Home / Werwolf / IHR STUMMES LIED ZÄHMTE DEN ALPHA / Kapitel 4: Der alpha und das meer

Share

Kapitel 4: Der alpha und das meer

Author: Feline S
last update publish date: 2026-10-09 05:54:58

Killian POV 

Das Rauschen des Wassers durchbricht die Luft wie ein wild gewordener Sturm. Als der Schrei des Rudelmitglieds draußen verhallt, gibt es kein Halten mehr. Ich lasse das Pergament mit dem finsteren Siegel liegen, trete an das Fenster und stoße den Riegel zurück. Die kalte, feuchte Luft schlägt mir entgegen, getränkt von der unverkennbaren Note von Ozon und aufgewühltem Schlamm.

Draußen im grauen Nebel herrscht pure Panik. Die Männer der Patrouille versuchen, die Barrikaden am Flussufer zu sichern, während das Wasser unaufhaltsam über die gewohnten Grenzen hinwegschwappt. Ohne eine Sekunde zu zögern, springe ich aus dem Fenster des oberen Stocks, lande federnd auf dem aufgeweichten Boden und laufe los, dem Fluss entgegen.

Ich muss die Lage unter Kontrolle bringen. Doch während ich durch den nassen Nadelwald eile, spüre ich es im Genick. Ein feines, fast magisches Ziehen in der Luft. Jemand folgt mir.

Ich bleibe abrupt stehen, wirbe herum und trete tief in den Schatten einer alten Kiefer.

Aus dem grauen Nebel schält sich eine Gestalt. Lorelei. Sie hat sich aus dem Rudelhaus geschlichen, barfuß im nassen Moos, den Blick starr auf meinen Rücken gerichtet.

Wut, heiß und dunkel, schießt durch meine Adern. Ich mache einen schnellen Schritt auf sie zu, packe sie hart an den Schultern und drücke sie gegen den rauen Stamm des Baumes.

„Ich habe dir gesagt, du sollst drinnen bleiben!“, zische ich, und meine Stimme vibriert vor unterdrückter Raserei. „Bist du lebensmüde? Das hier ist kein Spiel, Lori. Geh zurück ins Rudelhaus, sofort!“

Sie zuckt nicht zurück. Stattdessen weitet sich ihr Blick, und mit einer schnellen, fast verzweifelten Handbewegung deutet sie an mir vorbei in Richtung des tosenden Flusses.

Ich halte inne, drehe den Kopf und erstarre.

Das Wasser fließt nicht normal. Der Fluss bewegt sich gegen die Strömung. Schwere, schwarze Wellen schlagen gegen die Ufer, als würde eine unsichtbare Hand sie vorantreiben. Und dann, mitten im schäumenden Strudel, treibt etwas an die Oberfläche.

Ein Tierkörper. Ein schwerer, grauer Waldwolf aus unseren eigenen Reihen, der heute Morgen noch zur Patrouille ausgerückt ist.

Mit langen Schritten trete ich an das Ufer und ziehe den leblosen Körper aus dem flachen Wasser. Als ich ihn auf das feuchte Gras lege, stockt mir der Atem. Das Fell ist matt, die Augen sind weit aufgerissen und starr. Der Körper ist völlig ausgelaugt – kein Tropfen Blut ist mehr in den Adern. Und um den Hals prangen tief eingeschnittene, unnatürliche Brandmale, die wie feurige Siegel in die Haut gebrannt sind.

Keine Klauen. Keine Zähne. Magie.

Mir wird mit kalter Gewissheit klar: Das ist kein gewöhnlicher Unfall und kein Angriff wilder Tiere. Das ist eine gezielte Botschaft.

Ich blicke auf und treffe Loreleis Augen. Sie ist aschfahl geworden. Ihr ganzer Körper zittert am ganzen Leib, und in ihren dunklen Augen spiegelt sich keine normale Angst wider, sondern blanker, tiefer Terror. Es ist der Blick jemanden, der genau weiß, wem diese Handschrift gehört. Neridas Magie.

„Du weißt, was das getan hat“, sage ich mit einer tonlosen, gefährlichen Ruhe, während ich mich langsam vor ihr aufbaue. „Du erkennst diese Male.“

Sie presst die Lippen aufeinander, schüttelt heftig den Kopf und weicht einen Schritt zurück. *Nein*, will ihr Gesicht sagen. Doch ich glaube ihr kein einziges Wort mehr. Das Netz aus Lügen, das sie umgibt, bricht zusammen.

In diesem Moment bricht eine mörderische Welle durch die Uferböschung und praschelt donnernd gegen die Felsen. Der Wind peitscht das Wasser hoch.

Für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde – so kurz, dass ich fast glauben möchte, es sei Einbildung – sehe ich im aufgewühlten Schaum der Welle ein Gesicht. Das Gesicht einer Frau, die mich aus der Tiefe mit hasserfüllten, eiskalten Augen anstarrt.

Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, und bevor ich nach meinem Schwert greifen kann, reißt Lorelei die Arme hoch und packt meinen Unterarm mit eisernen Fingern.

In der Sekunde, in der ihre Haut meine berührt, rast mein Wolf mit ungeheurer Wucht durch meinen Geist. Der Schmerz, die Bedrohung, die Dunkelheit – alles wird weggewischt von einem einzigen, alles erschütternden Instinkt.

*Mate.*

Das Wort dröhnt so laut in meinem Kopf, dass mir schwindelig wird. Mein Griff an ihrer Schulter lockert sich, verwandelt sich unwillkürlich in eine besitzergreifende Umarmung. Ich fahre herum, reiße sie dicht an meinen Körper, sodass unsere Gesichter nur Millimeter voneinander entfernt sind.

Die romantische Anspannung bricht durch wie ein Dammbruch. Ich sehe auf ihre leicht geöffneten Lippen, spüre ihren warmen Atem auf meiner Haut, während mein Herz hämmernd gegen meine Rippen schlägt. Der Drang, sie an mich zu ketten, sie vor der Welt und vor sich selbst zu verbergen, brennt heißer als Feuer.

Doch so schnell sie die Nähe zugelassen hat, so heftig reißt sie sich auch los.

Lorelei stößt mich zurück, stolpert rückwärts, die Augen panisch geweitet. Sie weiß etwas, das ich nicht weiß. Sie weiß: Wenn ich jetzt die Wahrheit erkenne, wenn ich vollends begreife, wer und was sie ist, wird das uralte Gesetz der Wölfe mir keine Wahl lassen. Ich werde sie töten müssen.

Ich trete sofort wieder auf sie zu, mein Blick fixiert sich auf ihren Hals, wo der Kragen ihres nassen Gewebes verrutscht ist.

Im fahlen Licht des stürmischen Himmels glitzert etwas auf ihrer blassen Haut. Winzige, irisierende Schuppen, die im Schlamm und Regen wie Perlmutt schimmern.

Meine Augen verengen sich zu kalten Schlitzen. Mein Atem stockt.

„Lori...“, knurre ich leise, und jeder Buchstabe schmeckt nach Verrat.

Sie erstarrt vollkommen, gefangen in meinem Blick, unfähig zu fliehen.

„Was bist du?“, flüstere ich, und der Sturm um uns her

um versinkt in tödlicher Stille.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • IHR STUMMES LIED ZÄHMTE DEN ALPHA    Kapitel 5: Die stimme aus der tiefe

    POV: LoreleiDie irisierenden Schuppen an meinem Schlüsselbein brennen wie Feuer im kalten Regen. Killians silberne Augen fixieren mich mit einer unerbittlichen, angsterfüllten Intensität. Er hat es gesehen. Die Maske ist gefallen. Kein Ausweg, keine Lüge und keine Ausrede mehr kann mich jetzt noch retten. Die Gesetze seines Rudels verlangen meinen Tod, und er weiß genau, was ich bin.Ich kann nicht fliehen. Die Schwere in meinen Gliedern und die Wucht seiner Präsenz halten mich gefangen wie ein Raubtier seine Beute.„Was bist du?“, flüstert er noch einmal, und jeder Buchstabe klingt wie ein Todesurteil.Mein Hals brennt, als würde glühendes Eisen darin liegen. Ich will sprechen, will ihm entgegnen, dass ich ihm nicht schaden will, dass Nerida mich vernichten wollte. Doch die Magie des Fluches presst sich wie eine eiserne Faust gegen meine Stimmbänder. Mit aller Kraft, die mir noch bleibt, stemme ich mich gegen den Schmerz. Ich presse die Zähne zusammen, hole tief Luft und zwinge die

  • IHR STUMMES LIED ZÄHMTE DEN ALPHA    Kapitel 4: Der alpha und das meer

    Killian POV Das Rauschen des Wassers durchbricht die Luft wie ein wild gewordener Sturm. Als der Schrei des Rudelmitglieds draußen verhallt, gibt es kein Halten mehr. Ich lasse das Pergament mit dem finsteren Siegel liegen, trete an das Fenster und stoße den Riegel zurück. Die kalte, feuchte Luft schlägt mir entgegen, getränkt von der unverkennbaren Note von Ozon und aufgewühltem Schlamm.Draußen im grauen Nebel herrscht pure Panik. Die Männer der Patrouille versuchen, die Barrikaden am Flussufer zu sichern, während das Wasser unaufhaltsam über die gewohnten Grenzen hinwegschwappt. Ohne eine Sekunde zu zögern, springe ich aus dem Fenster des oberen Stocks, lande federnd auf dem aufgeweichten Boden und laufe los, dem Fluss entgegen.Ich muss die Lage unter Kontrolle bringen. Doch während ich durch den nassen Nadelwald eile, spüre ich es im Genick. Ein feines, fast magisches Ziehen in der Luft. Jemand folgt mir.Ich bleibe abrupt stehen, wirbe herum und trete tief in den Schatten einer

  • IHR STUMMES LIED ZÄHMTE DEN ALPHA    Kapitel 3: Das mädchen namens Lori

    Lorelei POV Die Hand, die mich gegen die kalte Steinwand drückt, bebt vor einer angestauten Kraft, die jeden Moment zu explodieren droht. Killians silberne Augen brennen sich in meine Seele, und in diesem Augenblick weiß ich, dass ich verloren bin. Er weiß es. Er weiß, dass ich keine menschliche Überlebende bin. Er hat meine Magie gesehen, er hat die unsichtbaren Fäden gespürt, die mich mit der Tiefe verbinden.Jeder normale Alpha hätte mich sofort an die Wachen ausgeliefert oder den Kopf abgetrennt. Doch er tut es nicht.Stattdessen spannt sich sein Kiefer hart an, die Muskeln in seinem Nacken treten hervor, und mit einem scharfen, erstickten Fluchen lässt er mich plötzlich los. Er stolpert einen halben Schritt zurück, als müsste er physischen Abstand zwischen uns bringen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Seine großen Hände ballen sich zu Fäusten an seiner Seite.„Wenn jemand fragt“, zischt er mit einer gefährlichen, leisen Dringlichkeit, die keinen Widerspruch duldet, „ist dein

  • IHR STUMMES LIED ZÄHMTE DEN ALPHA    Kapitel 2: Meine gefährtin ist keine menschenfrau

    Killian POV Das Gewicht ihres Körpers gegen meinen ist eine Vergiftung, die sich mit jedem Herzschlag tiefer in mein Fleisch frisst. Mein Verstand wehrt sich mit Zähnen und Klauen dagegen, doch das Biest in meiner Brust hat längst die Kontrolle übernommen. *Mine*, dröhnt es unaufhörlich durch meine Adern, ein primitiver, alles verschlingender Befehl, der mich zwingt, sie zu beschützen, obwohl die uralten Gesetze meines Volkes den sofortigen Tod für jeden Eindringling aus der Tiefe fordern.Ich packe sie an den Schultern, ziehe sie hoch und reiße sie von den feuchten Kieselsteinen des Weeping Shore weg. Sie wehrt sich nicht, doch ihre Augen – dunkel, wild und von einer unerschütterlichen, stummen Wut erfüllt – brennen sich in mein Gedächtnis. Sie zittert, nicht vor Kälte, sondern vor blankem Hass und Überlebenswillen. Unter den Blutflecken und dem nassen Schlamm auf ihrer Haut schimmert ein schwacher, irisierender Hauch von Perlmutt an ihrem Schlüsselbein. Ein unverkennbares Zeichen.

  • IHR STUMMES LIED ZÄHMTE DEN ALPHA    Kapitel 1: Die Frau,die er töten sollte

    POV: Lorelei Das Wasser gibt mich frei wie einen ungewollten Auswurf der Tiefe. Ich werde an den steinigen, grauen Saum des Weeping Shore geschleudert, jener verbotenen Grenze, an der die dunklen Wellen des Sees auf die unerbittliche Erde der Blackwood-Wölfe prallen. Meine Lungen brennen wie Feuer, gefüllt mit dem stechenden Geschmack von Salz, Schlamm und abgestandenem Flusswasser. Jeder Atemzug ist ein mechanischer Kampf, ein Keuchen gegen die Kälte, die sich wie tausend Eiskristalle in meine Haut gräbt.Ich versuche mich aufzurichten, doch meine Glieder sind bleischwer. Mein feines Seidenhemd ist zerrissen und klebt wie eine zweite Haut an meinem gequälten Körper, blutverschmiert und durchnässt. Mein Schlüsselbein pocht in einem unregelmäßigen Rhythmus, und der schreckliche, brennende Schmerz in meiner Kehle schnürt mir die Luft ab. Königin Neridas Fluch sitzt wie ein glühendes Eisenband an meinem Hals. Ich öffne den Mund, will nach Luft schnappen, will schreien, will fliehen – do

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status