LOGINKillian
Ich saß am wuchtigen Esstisch aus dunkler Räuchereiche. Die Finger vor dem Gesicht verschränkt, die Ellbogen auf die polierte Oberfläche gestützt, hielt ich den Blick unbarmherzig auf die zweiflügelige Holztür gerichtet. Von einer ungewohnten Unruhe getrieben, wippte ich nervös mit dem rechten Bein. Die erdrückende Stille der herrschaftlichen Halle war fast greifbar, doch ich zwang mich, sie zu ertragen. Zwei Tage waren vergangen. Zwei quälend lange Tage, in denen ich kaum ein Auge zugetan hatte. Jedes Mal, wenn ich die Lider schloss, sah ich diese blitzenden, zornigen Augen vor mir. Meine Anspannung stieg mit jeder verstreichenden Stunde, und langsam, aber sicher fraß sich die Ungeduld in meine Eingeweide. Mein Blick glitt zur antiken Standuhr in der Ecke. Der goldene Sekundenzeiger wanderte unbarmherzig voran. Es war gleich zwölf Uhr. Wo verdammt blieb Alastair? Als der Zeiger die Zwölf berührte, ertönte das schwere, tiefe Schlagen des Uhrwerks. Und genau in diesem Moment öffnete sich die Tür lautlos. Meine Pupillen weiteten sich. Mein Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich und hämmerte wild gegen meine Rippen. Ich sprang auf, stützte die Hände auf den Tisch und starrte ihn mit bebenden Kiefermuskeln an. „Und?", presste ich hervor. Das war der Moment. Entweder hielt ich jetzt den Schlüssel zu ihrer Welt in den Händen, oder dieses faszinierende Geschöpf würde für immer im Nebel dieser Stadt verschwinden. Alastair trat mit ruhigen, gemessenen Schritten ein, die Hände formell hinter dem Rücken verschränkt. Als er vor dem Tisch zum Stehen kam, brachte er den Arm nach vorn und reichte mir das, worauf ich so fieberhaft gewartet hatte: einen schlichten, matten Ordner. „Danke, Alastair", raunte ich. Ein breites, triumphierendes Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Meine Augen waren wie hypnotisiert auf das Dokument fixiert, während ich mich langsam wieder in den Sessel sinken ließ. „Nimm dir den Rest des Tages frei ... Du hast hervorragende Arbeit geleistet." Meine gesamte Aufmerksamkeit gehörte bereits der Akte vor mir. „Was haben Sie vor, Sir?", fragte er skeptisch. Seine Stimme klang besorgt, beinahe flehend. Natürlich fragte er das. Er verstand es nicht. Er verstand nicht, was ich tat, warum ich es tun musste. Aber das hier war mein Leben, meine Bestimmung. Ich war nicht wie die anderen. Ich war dazu geboren, vollkommene, ewige Meisterwerke zu erschaffen. Ich schlug den Ordner auf und überflog die ersten Zeilen. „Lass mich einfach meine Arbeit machen, Alastair. Ich will nur wissen, wer sie ist." „Nur wissen, wer sie ist?", wiederholte er meine Worte mit einer bitteren Spur von Zweifel im Ton. „Sir, Sie haben bereits eine Frau im Keller ..." „Auf Wiedersehen, Alastair!", knurrte ich und funkelte ihn mit eisigem Blick an. Die Luft im Raum schien schlagartig abzukühlen. Er hielt meinem Blick einen Moment stand, ehe er sich stumm und steif verbeugte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte er sich um und verließ den Raum. „Dann sei eben sauer", murmelte ich genervt und wandte mich wieder den Papieren zu. Dieses ständige moralische Hin und Her mit ihm ging mir zunehmend auf die Nerven. Er wusste, wer ich war. Er kannte den Preis für meine Kunst. Ich überflog die belanglosen Details ihres Lebens – ihre Kindheit, ihre Hobbys. Alles irrelevant. Doch bei einem bestimmten Absatz hielten meine Finger inne. Ich strich mit dem Zeigefinger langsam die gedruckte Zeile nach. Hm ... Familie. Sie hatte Verwandte, die eng mit ihr verbunden waren. Das war ein Problem, eine Komplikation, die ich vorher bereinigen musste. Ein plötzlicher Autounfall? Nein, zu dramatisch, zu viel Aufmerksamkeit durch die Behörden. Ein spontaner, unangekündigter Urlaub? Eine Auszeit, um den Kopf freizubekommen? Ja, das klang weitaus subtiler. Ich blätterte weiter zu ihrem Berufsleben und las mir jedes Detail aufmerksam durch. „Du arbeitest also in der historischen Stadtbibliothek ...", murmelte ich, und ein leises, amüsiertes Lachen entwich meiner Kehle. „Es ist fast schon bemitleidenswert, mit was für einem Hungerlohn man dich dort abspeist." Und dann stieß ich auf das süßeste Detail von allen. „Keinen Lebenspartner", las ich laut vor. Ein breites Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich die Akte mit einem lauten Knall schloss. Das würde einfach werden. Fast schon zu einfach, um spannend zu sein. Aber vielleicht erweist sie sich ja im direkten Kontakt als weitaus wehrhafter. Ich stand auf, trat an das Schlüsselbrett im Flur und pfiff leise vor mich hin, während meine Finger über die verschiedenen Fahrzeugschlüssel glitten. Was nahm ich heute? Sportlich und elegant, um Eindruck zu schinden? Oder doch lieber etwas Praktisches, Geräumiges? Mein Blick fiel auf den bulligen, mattschwarzen Jeep Wrangler. Der Jeep war perfekt. Falls sie sich wehren sollte, hatte ich im Fond mehr als genug Platz. „Ich komme, meine Schöne", flüsterte ich, griff nach dem schweren Schlüsselanhänger und verließ das Anwesen. Lyra Heute war in der historischen Bibliothek am Flussufer kaum etwas los. Die hohen, eichenen Hallen waren bis auf wenige Studenten wie leergefegt. Die Ausleihe lief schleppend, aber diese ungewohnte Stille tat mir verdammt gut. Meine Schläfen pochten vor Kopfschmerzen, und ich war unendlich müde. In den letzten Nächten hatte ich kaum Schlaf gefunden. Immer wieder war ich schweißgebadet aufgeschreckt, das Herz wild klopfend, ohne den geringsten Grund dafür zu kennen. Ob ich Alpträume hatte? Ich wusste es nicht. Ich konnte mich am nächsten Morgen an kein einziges Bild erinnern. Gereizt stand ich hinter dem Tresen und buchte die Rückgaben einer älteren Stammkundin ein. Wir konnten uns gegenseitig nicht ausstehen. Wir sprachen kaum ein Wort miteinander, und obwohl ich mir sichtlich Mühe gab, professionell und freundlich zu klingen, erntete ich von ihr nur dieses typische, griesgrämige Gesicht. Ich versuchte verzweifelt, mir meine schlechte Laune nicht anmerken zu lassen, aber es war heute fast umöglich. Mit Vesper hatte ich mich inzwischen wieder vertragen, wenn auch eher gezwungenermaßen. Sie hatte mein Telefon in den letzten zwei Tagen regelrecht terrorisiert, mich unaufhörlich angerufen und meinen Anrufbeantworter sowie meinen SMS-Posteingang mit verzweifelten Entschuldigungen überhäuft. Da wir hier in der Bibliothek eng zusammenarbeiteten und es keine Fluchtmöglichkeit vor ihr gab, hatte ich schließlich nachgegeben. „Einen schönen Tag noch", verabschiedete ich die ältere Dame mit einem mühsam aufgesetzten, fast eingefrorenen Lächeln. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sie griff nach ihren Büchern, warf mir einen letzten, finsteren Blick zu und ging schweigend hinaus. Ich starrte ihr verwirrt nach, bis sich die schweren Flügeltüren hinter ihr schlossen. Was ist bloß falsch mit den Menschen in dieser Stadt? Kopfschüttelnd versuchte ich, mich wieder auf die Realität zu konzentrieren, und trat hinter dem Tresen hervor, um einen Stapel alter, historischer Folianten zurück in die Regale im hinteren Teil des Saals zu sortieren. Die Arbeit in der Bibliothek war zwar ruhig, aber sie war nie mein absoluter Traum gewesen. Eigentlich hatte ich nach meinem Bachelor in die psychologische Forschung an der Universität einsteigen wollen, doch dafür hatte es finanziell einfach nicht gereicht. Die Bibliothek war mein sicherer Hafen – bis jetzt. Ich wollte gerade nach meinem Smartphone greifen, um die Uhrzeit zu überprüfen, als das helle, vertraute Klingeln der Eingangstür durch die stillen Hallen hallte. Oh, verdammt, dachte ich genervt und schob das Telefon hastig zurück in meine Tasche. Ich eilte zurück zum Haupttresen, strich mir die Haare glatt und setzte mein geschäftsmäßiges Lächeln auf. „Guten Tag, wie kann ich Ihnen ...", fing ich an, doch die Worte starben mir augenblicklich im Hals. Mein Lächeln versteinerte. Das war der typische Moment aus einem schlechten Film. Es gab Dutzende Bibliotheken und Archive in dieser Stadt, und ausgerechnet er lief genau in diejenige hinein, in der ich meinen Lebensunterhalt verdiente. „Was kann ich für Sie tun?", fragte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Meine Stimme triefte vor mühsam zurückgehaltener Feindseligkeit. Er lächelte charmant, die Hände lässig in den Taschen seiner Designer-Jeans vergraben. „Hallo. Was für ein bemerkenswerter Zufall. Ich fahre hier vorbei, werfe einen Blick durch die großen Fenster und sehe das Mädchen wieder, das ich vor zwei Tagen so unhöflich nass im Regen stehen gelassen habe. Ich dachte mir, als aufmerksamer Gastgeber des Nox gehört es sich, sich noch einmal in aller Form für diesen Vorfall zu entschuldigen. Es war ein unglaubliches Gedränge an der Bar, ich habe dich schlichtweg übersehen. Es tut mir wirklich leid wegen deines Kleides. Ich würde es dir gerne ersetzen." „Ja, was für ein unglaublicher Zufall", entgegnete ich trocken, verschränkte die Arme vor der Brust und nickte langsam. „Ich nehme deine Entschuldigung an. Und keine Sorge wegen des Kleides: Ich besitze ein hochmodernes, komplexes Gerät zu Hause – man nennt es Waschmaschine. Es reinigt Textilien mit Wasser und schleudert sie danach trocken. Faszinierend, nicht wahr? Da ich hier im Dienst bin, muss ich dich nun bitten zu gehen, wenn du kein Buch ausleihen möchtest." Ich schenkte ihm ein absolut künstliches Lächeln. „Naw, nicht so zickig", erwiderte er und lachte leise. Seine Zähne waren makellos weiß und perfekt aufgereiht. Die sind doch garantiert gebleicht oder mit Veneers überzogen, dachte ich unbeeindruckt. „Bitte, Sir. Ich muss arbeiten. Wenn Sie nichts auszuleihen haben, wären Sie dann so freundlich, die Bibliothek zu verlassen?", forderte ich ihn erneut auf. Der Mann schien eine extreme lange Leitung zu haben, wenn es darum ging, ein einfaches „Nein" zu verstehen. „Oh, steht es so um uns?", entgegnete er amüsiert, trat einen Schritt näher an den Tresen und deutete mit einer Handbewegung auf die kunstvoll gestalteten Erstausgaben und Bildbände, die in der gläsernen Vitrine neben mir ausgestellt waren. „Nun ... dann kaufe ich eben diese gesamte Ausstellung auf. Bitte." Er betonte das letzte Wort mit einem herausfordernden Grinsen. „Ha ha, sehr witzig. Ich habe heute wirklich absolut keinen Nerv für solche Spielchen ..." „Das war kein Scherz", unterbrach er mich mit ruhiger, dominanter Stimme. „Ich nehme das alles. Nenn mir den Preis." „Alles?", fragte ich fassungslos. „Alles", erwiderte er und zwinkerte mir frech zu. „Na schön. Wenn du das alles haben willst", zischte ich, packte wütend eine der großen Tragetaschen der Bibliothek und begann, die schweren Bildbände unsanft hineinzustapeln. „Dann kriegst du auch das alles!" „Das hoffe ich doch. Und da du jetzt ohnehin mit dem Einpacken beschäftigt bist und ich dich somit nicht von der Arbeit abhalte, können wir uns unterhalten", sagte er, beugte sich leicht über den Tresen und rückte mir unangenehm auf die Pelle. „Wie wäre es mit einem Kaffee? Ganz unverbindlich. Nur um das Kriegsbeil zu begraben." Ich hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf. „Leider arbeite ich heute sehr, sehr, sehr lange. Also nein. Und selbst wenn ich frei hätte: Nein." Für einen Moment herrschte eisige Stille zwischen uns. Seine dunklen Augen fixierten mich ununterbrochen. „Du bist wirklich verdammt faszinierend. Wie heißt du eigentlich?" „Kannst du bitte aufhören zu reden und mich meine Arbeit machen lassen? Wie ich heiße, geht dich absolut nichts an, verstanden?" Er neigte leicht den Kopf und schwieg tatsächlich. „Danke", murmelte ich leise und wandte mich wieder den Büchern zu. Doch das intensive Starren, mit dem dieser Mistkerl mich nun bedachte, war fast noch unerträglicher als seine Worte. Ich sah wütend auf und hielt seinem Blick stand. Er stieß ein leises, kehliges Lachen aus. „Was ist, Honey?" Ich starrte ihn fassungslos an. „Honey?" „Wenn du mir deinen Namen verschweigst, muss ich eben kreativ werden, Honey", grinste er unverschämt. „Jetzt reicht es mir aber! Wenn du nicht augenblicklich diesen Laden verlässt, schlage ich dir so fest ins Gesicht, dass du ..." „Was ist denn hier für ein ungebührlicher Lärm?!", ertönte plötzlich die grollende Stimme meines Chefs hinter mir. Dr. Wilson. Ein älterer, strenger Mann, der penibel auf die Einhaltung der Bibliotheksruhe achtete. Oh nein. Nicht jetzt. Ich wirbelte herum und hob abwehrend die Hände. „Dr. Wilson! Ich ... Er will die gesamte Vitrinenausstellung kaufen!", stammelte ich und deutete auf den Mann vor mir. Dr. Wilson verschränkte die Arme vor seinem massiven Bauch und funkelte mich durch seine Brille hindurch zornig an. „Was fällt Ihnen eigentlich ein, in diesem Ton mit einem geschätzten Gast unseres Hauses zu sprechen?!", herrschte er mich lautstark an. Killian „I-Ich ...", stotterte sie und sah mich mit einem plötzlich hilflosen, verunsicherten Blick an. Ihre Augen waren in diesem Moment so unglaublich ausdrucksstark. Die Angst und die Verwirrung, die darin aufflackerten, gefielen mir. Sie machten sie nahbar, zerbrechlich. Was mir jedoch ganz und gar nicht gefiel, war der Auftritt dieses fetten, arroganten Mannes vor ihr. Wie er es wagte, meine zukünftige Muse vor meinen Augen anzuschreien, ließ mein Blut augenblicklich in den Adern kochen. Wer glaubte er zu sein, dass er so mit einer Frau umging, die mir gehörte? Er wusste es zwar noch nicht, aber sie war bereits mein Eigentum. Und niemand verging sich an meinem Eigentum. Ich straffte die Schultern, trat an den Tresen heran und fixierte den älteren Mann mit jenem kalten, mörderischen Blick, den ich sonst nur meinen Opfern im Keller schenkte, bevor das Spiel begann. Doch ich musste mich zügeln. Lyra durfte diese Seite von mir noch nicht sehen. Noch nicht. Ich zwang meine Gesichtszüge zu einer glatten, professionellen Maske und ging langsam auf den Chef zu. „Lassen Sie uns doch einen Moment unter vier Augen sprechen, Dr. Wilson", sagte ich mit einer fast schon unheimlich ruhigen, tiefen Stimme. In meinem Inneren spannte sich jede Sehne an. „Ich habe ein äußerst lukratives Angebot für Sie und Ihre Bibliothek." Dr. Wilson warf theatralisch die Arme in die Luft, schnaubte verächtlich und wandte sich ab. „Wenn Sie mir erklären können, was für ein ungebührliches Verhalten Ihre Angestellte hier an den Tag legt, dann bitte! Folgen Sie mir in mein Büro." „Keine Sorge, das wird sich schnell klären", entgegnete ich. Während ich ihm folgte, kämpfte ich mit der eiskalten, inneren Stimme, die mir befahl, diesen Mann einfach hier und jetzt zu eliminieren. Lyra sah mir mit einem extrem verunsicherten Blick hinterher. Ich konnte spüren, wie die Zahnräder in ihrem Kopf arbeiteten. Sie spürte, dass mit mir etwas ganz und gar nicht stimmte. Lyra Oh Gott, ich habe es versaut. So richtig, dachte ich verzweifelt und vergrub das Gesicht in den Händen. Warum musste dieser unausstehliche Mistkerl ausgerechnet heute hier auftauchen? Und warum hatte ich mich nur so leicht von ihm provozieren lassen, während Dr. Wilson im Haus war? Vesper kam in diesem Moment aus ihrer Pause im Pausenraum zurück, einen Kaffeebecher in der Hand. Sie runzelte die Stirn, als sie mich sah. „Was machst du denn für ein Gesicht? Was ist passiert?" Ich lehnte mich erschöpft an den Tresen und ließ seufzend den Kopf hängen. „Hast du zufällig Kontakte zu einer anderen Bibliothek? Ich glaube, ich brauche ganz dringend einen neuen Job." „Was redest du da für einen Unsinn?", fragte sie besorgt und stellte ihren Becher ab. „Meinst du das ernst?" Noch ehe ich antworten konnte, öffnete sich die Tür zum Büro und Dr. Wilson trat heraus – gefolgt von dem Mann, der mein ganzes Leben in Schutt und Asche gelegt hatte. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. Ich musste jetzt all meinen Stolz begraben und mich für diesen Vorfall entschuldigen. Ich hasste nichts mehr, als mich für etwas zu entschuldigen, woran ich eigentlich keine Schuld trug, aber ich hatte keine andere Wahl, wenn ich meine Miete bezahlen wollte. Doch Dr. Wilson würdigte mich keines Blickes. Ein breites, fast schon unterwürfiges Grinsen lag auf seinem Gesicht, während er dem Fremden überschwänglich die Hand schüttelte. „Vielen Dank, Mister Cross! Das ist ein absolut großzügiges Angebot für unser Haus!", säuselte er überglücklich. „Dr. Wilson, es tut mir leid, ich wollte nicht ...", versuchte ich anzusetzen, doch er schnitt mir mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort ab. Er griff nach seiner Jacke und zog sich die Schürze aus, die er für die Archivarbeit getragen hatte. „Was ... was tun Sie da?", stammelte ich verwirrt. Dr. Wilson lachte nur laut auf, griff nach seiner Aktentasche und ging schnellen Schrittes auf den Ausgang zu. „Einen wunderschönen Tag noch, Lyra! Ich übergebe das Feld dann ganz Ihnen!" Ich blieb mit offenem Mund stehen und starrte fassungslos auf die schließende Tür. „Aber ... wohin gehen Sie denn ...?", flüsterte ich, während meine Stimme immer leiser wurde. Ich drehte mich fassungslos zu Vesper um. „Vesper ... was war das gerade?" Doch Vesper hörte mir gar nicht zu. Sie starrte mit verträumtem Blick an mir vorbei, direkt auf den Mann, der immer noch lässig im Raum stand. „Hallo, Killian", säuselte sie mit süßlicher Stimme. „Was machst du denn hier?" Ich drehte mich entnervt weg und begann mit unnötiger Härte, die Bücher wieder aus der Tragetasche zu holen und zurück in die Regale zu räumen. Was sollte das alles? Warum haute Wilson einfach ab? Sollten Vesper und ich die gesamte Spätschicht und die Inventur jetzt alleine schmeißen?! Es machte mich rasend, wie leicht Vesper sich von diesem Blender einlullen ließ. Plötzlich spürte ich eine Präsenz hinter mir. Als ich mich umdrehte, standen beide direkt vor mir. Vesper strahlte über das ganze Gesicht, während er mich mit diesem arroganten Grinsen musterte. „Gibt es irgendein Problem?", fragte ich gereizt und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hast für heute Feierabend, Schöne", sagte er mit seiner tiefen, weichen Stimme und lächelte mich an. „Ja, sehr witzig. Und jetzt verschwinde endlich aus dieser Bibliothek! Du hast mir den Tag heute schon genug ruiniert." „Er hat die Bibliothek gekauft, Lyra!", platzte Vesper überglücklich heraus und klatschte begeistert in die Hände. „Dr. Wilson ist im vorzeitigen Ruhestand! Nie wieder seine Kontrollen und seine schlechte Laune!" „Gekauft?", wiederholte ich tonlos. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich schüttelte fassungslos den Kopf, nestelte an den Bändern meiner Arbeitskleidung und warf sie auf den Tresen. „Dann kündige ich hiermit offiziell. Schönen Tag noch." Vesper packte mich panisch am Arm und zog mich mit einem heftigen Ruck in den Pausenraum hinter dem Tresen. „Lyra, bitte! Weißt du eigentlich, was für einen unfassbaren Gefallen er uns getan hat? Wir sind ab heute unsere eigenen Chefinnen! Er hat das gesamte Gebäude und die Bestände übernommen und uns die Leitung übertragen! Es wäre absolut töricht und unhöflich, jetzt Nein zu sagen!" Ich hob eine Augenbraue. „Nein zu was genau?" „Er hat uns beide zu sich nach Hause eingeladen, um die vertraglichen Details und unsere Gehaltserhöhungen zu besprechen! Verstehst du das nicht? Wir können ein solches Angebot nicht einfach ausschlagen. Jetzt komm schon, bitte!" Ich wandte den Kopf um und blickte durch die Glasscheibe der Tür zurück in den Saal. Unsere Augen trafen sich im selben Moment. Er stand dort draußen – groß, breitschultrig und absolut dominant. Seine Statur war einschüchternd; er hätte kein Problem damit, mit uns beiden gleichzeitig fertigzuwerden. Und seine Augen ... da war etwas Unheimliches, Kaltes in seinem Blick, das ich nicht deuten konnte. Dieses undefinierbare Gefühl in meiner Magengegend warnte mich. Er verunsicherte mich zutiefst. „Bitte, Lyra!", drängte Vesper erneut und rüttelte an meiner Hand. Ich atmete tief aus und gab schließlich nach. Ich war einfach zu müde, um noch weiter zu diskutieren. „Na gut. Aber wir bleiben nur kurz, unterschreiben nichts ungeprüft und fahren sofort wieder. Schalte dein Handy ein. Falls er irgendetwas versucht, rufen wir sofort die Polizei. Ich behalte mein Telefon auch griffbereit in der Tasche." Killian Sie trat aus dem Pausenraum heraus, straffte die Schultern und hob stolz das Kinn. Dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein faszinierte mich mit jedem Mal mehr. Sie war so unglaublich scharfsinnig, und doch ließ sie sich von der unendlichen Naivität ihrer Kollegin zu einer solchen Dummheit verleiten. Es war nicht Lyras Schuld. Vesper war diejenige, die sie mir direkt ins Netz trieb. „Also!", sagte Lyra, als sie vor mir zum Stehen kam. Ich musste mir ein triumphierendes Grinsen mühsam verkneifen, während mein Blick langsam über ihre perfekte Silhouette glitt. „Wir kommen mit zu deinem Anwesen, um die geschäftlichen Details zu besprechen. Aber wir bleiben nicht lange." Sie ging mit schnellen Schritten an mir vorbei, ohne auf eine Antwort zu warten. Überwältigt von diesem ungezähmten Stolz sah ich ihr nach. Die Gier in meinem Inneren flammte heißer auf als je zuvor. Schon bald, meine Schöne ... schon bald gehörst du mir. Meine Geduld war am Ende. Während der Fahrt warf ich durch den Rückspiegel des schweren, mattschwarzen Jeeps immer wieder einen Blick auf die Rückbank. Sie saß dort und blickte misstrauisch aus dem Fenster. Hätte sie nur auf ihren Instinkt gehört, statt sich von Vesper überreden zu lassen, würde sie jetzt nicht direkt in mein Reich fahren. Ich wusste genau, dass sie vorhin im Nox und auch in der Bibliothek etwas in mir gesehen hatte. Sie spürte die Gefahr, die dunkle Aura, die mich umgab. Sie konnte es nur noch nicht benennen. Aber sie war zu pflichtbewusst ihrer Kollegin gegenüber. „Wow ... Gehört das alles dir?", hauchte Vesper ehrfürchtig, als der schwere Jeep durch das massive, schmiedeeiserne Tor glitt und die lange Auffahrt zum Anwesen hinaufrollte. Ihre Stimme riss mich abrupt aus meinen Gedanken.Lyra Ich setzte mich auf die harte Kante des Bettes und starrte erschöpft die fleckige Wand an. Das Motel war nun wirklich nicht die beste Adresse, aber immerhin hatte ich für die Nacht ein Dach über dem Kopf. Der Mann an der Rezeption hatte mich vorhin extrem merkwürdig gemustert, als ich mit Killians mattschwarzem Luxussportwagen auf den düsteren Parkplatz gerollt war und eingecheckt hatte.Ich hatte ihn nicht töten können ... Nicht, als er so hilflos vor mir lag, fast schon am Verbluten. Wenn wir im Kampf gegeneinander antraten, war das etwas ganz anderes. Aber in so einem Moment brachte ich es einfach nicht übers Herz. Allgemein hätte ich ihn wahrscheinlich niemals töten können – ihn verletzen oder schachmatt setzen vielleicht, aber mehr auch nicht.Obwohl ich hunderte Kilometer weit weg war, wich die lähmende Anspannung nicht aus meinen Knochen. Killian besaß einen unheimlichen sechsten Sinn. Er wusste gefühlt immer ganz genau, wo ich mich aufhielt – ich hatte keine Ahnung, wie
Killian Als ich die Augen langsam aufschlug, lag ich in meinem gewohnten Bett im Anwesen – und Erik stand aufrecht neben mir.Was war noch mal passiert? ... Ach ja. Lyra war kurz davor gewesen, mich endgültig ins Jenseits zu befördern.Ich strich mir müde mit der flachen Hand über das Gesicht. „Wieso bist du hier ... und wieso stehst du stramm wie ein Soldat, Erik?", fragte ich mit rauer Stimme.„Ich war besorgt, Sir. Und solange Sie abwesend waren, wollte ich es mir nicht anmaßen, mich zu setzen", antwortete er gewohnt ehrerbietig.„Ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, dass du mich nicht ständig um Erlaubnis bitten musst. Setz dich ruhig", sagte ich angestrengt und fasste mir vorsichtig an die schmerzende Stelle unter dem Schlüsselbein.„Ich habe das von klein auf so gelernt, das kann ich nicht so einfach ablegen", erwiderte er mit einem leichten Lächeln.„Was ist eigentlich genau passiert, nachdem mir schwarz vor Augen wurde?", fragte ich und blickte neugierig unter den Verba
Lyra Er warf einen flüchtigen Blick auf die Wunde. „Nur ein Kratzer, Honey."„Das ist doch kein verflixter Kratzer!", rief ich geschockt und starrte auf sein Hemd. Der Stoff war auf der linken Seite bereits komplett blutgetränkt. „Du musst mich sofort runterlassen!"Er seufzte genervt. „Schau mal, Schatz: Wir sind doch jetzt gleich zu Hause. Halt einfach still und mach es mir nicht noch unnötig schwerer."Ich blickte mich verwirrt um. Wir standen tatsächlich schon vor den massiven Toren seines Grundstücks. „Wie zum ... Wir waren doch gar nicht so weit entfernt?"„Am Anfang hast du über eine Stunde bewusstlos in meinen Armen gelegen, deshalb kam dir der Weg nicht so lang vor", sagte er. „Glaub mir, es war ein verdammt großes Stück."„Ich habe nicht geschlafen, ich war ohnmächtig!", entgegnete ich gereizt.Er zog mit der freien Hand einen Schlüssel aus der Hosentasche und entriegelte das Tor. „Ich musste dich trotzdem tragen. Sogar jetzt noch."Ich verschränkte trotzig die Arme vor der
Lyra„Lyra? Was machst du denn da unten?", rief er von oben aus der Dunkelheit zu mir herab.„Was soll ich hier unten schon groß machen?! Ich bin den halben Berg runtergestolpert!", rief ich wütend und unter Tränen zurück.„... Warte, ich komme", rief er und kletterte vorsichtig den steilen Hang hinunter.Als er endlich bei mir ankam, entfuhr mir ein erleichertes, fast schon ungläubiges Lachen. „Ich habe eben ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich mich nicht einfach hier unten weiter vor dir verstecken soll."Er hob irritiert eine Augenbraue. „Das findest du etwa witzig? Du hast eindeutig eine Gehirnerschütterung abbekommen."Ich lachte erneut leise auf. „Kann gut sein – nach all dem Gerolle den Abhang runter! Ich hätte wirklich niemals gedacht, dass ich mich jemals im Leben darüber freuen würde, dein Gesicht zu sehen!"Er warf einen kurzen, prüfenden Blick auf mein verletztes Bein. „Ich nehme das jetzt einfach mal als Kompliment ... Kannst du dich überhaupt bewegen?", fragte er und tr
KillianIch hob amüsiert eine Augenbraue. „Ach komm schon ... Du hast nach all dem, was wir zusammen erlebt haben, erst jetzt Angst vor mir?"Sie hob stolz ihr Kinn und straffte die Schultern. „Ich habe absolut keine Angst vor dir."Für einen klitzekleinen Moment hatte ich es ihr sogar geglaubt, doch ich konnte die Körpersprache eines Menschen wie ein offenes Buch lesen. Ihre Augen verrieten sie ohne Gnade: Sie war schlicht nicht in der Lage, meinem Blick über längere Zeit standzuhalten, was verräterische Unsicherheit bedeutete. Dennoch war ihr Charakter bemerkenswert stark – sie schaffte es immer wieder, mich kurzzeitig in die Irre zu führen. Doch dieses Mal hatte ich sie durchschaut. Und jetzt konnte ich mit ihr spielen!Grinsend machte ich einen bedrohlich langsamen Schritt auf sie zu. „Willst du etwa ... Angst vor mir bekommen?", fragte ich gedehnt, mit einer messerscharfen Nuance in der Stimme. Ich war gespannt, ob sie die Drohung heraushörte.Sie verschränkte die Arme vor der Br
Lyra Er kam mir so bedrohlich nahe, dass ich langsam Schritt für Schritt zurückwich. Ich wusste nicht genau, was da gerade auf mich zukam – aber so, wie sein Blick schimmerte, war es garantiert nichts Gutes.Er legte den Kopf leicht schief. „Also Honey, fange ich mal ganz von vorne an: Mein Vater war ein extrem erfolgreicher Immobilienmakler. Wir lebten in einem schicken Anwesen, mit allem drum und dran. Mami, Papi und ich. Fängt doch schon mal richtig harmonisch an, oder?"Eigentlich schon ...„Das einzige Problem war, dass mein Vater schwerer Alkoholiker war. Und ganz klassisch hat er absolut nicht davor zurückgeschreckt, mich und meine Mutter regelmäßig krankenhausreif zu prügeln. Ich habe meine Mutter wirklich über alles geliebt und alles für sie getan. Doch sie war zutiefst egoistisch. Sie gab mir jedes Mal die Schuld für die Wutausbrüche meines Vaters. Aber ich war jung und naiv – und tat trotzdem brav alles, was sie von mir verlangte. Weißt du eigentlich, was sie damals immer






