Share

Kapitel 2

Author: The Red
Draußen war es still. Ich schlang die Arme um meine Schultern und versuchte verzweifelt, mich warmzuhalten.

Es verging viel Zeit, bis ich merkte, dass ich nicht mehr aufstehen konnte.

Meine Beine waren wie festgefroren, meine Finger so taub, dass sie mir nicht mehr gehorchten.

Ich begann zu zählen. Ich zählte bis hundert und fing wieder von vorne an. Bei der dritten Runde hörte ich ein Geräusch vor der Tür.

Das Geräusch von Pumps.

Klick, klack, klick, klack. Gleichmäßig, rhythmisch. Es hielt unweit der Tür an - vermutlich in der Richtig des Schaltraums

Dann folgte ein leises „Klack“. Wie ein Schalter, der umgelegt wurde.

Das Dröhnen der Kühlung wurde plötzlich lauter. Das Zischen verwandelte sich in ein tiefes Grollen und die Temperatur fiel schlagartig.

„Wer ist da draußen?“, schrie ich mit letzter Kraft. „Lasst mich raus! Ich flehe euch an!“

Keine Antwort.

Das Geräusch der Pumps erklang erneut. Klick, klack, klick, klack. Es entfernte sich immer weiter, bis es vor der Tür wieder still wurde.

Plötzlich fiel mir ein, dass ich diesen Gang schon einmal gehört hatte.

Bonnie trug besonders gerne Pumps. Jedes Mal, wenn sie provozierend vor mir stand, klang das Aufsetzen ihrer Absätze wie ein Triumphmarsch für sie.

Ich legte mich zurück auf den Boden und begann zu lachen. Während ich lachte, rannen Tränen über mein Gesicht und gefroren zu Eis.

Im Kühlhaus gab es kein Signal, das Handy war nur noch nutzlos.

Ich tastete nach meinem Hals. Die Kette war noch da - das Geburtstagsgeschenk von Karl, ein Diamantanhänger. Ich tastete nach meinem Finger. Der Verlobungsring war da - der Saphir, ein Erbstück der Familie Wester, den er mir vor drei Monaten eigenhändig angesteckt hatte.

„Du wirst die Herrin der Familie Wester sein“, hatte er in der Kirche gesagt. Das Sonnenlicht war durch die Buntglasfenster gefallen und hatte tanzende Farben auf sein Gesicht geworfen. „Ich schwöre, dich mit neinem Leben zu beschützen.“

Der Schwur halt noch in meinen Ohren nach. Doch der Mensch ist verschwunden.

Plötzlich begann mein Körper heiß zu werden. Es gab eine seltsame, falsche Wärme. Halluzinationen setzten ein.

„Daisy.“ Der Karl in meiner Vision lächelte mich an.

„Karl ...“, murmelte ich, „es ist so kalt ...“

Karl lächelte nur und antwortete nicht.

Das einzige Geräusch war das Dröhnen der Kühlmaschine.

Mit zitternden Händen holte ich mein Handy heraus und versuchte, Karl Nachrichten zu schreiben. Selbst wenn sie nicht rausgingen, hatte ich ihm so viel zu sagen. Im Chatfenster standen noch die Nachrichten, die ich ihm vor ein paar Stunden geschickt hatte.

„Karl, die Kühlung läuft plötzlich wieder. Die Temperatur sinkt. Bitte lass mich raus. Es war mein Fehler, ich gestehe alles, was du willst.“

„Ich spüre meine Finger nicht mehr. Es muss unter null Grad sein. Karl, wo bist du? Hilf mir.“

„Ich glaube, ich werde ... hier sterben. Aber ich liebe dich. Für immer.“

Mein Bewusstsein verschwamm. Ich konnte kaum noch den Bildschirm erkennen und tippte mühsam die letzte Nachricht.

„Karl, ich weiß, dass es nicht deine Schuld ist. Ich grolle dir nicht. Wirklich. Nur ... mir ist so kalt.“

Nach dem letzten Buchstaben schloss ich die Augen und überließ mich der Dunkelheit, die alles verschlang.

Im Moment des Todes hörte ich, wie die Pumps zurückkehrten.

Klick, klack. Sie hielten vor der Tür. Dann folgte das Flüstern einer Frau, ganz leise, aber ich verstand es deutlich: „Leb wohl, Daisy.“

Es war Bonnies Stimme. Sie war es wirklich!

Ich wollte antworten, wollte schreien, wollte fluchen.

Aber mein Körper war bereits tot, ich brachte keinen Laut mehr hervor.

Nur mein Bewusstsein war noch da, schwebte in der eiskalten Luft und starrte auf die zusammengesunkene Leiche in der Ecke - meine Leiche. Die Haut war bläulich-violett, die Wimpern voller Frost. Die Hand war fest geballt, als würde sie einen Schatz umklammern.

Ich wusste, was ich in der Hand halte, aber jetzt hat es keine Bedeutung mehr.

Draußen vor der Eisentür entfernte sich das Geräusch der Pumps wieder.

Mit 25 Jahren war ich hier gestorben.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel 9

    Meine Beisetzung fand am selben Nachmittag statt.Karl ließ mich mit den höchsten Ehren bestatten, die der „künftigen Herrin der Familie Wester“ gebührten. Mein Grabstein stand direkt neben dem seiner Mutter und trug die Inschrift:Daisy Reich Wester 1998–2023 Ewige BrautBei der Beisetzung war mein Vater in Tränen aufgelöst. Er stürmte fast auf Karl zu und packte ihn fest am Hals.Karl hielt die Leibwächter zurück, die einschreiten wollten, und sagte mit krächzender Stimme: „Es tut mir leid, Herr Reich. Es ist meine Schuld.“Meinem Vater liefen die Tränen übers Gesicht, seine Augen sprühten vor Zorn: „Meine Daisy! Du hast meine Daisy getötet!“„Sie können mich auch töten. Die Familie Wester wird Ihnen keine Schwierigkeiten machen.“Langsam ließ mein Vater los. Karl hielt sich den Hals und hustete unaufhörlich.„Als Daisy gesagt hat, dass sie dich heiraten will, wollte ich eigentlich nicht zustimmen. Ich hoffe, dass sie in eine ganz normale Familie heiraten und ein ganz normales Le

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel 8

    Er trat vor Bonnie und sah herabblickend auf sie nieder: „Rote Pumps, die Krankenhausmauer, die Dashcam ... Soll ich die Kleidung aus deinem Kofferraum holen, die noch voller Staub aus dem Schaltraum ist? Glaubst du wirklich, es reiche aus, nur den Schlüssel wegzuwerfen?“ Bonnies Atem wurde hastig. „Warum?“, fragte Karls Stimme, die vor Schmerz unterdrückt war. „Sie hat dir nie etwas getan.“ Bonnie starrte Karl tief in die Augen, während die Panik und der Schmerz in ihrem Gesicht allmählich verschwanden. „Mir nichts getan?“ Bonnie lachte plötzlich laut auf, als hätte sie einen Witz gehört, ihre Stimme schrill und stechend. „Sie hat dich mir weggenommen! Das ist für mich der größte Schmerz!“ „Ich kenne dich seit zwanzig Jahren, Karl! Wir sind zusammen aufgewachsen, mein Vater hat eine Kugel für deinen Vater abgefangen! Als wir klein waren, sagten alle, ich sollte die künftige Frau Wester sein! Und sie? Die Tochter eines Spediteurs? Nur wegen ihres Geschäftswerts kann sie deine Verl

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel 7

    Er schloss sich in seinem Arbeitszimmer ein, wertete alle Überwachungsvideos aus und befragte jede beteiligte Person. Ich war sein Schatten, schwebte ununterbrochen an seiner Seite.Er ließ den Wächter des Kühlhauses rufen. „Wer war in jener Nacht außer Daisy noch dort?“Der Wächter zitterte: „Nie... niemand...“„Sag die Wahrheit!“, Karl schlug auf den Tisch. „Sonst kennst du die Konsequenzen.“Der Wächter fiel auf die Knie: „Junger Herr! Ich... ich hörte das Geräusch von Pumps! Ungefähr um ein Uhr morgens hielten sie beim Schaltraum an! Aber ich habe nicht erkannt, wer es war. Ich sah nur rote Absätze...“„Rote Absätze?“„Ja... jawohl. Pumps mit roten Absätzen. Sie verschwanden schnell wieder.“Karl schloss die Augen. Es waren Bonnies Pumps mit den roten Sohlen.Er rief das elektronische Türschlossprotokoll des Schaltraums ab. Das System zeigte: In der Tatnacht um 00:40:05 Uhr wurde die Tür geöffnet. Benutzer-ID-Karte: Müller, B.Bonnie Müller. Sie hatte die Ersatzzugangskarte ihres

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel 6

    Selbst der Arzt wirkte nun verunsichert: „Normalerweise hält das Notstromsystem die Temperatur bei etwa vier Grad Celsius. Doch die Anzeichen bei Fräulein Daisy deuten auf einen plötzlichen Tod durch massive Unterkühlung hin. So etwas tritt üblicherweise nur auf, wenn die Temperatur schlagartig auf minus fünfzehn Grad oder tiefer sinkt ...“Das liegt daran, dass Bonnie die Kühlanlage eingeschaltet hat, erklärte ich dem Arzt lautlos.Doch der Karl von jetzt konnte keine Stimmen mehr hören. Er hielt mich einfach nur fest und weigerte sich, mich loszulassen.Ein Leibwächter sagte vorsichtig: „Junger Herr, wir sollten uns um die Bestattung von Fräulein Daisy kümmern.“„Nein.“ Karl hielt mich noch fester. „Sie ist nicht tot. Sie schläft nur ... es ist sehr kalt, deshalb schläft sie ...“„Karl.“ Eine tiefe Stimme erklang.Karls Vater, der Pate der Familie Wester, stand an der Tür. Der alte Mann stützte sich auf seinen Gehstock, jede Falte in seinem Gesicht zeugte von schwerer Last.„Vater ..

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel 5

    Karl stürmte in das Kühlhaus, gefolgt von einer Gruppe von Menschen – Leibwächtern, dem Verwalter und dem Vertreter der Partnerfirma.Alle erstarrten an der Tür.Die sich kreuzenden Strahlen der Taschenlampen und das Notlicht erhellten die kauernde Leiche in der Ecke. Die Haut war bläulich-violett und die Finger in einer verkrampften Haltung geballt.Der Vertreter der Partnerfirma hielt sich schockiert den Mund zu und wich zurück.Karl stand wie angewurzelt da. Ich sah, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich, bis er blass wie ein Blatt Papier war.„Was ... was ist das?“, fragte ein Leibwächter mit zitternder Stimme.„Schweig“, flüsterte Karls Stimme so leise wie ein Hauch.Langsam ging er hinein. Seine Lederschuhe knirschten auf dem gefrorenen Boden. Er kniete vor meiner Leiche nieder, streckte die Hand aus – und hielt inne, kurz bevor er mein Gesicht berührte.„Daisy?“, rief er leise.Keine Antwort.Er griff nach meiner Schulter und drehte mich um. Die steif gefrorene Leiche behielt ih

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel 4

    Bonnie täuschte zwei Tage lang eine Krankheit vor, und Karl vergaß mich völlig.Erst als es Probleme beim Hafenprojekt gab, für das ich zuständig war, wandte sich Karl hastig an seine Leibwächter: „Geht zum Kühlhaus. Bringt Daisy her. Sofort.“Plötzlich kam Bonnie schnellen Schrittes herbei und packte seinen Arm: „Geh nicht.“Karl runzelte die Stirn: „Was?“„Ich ...“, sie senkte den Kopf, „ich war heute Morgen schon dort. Ich wollte sie rauslassen und mit ihr reden. Aber sie ... sie hat mich geschlagen.“Sie sah auf, und auf ihrer linken Wange prangte ein blasser roter Abdruck.Karls Blick veränderte sich augenblicklich: „Sie hat dich geschlagen?“„Sie sagte, ich sei an allem Schuld. Sie nannte mich eine Heuchlerin und beschuldigte mich, ich wolle dich ihr wegnehmen ...“, Bonnies Augen füllten sich Tränen. „Dann gab sie mir eine Ohrfeige. Karl, ich habe solche Angst ...“Karl drehte sich sofort um sagte zu den Leibwächtern: „Vergessen wir es. Lasst sie dort bleiben, bis sie begriffen h

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel 3

    Als ich wieder zu Bewusstsein kam, stellte ich fest, dass ich in der Luft schwebte.Mein Körper lag noch immer in der Ecke des Kühlraums, in dieser kauernden Haltung. Eine dünne Eisshicht bedeckte meine Haut. Ich ertrug den Anblick nicht, wandte mich ab und schwebte durch die schwere Eisentür zum Ha

  • Ich starb, und mein Mafia-Mann bereut es   Kapitel1

    Der kalte Wind am Hafen schnitt mir wie ein Messer ins Gesicht.Ich kniete auf den gefrorenen Steinplatten des Privatpiers der Familie Wester und sah zu, wie Karl die völlig durchnässte Bonnie in seinen Armenheilt und zum Ufer stürmte. Sein schwarzer Mantel hällte sie ein, nur ihre roten Pumps lugt

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status