LOGINPOV: Lorelei
Die irisierenden Schuppen an meinem Schlüsselbein brennen wie Feuer im kalten Regen. Killians silberne Augen fixieren mich mit einer unerbittlichen, angsterfüllten Intensität. Er hat es gesehen. Die Maske ist gefallen. Kein Ausweg, keine Lüge und keine Ausrede mehr kann mich jetzt noch retten. Die Gesetze seines Rudels verlangen meinen Tod, und er weiß genau, was ich bin.
Ich kann nicht fliehen. Die Schwere in meinen Gliedern und die Wucht seiner Präsenz halten mich gefangen wie ein Raubtier seine Beute.
„Was bist du?“, flüstert er noch einmal, und jeder Buchstabe klingt wie ein Todesurteil.
Mein Hals brennt, als würde glühendes Eisen darin liegen. Ich will sprechen, will ihm entgegnen, dass ich ihm nicht schaden will, dass Nerida mich vernichten wollte. Doch die Magie des Fluches presst sich wie eine eiserne Faust gegen meine Stimmbänder. Mit aller Kraft, die mir noch bleibt, stemme ich mich gegen den Schmerz. Ich presse die Zähne zusammen, hole tief Luft und zwinge die Muskeln in meinem Hals dazu, sich zu bewegen.
Ein heiseres, schmerzhaftes Keuchen bricht aus meiner Kehle. Ein einzelner, grausamer Laut, der wie zerspringendes Glas klingt.
Killian zuckt zusammen. Er starrt mich an, als hätte ich ihn geschlagen.
Ein winziger Strom aus hellem, fast schwarzem Blut rinnt an meinem Mundwinkel herab und vermischt sich mit dem Regenwasser auf meiner Haut. Die Grausamkeit dieses Anblicks trifft ihn wie ein Keulenschlag. Seine Hand, die noch immer drohend in der Luft hielt, zuckt zurück. In diesem Bruchteil einer Sekunde begreift er etwas, das alles verändert: Ich bin nicht stumm geboren worden. Jemand hat mir die Stimme genommen. Jemand hat sie mir gewaltsam versiegelt.
Die Wut in seinen Zügen weicht einer dunklen, kontrollierten Erschütterung.
„Wer hat dir das angetan?“, fragt er, und seine Stimme ist plötzlich gefährlich leise, fast tonlos vor unterdrückter Gewalt. „Wer hat deine Stimme verflucht?“
Ich kann den Namen nicht aussprechen. Jeder Versuch würde meine Kehle zerreißen. Mit zitternden Fingern greife ich nach einem kleinen Holzstock am Waldboden. Ich knie mich tief in den Schlamm und ziehe mit schnellen, unruhigen Bewegungen einen einzigen Namen in die nassen Erdstollen:
*N-E-R-I-D-A.*
Killian starrt auf die Buchstaben im Schlamm. Als er den Namen liest, stockt sein Atem. Jeder im Grenzland kennt diesen Namen. Die Königin der Tiefe. Die Herrscherin über die Sirenen des Lake Abyss.
Seine gesamte Haltung verändert sich augenblicklich. Die Erkenntnis trifft ihn mit der Härte eines Schlags: Die Frau, die er aus dem Wasser gerettet, in sein Rudelhaus geholt und als seine Gefährtin anerkannt hat, ist nicht nur irgendeine Kreatur. Sie ist das direkte Ziel der mörderischsten Macht, die jenseits ihrer Grenzen existiert.
Bevor er das Wort ergreifen kann, durchbricht das Knacken von brechendem Astwerk die angespannte Stille hinter uns.
Gideon tritt aus dem grauen Nebel des Nadelwaldes hervor. Sein schweres Breitschwert ist gezogen, und sein scharfer, misstrauischer Blick wandert von Killian zu mir. Er hat uns gefunden.
„Alpha“, sagt Gideon mit einer rauen, unnachgiebigen Dringlichkeit in der Stimme. „Ich habe Nachforschungen angestellt. Die Überlebende, die du hierher gebracht hast... sie ist in keinem der Register von River's Edge zu finden. Nirgendwo im Flusstal gibt es eine Spur von ihr.“
Killian fährt herum, schirmt meinen Körper instinktiv mit seinem breiten Rücken ab und nimmt eine kalte, abwehrende Haltung ein.
„Sie steht unter meinem Schutz, Gideon“, entgegnet er mit schneidender Autorität. „Das reicht als Erklärung.“
„Das reicht nicht mehr, Killian!“, faucht der Beta, und sein Blick wird eisig, als er an Killians Schulter vorbeisieht und mich fixiert. „Sie lügt. Und sieh sie dir an.“ Gideons Augen verengen sich zu Schlitzen, während er auf mein nasses Gewand deutet. „Es hat seit Stunden nicht mehr geregnet. Woher kommt dieses Wasser an ihren Kleidern? Warum tropft sie wie eine Ertrunkene, die gerade erst aus der Tiefsee gestiegen ist?“
Mein Herz setzt einen Schlag aus. Das Versteckspiel ist vorbei. Jede einzelne meiner Lügen bricht in diesem Moment in sich zusammen.
Und dann – plötzlich, mitten in Gideons Worten – geschieht etwas, das jedes Blut in meinen Adern gefrieren lässt.
Eine Stimme.
Sie kommt nicht von hier. Sie drückt sich nicht durch den Wald oder den Fluss. Sie ertönt direkt in meinem Kopf, kalt, hasserfüllt und so klar, als stünde die Sprecherin direkt hinter mir.
*Lorelei...*
Ich zucke zusammen und fahre herum, meine Augen weiten sich panisch. Ich starre in den leeren, nebligen Wald hinaus. Nur eine einzige Person auf dieser Welt nennt mich so mit diesem grausamen, singenden Unterton. Nerida.
Killian bemerkt meine plötzliche Starre. Er greift nach meinem Arm. „Lori? Was ist?“
„Hörst du das nicht?“, will ich rufen, doch mein Mund bleibt stumm.
Fern, weit jenseits der dichten Tannen und des dunklen Grenzforstes, beginnt der Lake Abyss unter dem nächtlichen, wolkenverhangenen Mond in einem unheimlichen, phosphoreszierenden Blau zu leuchten. Die Wasseroberfläche bricht auf, und ein tiefes, grollendes Beben läuft durch die Erde. Etwas Kolossales, uraltes und hungriges bewegt sich in der Tiefe. Es steigt auf.
Gideon stolpert einen Schritt zurück, sein Gesicht bleich vor Entsetzen, als er das Leuchten am Horizont bemerkt.
Killian packt mich fest an den Schultern, dreht mein Gesicht zu sich und sieht mir tief in die Augen, während der Boden unter unseren Füßen zittert.
„Was ist das?“, ruft er, und zum ersten Mal schimmert pure Angst durch seine eiserne Fassade. „Was in aller Welt kommt da auf uns zu?“
Mit letzter Kraft, unter Schmerzen, die mir die Tränen in die Augen treiben, öffne ich die versiegelten Lippen. Blut läuft über mein Kinn, während ich das einzige Wort ausstoße, das ich mit dem Rest meiner zerbrochenen Stimme noch formen kann.
„Meine... Schwester.“
POV: LoreleiDie irisierenden Schuppen an meinem Schlüsselbein brennen wie Feuer im kalten Regen. Killians silberne Augen fixieren mich mit einer unerbittlichen, angsterfüllten Intensität. Er hat es gesehen. Die Maske ist gefallen. Kein Ausweg, keine Lüge und keine Ausrede mehr kann mich jetzt noch retten. Die Gesetze seines Rudels verlangen meinen Tod, und er weiß genau, was ich bin.Ich kann nicht fliehen. Die Schwere in meinen Gliedern und die Wucht seiner Präsenz halten mich gefangen wie ein Raubtier seine Beute.„Was bist du?“, flüstert er noch einmal, und jeder Buchstabe klingt wie ein Todesurteil.Mein Hals brennt, als würde glühendes Eisen darin liegen. Ich will sprechen, will ihm entgegnen, dass ich ihm nicht schaden will, dass Nerida mich vernichten wollte. Doch die Magie des Fluches presst sich wie eine eiserne Faust gegen meine Stimmbänder. Mit aller Kraft, die mir noch bleibt, stemme ich mich gegen den Schmerz. Ich presse die Zähne zusammen, hole tief Luft und zwinge die
Killian POV Das Rauschen des Wassers durchbricht die Luft wie ein wild gewordener Sturm. Als der Schrei des Rudelmitglieds draußen verhallt, gibt es kein Halten mehr. Ich lasse das Pergament mit dem finsteren Siegel liegen, trete an das Fenster und stoße den Riegel zurück. Die kalte, feuchte Luft schlägt mir entgegen, getränkt von der unverkennbaren Note von Ozon und aufgewühltem Schlamm.Draußen im grauen Nebel herrscht pure Panik. Die Männer der Patrouille versuchen, die Barrikaden am Flussufer zu sichern, während das Wasser unaufhaltsam über die gewohnten Grenzen hinwegschwappt. Ohne eine Sekunde zu zögern, springe ich aus dem Fenster des oberen Stocks, lande federnd auf dem aufgeweichten Boden und laufe los, dem Fluss entgegen.Ich muss die Lage unter Kontrolle bringen. Doch während ich durch den nassen Nadelwald eile, spüre ich es im Genick. Ein feines, fast magisches Ziehen in der Luft. Jemand folgt mir.Ich bleibe abrupt stehen, wirbe herum und trete tief in den Schatten einer
Lorelei POV Die Hand, die mich gegen die kalte Steinwand drückt, bebt vor einer angestauten Kraft, die jeden Moment zu explodieren droht. Killians silberne Augen brennen sich in meine Seele, und in diesem Augenblick weiß ich, dass ich verloren bin. Er weiß es. Er weiß, dass ich keine menschliche Überlebende bin. Er hat meine Magie gesehen, er hat die unsichtbaren Fäden gespürt, die mich mit der Tiefe verbinden.Jeder normale Alpha hätte mich sofort an die Wachen ausgeliefert oder den Kopf abgetrennt. Doch er tut es nicht.Stattdessen spannt sich sein Kiefer hart an, die Muskeln in seinem Nacken treten hervor, und mit einem scharfen, erstickten Fluchen lässt er mich plötzlich los. Er stolpert einen halben Schritt zurück, als müsste er physischen Abstand zwischen uns bringen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Seine großen Hände ballen sich zu Fäusten an seiner Seite.„Wenn jemand fragt“, zischt er mit einer gefährlichen, leisen Dringlichkeit, die keinen Widerspruch duldet, „ist dein
Killian POV Das Gewicht ihres Körpers gegen meinen ist eine Vergiftung, die sich mit jedem Herzschlag tiefer in mein Fleisch frisst. Mein Verstand wehrt sich mit Zähnen und Klauen dagegen, doch das Biest in meiner Brust hat längst die Kontrolle übernommen. *Mine*, dröhnt es unaufhörlich durch meine Adern, ein primitiver, alles verschlingender Befehl, der mich zwingt, sie zu beschützen, obwohl die uralten Gesetze meines Volkes den sofortigen Tod für jeden Eindringling aus der Tiefe fordern.Ich packe sie an den Schultern, ziehe sie hoch und reiße sie von den feuchten Kieselsteinen des Weeping Shore weg. Sie wehrt sich nicht, doch ihre Augen – dunkel, wild und von einer unerschütterlichen, stummen Wut erfüllt – brennen sich in mein Gedächtnis. Sie zittert, nicht vor Kälte, sondern vor blankem Hass und Überlebenswillen. Unter den Blutflecken und dem nassen Schlamm auf ihrer Haut schimmert ein schwacher, irisierender Hauch von Perlmutt an ihrem Schlüsselbein. Ein unverkennbares Zeichen.
POV: Lorelei Das Wasser gibt mich frei wie einen ungewollten Auswurf der Tiefe. Ich werde an den steinigen, grauen Saum des Weeping Shore geschleudert, jener verbotenen Grenze, an der die dunklen Wellen des Sees auf die unerbittliche Erde der Blackwood-Wölfe prallen. Meine Lungen brennen wie Feuer, gefüllt mit dem stechenden Geschmack von Salz, Schlamm und abgestandenem Flusswasser. Jeder Atemzug ist ein mechanischer Kampf, ein Keuchen gegen die Kälte, die sich wie tausend Eiskristalle in meine Haut gräbt.Ich versuche mich aufzurichten, doch meine Glieder sind bleischwer. Mein feines Seidenhemd ist zerrissen und klebt wie eine zweite Haut an meinem gequälten Körper, blutverschmiert und durchnässt. Mein Schlüsselbein pocht in einem unregelmäßigen Rhythmus, und der schreckliche, brennende Schmerz in meiner Kehle schnürt mir die Luft ab. Königin Neridas Fluch sitzt wie ein glühendes Eisenband an meinem Hals. Ich öffne den Mund, will nach Luft schnappen, will schreien, will fliehen – do







