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Kapitel 3

Author: Heliotrope
Drei Tage nach unserem Einzug erfuhr ich, dass nicht einmal die Abstellkammer wirklich mir gehörte.

Mama sprach es beim Frühstück an, so beiläufig, als ginge es um eine kleine Renovierung.

„Wenn Nora fürs Studium weg ist, sollten wir die Wand zwischen der Abstellkammer und Sophies Zimmer rausreißen. Dann hätte sie genug Platz für einen begehbaren Kleiderschrank.“

„Eine junge Frau braucht Platz für ihre Kleider. Ein einziger Schrank reicht doch nie.“

Papa runzelte die Stirn.

„Wo soll Nora schlafen, wenn sie mal heimkommt?“

„Sie kann auf dem verglasten Balkon schlafen. Sie ist ja nur ein paar Tage im Jahr zu den Feiertagen hier, da braucht man kein ganzes Zimmer für sie freizuhalten.“

Für einen Moment dachte ich, Papa würde widersprechen.

Stattdessen nickte er nur.

„Dann kaufen wir ihr eben ein Klappbett.“

Ryan fuhr sofort fort: „Ich lasse in den nächsten Tagen jemanden kommen, der den Raum ausmisst und einen Entwurf für Sophies Kleiderschrank anfertigt.“

Dann wechselten sie zu einem anderen Thema.

Ich sah zu, wie sie redeten und lachten, als hätten sie nicht gerade eben entschieden, wo ich in einem Haus schlafen sollte, das eigentlich auch mir gehören sollte.

Ich wollte ihnen sagen, dass sie nichts für mich vorbereiten müssten.

In den nächsten zehn Jahren würde ich nicht nach Hause kommen.

Ich würde nicht einmal Kontakt zu ihnen aufnehmen können.

Aber am Ende fehlte mir der Mut, es auszusprechen.

An diesem Nachmittag kam Ethan mit zwei Einkaufstüten.

Die eine stammte aus einem teuren Kunstbedarfsgeschäft.

Die andere war eine dünne Plastiktüte aus dem Supermarkt.

Er ging direkt auf Sophie zu.

„Ryan hat erzählt, dass du wieder zeichnest.“

Darin lag ein professionelles Set mit 128 Alkoholmarkern.

Ein Stück des Preisschilds klebte noch daran.

Über dreihundert Dollar.

Sophies Gesicht strahlte auf.

„Ethan, die sind wunderschön.“

„Das Set hat fast jeden Farbton, den du brauchen könntest.“ Er kauerte sich neben sie und öffnete das Etui. „Falls eine Farbe austrocknet, besorge ich dir eine neue.“

Erst dann schien Ethan sich zu erinnern, dass ich noch in der Nähe stand.

Er hielt mir die kleinere Tüte hin.

„Ich hab auch was für dich mitgebracht.“

Für eine dumme Sekunde zog sich meine Brust zusammen.

Ich hasste den Teil von mir, der immer noch hoffte.

Darin war eine Tüte Karamellbonbons mit einem grellgelben Ausverkaufsaufkleber.

6,99 Dollar.

„Du magst doch Süßes, oder?“, fragte Ethan.

Ich hatte ihm das oft genug gesagt: Ich mochte es nicht.

Bei unserem zweiten Date hatte er einen Schokoladenkuchen zum Teilen bestellt, und ich hatte ihm erklärt, dass ich Desserts noch nie mochte.

Ethan hatte damals gelacht und gesagt, er würde es sich merken.

Nach drei Jahren war das Einzige, was er sich über mich gemerkt hatte, etwas, das gar nicht stimmte.

„Ich esse keine Bonbons, Ethan.“

Sein Gesichtsausdruck kippte für eine halbe Sekunde, nicht aus Scham, sondern aus leichter Überraschung.

Dann kratzte er sich im Nacken und lächelte.

„Dann gib sie eben Sophie. Wäre schade, sie wegzuwerfen.“

Bevor ich antworten konnte, hatte er sich schon wieder ihr zugewandt.

Meine Enttäuschung war ihm nicht mehr wert als das.

Ein Achselzucken.

Ich legte die Bonbons auf den Couchtisch und ging Richtung Abstellkammer.

Beim Schließen der Tür hörte ich, wie Sophie ihre Stimme senkte.

„Ethan, Nora sieht wieder verstimmt aus. Habe ich etwas falsch gemacht?“

Zwei Sekunden lang war es still.

Ich wartete darauf, dass er begriff: ein sorgfältig ausgesuchtes Geschenk für Sophie, während seine Freundin Ausverkaufsbonbons bekam – das könnte mich verletzt haben.

Stattdessen sagte Ethan: „Sie kommt schon drüber weg. Das tut sie immer.“

Dann wechselten sie das Thema.

Ich stand hinter der Tür und begriff endlich: Sogar mein Schmerz war inzwischen so vorhersehbar geworden, dass man ihn einfach ignorieren konnte.

Kurz vor Sonnenuntergang verließ ich die Abstellkammer, um Wasser zu holen.

Als ich am Zimmer meiner Eltern vorbeikam, drang Papas Stimme in den Flur.

„Margaret, glaubst du, Nora ist verstimmt, weil wir ihr kein Zimmer freigehalten haben? Seit dem Umzug hat sie kaum ein Wort gesagt.“

Ich blieb stehen.

Nach allem, was passiert war, reichte selbst dieser winzige Anflug von Sorge, um in mir wieder Hoffnung aufkeimen zu lassen.

Mama antwortete mit einem abweisenden Seufzer.

„Sie denkt schon wieder, Sophie nimmt ihr etwas weg. Nora hat noch ihre ganze Zukunft vor sich, wir können es später wiedergutmachen. Sophie braucht uns gerade dringender.“

Papa schwieg einen Moment.

„Vielleicht sollten wir Nora wenigstens ein Klappbett kaufen.“

Papa wartete, aber Mama antwortete nicht.

Dann hörte ich das Rascheln einer Zeitung.

Das Gespräch war damit beendet.

In diesem Moment begriff ich etwas, das schlimmer war als unsichtbar zu sein.

Sie liebten mich einfach nicht genug, um sich darum zu kümmern, was ihre Entscheidungen mir antaten.

An diesem Abend leuchtete Sophies Tablet auf dem Couchtisch auf.

Eine Kaufbenachrichtigung erschien auf dem Display.

Ein Möbelgeschäft.

Bestellsumme: 1.842 Dollar.

Karteninhaberin war meine Mutter.

Zwischen Bett, Matratze, Vorhängen, Frisiertisch, Regalen und Dekoration hatte sie schon mehrere Tausend Dollar in Sophies Zimmer gesteckt.

Und trotzdem wollte sie mir nicht einmal ein Klappbett kaufen.

Als ich in die Abstellkammer zurückkam, leuchtete mein Handy auf.

Eine E-Mail von der Forschungseinrichtung war eingetroffen.

Frau Bennett, Ihre Sicherheitsfreigabe und Ihre Einstellungsunterlagen wurden genehmigt.

Bitte melden Sie sich spätestens am 13. August. Nach Ihrer Ankunft ist kein Kontakt zu Ihrer Familie mehr möglich – nehmen Sie sich vor der Abreise Zeit für einen Abschied.

Darunter stand eine Notiz von Dr. Harris.

Das Team ist bereit für dich. Dein Prognosemodell wird das Fundament des gesamten Projekts bilden. Wir haben alles vorbereitet.

Irgendwo, tausende Meilen entfernt, bereiteten sich Menschen auf meine Ankunft vor – weil sie meine Arbeit gelesen und erkannt hatten, was ich leisten konnte.

Sie brauchten mich nicht dazu, ein Zimmer aufzugeben oder mich für jemand anderen zurückzunehmen.

Sie wollten mich dort haben, weil ich zählte.

Ich drückte das Handy an meine Brust und starrte zur nackten Glühbirne über mir.

Noch sieben Tage.

In sieben Tagen würde die Abstellkammer leer stehen, die Wand fallen, und Sophie ihren begehbaren Kleiderschrank bekommen.

Sie würden das Zuhause bekommen, das sie sich wünschten – und müssten mich darin nie wieder sehen.

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