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Kapitel 11

Author: Heliotrope
Mama erfuhr von Sophie, dass ich zurück war.

Als sie anrief, war ihre Stimme so heiser, dass ich sie kaum wiedererkannte.

„Nora … lass mich zu dir kommen. Sag mir nur, wo du bist.“

„Du musst nicht kommen.“

Ich stand am Hotelfenster und sah auf die Lichter der Stadt hinaus.

„Ich komme morgen vorbei.“

Nachdem das Gespräch beendet war, saß ich die ganze Nacht am Fenster.

Ich hatte weder Angst noch war ich aufgewühlt.

Ich überlegte nur, mit welchem Gesichtsausdruck ich diesmal durch die Tür gehen so
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  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 11

    Mama erfuhr von Sophie, dass ich zurück war.Als sie anrief, war ihre Stimme so heiser, dass ich sie kaum wiedererkannte.„Nora … lass mich zu dir kommen. Sag mir nur, wo du bist.“„Du musst nicht kommen.“Ich stand am Hotelfenster und sah auf die Lichter der Stadt hinaus.„Ich komme morgen vorbei.“Nachdem das Gespräch beendet war, saß ich die ganze Nacht am Fenster.Ich hatte weder Angst noch war ich aufgewühlt.Ich überlegte nur, mit welchem Gesichtsausdruck ich diesmal durch die Tür gehen sollte.Am nächsten Morgen zog ich einen blauen Mantel an.Ich hatte ihn in dem einzigen Bekleidungsgeschäft in der Nähe der Forschungseinrichtung gekauft.Blau war schon immer meine Lieblingsfarbe gewesen.Als ich das Haus erreichte, stand die Haustür bereits offen.Mama stand im Eingangsbereich.Sie hatte mindestens vierzig Pfund abgenommen, ihr Haar war größtenteils weiß. Eine Schürze war um ihre Taille gebunden, ihre Hände waren mit Mehl bedeckt.Aus der Küche stieg der Duft von Chili, Knoblau

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 10

    Zehn Jahre später bestand das Projekt in der Forschungseinrichtung achtzehn Monate vor dem geplanten Termin die Abschlussprüfung.Ich stand vor dem Haupttor, mit demselben Rucksack, den ich vor zehn Jahren mitgebracht hatte.Damals hatte er einen Satz Wechselkleidung und meinen Ausweis enthalten.Jetzt enthielt er einen Laptop und drei nationale Forschungsauszeichnungen.Noah hielt mit dem SUV neben mir an und ließ das Fenster herunter.„Bist du sicher, dass du deinen Vertrag nicht verlängern willst?“„Ganz sicher. Es ist Zeit zurückzukehren.“„Ich fahr dich zum Flughafen.“Die Fahrt dauerte zwei Stunden über einen menschenleeren Highway, umgeben von gefrorenem Boden und fernen Bergen.Fast die ganze Fahrt über redete Noah ununterbrochen.Er sagte, die Kantinenleute würden mich vermissen. Er warnte mich, niemand solle den Kaktus auf meinem Schreibtisch eingehen lassen. Er beschwerte sich, dass niemand sonst den Kernalgorithmus gut genug verstand, um ihn zu pflegen.Dann verstummte er.

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 9

    Die Tage ohne Nora zerschnitten die Familie langsam, Stück für Stück.Im ersten Monat rief Mama noch jeden an, der ihr einfiel.Im dritten Monat gab sie auf.Es gab keine Telefonnummer für die Einrichtung. Keine Adresse, die sie hätten besuchen können. Niemand, der bereit war, ihnen zu sagen, wohin ich gegangen war.Im sechsten Monat konnte sie überhaupt nicht mehr schlafen.Der Arzt diagnostizierte eine angstbedingte Schlaflosigkeit und verschrieb Medikamente.Jede Nacht nahm Mama eine Tablette und lag trotzdem wach da, den Blick auf die Decke gerichtet.Manchmal stand sie plötzlich auf und blieb vor der Abstellkammer stehen.Die Tür stand immer offen.Sie erlaubte niemandem, sie zu schließen.Als würde eine offene Tür bedeuten, dass ich vielleicht doch noch heimkehren könnte.Papa alterte rasch.Sein Haar wurde größtenteils grau, und seine Schultern schienen nach innen zu sinken.Er sprach selten, doch eines Abends beim Essen legte er die Gabel weg.„Ich habe all unsere alten Familie

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 8

    Als ich bei der Forschungseinrichtung im Norden Alaskas ankam, war der Wind so stark, dass mir die Augen brannten.Ein Mann in einer dicken Jacke wartete neben einem behördlichen Geländewagen, seine schwarz gerahmte Brille saß windschief.„Nora Bennett?“Ich nickte.„Ich bin Noah Reed. Dr. Harris redet ständig von dir. Ihm zufolge bist du die beste Datenmodelliererin, die er je ausgebildet hat.“„Er übertreibt.“Noah nahm meinen Rucksack und öffnete die Beifahrertür.„Die Bedingungen hier sind hart. Du solltest darauf vorbereitet sein.“„Mir wird's gutgehen.“Ich sah zu den niedrigen grauen Gebäuden in der Ferne und dem endlosen, blassen Himmel dahinter.Das Zimmer, das auf mich wartete, würde größer sein als die Abstellkammer.Es würde ein Fenster haben.Das reichte.Das Leben in der Einrichtung verlief jeden Tag nach demselben strengen Zeitplan.Frühstück um halb acht. Arbeitsbeginn um acht. An den meisten Tagen saß ich zehn bis zwölf Stunden vor dem Computer, ließ Atmosphärenmodelle

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 7

    Mama suchte wie besessen nach mir.Sie rief an meiner Universität an, doch das Sekretariat sagte ihr, ich hätte längst meinen Abschluss gemacht.Sie rief Dr. Harris an, doch der sagte ihr nur: „Nora hat eine Stelle in einem sicherheitsrelevanten Bundesprogramm angenommen. Mehr darf ich nicht preisgeben.“Sie kontaktierte Krankenhäuser, Behörden und jeden, von dem sie dachte, er könnte wissen, wo ich hingegangen war.Dann bestand sie darauf, mich als vermisst zu melden.Papa versuchte, sie davon abzuhalten.„Nora hat einen Vertrag unterschrieben und ist freiwillig gegangen. Sie wurde nicht entführt.“Mama wollte davon nichts hören.Auf der Polizeiwache sprach der Beamte sanft.„Ihre Tochter ist erwachsen. Sie hat eine Stelle angenommen und ist aus freien Stücken gegangen. Das ist kein Vermisstenfall.“„Aber sie hat uns nie gesagt, wohin sie geht.“„Dazu ist sie gesetzlich nicht verpflichtet.“Vor der Wache konnte Mama kaum noch gehen.Papa stützte sie am Arm, während sie alle paar Schri

  • Mein Zimmer ging an ihre Lieblingstochter   Kapitel 6

    Walter kam mit einem vergilbten Umschlag.Er setzte sich auf das Sofa und sah sich im Zimmer um.Mamas Augen waren vom Weinen geschwollen. Papa wirkte erschöpft. Ryan stand barfuß im Flur. Sophie saß still und bleich in der Ecke.„Ich hätte euch das vor zehn Jahren sagen sollen“, sagte Walter und legte den Umschlag auf den Couchtisch. „Ich war an dem Tag am Fluss, als Daniel starb.“Mama sah abrupt auf.Walter sprach langsam weiter.„Als Ryan ins Wasser fiel, war Daniel nicht der Erste, der hineinsprang. Ein junger Mann, der in der Nähe angelte, hat Ryan herausgezogen.“Im Zimmer wurde es totenstill.„Als Daniel den Fluss erreichte, war Ryan schon am Ufer.“Mama starrte ihn an.Walter fuhr fort.„Daniel konnte nicht schwimmen. Er war gerade auf dem Weg, um Hilfe zu holen, als er ausrutschte und ins Wasser fiel.“Er zog eine Kopie des Polizeiberichts aus dem Umschlag.Als Ryans Retter war nicht Daniel Carter angegeben.„Daniels Tod wurde als Unfalltod durch Ertrinken eingestuft“, sagte

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