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Kapitel 3

Author: Lunaink
last update publish date: 2026-08-18 00:28:00

Elenas POV

Das Porzellan der Toilettenschüssel fühlte sich kalt an meiner Stirn an. Ich saß auf dem Badezimmerboden und war viel zu erschöpft, um überhaupt zu versuchen aufzustehen.

Seit drei Wochen redete ich mir ein, dass es Stress war.

Stress wegen des kalten Krieges in unserem Haus, Stress wegen des Geheimnisses, das ich mit mir herumtrug, oder vielleicht einfach das Gewicht der „offenen Ehe“, durch die ich mich nun mit einem ausgehöhlten Herzen bewegte.

Aber die Übelkeit heute Morgen war keine bloße Einbildung.

Ich stand auf, meine Beine fühlten sich bleischwer an, und blickte zum Waschtisch.

Dort lagen drei Plastiktests.

Ich musste sie nicht einmal aufheben, um die Ergebnisse zu erkennen.

Zwei rosafarbene Linien auf jedem einzelnen.

„Nein“, flüsterte ich in den leeren Raum. „Nein, nein, nein.“

Zum hundertsten Mal rechnete ich im Kopf nach.

Julian und ich hatten uns seit Monaten nicht mehr berührt. Er verbrachte seine Nächte in Gästezimmern oder Hotels, während ich an die Decke starrte und so tat, als wäre es mir egal.

Es gab nur diese eine Nacht – diese eine einzige, rücksichtslose Nacht im St. Regis.

Ich ließ mich wieder auf den Boden sinken.

Ich war mit dem Kind eines Fremden schwanger.

Nicht nur mit dem Kind eines Fremden, sondern mit dem eines Mannes, den ich bezahlt hatte.

Eines Mannes, der eigentlich ein Geist in meiner Vergangenheit sein sollte, eine einmalige Transaktion, um meine Würde zurückzugewinnen.

„Elena? Bist du da drin?“

Julians Stimme hämmerte scharf und ungeduldig gegen die Tür.

Ich schreckte hoch, schob die Tests in eine Schublade und schlug sie zu. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und rang nach Luft, als die Kälte meine Haut traf.

„Ich komme“, rief ich, meine Stimme zitterte.

Ich öffnete die Tür und Julian stand dort im Smoking, makellos gekleidet und gefährlich wirkend. Er überprüfte seine Manschettenknöpfe und machte sich nicht einmal die Mühe, mein blasses Gesicht anzusehen.

„Die Gala beginnt in einer Stunde“, sagte er. „Der Gouverneur wird da sein. Ich brauche dich an meiner Seite, damit du wie eine pflichtbewusste Ehefrau aussiehst. Schaffst du das, oder schmollst du immer noch wegen unserer ‚Vereinbarung‘?“

„Mir geht es gut“, sagte ich und klammerte mich an den Rand des Waschbeckens. „Nur eine Magenverstimmung.“

Er sah mich endlich an, seine Augen verengten sich.

„Dann behebe das. Leg etwas Farbe auf. Du siehst aus wie ein Geist.“

Er ging davon, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, während meine Hand instinktiv auf meinen Bauch wanderte.

Mein Leben war eine tickende Zeitbombe.

Wenn Julian herausfand, dass ich schwanger war, würde er sofort wissen, dass das Kind nicht von ihm sein konnte.

Er würde es benutzen, um mir alles zu nehmen – meinen Ruf, die verbliebenen Anteile meiner Familie, meine Freiheit.

Ich musste gehen.

Ich musste einen Ausweg finden, bevor man mir die Schwangerschaft ansah.

Der Ballsaal des Grand Imperial war ein Meer aus schimmernder Seide und klirrenden Champagnergläsern.

Ich fühlte mich, als würde ich durch einen Traum oder einen Albtraum laufen.

Jeder Geruch – die schweren Parfüms, die gebratene Ente, die auf silbernen Tabletts serviert wurde, der Duft von Julians Parfüm – ließ meinen Magen rebellieren.

„Lächeln, Elena“, zischte Julian mir ins Ohr, während wir einem Textilmogul die Hand schüttelten. „Du siehst aus, als wärst du auf einer Beerdigung.“

„Vielleicht bin ich das“, murmelte ich.

„Sei nicht so anstrengend“, fuhr er mich an. Seine Hand schloss sich schmerzhaft um meine Taille, während er mich in die Mitte des Raumes zog. „Sieh mal. Die Blackwood Group ist hier. Wenn ich ein Treffen mit ihrem CEO an Land ziehen kann, werden sich unsere Prognosen für das vierte Quartal verdoppeln. Bleib hier und sieh hübsch aus, während ich ihren Vertreter suche.“

Er ließ mich neben einer Marmorsäule stehen.

Ich nahm ein Glas Mineralwasser von einem vorbeigehenden Kellner und trank kleine Schlucke, um die Übelkeit unter Kontrolle zu halten.

Ich musste diese Nacht einfach überstehen.

Morgen würde ich zur Bank gehen.

Morgen würde ich anfangen, mein persönliches Vermögen in Sicherheit zu bringen.

Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und suchte nach einer ruhigen Ecke, in der ich mich verstecken konnte, als ich ihn sah.

Das Glas wäre mir beinahe aus der Hand gerutscht.

Er stand auf der anderen Seite des Raumes, umringt von einer Gruppe von Männern in Anzügen, die an jedem seiner Worte zu hängen schienen.

Er trug nicht den lässigen, düsteren Look jener Nacht im Hotel.

Er trug einen nachtblauen Smoking, der wahrscheinlich mehr gekostet hatte als Julians Auto.

Er wirkte mächtig, wohlhabend und mit diesem eisigen Blick geradezu furchteinflößend.

Es war Kai.

Mein Herz setzte aus.

Mein Puls raste so heftig, dass ich ihn in meinen Ohren hören konnte.

Warum war er hier?

Ein Callboy sollte nicht auf einer Gala der Elite der Stadt sein.

Er sollte in einem Penthouse auf einen Anruf warten und nicht im Zentrum des mächtigsten Kreises dieses Raumes stehen.

Ich versuchte, mich abzuwenden und mich hinter einer Gruppe von Mitgliedern der High Society zu verstecken, aber es war zu spät.

Sein Blick wanderte zu mir und fand mich sofort, als hätte er mich die ganze Zeit beobachtet.

Er sah nicht überrascht aus.

Er wirkte nicht nervös.

Er sah mich mit einem Hunger an, der meine Knie weich werden ließ.

Er murmelte den Männern um sich herum etwas zu und begann, auf mich zuzugehen.

Panik ergriff mich.

Ich drehte mich um und eilte zur Terrasse, meine Absätze klackerten hektisch über den Marmorboden.

Ich stieß die schweren Glastüren auf und trat in die kühle Nachtluft hinaus, während ich nach Atem rang.

Die Terrasse war leer.

Ich lehnte mich gegen die steinerne Balustrade und blickte auf die Lichter der Stadt hinaus.

„Schon so früh auf der Flucht, Elena?“

Die Stimme war tief und vibrierte durch die Luft wie ein Cello.

Ich erstarrte.

Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er direkt hinter mir stand.

„Du solltest nicht hier sein“, flüsterte ich, ohne mich umzudrehen.

„Ganz im Gegenteil“, sagte er.

Ich hörte seine Schritte, bevor sie nur wenige Zentimeter hinter mir zum Stillstand kamen.

„Ich wurde eingeladen. Meine Familie hat seit dreißig Jahren einen Sitz in diesem Vorstand.“

Ich drehte mich nun um, meine Augen weit aufgerissen.

„Deine Familie? Du … du bist kein Callboy.“

Er trat ins Licht.

Aus der Nähe war die Macht, die er ausstrahlte, geradezu erdrückend.

Er war kein Dienstleister, den ich gebucht hatte.

Er war **Alexander Thorne**, der Mann, den die Zeitungen den „Schattenkönig“ der Schifffahrtsbranche nannten.

Ein Mann, der dafür bekannt war, im Geschäftsleben skrupellos und in seinem Privatleben noch gefährlicher zu sein.

Er legte eine Hand auf die Balustrade und drängte mich damit praktisch zwischen seinen Arm und den kalten Stein.

„Ein Callboy, hm?“, fragte er, seine Stimme triefte vor dunkler Belustigung.

„Ich … die Website“, stammelte ich, während meine Gedanken rasten. „The Obsidian Tier. Du warst dort. Ich habe dich gebucht.“

Alexander stieß ein leises, trockenes Lachen aus.

„The Obsidian Tier gehört meiner Holdinggesellschaft, Elena. Ich hatte an jenem Abend Langeweile. Ich sah deine Anfrage – eine Frau deines gesellschaftlichen Ranges, die ‚keine Gefühle, nur Rache‘ wollte. Das hat mein Interesse geweckt. Ich beschloss, den ‚Termin‘ selbst zu übernehmen.“

Mir wurde schlecht.

Ich hatte keinen Diener angeheuert.

Ich hatte ein Raubtier in mein Bett eingeladen.

„Du hast mich angelogen“, sagte ich, meine Stimme wurde lauter.

„Ich habe dir genau das gegeben, wonach du gefragt hast“, entgegnete er.

Sein Blick glitt zu meiner Taille, und für einen beängstigenden Moment fragte ich mich, ob er es erkennen konnte. Ob er wusste, dass er eine bleibende Spur in meinem Leben hinterlassen hatte.

„Du wolltest eine Möglichkeit, deinen Ehemann zu verletzen. Du wolltest etwas anderes als Ablehnung spüren. Ich glaube, ich habe geliefert.“

„Bleib mir fern“, sagte ich und versuchte, an ihm vorbeizukommen.

Er bewegte sich nicht.

Seine Hand schoss vor und umfasste mein Handgelenk.

Sein Griff war nicht schmerzhaft, aber er war da – als Erinnerung.

„Das glaube ich nicht“, flüsterte er. „Siehst du, Elena, ich habe die letzten Wochen über unser ‚Geschäft‘ nachgedacht. Und ich habe beschlossen, dass ich mit dir noch nicht fertig bin.“

„Ich bin eine verheiratete Frau, Alexander. Und du … du bist ein Betrüger.“

„Ich bin der Mann, der genau weiß, wie du klingst, wenn du die Kontrolle verlierst“, erinnerte er mich, seine Stimme sank auf ein gefährliches Niveau.

„Und ich bin der Mann, den dein Ehemann gerade verzweifelt kennenlernen will. Er schreibt meinem Büro seit einem Monat und fleht um eine Fusion. Stell dir sein Gesicht vor, wenn ich ihm sage, dass wir uns bereits kennengelernt haben.“

„Das würdest du nicht tun“, keuchte ich.

„Würde ich nicht?“

Er trat näher, seine Brust streifte meine.

„Du hast ein sehr gefährliches Spiel gespielt, Elena. Du dachtest, du könntest einen Mann anheuern, um deine Ehegelübde zu brechen, und danach einfach unbeschadet weiterleben. Aber nichts ist umsonst.“

Mein Blick wanderte in Gedanken zu den drei Tests in meiner Badezimmerschublade.

Die Geheimnisse häuften sich von Sekunde zu Sekunde.

Wenn ich blieb, würde Julian mich zerstören.

Wenn Alexander es herausfand, hatte ich keine Ahnung, was er tun würde.

„Was willst du?“, fragte ich mit zitternder Stimme.

Alexander beugte sich zu mir, seine Lippen streiften mein Ohr.

Die Hitze seines Körpers war überwältigend.

„Ich will, dass du aufhörst, die pflichtbewusste Ehefrau zu spielen“, sagte er. „Und ich will, dass du morgen früh in mein Büro kommst. Allein. Wenn du das nicht tust, muss ich Julian vielleicht erzählen, dass seine Frau eine sehr, sehr großzügige Kundin ist.“

Er ließ mein Handgelenk los und trat zurück, während er seine Smokingjacke glattstrich, als hätten wir gerade über das Wetter gesprochen.

„Wir sehen uns, Elena“, sagte er mit einem scharfen, bösen Lächeln.

Er drehte sich um und ging zurück in den Ballsaal, während ich zitternd in der Dunkelheit zurückblieb.

Ich legte eine Hand auf meinen Bauch, während die Realität meiner Situation über mir zusammenbrach.

Ich war zwischen zwei Monstern gefangen und trug den Erben eines von ihnen unter meinem Herzen.

Ich hatte versucht, meine Ehegelübde zu brechen, um Freiheit zu finden.

Stattdessen hatte ich nur einen Käfig gegen einen anderen eingetauscht.

Und dieser hier war weitaus, weitaus gefährlicher.

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