로그인Killian
Ich saß am wuchtigen Esstisch aus dunkler Räuchereiche. Die Finger vor dem Gesicht verschränkt, die Ellbogen auf die polierte Oberfläche gestützt, hielt ich den Blick unbarmherzig auf die zweiflügelige Holztür gerichtet. Von einer ungewohnten Unruhe getrieben, wippte ich nervös mit dem rechten Bein. Die erdrückende Stille der herrschaftlichen Halle war fast greifbar, doch ich zwang mich, sie zu ertragen. Zwei Tage waren vergangen. Zwei quälend lange Tage, in denen ich kaum ein Auge zugetan hatte. Jedes Mal, wenn ich die Lider schloss, sah ich diese blitzenden, zornigen Augen vor mir. Meine Anspannung stieg mit jeder verstreichenden Stunde, und langsam, aber sicher fraß sich die Ungeduld in meine Eingeweide. Mein Blick glitt zur antiken Standuhr in der Ecke. Der goldene Sekundenzeiger wanderte unbarmherzig voran. Es war gleich zwölf Uhr. Wo verdammt blieb Alastair? Als der Zeiger die Zwölf berührte, ertönte das schwere, tiefe Schlagen des Uhrwerks. Und genau in diesem Moment öffnete sich die Tür lautlos. Meine Pupillen weiteten sich. Mein Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich und hämmerte wild gegen meine Rippen. Ich sprang auf, stützte die Hände auf den Tisch und starrte ihn mit bebenden Kiefermuskeln an. „Und?", presste ich hervor. Das war der Moment. Entweder hielt ich jetzt den Schlüssel zu ihrer Welt in den Händen, oder dieses faszinierende Geschöpf würde für immer im Nebel dieser Stadt verschwinden. Alastair trat mit ruhigen, gemessenen Schritten ein, die Hände formell hinter dem Rücken verschränkt. Als er vor dem Tisch zum Stehen kam, brachte er den Arm nach vorn und reichte mir das, worauf ich so fieberhaft gewartet hatte: einen schlichten, matten Ordner. „Danke, Alastair", raunte ich. Ein breites, triumphierendes Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Meine Augen waren wie hypnotisiert auf das Dokument fixiert, während ich mich langsam wieder in den Sessel sinken ließ. „Nimm dir den Rest des Tages frei ... Du hast hervorragende Arbeit geleistet." Meine gesamte Aufmerksamkeit gehörte bereits der Akte vor mir. „Was haben Sie vor, Sir?", fragte er skeptisch. Seine Stimme klang besorgt, beinahe flehend. Natürlich fragte er das. Er verstand es nicht. Er verstand nicht, was ich tat, warum ich es tun musste. Aber das hier war mein Leben, meine Bestimmung. Ich war nicht wie die anderen. Ich war dazu geboren, vollkommene, ewige Meisterwerke zu erschaffen. Ich schlug den Ordner auf und überflog die ersten Zeilen. „Lass mich einfach meine Arbeit machen, Alastair. Ich will nur wissen, wer sie ist." „Nur wissen, wer sie ist?", wiederholte er meine Worte mit einer bitteren Spur von Zweifel im Ton. „Sir, Sie haben bereits eine Frau im Keller ..." „Auf Wiedersehen, Alastair!", knurrte ich und funkelte ihn mit eisigem Blick an. Die Luft im Raum schien schlagartig abzukühlen. Er hielt meinem Blick einen Moment stand, ehe er sich stumm und steif verbeugte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte er sich um und verließ den Raum. „Dann sei eben sauer", murmelte ich genervt und wandte mich wieder den Papieren zu. Dieses ständige moralische Hin und Her mit ihm ging mir zunehmend auf die Nerven. Er wusste, wer ich war. Er kannte den Preis für meine Kunst. Ich überflog die belanglosen Details ihres Lebens – ihre Kindheit, ihre Hobbys. Alles irrelevant. Doch bei einem bestimmten Absatz hielten meine Finger inne. Ich strich mit dem Zeigefinger langsam die gedruckte Zeile nach. Hm ... Familie. Sie hatte Verwandte, die eng mit ihr verbunden waren. Das war ein Problem, eine Komplikation, die ich vorher bereinigen musste. Ein plötzlicher Autounfall? Nein, zu dramatisch, zu viel Aufmerksamkeit durch die Behörden. Ein spontaner, unangekündigter Urlaub? Eine Auszeit, um den Kopf freizubekommen? Ja, das klang weitaus subtiler. Ich blätterte weiter zu ihrem Berufsleben und las mir jedes Detail aufmerksam durch. „Du arbeitest also in der historischen Stadtbibliothek ...", murmelte ich, und ein leises, amüsiertes Lachen entwich meiner Kehle. „Es ist fast schon bemitleidenswert, mit was für einem Hungerlohn man dich dort abspeist." Und dann stieß ich auf das süßeste Detail von allen. „Keinen Lebenspartner", las ich laut vor. Ein breites Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich die Akte mit einem lauten Knall schloss. Das würde einfach werden. Fast schon zu einfach, um spannend zu sein. Aber vielleicht erweist sie sich ja im direkten Kontakt als weitaus wehrhafter. Ich stand auf, trat an das Schlüsselbrett im Flur und pfiff leise vor mich hin, während meine Finger über die verschiedenen Fahrzeugschlüssel glitten. Was nahm ich heute? Sportlich und elegant, um Eindruck zu schinden? Oder doch lieber etwas Praktisches, Geräumiges? Mein Blick fiel auf den bulligen, mattschwarzen Jeep Wrangler. Der Jeep war perfekt. Falls sie sich wehren sollte, hatte ich im Fond mehr als genug Platz. „Ich komme, meine Schöne", flüsterte ich, griff nach dem schweren Schlüsselanhänger und verließ das Anwesen. Lyra Heute war in der historischen Bibliothek am Flussufer kaum etwas los. Die hohen, eichenen Hallen waren bis auf wenige Studenten wie leergefegt. Die Ausleihe lief schleppend, aber diese ungewohnte Stille tat mir verdammt gut. Meine Schläfen pochten vor Kopfschmerzen, und ich war unendlich müde. In den letzten Nächten hatte ich kaum Schlaf gefunden. Immer wieder war ich schweißgebadet aufgeschreckt, das Herz wild klopfend, ohne den geringsten Grund dafür zu kennen. Ob ich Alpträume hatte? Ich wusste es nicht. Ich konnte mich am nächsten Morgen an kein einziges Bild erinnern. Gereizt stand ich hinter dem Tresen und buchte die Rückgaben einer älteren Stammkundin ein. Wir konnten uns gegenseitig nicht ausstehen. Wir sprachen kaum ein Wort miteinander, und obwohl ich mir sichtlich Mühe gab, professionell und freundlich zu klingen, erntete ich von ihr nur dieses typische, griesgrämige Gesicht. Ich versuchte verzweifelt, mir meine schlechte Laune nicht anmerken zu lassen, aber es war heute fast umöglich. Mit Vesper hatte ich mich inzwischen wieder vertragen, wenn auch eher gezwungenermaßen. Sie hatte mein Telefon in den letzten zwei Tagen regelrecht terrorisiert, mich unaufhörlich angerufen und meinen Anrufbeantworter sowie meinen SMS-Posteingang mit verzweifelten Entschuldigungen überhäuft. Da wir hier in der Bibliothek eng zusammenarbeiteten und es keine Fluchtmöglichkeit vor ihr gab, hatte ich schließlich nachgegeben. „Einen schönen Tag noch", verabschiedete ich die ältere Dame mit einem mühsam aufgesetzten, fast eingefrorenen Lächeln. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sie griff nach ihren Büchern, warf mir einen letzten, finsteren Blick zu und ging schweigend hinaus. Ich starrte ihr verwirrt nach, bis sich die schweren Flügeltüren hinter ihr schlossen. Was ist bloß falsch mit den Menschen in dieser Stadt? Kopfschüttelnd versuchte ich, mich wieder auf die Realität zu konzentrieren, und trat hinter dem Tresen hervor, um einen Stapel alter, historischer Folianten zurück in die Regale im hinteren Teil des Saals zu sortieren. Die Arbeit in der Bibliothek war zwar ruhig, aber sie war nie mein absoluter Traum gewesen. Eigentlich hatte ich nach meinem Bachelor in die psychologische Forschung an der Universität einsteigen wollen, doch dafür hatte es finanziell einfach nicht gereicht. Die Bibliothek war mein sicherer Hafen – bis jetzt. Ich wollte gerade nach meinem Smartphone greifen, um die Uhrzeit zu überprüfen, als das helle, vertraute Klingeln der Eingangstür durch die stillen Hallen hallte. Oh, verdammt, dachte ich genervt und schob das Telefon hastig zurück in meine Tasche. Ich eilte zurück zum Haupttresen, strich mir die Haare glatt und setzte mein geschäftsmäßiges Lächeln auf. „Guten Tag, wie kann ich Ihnen ...", fing ich an, doch die Worte starben mir augenblicklich im Hals. Mein Lächeln versteinerte. Das war der typische Moment aus einem schlechten Film. Es gab Dutzende Bibliotheken und Archive in dieser Stadt, und ausgerechnet er lief genau in diejenige hinein, in der ich meinen Lebensunterhalt verdiente. „Was kann ich für Sie tun?", fragte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Meine Stimme triefte vor mühsam zurückgehaltener Feindseligkeit. Er lächelte charmant, die Hände lässig in den Taschen seiner Designer-Jeans vergraben. „Hallo. Was für ein bemerkenswerter Zufall. Ich fahre hier vorbei, werfe einen Blick durch die großen Fenster und sehe das Mädchen wieder, das ich vor zwei Tagen so unhöflich nass im Regen stehen gelassen habe. Ich dachte mir, als aufmerksamer Gastgeber des Nox gehört es sich, sich noch einmal in aller Form für diesen Vorfall zu entschuldigen. Es war ein unglaubliches Gedränge an der Bar, ich habe dich schlichtweg übersehen. Es tut mir wirklich leid wegen deines Kleides. Ich würde es dir gerne ersetzen." „Ja, was für ein unglaublicher Zufall", entgegnete ich trocken, verschränkte die Arme vor der Brust und nickte langsam. „Ich nehme deine Entschuldigung an. Und keine Sorge wegen des Kleides: Ich besitze ein hochmodernes, komplexes Gerät zu Hause – man nennt es Waschmaschine. Es reinigt Textilien mit Wasser und schleudert sie danach trocken. Faszinierend, nicht wahr? Da ich hier im Dienst bin, muss ich dich nun bitten zu gehen, wenn du kein Buch ausleihen möchtest." Ich schenkte ihm ein absolut künstliches Lächeln. „Naw, nicht so zickig", erwiderte er und lachte leise. Seine Zähne waren makellos weiß und perfekt aufgereiht. Die sind doch garantiert gebleicht oder mit Veneers überzogen, dachte ich unbeeindruckt. „Bitte, Sir. Ich muss arbeiten. Wenn Sie nichts auszuleihen haben, wären Sie dann so freundlich, die Bibliothek zu verlassen?", forderte ich ihn erneut auf. Der Mann schien eine extreme lange Leitung zu haben, wenn es darum ging, ein einfaches „Nein" zu verstehen. „Oh, steht es so um uns?", entgegnete er amüsiert, trat einen Schritt näher an den Tresen und deutete mit einer Handbewegung auf die kunstvoll gestalteten Erstausgaben und Bildbände, die in der gläsernen Vitrine neben mir ausgestellt waren. „Nun ... dann kaufe ich eben diese gesamte Ausstellung auf. Bitte." Er betonte das letzte Wort mit einem herausfordernden Grinsen. „Ha ha, sehr witzig. Ich habe heute wirklich absolut keinen Nerv für solche Spielchen ..." „Das war kein Scherz", unterbrach er mich mit ruhiger, dominanter Stimme. „Ich nehme das alles. Nenn mir den Preis." „Alles?", fragte ich fassungslos. „Alles", erwiderte er und zwinkerte mir frech zu. „Na schön. Wenn du das alles haben willst", zischte ich, packte wütend eine der großen Tragetaschen der Bibliothek und begann, die schweren Bildbände unsanft hineinzustapeln. „Dann kriegst du auch das alles!" „Das hoffe ich doch. Und da du jetzt ohnehin mit dem Einpacken beschäftigt bist und ich dich somit nicht von der Arbeit abhalte, können wir uns unterhalten", sagte er, beugte sich leicht über den Tresen und rückte mir unangenehm auf die Pelle. „Wie wäre es mit einem Kaffee? Ganz unverbindlich. Nur um das Kriegsbeil zu begraben." Ich hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf. „Leider arbeite ich heute sehr, sehr, sehr lange. Also nein. Und selbst wenn ich frei hätte: Nein." Für einen Moment herrschte eisige Stille zwischen uns. Seine dunklen Augen fixierten mich ununterbrochen. „Du bist wirklich verdammt faszinierend. Wie heißt du eigentlich?" „Kannst du bitte aufhören zu reden und mich meine Arbeit machen lassen? Wie ich heiße, geht dich absolut nichts an, verstanden?" Er neigte leicht den Kopf und schwieg tatsächlich. „Danke", murmelte ich leise und wandte mich wieder den Büchern zu. Doch das intensive Starren, mit dem dieser Mistkerl mich nun bedachte, war fast noch unerträglicher als seine Worte. Ich sah wütend auf und hielt seinem Blick stand. Er stieß ein leises, kehliges Lachen aus. „Was ist, Honey?" Ich starrte ihn fassungslos an. „Honey?" „Wenn du mir deinen Namen verschweigst, muss ich eben kreativ werden, Honey", grinste er unverschämt. „Jetzt reicht es mir aber! Wenn du nicht augenblicklich diesen Laden verlässt, schlage ich dir so fest ins Gesicht, dass du ..." „Was ist denn hier für ein ungebührlicher Lärm?!", ertönte plötzlich die grollende Stimme meines Chefs hinter mir. Dr. Wilson. Ein älterer, strenger Mann, der penibel auf die Einhaltung der Bibliotheksruhe achtete. Oh nein. Nicht jetzt. Ich wirbelte herum und hob abwehrend die Hände. „Dr. Wilson! Ich ... Er will die gesamte Vitrinenausstellung kaufen!", stammelte ich und deutete auf den Mann vor mir. Dr. Wilson verschränkte die Arme vor seinem massiven Bauch und funkelte mich durch seine Brille hindurch zornig an. „Was fällt Ihnen eigentlich ein, in diesem Ton mit einem geschätzten Gast unseres Hauses zu sprechen?!", herrschte er mich lautstark an. Killian „I-Ich ...", stotterte sie und sah mich mit einem plötzlich hilflosen, verunsicherten Blick an. Ihre Augen waren in diesem Moment so unglaublich ausdrucksstark. Die Angst und die Verwirrung, die darin aufflackerten, gefielen mir. Sie machten sie nahbar, zerbrechlich. Was mir jedoch ganz und gar nicht gefiel, war der Auftritt dieses fetten, arroganten Mannes vor ihr. Wie er es wagte, meine zukünftige Muse vor meinen Augen anzuschreien, ließ mein Blut augenblicklich in den Adern kochen. Wer glaubte er zu sein, dass er so mit einer Frau umging, die mir gehörte? Er wusste es zwar noch nicht, aber sie war bereits mein Eigentum. Und niemand verging sich an meinem Eigentum. Ich straffte die Schultern, trat an den Tresen heran und fixierte den älteren Mann mit jenem kalten, mörderischen Blick, den ich sonst nur meinen Opfern im Keller schenkte, bevor das Spiel begann. Doch ich musste mich zügeln. Lyra durfte diese Seite von mir noch nicht sehen. Noch nicht. Ich zwang meine Gesichtszüge zu einer glatten, professionellen Maske und ging langsam auf den Chef zu. „Lassen Sie uns doch einen Moment unter vier Augen sprechen, Dr. Wilson", sagte ich mit einer fast schon unheimlich ruhigen, tiefen Stimme. In meinem Inneren spannte sich jede Sehne an. „Ich habe ein äußerst lukratives Angebot für Sie und Ihre Bibliothek." Dr. Wilson warf theatralisch die Arme in die Luft, schnaubte verächtlich und wandte sich ab. „Wenn Sie mir erklären können, was für ein ungebührliches Verhalten Ihre Angestellte hier an den Tag legt, dann bitte! Folgen Sie mir in mein Büro." „Keine Sorge, das wird sich schnell klären", entgegnete ich. Während ich ihm folgte, kämpfte ich mit der eiskalten, inneren Stimme, die mir befahl, diesen Mann einfach hier und jetzt zu eliminieren. Lyra sah mir mit einem extrem verunsicherten Blick hinterher. Ich konnte spüren, wie die Zahnräder in ihrem Kopf arbeiteten. Sie spürte, dass mit mir etwas ganz und gar nicht stimmte. Lyra Oh Gott, ich habe es versaut. So richtig, dachte ich verzweifelt und vergrub das Gesicht in den Händen. Warum musste dieser unausstehliche Mistkerl ausgerechnet heute hier auftauchen? Und warum hatte ich mich nur so leicht von ihm provozieren lassen, während Dr. Wilson im Haus war? Vesper kam in diesem Moment aus ihrer Pause im Pausenraum zurück, einen Kaffeebecher in der Hand. Sie runzelte die Stirn, als sie mich sah. „Was machst du denn für ein Gesicht? Was ist passiert?" Ich lehnte mich erschöpft an den Tresen und ließ seufzend den Kopf hängen. „Hast du zufällig Kontakte zu einer anderen Bibliothek? Ich glaube, ich brauche ganz dringend einen neuen Job." „Was redest du da für einen Unsinn?", fragte sie besorgt und stellte ihren Becher ab. „Meinst du das ernst?" Noch ehe ich antworten konnte, öffnete sich die Tür zum Büro und Dr. Wilson trat heraus – gefolgt von dem Mann, der mein ganzes Leben in Schutt und Asche gelegt hatte. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. Ich musste jetzt all meinen Stolz begraben und mich für diesen Vorfall entschuldigen. Ich hasste nichts mehr, als mich für etwas zu entschuldigen, woran ich eigentlich keine Schuld trug, aber ich hatte keine andere Wahl, wenn ich meine Miete bezahlen wollte. Doch Dr. Wilson würdigte mich keines Blickes. Ein breites, fast schon unterwürfiges Grinsen lag auf seinem Gesicht, während er dem Fremden überschwänglich die Hand schüttelte. „Vielen Dank, Mister Cross! Das ist ein absolut großzügiges Angebot für unser Haus!", säuselte er überglücklich. „Dr. Wilson, es tut mir leid, ich wollte nicht ...", versuchte ich anzusetzen, doch er schnitt mir mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort ab. Er griff nach seiner Jacke und zog sich die Schürze aus, die er für die Archivarbeit getragen hatte. „Was ... was tun Sie da?", stammelte ich verwirrt. Dr. Wilson lachte nur laut auf, griff nach seiner Aktentasche und ging schnellen Schrittes auf den Ausgang zu. „Einen wunderschönen Tag noch, Lyra! Ich übergebe das Feld dann ganz Ihnen!" Ich blieb mit offenem Mund stehen und starrte fassungslos auf die schließende Tür. „Aber ... wohin gehen Sie denn ...?", flüsterte ich, während meine Stimme immer leiser wurde. Ich drehte mich fassungslos zu Vesper um. „Vesper ... was war das gerade?" Doch Vesper hörte mir gar nicht zu. Sie starrte mit verträumtem Blick an mir vorbei, direkt auf den Mann, der immer noch lässig im Raum stand. „Hallo, Killian", säuselte sie mit süßlicher Stimme. „Was machst du denn hier?" Ich drehte mich entnervt weg und begann mit unnötiger Härte, die Bücher wieder aus der Tragetasche zu holen und zurück in die Regale zu räumen. Was sollte das alles? Warum haute Wilson einfach ab? Sollten Vesper und ich die gesamte Spätschicht und die Inventur jetzt alleine schmeißen?! Es machte mich rasend, wie leicht Vesper sich von diesem Blender einlullen ließ. Plötzlich spürte ich eine Präsenz hinter mir. Als ich mich umdrehte, standen beide direkt vor mir. Vesper strahlte über das ganze Gesicht, während er mich mit diesem arroganten Grinsen musterte. „Gibt es irgendein Problem?", fragte ich gereizt und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hast für heute Feierabend, Schöne", sagte er mit seiner tiefen, weichen Stimme und lächelte mich an. „Ja, sehr witzig. Und jetzt verschwinde endlich aus dieser Bibliothek! Du hast mir den Tag heute schon genug ruiniert." „Er hat die Bibliothek gekauft, Lyra!", platzte Vesper überglücklich heraus und klatschte begeistert in die Hände. „Dr. Wilson ist im vorzeitigen Ruhestand! Nie wieder seine Kontrollen und seine schlechte Laune!" „Gekauft?", wiederholte ich tonlos. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich schüttelte fassungslos den Kopf, nestelte an den Bändern meiner Arbeitskleidung und warf sie auf den Tresen. „Dann kündige ich hiermit offiziell. Schönen Tag noch." Vesper packte mich panisch am Arm und zog mich mit einem heftigen Ruck in den Pausenraum hinter dem Tresen. „Lyra, bitte! Weißt du eigentlich, was für einen unfassbaren Gefallen er uns getan hat? Wir sind ab heute unsere eigenen Chefinnen! Er hat das gesamte Gebäude und die Bestände übernommen und uns die Leitung übertragen! Es wäre absolut töricht und unhöflich, jetzt Nein zu sagen!" Ich hob eine Augenbraue. „Nein zu was genau?" „Er hat uns beide zu sich nach Hause eingeladen, um die vertraglichen Details und unsere Gehaltserhöhungen zu besprechen! Verstehst du das nicht? Wir können ein solches Angebot nicht einfach ausschlagen. Jetzt komm schon, bitte!" Ich wandte den Kopf um und blickte durch die Glasscheibe der Tür zurück in den Saal. Unsere Augen trafen sich im selben Moment. Er stand dort draußen – groß, breitschultrig und absolut dominant. Seine Statur war einschüchternd; er hätte kein Problem damit, mit uns beiden gleichzeitig fertigzuwerden. Und seine Augen ... da war etwas Unheimliches, Kaltes in seinem Blick, das ich nicht deuten konnte. Dieses undefinierbare Gefühl in meiner Magengegend warnte mich. Er verunsicherte mich zutiefst. „Bitte, Lyra!", drängte Vesper erneut und rüttelte an meiner Hand. Ich atmete tief aus und gab schließlich nach. Ich war einfach zu müde, um noch weiter zu diskutieren. „Na gut. Aber wir bleiben nur kurz, unterschreiben nichts ungeprüft und fahren sofort wieder. Schalte dein Handy ein. Falls er irgendetwas versucht, rufen wir sofort die Polizei. Ich behalte mein Telefon auch griffbereit in der Tasche." Killian Sie trat aus dem Pausenraum heraus, straffte die Schultern und hob stolz das Kinn. Dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein faszinierte mich mit jedem Mal mehr. Sie war so unglaublich scharfsinnig, und doch ließ sie sich von der unendlichen Naivität ihrer Kollegin zu einer solchen Dummheit verleiten. Es war nicht Lyras Schuld. Vesper war diejenige, die sie mir direkt ins Netz trieb. „Also!", sagte Lyra, als sie vor mir zum Stehen kam. Ich musste mir ein triumphierendes Grinsen mühsam verkneifen, während mein Blick langsam über ihre perfekte Silhouette glitt. „Wir kommen mit zu deinem Anwesen, um die geschäftlichen Details zu besprechen. Aber wir bleiben nicht lange." Sie ging mit schnellen Schritten an mir vorbei, ohne auf eine Antwort zu warten. Überwältigt von diesem ungezähmten Stolz sah ich ihr nach. Die Gier in meinem Inneren flammte heißer auf als je zuvor. Schon bald, meine Schöne ... schon bald gehörst du mir. Meine Geduld war am Ende. Während der Fahrt warf ich durch den Rückspiegel des schweren, mattschwarzen Jeeps immer wieder einen Blick auf die Rückbank. Sie saß dort und blickte misstrauisch aus dem Fenster. Hätte sie nur auf ihren Instinkt gehört, statt sich von Vesper überreden zu lassen, würde sie jetzt nicht direkt in mein Reich fahren. Ich wusste genau, dass sie vorhin im Nox und auch in der Bibliothek etwas in mir gesehen hatte. Sie spürte die Gefahr, die dunkle Aura, die mich umgab. Sie konnte es nur noch nicht benennen. Aber sie war zu pflichtbewusst ihrer Kollegin gegenüber. „Wow ... Gehört das alles dir?", hauchte Vesper ehrfürchtig, als der schwere Jeep durch das massive, schmiedeeiserne Tor glitt und die lange Auffahrt zum Anwesen hinaufrollte. Ihre Stimme riss mich abrupt aus meinen Gedanken.Killian„Nein!"„Oh doch!"Ich wollte sie gerade packen und die Treppe hinunterzerren, als sie plötzlich die Initiative ergriff. Ehe ich reagieren konnte, schlang sie ihre Arme um meinen Nacken und presste ihre Lippen hart auf meine.Vollkommen geschockt riss ich die Augen auf. Mein Gehirn setzte für einen Moment komplett aus. Was zur Hölle tut sie da gerade? Es kam so unfassbar unerwartet, dass ich Sekunden brauchte, um die Situation überhaupt zu begreifen. Doch als der erste Schock verflogen war, musste ich mir eingestehen: Was sie da tat, gefiel mir. Sogar sehr.Ihre Lippen waren unglaublich weich, und in diesem matten Licht der Küche sah sie so atemberaubend schön aus, dass jeder Widerstand in mir im Keim erstickte. Ich schloss die Augen und schlang meine Arme fest um ihre schmale Taille, zog sie eng an meinen Körper. Ich gab mich diesem Moment völlig hin, spürte, wie die mörderische Wut in mir langsam abebbte und einer wohligen Entspannung wich. Sie küs
Lyra Seine Augen waren nun schon eine ganze Weile geschlossen, und in meiner Brust keimte ein winziger, glühender Funke Hoffnung auf. So ist es gut. Schlaf weiter, du elender Mistkerl!Er schien tatsächlich weggenickt zu sein. Wenn ich ihn jetzt schwer genug verletzte, könnte ich die Flucht ergreifen und endlich Hilfe rufen. Aber er durfte nicht sterben. Nein, er sollte überleben, damit er für den Rest seines jämmerlichen Lebens hinter schwedischen Gardinen verrottete! Das wäre die ultimative Strafe für ihn. Der Tod wäre für ein Monster wie ihn eine viel zu schnelle Erlösung, und die hatte er beim besten Willen nicht verdient.Ich wusste immer noch nicht genau, wie viele Menschen sich in dieser riesigen Festung aufhielten. Bis jetzt war mir außer Killian nur dieser mürrische, alte Mann begegnet – und der würde kein echtes Hindernis für mich darstellen. Der Psycho, den ich hier gerade massierte, war das eigentliche Problem. Er war riesig, besaß schätzungsweise doppe
LyraIch öffnete langsam die schwere Holztür und blickte zögernd in den dunklen, kalten Raum.„Bitte sei nicht mehr hier ...", flüsterte ich flehentlich in die Schwärze hinein. Meine Hand zitterte so heftig, dass ich den Lichtschalter kaum fand. Als das grelle Neonlicht flackernd ansprang, atmete ich kurz auf.Jessica war nicht mehr hier. Doch der Anblick des Raumes und dieser penetrante, metallische Geruch, der schwer in der Luft lag, ließen mich sofort heftig würgen. Ich presste mir die Hand auf die Nase, unterdrückte den Brechreiz und wagte mühsam einen ersten Schritt hinein.Überall ... war Blut. An den kahlen Wänden, auf dem staubigen Boden – nichts war verschon geblieben. Panik stieg in mir auf, und ich ertappte mich dabei, wie ich hysterisch und nervös an meinem eigenen Unterarm herumzukratzen begann. Wie konnte ein Mensch nur so etwas unvorstellbar Schreckliches tun?Allein das Wissen, dass er Jessicas Leben mit meiner Hand beendet hatte, zerfraß mic
KillianIch war überrascht, dass sie so still blieb. Anscheinend zeigte meine harte Methode endlich die gewünschte Wirkung.„Hör einfach auf damit, Honey", sagte ich leise, während ich meine Lippen an ihrer Haut beließ. „Mir gefällt es ganz und gar nicht, wie du dich benimmst und was du zu mir sagst. Es macht mich wütend ... und traurig. Keine Einzige hat sich so etwas bis jetzt bei mir geleistet, und du wirst das gewiss auch nicht tun."Meine Hand fuhr langsam und besitzergreifend ihre schmale Taille entlang. Sie fühlte sich so unglaublich gut an ... so unfassbar warm und lebendig unter meinen Fingern.„Kannst du mich ... bitte loslassen?", flüsterte sie.Ihre Stimme war zittrig, völlig verunsichert und von nackter Angst erfüllt. Genau das war mein Ziel gewesen, aber ich hatte nicht vor, so schnell nachzugeben. Sie brauchte eine richtige, unvergessliche Lektion – nicht so ein harmloses Geplänkel wie zuvor. Ich spannte meinen Arm um ihren Hals noch ein Stück
KillianZielsicher und mit schnellen Schritten lief sie auf die schwere Haustür zu. Immer wieder warf sie mir einen hastigen, misstrauischen Blick über die Schulter zu, um sich zu vergewissern, dass ich ihr nichts antat oder sie im letzten Moment doch noch zurückhielt. Aber ich hielt mein Wort. Sie hatte das Spiel gewonnen, also durfte sie gehen. Das war ihr wohlverdienter Preis. Bis heute hatte es kein einziges dieser dummen Dinger geschafft, sich tatsächlich so raffiniert zu verstecken, bis die Zeit abgelaufen war. Lyra hatte es geschafft. Sie hatte es sich eindeutig verdient. Dabei war das Spiel im Grunde so simpel, und doch war bisher jede an der Panik gescheitert. Aber ihr Trick mit den geöffneten Türen? Respekt, das hatte Klasse.Mein Blick wanderte langsam an ihrem wunderschönen Körper hinauf und hinab. Ich biss mir auf die Unterlippe und schob die Hände lässig in die Hosentaschen. Sie hatte eine atemberaubende Figur – für meine Ansprüche absolut perfekt. Eine wohlgef
Er (Killian)Ich ließ sie unsanft von meiner Schulter herunter und drehte sie grob in Richtung von Zimmer zwei. Wieder diese ganze nutzlose Gegenwehr, dieses wilde Gezappel von ihr. Das nervte mich langsam wirklich, und an ihrer mangelnden Disziplin mussten wir dringend arbeiten. Als sie gerade ansetzen wollte, um mich anzuschreien, presste ich ihr kurzentschlossen die Hand auf den Mund.„Heute wird nicht so viel gequatscht, Honey. Ich will dir schon mal dein neues Zuhause zeigen und dir vorführen, was ich hier so tue. Das ist wichtig, damit du dich schon mal auf mich und meine Kunst einstellen kannst."Unter meiner Hand jammerte und verfluchte sie mich nur, was mich unwillkürlich zum Lachen brachte. „Guck gut hi..."Ein plötzlicher, brennender Schmerz schoss durch meine Handfläche. Sie hatte mir tatsächlich die Zähne in die Haut gerammt! Mit einem wütenden Zischen riss ich die Hand zurück und betrachtete den blau-roten Bissabdruck, der sich bereits auf meinem H