LOGINElenas POV
Ich stand auf der Terrasse, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Die kühle Luft half nicht. Die Hitze von Alexanders Anwesenheit lag noch immer auf meiner Haut. Ich atmete zittrig ein und versuchte, mich zu sammeln, bevor ich wieder in diese Höhle des Löwen zurückmusste. Ich war nicht schnell genug. Die Glastür knarrte, und Alexander trat wieder hinaus. Ich dachte, er wäre gegangen, aber er hatte gerade erst angefangen. Zunächst sagte er kein Wort. Er lehnte sich lediglich gegen das steinerne Geländer und blickte über die Skyline der Stadt, mit der lässigen Anmut eines Mannes, dem alles gehörte, was er sah. „Du zitterst, Elena“, sagte er, ohne mich anzusehen. „Ist es die Kälte oder bin ich es?“ „Ich will wissen, warum“, sagte ich, meine Stimme war fester, als ich mich fühlte. „Warum hast du es getan? Du hast Milliarden. Du hast Macht. Warum hast du für eine Frau, die du noch nie getroffen hattest, einen Callboy gespielt?“ Er drehte den Kopf zu mir, langsam, beinahe wie ein Raubtier. „Aber genau das ist der Punkt. Ich habe dich getroffen. Oder besser gesagt, ich hatte dich bereits gesehen. Vor drei Monaten bei der Wohltätigkeitsauktion für das Kinderkrankenhaus. Du standest neben dem Champagnerbrunnen und sahst aus wie eine Königin, gefangen in einer gläsernen Schachtel. Dein Mann flirtete im Flur gerade mit einer Kellnerin. Du sahst aus, als wärst du nur einen einzigen Schubs davon entfernt, entweder zu springen oder zu schreien.“ Mir stockte der Atem. Ich erinnerte mich an diesen Abend. Ich hatte mich so unsichtbar gefühlt. „Ich wusste, wer du warst, in dem Moment, als deine Anfrage auf dem Server der Agentur einging“, fuhr er fort und kam näher. „Elena Sterling. Die Trophäenfrau eines Mannes, der dich nicht verdient. Du wolltest Rache, und ich wollte herausfinden, ob das Feuer, das ich damals in deinen Augen gesehen hatte, echt war.“ „Und was dann? War ich ein Experiment für dich?“ Ein Schwall Wut durchfuhr mich. „Du hast eine Rolle gespielt. Du hast mein Geld genommen.“ „Ich habe dein Geld genommen, damit die Lüge glaubwürdig war“, sagte Alexander. Jetzt stand er direkt vor mir, sein Schatten verschluckte meinen. „Und ich habe keine Rolle gespielt. Alles, was in diesem Hotelzimmer passiert ist, war echt. Meine Reaktionen waren nicht einstudiert. Kannst du dasselbe behaupten?“ Ich wandte den Blick ab, unfähig, seinem Blick standzuhalten. Die Erinnerung an seine Hände auf mir ließ meinen Magen flattern – eine Mischung aus der noch immer vorhandenen Sehnsucht und der beängstigenden Realität des Kindes, das ich nun in mir trug. „Ich muss gehen“, flüsterte ich. „Du gehst zu ihm zurück?“ Alexanders Stimme wurde kälter. „Zu dem Mann, der dich in deinem eigenen Bett betrügt? Zu dem Mann, der dich wie eine Position in einer Bilanz behandelt?“ „Es ist nicht so einfach. Mein Leben ist mit seinem verbunden. Das Vermächtnis meiner Familie …“ „Ist eine Kette“, unterbrach er mich. Er streckte die Hand aus und strich mit dem Daumen über meine Wange. „Ich will Antworten, Elena. Ich will wissen, warum eine Frau wie du im Dreck bleibt, obwohl ihr die ganze Welt offenstehen könnte. Und vielleicht … will ich herausfinden, ob diese Nacht nur ein Zufall war.“ Ich wich zurück, meine Brust hob und senkte sich hastig. „Es war ein Fehler. Ein einmaliger Fehler. Kontaktiere mich nicht wieder.“ Ich wartete nicht auf seine Antwort. Ich drängte mich an ihm vorbei, meine Absätze klackerten auf dem Stein, und schlüpfte zurück in die Wärme des Ballsaals. Meine Augen suchten hektisch nach Julian. Ich brauchte die Sicherheit meiner elenden Realität. Alles war besser als das Chaos, das Alexander verkörperte. Ich fand Julian an der Bar. Sein Gesicht war vom Scotch gerötet, und er sah gereizt aus. „Wo zum Teufel warst du?“, verlangte er zu wissen und packte meinen Arm. „Ich suche dich seit zwanzig Minuten. Ich habe dir gesagt, du sollst hierbleiben.“ „Mir wurde schwindelig“, log ich und lehnte mich an ihn. „Die Menge … die Hitze. Ich brauchte frische Luft.“ Julian blickte auf mich hinunter, seine Augen verengten sich. Er sah mein Gesicht an und dann zur Terrassentür, durch die ich gerade gekommen war. Sein Griff um meinen Arm wurde fester. „Du hast jetzt Farbe im Gesicht“, stellte er misstrauisch fest. „Und dein Lippenstift ist verschmiert. Mit wem warst du dort draußen?“ „Mit niemandem, Julian. Ich war allein.“ „Lüg mich nicht an, Elena. Ich habe Alexander Thorne in Richtung Terrasse gehen sehen. Hast du mit ihm gesprochen?“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Ich … ich wusste nicht, dass er es war. Ein Mann kam heraus, wir haben ein paar Worte über die Aussicht gewechselt, und ich bin gegangen. Das ist alles.“ Julians Augen suchten meine, sein Gesichtsausdruck wurde finster. „Alexander Thorne ist der mächtigste Mann in diesem Raum. Wenn du seine Aufmerksamkeit hattest und sie nicht genutzt hast, um meine Fusion voranzutreiben, bist du noch nutzloser, als ich dachte.“ „Es tut mir leid“, sagte ich leise. „Ich möchte einfach nach Hause. Bitte.“ Er stieß angewidert die Luft aus. „Gut. Du ruinierst ohnehin die Stimmung. Geh zum Wagen. Ich muss noch meinen Drink austrinken und mich verabschieden.“ Ich lief beinahe zur Garderobe. Jede Sekunde, die ich in diesem Gebäude verbrachte, fühlte sich wie eine Sekunde näher daran an, entdeckt zu werden. Ich stieg auf die Rückbank unserer eleganten schwarzen Limousine und lehnte meinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe. Ich fühlte mich, als würde ich ertrinken. Mein Ehemann schöpfte Verdacht, ein gefährlicher Milliardär verfolgte mich, und ich war mit einem Kind schwanger, das mein Leben zerstören würde, sollte es jemals entdeckt werden. Der Wagen setzte sich in Bewegung und glitt durch die regennassen Straßen der Stadt. Julian kam allerdings nicht mit. Er hatte beschlossen, wegen „einer weiteren Runde“ mit seinen Geschäftspartnern zu bleiben. Ich war dankbar für die Stille. Plötzlich vibrierte mein Handy in meiner Clutch. Ich zog es heraus und erwartete eine spöttische Bemerkung von Julian oder eine Nachricht meiner Mutter. Stattdessen war es eine unbekannte Nummer. Mir stockte der Atem, als ich die Nachricht las. „Ich weiß, dass du Angst hast. Ich weiß, dass du nach einem Ausweg suchst. Ich kann dir helfen, Elena. Aber nur, wenn du das Wort aussprichst. Allerdings hat das seinen Preis.“ Ich starrte auf den Bildschirm. Der „Preis“. Bei Alexander würde es nicht um Geld gehen. Er wollte mich. Er wollte die Frau besitzen, die Julian weggeworfen hatte. Ich blickte aus dem Fenster, als wir an einer Straßenlaterne vorbeifuhren und das Licht über meinen Ehering flackerte. Er fühlte sich wie eine Fessel an. Ich dachte an den Ultraschall, den ich irgendwann machen lassen musste. Ich dachte an den Ausdruck auf Julians Gesicht, wenn er erkannte, dass ich nicht länger die „pflichtbewusste Ehefrau“ war. Ich antwortete nicht. Noch nicht. Ich steckte das Handy weg, meine Hand zitterte, als ich sie auf meinen Bauch legte. Ich war auf dem Weg nach Hause zu einem Mann, der mich hasste, trug ein Geheimnis in mir, das mich vernichten konnte, und gleichzeitig bot mir ein Mann, den ich kaum kannte, einen goldenen Käfig an. Ich wusste nicht, was schlimmer war. Doch als der Wagen in unsere Einfahrt einbog, wusste ich eines ganz sicher: Die „offene Ehe“, die Julian gewollt hatte, war gerade zu einem Krieg geworden. Und ich war die Einzige, die noch keine Waffe hatte. Noch nicht.ElenaIch saß zusammengerollt auf dem Sofa im Wohnzimmer, meinen Laptop auf den Knien, und scrollte gedankenverloren durch alte Fotos, die ich seit Monaten nicht mehr angesehen hatte, als in einer Ecke des Bildschirms plötzlich eine Nachricht auftauchte.Lucy: Na, du Ausreißerin!Ich hielt den Atem an. Eine Sekunde lang starrte ich einfach nur auf die Nachricht, bevor mir ein kleines, ungläubiges Lachen entwich. Aufgeregt tippte ich eine Antwort, wobei meine Finger sich beinahe ungeschickt über die Tastatur bewegten.Elena: Hey. Es tut mir so unendlich leid. Du hast mir so gefehlt.Fast augenblicklich erschien die Anzeige, dass Lucy schrieb. Innerhalb weniger Sekunden füllte sich mein Bildschirm mit einer ganzen Reihe von Nachrichten. Lucy war eindeutig viel zu ungeduldig, um darauf zu warten, dass wir uns langsam Nachricht für Nachricht antworteten.Einen Augenblick später vibrierte mein Handy. Sie wollte mich anrufen.Ich nahm ab, noch bevor es aufhören konnte zu klingeln.„Mädchen“
AlexIch stand noch immer unter dem Eindruck meiner Konfrontation mit Julian. Eine dunkle, zufriedene Ruhe hatte sich tief in meiner Brust ausgebreitet, als mein Telefon erneut klingelte.Auf dem Display erschien der Name meiner Mutter, und augenblicklich wurde ich hellhörig. In letzter Zeit ging es mir jedes Mal so, wenn ihr Name auf meinem Bildschirm auftauchte.„Mama?“„Alex.“ Ihre Stimme klang warm, beinahe zitternd vor einer Emotion, die ich seit Wochen nicht mehr bei ihr gehört hatte. „Sie möchte mit dir sprechen.“Meine Hand schloss sich fester um das Telefon.„Wer möchte …?“„Elena“, antwortete sie, und ich hätte schwören können, ihr Lächeln durch die Leitung hindurch zu hören. „Sie war heute Morgen bei mir. Sie hat mich gebeten, das hier zu arrangieren. Sie möchte, dass du herkommst. Hierher in die Stadt. Sie möchte mit dir reden, Alex.“Ich sprang so abrupt auf, dass mein Stuhl nach hinten rutschte und gegen die Wand hinter mir stieß.„Hat sie das wirklich gesagt? Genau dies
AlexIch saß an meinem Schreibtisch und prüfte gerade die Quartalsberichte. Dabei genoss ich noch immer die stille Erleichterung, die mir Lucys Nachrichten am Vortag verschafft hatten, als James sich über die Gegensprechanlage meldete. Seine Stimme klang angespannter als gewöhnlich.„Sir, unten ist ein Mann, der darauf besteht, Sie zu sprechen. Er sagt, sein Name sei Julian. Er weigert sich, die Eingangshalle zu verlassen.“Meine Hand erstarrte auf den Dokumenten vor mir.Julian.Elenas Ex-Mann – sofern man diese arrangierte Verbindung überhaupt als echte Ehe bezeichnen konnte. Ich hatte seit Wochen nicht mehr an ihn gedacht. Nicht, seit mir Berichte vorgelegt worden waren, denen zufolge man sich bereits um ihn gekümmert, ihn gewarnt und ihm unmissverständlich klargemacht hatte, was passieren würde, sollte er erneut versuchen, Kontakt zu Elena aufzunehmen.„Schicken Sie ihn herauf“, sagte ich mit neutraler Stimme.Einige Minuten später öffnete sich die Tür meines Büros, und Julian tra
ElenaIch war ganz in die Vorbereitungen für das Frühstück vertieft und wechselte zwischen Herd und Arbeitsfläche hin und her. Nach einer so unruhigen Nacht tat mir dieser vertraute Rhythmus richtig gut. Ich bereitete fluffige Omeletts zu, die ich sorgfältig in der Pfanne zusammenklappte, während knusprige Bratkartoffeln auf der Herdplatte daneben goldbraun wurden. Im Ofen stand außerdem eine Auflaufform mit überbackenen Haferflocken und Käse, von der ich wusste, dass Jessie vor Begeisterung aufschreien würde, sobald sie den Duft wahrnahm.Es war bereits sieben Uhr, als es an der Tür klingelte. Ich musste nicht einmal raten, wer es war.Ich trocknete mir die Hände an einem Geschirrtuch ab und eilte zur Tür. Dort stand sie – Mrs. Hedger, strahlend wie immer und mit genau dem Käsekuchen in den Händen, den ich so sehr liebte.„Oh mein Gott, Mrs. Hedger, der Käsekuchen!“, rief ich lachend aus, während ich ihn entgegennahm. „Sie haben ihn nicht vergessen!“„Sobald du das Frühstück erwähnt
ElenaIch hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu Lucys Stimme zurück, zu Mrs. Hedgers Geständnissen und zu Alex' Namen, der auf meinem Handy aufgeleuchtet hatte, während ich wie erstarrt dagestanden und es nicht geschafft hatte, den Anruf entgegenzunehmen.Als ich gegen Morgengrauen schließlich doch einschlief, kam es mir vor, als wären nur wenige Minuten vergangen, bevor mein Wecker um Punkt sechs Uhr schrillend und unerbittlich losging und mich brutal in einen neuen Tag zurückriss, auf den ich mich alles andere als vorbereitet fühlte.Ich blieb noch eine Weile liegen und starrte an die Decke, bevor ich eine Entscheidung traf.Offensichtlich brachte es mich nicht weiter, über all das allein in meinem Kopf nachzugrübeln. Ich musste die Dinge klären – endgültig, anstatt sie immer wieder in Gedanken durchzukauen, bis ich vor Sorge noch krank wurde.Ich brauchte inneren Frieden, und den würde ich nicht finden, wenn ich dem Gespräch auswich, auf da
AlexIch hatte nicht geschlafen. Zumindest nicht richtig. Ich hatte lediglich ein paar unruhige Stunden hinter mir, in denen sich mein Geist geweigert hatte, vollständig zur Ruhe zu kommen. Immer wieder kreisten dieselben Sorgen in meinem Kopf, bis schließlich die ersten Sonnenstrahlen durch die Jalousien fielen.Ich blieb noch eine Weile liegen und starrte an die Decke, bevor ich schließlich aufgab und mich mühsam aus dem Bett quälte.Ich war gerade erst in der Küche angekommen, um mir einen Kaffee zu machen, als mein Telefon klingelte.Lucy.„Bitte sag mir, dass du gute Nachrichten hast“, platzte ich heraus, noch bevor es zum zweiten Mal klingeln konnte.„Alex.“Ihre Stimme klang seltsam, voller Emotionen, als hätte sie geweint. Sofort zog sich mein Magen zusammen, während ich mich innerlich auf das Schlimmste vorbereitete.„Was ist passiert? Geht es Elena gut? Und dem Baby …?“„Sie hat mich angerufen“, sagte Lucy und unterbrach damit den Strudel meiner Gedanken. „Gestern Abend. Ele







