Clara blieb an der Tür stehen. „Fahr nach Hause und sieh es dir selbst an. Dann wirst du verstehen. Ich komme nicht mit zurück.“
Sebastian tat, als ob er ihre Worte gar nicht gehört hatte. Er stellte ihre High Heels vor sie hin und sprach in sanftem Ton: „Komm schon. Leo wartet zu Hause auf dich. Fahr mit mir zurück.“
„Er wartet nur auf jemanden, der ihm bei den Hausaufgaben hilft. Wenn ich dafür nicht zuständig bin, sucht er mich heute Abend garantiert nicht.“
Sie wandte den Kopf ab. „Geh einfach. Ich komme nicht zurück.“
Ohne ein Wort ergriff Sebastian ihr Fußgelenk, ging vor ihr auf ein Knie und ließ dabei mehrere Falten in seiner Anzughose entstehen.
„Wir brauchen dich.“
Clara verzog spöttisch die Lippen.
„Braucht ihr nicht vielmehr Helena? Heute ist sie nur einmal in der Schule aufgetaucht, und plötzlich waren alle Probleme gelöst. Selbst Leo hört auf sie.“
Sebastians Blick wurde dunkler. Dann lachte er leise. „Also darum geht es. Du bist eifersüchtig. Egal wie gut Helena mit ihm umgehen kann, ist sie nicht Leos Mutter.“
„Doch, das könnte sie werden.“ Clara stieß seine Hand weg. „Wenn du es willst.“
Das Lächeln verschwand augenblicklich aus Sebastians Gesicht. Er hob den Kopf und sah sie scharf an. „Was soll das heißen?“
Clara antwortete mit betont ruhiger Stimme: „Warum lassen wir uns nicht scheiden? Dann kannst du Helena heiraten. Und Leo kann ebenfalls von ihr großgezogen werden.“
Die High Heels fielen mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Sebastian richtete sich langsam auf. Sein Gesicht hatte sich verdüstert.
Im schmalen Eingangsbereich wirkte seine große Gestalt plötzlich bedrückend.
Ein deutliches Missfallen lag in seinen Augen. „Was hast du gerade gesagt?“ Du willst dich von mir scheiden lassen?“
„Ja, es gibt jemanden, der viel besser als ich als deine Ehefrau und als Mutter deines Sohnes geeignet ist. Warum heiratest du sie nicht?“
Zum ersten Mal verlor sie die Kontrolle über ihre Gefühle.
In ihren Augen war Sebastian schlicht ein Heuchler.
Die Heiratsurkunde war von Anfang an nichts weiter als eine Lüge gewesen. Und trotzdem spielte er jetzt den Mann, dem eine Scheidung unvorstellbar erschien.
Zwischen ihnen waren nicht einmal Formalitäten nötig. Ein schlichtes „Wir trennen uns“ reichte aus, um die sieben Jahre lange Bindung zu beenden.
Clara drehte sich weg. Doch Sebastian packte ihr Handgelenk.
Sein Gesicht war finster geworden. Seine Brust hob und senkte sich unruhig. „Ohne meine Zustimmung wird es zwischen uns niemals eine Scheidung geben. Du kannst aus Wut alles Mögliche sagen. Aber dieses eine Wort wirst du nie wieder leichtfertig in den Mund nehmen.“
Clara blieb ausdruckslos und konterte kalt: „Und was, wenn ich es sage? Ist das etwa verboten? Oder willst du etwa beides gleichzeitig haben?“
Wenn Sebastian es wirklich wollte, konnte eine Ehefrau nach sieben gemeinsamen Jahren innerhalb eines Augenblicks zur Geliebten werden. Und nichts würde ihn daran hindern, Helena zu heiraten.
Sebastian platzte heraus: „Wann bist du eigentlich so unvernünftig geworden? Zwischen Helena und mir ist überhaupt nichts. Du kannst doch nicht einfach irgendetwas behaupten, nur weil du dich schlecht fühlst.“
„Und wenn ich Unsinn rede, was dann? Wenn du mich nicht ertragen kannst, dann lass dich scheiden!“
Sie riss seine Hand los. „Raus hier! Ich will dich nicht sehen!“
Sebastians Geduld war endgültig am Ende. Ohne ein weiteres Wort zog er Clara zu sich heran und verschloss ihren Mund mit einem Kuss. Er versuchte, die verletzenden Worte und den Streit von eben in dieser Nähe vergessen zu machen.
Draußen am Flur kam zufällig ein Mädchen vorbei. Als sie die Szene sah, stieß sie einen erschrockenen Laut aus.
Claras Körper zuckte leicht. Sie versuchte, ihn wegzuschieben.
Doch Sebastian hielt sie fest, die Hand um ihre Taille gelegt, und zog die Tür mit der anderen Hand zu.
Im nächsten Moment war sie gegen die Tür gedrückt. Seine große, warme Hand glitt unter ihren Saum und entzündete eine Hitze auf ihrer kühlen Haut.
Claras Körper begann stärker zu zittern.
Nicht nur wegen der aufgewühlten Gefühle, sondern auch wegen des Widerwillens gegen diese dominante, übergriffige Art.
Sebastian liebte sie offensichtlich nie. Trotzdem hatte er all die Jahre den fürsorglichen Ehemann gespielt, mit ihr ein Kind bekommen und jede Nacht an ihrer Seite verbracht.
Unzählige Gedanken schossen Clara durch den Kopf. Sie hielt es nicht länger aus, stieß Sebastian von sich und rannte ins Badezimmer.
Sie hatte nichts gegessen und würgte mehrmals trocken, während ihr Magen sich krampfartig zusammenzog.
Sebastian folgte ihr sofort und stützte sie. „Schon wieder Übelkeit? Das ist kein einfaches Magenproblem. Du gehst mit mir ins Krankenhaus.“
„Ich will nicht ...“
Sie konnte den Satz nicht beenden. Sebastian hob sie ohne weiteres auf die Arme.
Clara hatte Kopfschmerzen und gleichzeitig Übelkeit, ihr blieb keine Kraft, sich zu wehren.
Clara litt ohnehin unter leichter Reisekrankheit. In ihrem jetzigen Zustand kam ihr das Ganze schlimmer vor als jede Folter. Mit geschlossenen Augen lehnte sie im Sitz, unfähig, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
Sebastian fuhr selbst. Immer wieder sah er kurz zu ihr hinüber, während er den Wagen zügig durch den Verkehr lenkte und direkt zum Krankenhaus brachte.
Anmeldung, Formulare, Untersuchungen...
Clara war die ganze Zeit kurz davor, sich zu übergeben. Immer wieder schluckte sie gegen die Übelkeit an. Wie eine Marionette ließ sie sich von der Krankenschwester von einer Untersuchung zur nächsten führen.
Als sie schließlich wieder herauskam, wartete Sebastian bereits auf dem Flur. Er reichte ihr einen Becher Honigwasser, den er irgendwo organisiert hatte.
„Trink etwas davon. Das tut deinem Magen gut.“
Clara nahm den Becher nicht entgegen. Mit blassem Gesicht setzte sie sich auf einen Stuhl.
Sebastian senkte den Blick auf sie. „Es tut mir leid. Ich hätte heute nicht mit dir streiten sollen.“
Er streckte die Hand aus, hakte seinen kleinen Finger in ihren und bewegte ihn leicht hin und her. In seinen dunklen Augen lag ein sanftes, versöhnliches Lächeln.
Sebastian war noch nie besonders gut mit süßen Worten gewesen. Stattdessen versuchte er Clara immer mit solchen kleinen Gesten zu besänftigen.
Clara spürte einen Stich in der Brust. Die vertraute Bewegung weckte unwillkürlich Erinnerungen.
„Wenn die Untersuchungen vorbei sind, fahren wir nach Hause, ja?“ Sebastian hob leicht die Augenbrauen.
Clara wollte gerade antworten, als plötzlich ein Schatten neben sie fiel.
„Sebastian, was macht ihr denn hier?“
Sie blickte überrascht auf und sah Helena, die sie neugierig ansah.
Sebastian zog seine Hand zurück und stand auf. „Clara fühlt sich nicht gut. Ich begleite sie zu einer Untersuchung. Es ist schon spät, warum bist du noch im Krankenhaus?“
Helena zeigte einen zögerlichen Ausdruck und versteckte den Untersuchungsbericht instinktiv hinter ihrem Rücken. Ihre Augen flackerten. „Nichts … es ist nichts.“
Sebastian runzelte die Stirn. „Gib mir das.“
Helena biss sich auf die Lippe, gab den Bericht aber schließlich doch heraus.
Als er den Inhalt sah, wurde sein Gesicht sofort ernster. „Du hast doch bereits eine Bypass-Operation am Herzen gehabt. Es sollte dir wieder gutgehen. Warum hast du wieder Angina pectoris?“
„Ach, das ist nur ein altes Problem.“ Helena senkte den Blick, ihre Miene wirkte erschöpft. Sie schien etwas sagen zu wollen, hielt sich aber zurück.
Sebastian sprach leise weiter. „Nimm deine Medikamente regelmäßig. Dein Herz ist ohnehin stark belastet und braucht Ruhe. Wenn du etwas brauchst, kannst du dich an Andreas Schneider wenden.“
Während sie ihrem Gespräch zuhörte, wurde es Clara in der Brust so schwer, dass sie es kaum ertragen konnte.
Andreas war Sebastians Assistent. All die Jahre hatte er niemals für jemand anderen gearbeitet als für Sebastian und Clara.
Kein Wunder, dass jemand wie Helena eine besondere Stellung hatte. Sobald sie auftauchte, schien alles eine Ausnahme zu sein.
Clara atmete schneller, ihr Brustkorb hob und senkte sich unruhig.
Sebastian beugte sich sofort zu ihr und strich ihr beruhigend über den Rücken. „Geht es dir besser? Du übergibst dich in letzter Zeit ständig. Das ist nicht mehr nur irgendein einfaches Magenproblem. Wir sehen gleich, was der Arzt sagt.“
„Ständig übergeben?“
Helenas Pupillen zogen sich leicht zusammen. Instinktiv sah sie zu Claras Bauch und dachte kurz nach.
„Ich gehe kurz auf die Toilette.“
Sie drehte sich hastig um und ging los, änderte dann aber unbemerkt die Richtung und ging zum Untersuchungsraum.
Der Arzt sagte gerade zu einer Schwester: „Werfen Sie den Untersuchungsbericht weg. Nehmen Sie stattdessen diesen hier. Kein Wort darüber verlieren.“
Helena lehnte sich sofort an die Wand neben der Tür und wartete, bis die Schwester mit dem Bericht im Müll verschwunden war. Dann ging sie hin und nahm ihn heraus.
Das zerknitterte Blatt Papier wurde auseinandergefaltet. Darauf stand deutlich das Wort „Hirntumor“.
Helena erstarrte für einen Moment.
Die Schwester hatte Sebastian bereits erklärt: „Nur eine Reizung und eine leichte Gastritis. Ein paar Medikamente reichen aus.“
Clara wechselte einen kurzen Blick mit der Krankenschwester und atmete unmerklich erleichtert aus.
Vor dem Verlassen hatte sie nicht vor, irgendjemandem von ihrer Diagnose zu erzählen.
Zum Glück respektierte der Arzt ihren Wunsch vollkommen.
Sebastian wirkte etwas beruhigt. Er nahm ihre Jacke und legte sie ihr vorsichtig um die Schultern. „Komm, wir fahren nach Hause.“
„Sebastian …“
Helena erschien erneut im ungünstigsten Moment. „Es ist schon spät. Draußen bekommt man wahrscheinlich kein Taxi mehr. Kannst du mich bitte nach Hause bringen?“
Sie hielt sich die Brust und sprach vorsichtig, fast bittend.
Clara löste instinktiv ihre Hand aus Sebastians Griff und wollte die Situation nutzen, um zu gehen.
Doch im nächsten Moment hielt Sebastian ihre Hand fest. „Clara geht es nicht gut. Ich bringe sie zuerst nach Hause. Ich rufe dir später ein Taxi.“
Helena erstarrte plötzlich und ballte die Fäuste.
Clara war für einen Moment überrascht, verstand dann aber sofort. Vor ihr konnte Sebastian Helena kaum offen bevorzugen.
In ihrem Blick lag ein deutliches Maß an Ironie, als sie mit Sebastian das Gebäude verließ. Im Aufzug nutzte sie den Moment und ging schnell hinaus, in der Hoffnung, ihn abzuhängen.
Im nächsten Moment ertönte hinter ihr Sebastians tiefe Stimme.
„Keine Sorge, ich zwinge dich zu nichts. Ich bringe dich ins Hotel.“
Clara zögerte zwei Sekunden und stieg dann ins Auto.
Sebastian fuhr sie zum Hotel und ging anschließend mit ihr gemeinsam nach oben in den Aufzug.
Clara wollte die Tür schnell öffnen und ihn draußen lassen, doch die Zimmertür stand bereits offen.
Im Inneren legte ein Dienstmädchen gerade die blaue Bärenbettwäsche von Leo auf das Sofa.
Leo saß daneben und machte unzufrieden seine Hausaufgaben. Als er Clara sah, schnaubte er verärgert.
„Es ist schon so spät, und du ziehst Papa ständig mit mir in solche Sachen rein. Papa muss morgen früh arbeiten!“
Clara spürte plötzlich einen stechenden Schmerz in ihrem Herzen.
Sie ignorierte Leo und ging direkt ins Schlafzimmer, wo sie die Tür hinter sich schloss.
Draußen hörte sie Sebastians Stimme, wie er Leo zurechtwies.
Clara wollte es nicht hören. Als sie sich im Raum umsah, bemerkte sie, dass Sebastian während ihrer Zeit im Krankenhaus bereits angewiesen hatte, seine Kleidung für den nächsten Tag sowie seinen Laptop hierherbringen zu lassen.
Sie presste die Lippen zusammen und verstand nicht, was Sebastian damit bezwecken wollte.
Sie ging zum Schreibtisch, um den noch eingeschalteten Laptop auszumachen, und blieb plötzlich stehen, als ihr Blick auf den Browserverlauf fiel.
Dort stand eine Zeile, die sie nicht mehr losließ: Abfrage des Familienstandes.
Claras Finger erstarrten. Wie von einem Impuls getrieben klickte sie auf den Verlauf und öffnete die Ergebnisseite.
Ihre Augen weiteten sich ungläubig, während sie auf den Bildschirm starrte. Sie musste mehrmals hinschauen, bevor sie es wirklich glauben konnte.
Sebastians Familienstand war …
verheiratet.
Und im Feld für die Ehefrau stand deutlich ein Name: Helena Weber.
In diesem Moment gefror Clara das Blut in den Adern.
Sebastian hatte nicht nur eine falsche Eheschließung mit ihr eingegangen, sondern war im Verborgenen auch mit Helena eine echte Ehe eingegangen.
Im Familienregister der Familie Wagner standen nur sie drei: Sebastian, Leo und Helena.
Als wären sie die einzige echte Familie.
Und sie selbst wirkte eher wie eine kostenlose Haushälterin, die sich seit sieben Jahren um Leo kümmerte.
Und Leo?
Wusste er überhaupt, dass Helena und Sebastian tatsächlich verheiratet waren?
Clara dachte weiter nach und bekam immer stärker das Gefühl einer schrecklichen Wahrheit. Ihr Körper begann unkontrolliert zu zittern. Sie schaltete den Computer aus und wich einen Schritt zurück. Im nächsten Moment stieß sie gegen eine warme, noch feuchte Brust.
Sie fuhr erschrocken herum und sah Sebastian, nur mit einem Handtuch um die Hüfte, die Haare noch halb nass, der Oberkörper deutlich definiert und entblößt.
Er hatte ihre Reaktion nicht bemerkt. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen, seine Stimme war tief und von einer unterschwelligen Wärme erfüllt.
„Geht es dir besser?“
Clara biss sich fest auf die Lippe und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Sebastians Blick wurde dunkler. Er deutete ihr Schweigen als Zustimmung, hob sie ohne zu zögern hoch und trug sie zum Bett. Dann drückte er sie sanft nach unten.