“

„Ja.“

„Der Mann im Cardigan?“

„Ja. Er war in der Kirche. Er hat neben dir gesessen.“

„Ich weiß, dass er neben mir gesessen hat. Er hat mich ein liebenswertes Mädchen genannt.“ Ein wildes, gezacktes Lachen zwang sich aus meiner Brust. „Er hat gesagt, ich seileider neugierig.“

Etwas bewegte sich über Atlas’ Gesicht, weiß und heftig, wie Blitz hinter einem Rollladen. „Hat er dir das gesagt?“

„Ja.“

„Hat er dich berührt?“

„Er hat meine Hand getätschelt.“

Einen Moment lang dachte ich, mein Mann könnte jemanden umbringen. Die Ziege meckte. Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte, und seine Knöchel wurden weiß um den Bindfaden, und er holte einen langen, rasselnden Atemzug durch die Nase und ließ ihn gehen.

„Ich habe es rausgefunden“, sagte ich ihm in die Stille. Meine Stimme war seltsam, flach, müde. „Das C. im Notizbuch. Es meinte Cornelius.“

„Ja.“

„Ich dachte, es meinte mich.“

„Ich weiß. Ich habe es erst gewusst, als ich das Filmmaterial von dir im Treppenhaus gesehen habe.“ Er schluckte. „Es tut mir so leid. Ich habe es in solcher Eile geschrieben. Ich habe nicht gedacht…“

„Du denkst nie!,“ weinte ich jetzt, große heiße wütende schluckende Tränen. „Du denkst nie daran, wie es klingt! Du sagst Dinge in dieser Stimme, dieser Bahnansage-Stimme, und gehst, und ich stehe zwei Jahre da und frage mich, was ich falsch gemacht habe!“

„Nichts“, antwortete Atlas. Seine Stimme brach in zwei Hälften. „Du hast nichts gemacht. Es war nie du.“

„Warum konntest du es mir dann nicht sagen?“

„Weil er zugehört hat.“

Ich hielt inne.

„Es gab neun Mikrofone in der Penthouse-Wohnung“, antwortete mein Mann. Er sah aus, als täte ihm jedes Wort weh. „In jedem Raum. In den Wänden und den Lampen und dem Telefon. Ich habe sie vor achtzehn Monaten gefunden. Jedes Wort, das ich zu dir gesagt habe, wurde gehört. Jedes Wort, das du zu mir gesagt hast. Ich konnte nicht sagen, dass ich dich liebe, Clem. Wenn ich es getan hätte, hätte er gewusst, dass du zählst. Und er hätte dich benutzt.“

Die Kirche war sehr still. Staub drehte sich im grauen Licht vom hohen Fenster. Ich konnte das Ticken der halb reparierten Uhr über uns hören, ungleichmäßig, stotternd, wie ein Herz.

„Ich will die Scheidung“, flüsterte ich.

Es war nicht, was ich hatte sagen wollen. Es kam dünn und zerbrochen und hoffnungslos aus mir heraus, das Einzige, woran ich denken konnte, ein letzter Halt am Rand einer Klippe.

„Das kannst du nicht“, murmelte Atlas.

„Entschuldigung?“

„Du bist tot.“ Ein schwacher, verzweifelter, lächerlicher Schimmer von Humor ging über sein ruiniertes Gesicht. „Tote Frauen können keinen Antrag stellen.“

Ich starrte ihn an. Ich weiß nicht, was passiert wäre. Ich denke, ich hätte gelacht oder ihn geschlagen oder beides. Ich weiß, dass mein Mund sich öffnete und dass er einen Schritt vorgetreten war, die Hand halb gehoben, als wollte er meine Wange berühren, und dass ich nicht zurückgetreten war.

Die Kirchentür knallte auf.

„Clem, mein Schatz!“ Dolly Goudie kam im Trab durch, in ihrer Verkehrshütchen-Strickjacke, die Stricknadeln noch in der Faust und die weißen Locken zu einem Heiligenschein zerzaust. Sie war außer Atem. Sie lächelte nicht. „Clem. Oh, Gott sei Dank. Es ist ein Boot in den Hafen gekommen.“

„Ein Boot?“, bot Atlas scharf an.

„Ein großes graues. Keins von uns. Vier Männer sind ausgestiegen und laufen den Weg hoch, und es sind keine Fischer.“ Sie drückte eine Hand aufs Herz. „Sie haben gute Mäntel, mein Schatz. Und sie fragen in der Post nach einer kleinen Frau ohne Akzent und einem sehr großen Mann.“

Ich drehte mich um. Durch das hohe Fenster konnte ich den Hafen sehen, eine graue Wasserbucht unter dem Dorf, und den langen grauen Rumpf eines fremden Bootes, mit vier dunklen Gestalten in dunklen Mänteln bereits auf dem roten Schotterweg, im Gleichschritt.

„Sie sind mir gefolgt“, flüsterte Atlas. Sein Gesicht war geisterhaft weiß geworden. „Ich habe geschworen, dass mir niemand gefolgt ist. Bram hat es geprüft. Ich habe dreimal das Flugzeug gewechselt, ich…“ Er packte mein Handgelenk. Seine Hand war eiskalt. „Clementine. Lauf.“

Continue a ler este livro gratuitamente
Escaneie o código para baixar o App

Último capítulo

  • ICH STARB UND ENTDECKTE SEIN TÖDLICHES GEHEIMNIS   4

    KAPITEL VIER: DIE ZIEGEPOV: Clem | Fogo Island, Neufundland, drei Wochen späterAuf Fogo Island leben vierhundertdreiundsechzig Menschen, und am Ende meines zweiten Tages kannte ich das Geschäft von jedem einzelnen, und keiner von ihnen kannte meins.„Du bist das Mädchen, das die Uhr repariert“, verkündete Dolly Goudie und stellte einen Teller mit gebratenem Brotteig vor mich auf den Küchentisch, mit der Miene einer Frau, die beschlossen hatte, mich zu füttern, bis ich entweder wuchs oder platzte. „Von woanders her. Stilles kleines Ding. Nimm ein paar Toutons, mein Schatz. Du bist nur Haut und Knochen.“„Danke, Mrs. Goudie.“„Dolly. Mrs. Goudie war meine Schwiegermutter, Gott hab sie selig, und sie war eine schreckliche Frau.“ Sie setzte sich mir gegenüber, siebzig Jahre alt, einen Meter fünfzig, mit weißen Locken, einer handgestrickten Strickjacke in der Farbe eines Verkehrshütchens und einem Paar heller schwarzer Augen wie eine sehr kleine und sehr kluge Krähe. „Iss. Und erzähl mir

  • ICH STARB UND ENTDECKTE SEIN TÖDLICHES GEHEIMNIS   3

    Atlas | Der Rourke Tower, zwei Uhr morgens, in der Nacht der BeerdigungAm Freitag habe ich meine Frau begraben. Sie lebte. Das war der gute Teil.Ich saß um zwei Uhr morgens auf dem Boden meiner Küche, den Rücken gegen den Kühlschrank, in einem schwarzen Anzug, der nach Lilien und Rauch roch, mit zwei aufgeschürften Knöcheln, in ein Geschirrtuch gewickelt, und einem Glas Wasser, das ich eine Stunde gehalten und nicht getrunken hatte. Die Penthouse-Wohnung war dunkel. Zweiundfünfzig Stockwerke unter mir glitzerten die Lichter der Fifth Avenue durch das Glas in einem langen goldenen Fluss, und ich konnte sie nicht anschauen, weil irgendwo in dieser Stadt meine Frau in einem Taxi saß, mit einem Schleier auf dem Schoß, und mich hasste.Sie hatte jedes Recht dazu.„Du solltest etwas essen“, sagte Bram.Er stand in der Tür der Küche, die Arme verschränkt, ein riesiger, stiller, grauhaariger Mann in schwarzem Mantel, mit einem Gesicht wie ein Felsbrocken, der zu viel Wetter gesehen hat. Bra

  • ICH STARB UND ENTDECKTE SEIN TÖDLICHES GEHEIMNIS   2

    POV: Clem | Prues Wohnung und St. Patrick’s Cathedral, drei Tage späterTot zu sein ist viel langweiliger, als die Leute denken.Drei Tage lang lebte ich in Prues Studio-Apartment in Queens, auf einem grünen Samtsofa, das nach Katze roch, in ihrem Schlafanzug, und schaute die Nachrichten mit heruntergedrehtem Ton. Ich aß ein ganzes Glas Erdnussbutter mit einem Suppenlöffel. Ich erfuhr, dass mein Tod die drittmeistgesehene Geschichte in Amerika war, hinter einer Promischeidung und einem Hund, der Ski fahren konnte. Jeder Kanal zeigte dieselbe Aufnahme des verbrannten Minis und dieselbe Aufnahme meines Mannes, der mit gesenktem Kopf und einem Gesicht wie aus Stein aus dem Rourke Tower kam, und dieselbe Aufnahme derselben Frau in Rot, die ankündigte, dass die Beerdigung am Freitag um zehn Uhr stattfinden würde, nur auf Einladung.„Du musst nicht hingehen“, sagte Prue zum neunten Mal.„Ich weiß.“„Es ist wahnsinnig. Es ist das wahnsinnigste, was jemals jemand in der Geschichte des Wahnsin

  • ICH STARB UND ENTDECKTE SEIN TÖDLICHES GEHEIMNIS   1

    POV: Clem | Gowanus, Brooklyn, an dem Morgen, an dem ich starbAn dem Morgen, an dem ich starb, aß ich einen Bagel.Das möchte ich festgehalten wissen. Ich möchte es in einen sehr kleinen Stein meißeln. Hier ruht Clementine Rourke, die um neun Uhr zweiundvierzig morgens getötet wurde, während sie einen Everything-Bagel mit Frühlingszwiebel-Frischkäse in der Hand hielt, den sie noch nicht aufgegessen hatte.„Du machst das Gesicht“, stellte Prue von der anderen Seite meiner Werkbank fest.„Ich mache kein Gesicht.“„Du machst das Gesicht, bei dem du auf eine Uhr schaust und an deinen Mann denkst.“ Prudence Whitaker, meine beste Freundin seit der dritten Klasse, saß mit verschränkten Beinen auf einem Hocker in einem gelben Regenmantel, mit einer Lücke zwischen den Vorderzähnen und dem Mund voller Mohnsamen, und deutete mit einem halb aufgegessenen Bagel auf mich wie mit dem Hammer eines Richters. „Es ist das Gesicht einer Frau, mit der seit elf Tagen nicht gesprochen wurde.“„Er hat am Do

Mais capítulos
Explore e leia bons romances gratuitamente
Acesso gratuito a um vasto número de bons romances no app GoodNovel. Baixe os livros que você gosta e leia em qualquer lugar e a qualquer hora.
Leia livros gratuitamente no app
ESCANEIE O CÓDIGO PARA LER NO APP
DMCA.com Protection Status