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Kapitel 2

Author: Heliotrope
An diesem Abend bestellte Mama zur Feier des Umzugs Essen.

Der Couchtisch verschwand unter Boxen mit gegrilltem Fisch, frittiertem Hähnchen, Garnelen und Mango-Gebäck.

Jedes einzelne Gericht war etwas, das Sophie liebte.

Ryan legte ihr den knusprigsten Hähnchenflügel in die Schüssel.

Ethan saß neben ihr und entfernte sorgfältig jede Gräte aus dem gegrillten Fisch, bevor er ihr den Teller hinschob.

„Jetzt kannst du essen“, sagte er. „Du wirst dich nicht verschlucken.“

Sophie lächelte ihn an.

„Du hast dich erinnert.“

„Natürlich.“

Diese drei Worte trafen mich härter, als sie es hätten sollen.

Er wusste, dass Sophie Gräten hasste. Er wusste, welche Vorhänge sie mochte, welche Sammelfiguren sie besaß und welche Farbe sie sich für ihr Zimmer wünschte.

Niemand erinnerte sich, dass ich keine Mango vertrug, süße Soßen nicht mochte und mir bei gegrilltem Fisch jedes Mal schlecht wurde.

Ich aß meinen Reis langsam auf und wartete darauf, dass jemand meinen leeren Teller bemerkte.

Niemand tat es.

Als das Abendessen fast vorbei war, ging ich in die Küche und fand eine Packung Nudeln im Schrank.

Kaum hatte ich die Packung geöffnet, kam Mama mir nach.

„Was machst du da?“

„Ich koche mir Nudeln.“

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Im Wohnzimmer steht ein ganzer Tisch voll Essen.“

„Ich mag nichts davon.“

Mama warf einen Blick Richtung Wohnzimmer, sofort besorgt, Sophie könnte etwas mithören.

„Du kochst dir während ihres Willkommensessens extra was anderes? Hast du dir überlegt, wie sie sich dabei fühlen soll?“

„Das hat nichts mit Sophie zu tun. Ich habe einfach Hunger.“

„Da draußen ist genug zu essen.“

„Nichts davon, das ich essen kann.“

Mamas Gesicht verhärtete sich.

„Es muss nicht immer alles um dich gehen, Nora. Sophie hat endlich ihr eigenes Zimmer, und wir versuchen, den heutigen Abend für sie besonders zu machen. Musst du unbedingt einen Weg finden, das zu verderben?“

Ich sah sie an.

Ich sollte neben einem Putzeimer schlafen, während Sophie im besten Zimmer des Hauses feierte und mein Freund den ganzen Tag damit verbracht hatte, ihr Möbel aufzubauen.

Und trotzdem war ausgerechnet ich die Egoistin, nur weil ich eine Schüssel Nudeln wollte.

Mama verschränkte die Arme.

„Wenn Sophie sieht, dass du all das Essen ablehnst, das sie liebt, wird sie denken, du hast etwas gegen sie.“

Ich griff hinüber und schaltete den Herd aus.

Sophie tauchte in der Küchentür auf.

„Nora, magst du das Essen nicht? Nächstes Mal kann ich deine Mama bitten, etwas zu bestellen, das du magst.“

Bevor ich antworten konnte, winkte Ryan abwertend ab.

„Lass sie. Sie macht aus allem ein Problem.“

Ethan sah von den Garnelen auf, die er gerade für Sophie schälte.

Für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke.

Ich wartete darauf, dass er mich verteidigte.

Er wusste genau, dass ich nichts gegessen hatte und dass ich scharfes Essen mochte.

Er hätte nur sagen müssen, dass ich Hunger hatte.

Stattdessen zeigte er nur ein schwaches, hilfloses Lächeln, als wäre mein Verhalten ihm ein wenig peinlich, und senkte den Kopf, um weiter Garnelen zu schälen.

Dieses Lächeln tat mehr weh als Ryans Vorwurf.

Ryan war wütend auf mich.

Mama hielt mich für egoistisch.

Aber Ethan hielt mich nicht einmal für wichtig genug, um sich über mich zu ärgern.

Ich ging zurück in die Abstellkammer und schloss die Tür ab.

Mein Magen tat weh, aber es gab nichts im Raum zu essen, und mir fehlte die Kraft, noch einmal hinauszugehen.

Ich legte mich mit angezogenen Knien auf die Yogamatte, weil der Platz nicht reichte, um die Beine auszustrecken.

Durch die Wand hörte ich Sophie lachen.

Kurz darauf lachte auch Ethan.

Ich öffnete noch einmal den Forschungsvertrag.

Die Bedingungen standen klar und deutlich da.

Zehnjährige Anstellung.

Ohne Genehmigung durften Mitarbeitende das Gelände weder verlassen noch Kontakt nach außen aufnehmen.

Mein Betreuer hatte mich persönlich empfohlen, weil meine Forschungsarbeiten und meine Arbeit im Bereich der Datenmodellierung mich zur aussichtsreichsten Kandidatin meines Fachbereichs gemacht hatten.

Ich hatte es meiner Familie nie erzählt.

Als eine meiner Arbeiten von einer bedeutenden Fachzeitschrift angenommen wurde, unterbrach Mama mich, um zu fragen, ob Sophie eine Mitfahrgelegenheit zum Kunstkurs brauchte.

Als ich den höchsten Forschungspreis meines Abschlussjahrgangs bekam, gratulierte Papa mir, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen, und Ethan schickte mir ein Daumen-hoch-Emoji.

In diesem Haus waren meine Arbeit, meine Ambitionen und jede Stunde, die ich in meine Zukunft investiert hatte, immer nur Hintergrundrauschen gewesen.

13. August.

Noch zehn Tage, dann würde ich die fensterlose Kammer hinter mir lassen, die Familie, die mich ausgelöscht hatte, und den Mann, der mir das Gefühl gegeben hatte, unvernünftig zu sein, nur weil ich von meinem eigenen Freund geliebt werden wollte.

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