LOGIN(Luisa)
Ich las weiter. Jede Zeile war gefüllt mit Fachtermini, mit Zahlen, Prozentangaben, juristischen Formulierungen. Ich spürte seinen Blick auf mir, prüfend, lauernd, als wartete er nur auf den kleinsten Fehler. Aber ich las durch – fließend, sicher, mit klarer Stimme. Je länger ich sprach, desto mehr verschwand das Zittern. Ich las weiter, ließ mir seine spitzen Kommentare gefallen. Jeder Satz von ihm war wie ein Schlag, ein Test, ein Nadelstich. Er wollte, dass ich einknickte – doch ich klammerte mich an das Papier, an meine Stimme, an das Wissen, das ich mir im Studium erkämpft hatte. „‚…die Bruttojahreseinnahmen im dritten Quartal beliefen sich laut Prognose auf 137,9 Millionen…‘“ – ich stockte. Mein Blick huschte über die Zeile. Dann noch mal. Ich runzelte die Stirn. Da stimmte etwas nicht. „Das ist falsch“, sagte ich leise – dann hob ich den Kopf und sah ihn direkt an. „Die Zahl kann nicht stimmen.“ Er saß bewegungslos da, hob langsam eine Braue. „Oh? Wirklich?“ Ich nickte, blätterte zurück. „Wenn ich die Summe der ersten beiden Quartale nehme – 46,3 Millionen und 49,8 – dann ergibt das bereits 96,1 Millionen. Die dritte Angabe müsste höher sein, weil laut Anlage die Wachstumsrate zum Vorquartal 12 % betrug. Das wären dann mindestens 55,7 Millionen. Es können also keine 137,9 Millionen gesamt sein. Der Bericht hat einen Rechenfehler.“ Er sah mich an, als hätte ich ihm gerade ins Gesicht geschlagen. Langsam – ganz langsam – stand er auf. Ging um den Tisch herum. Blieb wieder direkt vor mir stehen. „Wie… heißen Sie nochmal?“ „Luisa. Luisa Williams.“ Ein dunkles, kaum merkliches Schnauben. Er griff ihr das Papier aus der Hand, überflog es, zog dann die Augenbraue hoch. „Hmpf. Sie haben recht.“ Dann drehte er sich zur Seite, sprach fast beiläufig: „Sie haben gerade einen Rechenfehler entdeckt, den drei Senioranalysten übersehen haben. Nicht schlecht, Miss Williams.“ Ich wagte kaum zu atmen. War das… Anerkennung? Doch dann drehte er sich wieder um – und dieser kalte, arrogante Blick war zurück. „Nur weil Sie einmal etwas richtig gemacht haben, heißt das nicht, dass Sie clever sind. Vielleicht war’s auch einfach Glück.“ Er trat näher. Sein Blick bohrte sich in meinen. „Aber ich werde Sie beobachten.“ Er drehte sich um, ging wieder zu seinem Platz. —-—— Es war inzwischen 16 Uhr. Meine Hand verkrampfte sich leicht vom vielen Schreiben, mein Magen knurrte leise – doch ich hatte es geschafft, mir nichts anmerken zu lassen. Der Bildschirm flimmerte vor mir, die Zahlen, die ich gerade abglich, begannen zu verschwimmen. Ich sah kurz auf die Uhr. Noch zehn Minuten bis Feierabend. Ich atmete tief durch. Fast geschafft. Mein Blick wanderte unbewusst zu seinem Büro. Die Glastür war halb offen. Er saß noch immer dort, perfekt aufgerichtet, in dieser kühlen, kontrollierten Aura – als wäre es ihm egal, ob Tag oder Nacht war. Dann, plötzlich, seine Stimme. „Miss Williams.“ Ruhig, aber laut genug, dass ich aufschreckte. Ich drehte mich sofort um. „Ja, Sir?“ Er sah nicht einmal hoch, blätterte weiter durch Unterlagen. „Sie können für heute gehen.“ Ich zögerte einen Moment. Wartete fast auf einen Zusatz. Einen sarkastischen Kommentar. Einen weiteren Befehl. Doch nichts kam. Er blätterte einfach weiter. Ich stand langsam auf, packte meine Sachen und warf einen letzten Blick in seine Richtung. Nichts. Keine Regung. Keine Anerkennung. Aber auch kein Spott. Nur diese Ruhe. Als ich gerade zur Tür gehen wollte, hörte ich plötzlich seine Stimme wieder – diesmal etwas tiefer, fast beiläufig: „Vergessen Sie nicht: Pünktlich heißt bei mir fünf Minuten zu früh.“ Ich nickte. „Ja, Sir.“ Und verließ das Büro. Als ich zum Aufzug lief, spürte ich es. Ohne hinzusehen. Seine Blicke. Hart. Brennend. Ich drückte den Knopf. Stille. Der Aufzug kam. Türen öffneten sich. Ich trat ein, lehnte mich gegen die Wand und atmete erst dann durch, als die Türen sich schlossen. Das vertraute Summen setzte ein, das Licht flackerte kurz – und dann begann die Abfahrt. Meine Schultern sanken einen Hauch nach unten. Ich murmelte leise: „Arschloch…“ Ein bitteres, erschöpftes Lächeln legte sich auf meine Lippen. „…und genau noch sechs Monate.“ Unten in der Lobby angekommen, öffneten sich die Aufzugtüren mit einem leisen Ping. Ich trat hinaus – mit erhobenem Haupt, die Schultern gerade, das Gesicht ausdruckslos. Genau so, wie man es mir beigebracht hatte: Zeige nie, wenn du zitterst. Einige Blicke trafen mich sofort. Tuscheln. „Sie weint nicht…“ „Hat er sie etwa nicht gefeuert?“ „Vielleicht hat sie ja was, das andere nicht haben…“ „Ja Brüste, wir wissen ja das der Boss auf sowas steht“ Ich hörte es. Ich ignorierte es. Ich ging einfach weiter, meine Tasche fest an mich gedrückt. Der Klang meiner Absätze hallte auf dem glänzenden Marmor. Dann trat ein Mann an meine Seite – Mitte 30, teurer Anzug, selbstsicherer Gang, charmantes Lächeln. „Du bist die Neue, stimmt’s?“ sagte er mit einem Seitenblick, während er locker mit mir Schritt hielt. Ich drehte leicht den Kopf, blieb ruhig. „Luisa Williams. Praktikantin bei Mr. Black.“ Er grinste. „Mutig, dich darauf einzulassen.“ „Ich wurde nicht gefragt“, erwiderte ich trocken. Er lachte leise. „Klar. Man wird Alec Black nicht zugeteilt. Man wird ihm zum Fraß vorgeworfen.“ Ich schwieg. Er musterte mich aus dem Augenwinkel, dann streckte er mir beiläufig die Hand entgegen. „David Carter. Leiter der PR-Abteilung. Wenn du irgendwann mal durchatmen willst – bei uns ist es weniger… giftig.“ Ich schüttelte seine Hand. Fest. „Danke. Ich merk’s mir.“ Er grinste. „Willkommen im Haifischbecken.“ Dann bog er ab, ließ mich stehen. Ich stand an der Haltestelle, zog meinen Mantel enger um mich und sah auf mein Handy. Keine Nachrichten. Kein verpasster Anruf. Nur die Uhrzeit – 16:48 Uhr. Der Wind war kühl, aber angenehm auf meiner überhitzten Haut. Mein Kopf pochte leicht. Der Tag war… viel gewesen. Zu viel. Der Bus kam mit quietschenden Bremsen an. Ich stieg ein, nickte dem Fahrer höflich zu, und ließ mich auf einen freien Platz am Fenster sinken. Außer mir stiegen nur ein älterer Mann und eine Frau mit Einkaufstaschen ein. Die Sitze waren halb leer. Es war ruhig. Ich legte meine Stirn gegen das Glas, sah hinaus, wie die Stadt an mir vorbeizog.(Alec) Ich donnerte das Handy gegen die Wand. Es zerschellte mit einem lauten Krachen. „AHHH!“ Mein Schrei donnerte durch das gesamte Rudelhaus. Ich sprang vom Bett auf. Mein Atem ging stoßweise. Meine Brust hob und senkte sich so schnell, dass es wehtat. Ich schlug mit der Faust gegen die Wand. Einmal. Noch einmal. „ER LÜGT!“ Putz rieselte zu Boden. Meine Knöchel platzten auf. Blut lief über meine Finger. „Alec!“ „HALT DIE FRESSE, ODIN!“ Ich stand da. Keuchend. Zitternd. „Sie würde niemals zu ihm zurückgehen.“ Meine Stimme brach. „Niemals.“ „Dann warum glaubst du ihm?“ Meine blutige Hand sank langsam. „Weil sie auf diesem verdammten Bild gelächelt hat.“ Ich sank langsam auf die Bettkante. Starrte auf meine blutigen Hände. „Was, wenn ich sie verloren habe, Odin?“ Mein Wolf schwieg. Und genau das machte mir am meisten Angst. Am nächsten Morgen… Ich stand unter der Dusche. Das Wasser prasselte auf meinen Körper, doch ich spürte e
(Luisa) Meine Augen waren schwer. Mein Körper auch. Langsam nahm ich wahr, dass ich mich bewegte. Oder besser gesagt … Ich hörte, wie etwas—Nein. Jemand mich bewegte. Ich wollte meine Augen öffnen. Doch meine Lider fühlten sich an, als würden Gewichte an ihnen hängen. Mit aller Kraft schaffte ich es schließlich, sie einen Spalt zu öffnen. Meine Augen waren verschwommen. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Eine Gestalt. Groß. Breite Schultern. Dunkle Umrisse. Alec … Mein Herz stolperte. War das alles nur ein Traum gewesen? Mason? Kayla? Das Video? Alles? „Ich liebe dich, Luisa …“ Seine Stimme. Ein erschöpftes Lächeln legte sich auf meine Lippen. Alec. Ich spürte Küsse auf meiner Haut. Seine Hände berührten mein Gesicht. Strichen über meine Wangen. Seine Lippen wanderten an meinen Hals. Küssten mich dort. Immer wieder. „Alec …“, flüsterte ich schwach. Meine Augen fielen wieder zu. Gott sei Dank. Es war nur ein Traum gewesen.
(Luisa) Ich saß in seinem Büro. Still. Mason saß mir gegenüber hinter seinem großen Schreibtisch. Sein Zeigefinger tippte langsam auf das dunkle Holz. Immer wieder. Tipp. Tipp. Tipp. Dabei sah er mich an. Viel zu intensiv. Als würde er überlegen, was er mit mir anstellen sollte. Ich schluckte. Meine Hände lagen fest ineinander verschränkt auf meinem Schoß. „Mhm…“ Mason lehnte sich langsam in seinem Stuhl zurück. „Was soll ich bloß mit dir machen, Luisa?“ Ich antwortete nicht. Sein Mund verzog sich zu diesem arroganten Grinsen. „Also…“ Er tippte ein letztes Mal mit dem Finger auf den Tisch. Dann herrschte Stille. „Dein toller Gefährte hat dich mir einfach wie eine Ware übergeben, hm?“ Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Ich sah weg. Mason lachte leise. „Autsch.“ Seine Augen ruhten weiter auf mir. „Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen.“ „Lassen Sie mich einfach nach Hause“, flüsterte ich. Sein Grinsen verschwand.
(Alec) „Ja, du kannst das in die Schublade legen.“ „Okay, Alec …“ Kayla lächelte mich glücklich an. „Aber du schläfst heute bei mir, oder?“ Ich nickte ohne zu zögern. „Ja, Kayla. Ich gehe nur kurz unter die Dusche und komme gleich zu dir, okay?“ Sie trat direkt vor mich. Die Liebe meines Lebens. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich sanft auf den Mund. „Ich liebe dich, Alec.“ Ich lächelte automatisch. „Ich dich auch.“ Warum sollte ich sie auch nicht lieben? Sie war schließlich… Meine Verlobte. Meine Zukunft. Mit diesem Gedanken ging ich ins Badezimmer. Ich zog mein Hemd aus und blieb einen Moment vor dem Spiegel stehen. Mein Blick fiel auf die Kette um meinen Hals. Oh… Bevor Kaylas schöne Kette noch unter dem Wasser leidet… Sollte ich sie lieber ablegen. Ich öffnete den Verschluss. Mit einem leisen Klicken fiel die Kette in meine Hand. Ich legte sie auf den Waschtisch. Dann stellte ich mich unter die Dusche. Warmes Wass
(Luisa) Mein Wecker klingelte. Endlich. Ich sprang aus dem Bett und raste ins Bad. Duschen. Haare. Make-up. Outfit. Alles musste perfekt sein. Drei verdammte Tage. Viel zu lange. Ich hatte Alec geschrieben. Mehrmals. Aber wahrscheinlich hatte sein Handy keinen Akku mehr oder er war in Meetings gewesen. Heute würde er endlich nach Hause kommen. Und ich hatte mich darauf gefreut wie ein kleines Kind. Nach dem Frühstück hatte ich sogar selbst gekocht. Sein Lieblingsessen. Zumindest das, von dem ich glaubte, dass es sein Lieblingsessen war. Immer wieder sah ich auf die Uhr. Bis ich plötzlich ein Auto vorfahren hörte. Mein Herz setzte aus. Er ist es. Sofort lief ich zur Tür. Ich riss sie auf. Hinter mir tauchte David auf. Im Augenwinkel bemerkte ich, dass inzwischen auch die anderen herausgekommen waren. Dann öffnete sich die Autotür. Und Alec stieg aus. Oh mein Gott. Dieser Mann. Mein Mann. Ein Lächeln erschien auf meinen Lippen. Do
(Luisa) Ich saß am Esstisch und aß mit dem Rudel zu Abend. Neben mir saßen Lia und David. Die Stimmung war entspannt. Es war inzwischen Abend geworden, und Alec hatte mir bestimmt schon zehnmal geschrieben und angerufen. Er hatte gefragt, ob ich gegessen hatte. Ob alles in Ordnung war. Ob ich mich wohlfühlte. Ob ich auf ihn hörte. Typisch Alec. Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. Dann ging plötzlich die Tür auf. Der Gamma trat ein. „Alpha, Alpha Mason ist vor der Tür.“ Sofort hob Alecs Vater den Kopf. „Ach wirklich?“ Er lehnte sich zurück. „Und was will er diesmal?“ David spannte sich neben mir sofort an. Nicht offensichtlich. Aber ich bemerkte es. Seine Schultern wurden hart. Sein Kiefer spannte sich an. Ich runzelte die Stirn. Alecs Vater stand auf. „Mason, komm rein.“ Wenige Sekunden später betrat ein Mann den Raum. Er setzte sich auf den freien Platz direkt mir gegenüber. Mein Blick blieb automatisch an ihm hängen.
(Luisa)Der Morgen war grau, die Stadt verschluckt in Nebel – aber ich fühlte mich überraschend ruhig. Vielleicht war es der Schlaf, vielleicht das leise Trotzgefühl in mir. Ich hatte den ersten Tag überlebt. Und ja, mein Boss war ein Arschloch. Aber ich lebte noch.Meine Haare trug ich heute offen
(Alec)Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.Ich saß noch immer an meinem Schreibtisch, starrte auf die Unterlagen – aber mein Blick war leer. Ihre Stimme hallte noch in meinem Kopf nach. Klare Artikulation. Selbstsicherer Ton, auch wenn ihre Hände gezittert hatten. Und dann dieser Moment, als sie d
(Luisa)Sein Büro war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Kühl. Edel. Viel zu groß. Schwarzer Marmor, goldene Akzente, bodentiefe Fenster mit Blick über die ganze Stadt. Und mittendrin: Er.Alec Black.Er ging ohne einen weiteren Blick auf mich zu seinem riesigen, dunklen Schreibtisch und ließ s
(Luisa)Da stand ich nun. Vor dem höchsten, beeindruckendsten Wolkenkratzer der Stadt. Noch vor drei Monaten hatte ich mein Studium im Bereich wirtschaftspolitische Systeme abgeschlossen – und heute sollte mein erster Tag bei einem der einflussreichsten Unternehmen des Landes beginnen. Mein Prakti







