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Kapitel 3: Das mädchen namens Lori

Author: Feline S
last update publish date: 2026-10-09 05:53:16

Lorelei POV 

Die Hand, die mich gegen die kalte Steinwand drückt, bebt vor einer angestauten Kraft, die jeden Moment zu explodieren droht. Killians silberne Augen brennen sich in meine Seele, und in diesem Augenblick weiß ich, dass ich verloren bin. Er weiß es. Er weiß, dass ich keine menschliche Überlebende bin. Er hat meine Magie gesehen, er hat die unsichtbaren Fäden gespürt, die mich mit der Tiefe verbinden.

Jeder normale Alpha hätte mich sofort an die Wachen ausgeliefert oder den Kopf abgetrennt. Doch er tut es nicht.

Stattdessen spannt sich sein Kiefer hart an, die Muskeln in seinem Nacken treten hervor, und mit einem scharfen, erstickten Fluchen lässt er mich plötzlich los. Er stolpert einen halben Schritt zurück, als müsste er physischen Abstand zwischen uns bringen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Seine großen Hände ballen sich zu Fäusten an seiner Seite.

„Wenn jemand fragt“, zischt er mit einer gefährlichen, leisen Dringlichkeit, die keinen Widerspruch duldet, „ist dein Name Lori. Du bist eine schockierte, stumme Menschenfrau aus dem Flusstal. Verstanden?“

Ich blinke ihn an, völlig verwirrt von diesem plötzlichen Schutzschild, das er um mich errichtet, obwohl er meine wahre Natur kennt. Doch ich nicke langsam.

In den nächsten Stunden geschieht etwas, das ich nicht einordnen kann. Anstatt mich in ein Verlies zu werfen, gibt er mir einen Zufluchtsort. Ein kleines, aber sauberes Gästezimmer im oberen Trakt des Rudelhauses. Kleidung aus weicher Wolle. Teller mit warmem Essen, das vor meiner Zimmertür abgestellt wird. Es ist eine Grausamkeit in Form von Fürsorge, die mich misstrauisch macht. Wölfe sind Jäger. Sie kennen keine Gnade für Feinde. Und doch tut er es.

Als am Abend ein schwerer Holzteller mit gebratenem Fleisch und kräftigem Getreidebrei vor mir steht, starre ich das Essen nur an. Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Seit Tagen habe ich nichts als Salz und bitteres Flusswasser zu mir genommen, doch der Anblick des schweren, warmen Fleisches erzeugt eine unüberwindbare Übelkeit in mir. Ich bin an die feine, magische Nahrung der Tiefe gewöhnt; dieser schwere Fraß lässt meinen Magen rebellieren.

Die Tür öffnet sich lautlos. Killian tritt ein.

Er mustert den unberührten Teller mit einem scharfen Blick. Er bleibt vor dem Tisch stehen, schaut von der Mahlzeit zu meinem blassen Gesicht hoch, und ohne ein einziges Wort der Verurteilung versteht er. Er greift nach dem Teller, schiebt ihn beiseite und stellt eine Schüssel mit klarem, leichtem Gemüse und getrockneten Waldbeeren hin, die er offenbar von der Küche besorgt hat.

Ich sehe ihn überrascht an. Keine großen Reden. Keine Drohungen.

„Du magst es nicht“, sagt er leise, mehr eine Feststellung als eine Frage.

Ich schüttle langsam den Kopf.

Ohne Zögern schiebt er die Beeren näher zu mir heran, ehe er sich umdreht und geht. Diese wortlose Aufmerksamkeit trifft mich härter als jeder Schwertstreich. Er ist ein Alpha, ein Monster in den Augen meines Volkes, und doch zeigt er mir eine seltsame, unerbittliche Geduld.

Am nächsten Morgen übernimmt Taryn die Betreuung. Die freundliche Heilerin bringt mir frische Handtücher und ein Lächeln, das etwas von der eisigen Anspannung in dem großen Haus nimmt. Während sie den Raum aufräumt, beginnt sie zu erzählen, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Sie erklärt mir die ungeschriebenen Gesetze des Rudels.

„Hier herrscht strenge Ordnung, Kind“, sagt Taryn und schüttelt die Wolldecke aus. „Alpha Killian hält das Rudel mit eiserner Hand zusammen, besonders jetzt, wo die Grenzen unruhig werden. Die Wölfe dürfen das Gebiet jenseits des Weeping Shore unter keinen Umständen betreten. Das Wasser gehört den Monstern... den Sirenen. So nennen sie sie jedenfalls.“ Ein Schauer läuft über ihren Rücken. „Niemand überlebt die Tiefe.“

Ich höre schweigend zu, während mein Herz schwer in meiner Brust schlägt. Sie weiß nicht, dass ich genau aus dieser Hölle komme. Sie weiß nicht, dass Killians Autorität im Rudel keineswegs unumstritten ist. Schon gestern habe ich die finsteren, prüfenden Blicke von Beta Gideon bemerkt, der jede meiner Bewegungen wie ein Wachhund verfolgt. Gideon beobachtet Killian, und er beobachtet mich.

Später am Nachmittag, als ich mich leise den schmalen Korridor im oberen Stockwerk entlangschleiche, höre ich gedämpfte Stimmen aus dem Arbeitszimmer des Alphas. Die Tür steht einen Spaltweit offen.

Es ist Gideons raue Stimme, die durch den Holzspalt dringt.

„Der Pegel steigt, Killian“, sagt der Beta besorgt und ungewöhnlich laut. „Die Männer am Fluss melden seltsame Strömungen. Das Wasser des Lake Abyss drückt gegen die Grenze. Und es gibt Berichte über verschwundene Jäger im Grenzforst. Die Menschen aus den umliegenden Dörfern untersuchen den See. Wenn die Kreaturen aus der Tiefe erwachen...“

„Sie erwachen nicht“, unterbricht Killian ihn mit kalter, schneidender Autorität, doch seine Stimme klingt angespannt. „Die Grenze hält. Ich will verstärkte Patrouillen am Ufer, sofort.“

Draußen am See regt sich etwas. Königin Nerida hat ihren Zug gemacht. Der Anstieg des Wassers ist kein Zufall; es ist der Anfang von etwas Schrecklichem, und sie suchen nach mir.

Ich muss Killian warnen. Ich muss ihm sagen, dass die Gefahr nicht nur von außen kommt, sondern dass der See bereit ist, über sie alle hinwegzuspülen. Doch wenn ich den Mund öffne, bleibt alles stumm. Neridas Fluch versiegelt meine Kehle wie Blei.

Verzweifelt trete ich an den kleinen Holztisch in meinem Zimmer. Ich greife nach einem Stück Pergament und einem Kohlestift. Meine Hand zittert, während ich mit schnellen, präzisen Linien ein Symbol auf das Papier zeichne: das königliche Wappen von Lake Abyss – eine Krone, verschlungen mit zwei wellenförmigen Schlangen und einem durchbohrten Herzen. Es ist das Zeichen von Neridas persönlicher Wache.

In diesem Moment öffnet sich die Tür. Killian betritt das Zimmer, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Er will etwas sagen, doch sein Blick bleibt an meiner Hand hängen, die das Papier noch immer umklammert.

Er kommt näher, langsam, die Augen auf die Zeichnung fixiert. Als er das Symbol auf dem Pergament erkennt, weichen die Farbe und der Atem aus seinem Gesicht. Seine Züge versteinern augenblicklich zu einer eisernen Maske des Entsetzens. Er kennt dieses Zeichen. Es ist in den uralten Chroniken der Blackwoods verzeichnet – das Zeichen des Untergangs.

Mit einer steifen, fast mechanischen Bewegung hebt er den Blick zu mir.

„Woher...“, flüstert er, und seine Stimme klingt heiser und gefährlich. „Woher kennst du dieses Siegel?“

Ich sehe ihn an. Mein Herz rast wie wild gegen meine Rippen. Ich kann nicht antworten. Jedes Wort wird von dem Fluch erstickt.

Plötzlich durchbricht ein markerschütternder, panischer Schrei die Stille des Nachmittags von draußen. Ein langgezogener Wolfsheulruf, der in ein panisches Schreien übergeht.

Killians Kopf reißt zum Fenster herum. Die Augen des Alphas leuchten in einem wilden, ungezähmten Silber auf.

Draußen im grauen, nebligen Licht bricht das Chaos aus. Der Fluss hat die Ufe

r gesprengt. Das Wasser ist da.

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