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Kapitel 4

Author: Heliotrope
Sechs Tage nach unserem Einzug in das neue Haus hatten Ethan und ich unseren dritten Jahrestag.

Zwei Tage zuvor hatte ich ihm eine Nachricht geschickt, um unsere Pläne zu bestätigen.

Samstagnachmittag. Du weißt noch, oder?

Er antwortete fast sofort.

Natürlich weiß ich noch.

Nach allem, was passiert war, brachten mich diese Worte trotzdem zum Lächeln.

Am Samstagmorgen wühlte ich in meinen Kartons nach dem einzigen Cardigan, der noch keine Knötchen hatte, wischte die Flecken von meinen weißen Sneakern und verbrachte eine halbe Stunde damit, mich vor dem kleinen Spiegel in der Abstellkammer zu schminken.

Ich wollte, dass Ethan sah, wie viel Mühe ich mir gegeben hatte.

Nur dieses eine Mal wollte ich, dass er mich sah, bevor er Sophie sah.

Ich kam fünfzehn Minuten früher im Restaurant an und wählte einen Tisch mit Blick auf den Eingang.

Ich bestellte seinen Lieblings-Latte mit Eis und für mich einen schwarzen Kaffee.

Um Punkt zwei schrieb ich ihm.

Ich bin da.

Um halb drei redete ich mir ein, er stecke im Verkehr fest.

Um drei war das Eis in seinem Latte geschmolzen, also bat ich die Bedienung, mir einen neuen zu bringen.

Ich wollte nicht, dass er ankam und ein lauwarmes Getränk vorfand.

Um halb vier rief ich ihn an.

Niemand ging ran.

Jedes Mal, wenn sich die Restauranttür öffnete, hob ich den Kopf.

Doch Ethan war nie darunter.

Ich wartete inzwischen seit zweieinhalb Stunden.

Mein Make-up hatte begonnen, sich unter meinen Augen in den Fältchen abzusetzen, und der Cardigan, um den ich mich so bemüht hatte, wirkte auf einmal billig und lächerlich.

Um sechs vibrierte endlich mein Handy.

Es tut mir wirklich leid. Sophie wollte an den Fluss, an den ihr Vater sie früher immer mitgenommen hat. Es ging ihr richtig schlecht, ich konnte sie nicht allein lassen. Ich mach's an einem anderen Tag wieder gut, okay?

Unter der Nachricht war ein Foto angehängt.

Sophie stand mit gesenktem Kopf am Geländer, Ethan direkt neben ihr, ihre Schatten überschnitten sich im Sonnenuntergangslicht.

Jeder, der dieses Foto sah, hätte gedacht, sie seien ein Liebespaar, das gemeinsam einen stillen Kummer trug.

Niemand hätte vermutet, dass seine Freundin an ihrem dritten Jahrestag allein in einem Restaurant wartete. Er hatte nicht bloß vergessen zu kommen.

Während meine Anrufe unbeantwortet blieben, hatte einer von ihnen das Handy gezückt und den Sonnenuntergang eingefangen – und ausgerechnet dieses Foto hatte Ethan mir geschickt.

Er wollte, dass ich verstand, warum Sophie ihn brauchte, aber er hatte nie darüber nachgedacht, wie es sich anfühlte, die beiden wie ein Paar nebeneinander stehen zu sehen, während sein unberührtes Getränk mir gegenüber vor sich hin schmolz.

Ich bezahlte für beide Getränke und ging allein nach Hause.

Niemand fragte, warum ich geschminkt zurückkam, oder wo ich gewesen war.

Mama richtete gerade Dekoration in Sophies Zimmer, während Ryan über ihrem Schreibtisch noch eine Lichterkette aufhängte.

Ich ging an ihnen vorbei in die Abstellkammer.

Dann legte ich mich auf die Yogamatte.

Noch vier Tage.

Ich sagte mir, dass ein verpasster Jahrestag nichts mehr bedeuten würde, sobald ich fort war.

Am nächsten Morgen kam Ethan mit einem Blumenstrauß in cremefarbenem Papier.

Mein Herz hüpfte, bevor ich es aufhalten konnte.

Ich dachte, er sei gekommen, um sich zu entschuldigen.

Ich trat aus der Abstellkammer, aber Ethan ging direkt an mir vorbei und verschwand in Sophies Zimmer.

„Sophie“, sagte er sanft. „Gestern war ein schwerer Tag für dich, deshalb hab ich dir etwas mitgebracht.“

„Ich dachte, das könnte dich nach gestern ein bisschen aufmuntern.“

„Ethan, danke“, flüsterte Sophie.

Drei Jahre lang hatte Ethan mir erzählt, Blumen seien unpraktisch, weil sie zu schnell verwelkten.

Am Valentinstag hatte er mir ein Ladekabel geschenkt und gescherzt, wenigstens sei es nützlich.

Ich hatte gelacht, weil ich nicht wollte, dass er mich für anspruchsvoll hielt.

Jetzt verstand ich es.

Ethan hatte nichts gegen Blumen.

Er hatte nur nie geglaubt, dass irgendein Anlass in meinem Leben wichtig genug gewesen wäre, um mir dafür Blumen zu kaufen.

„Ethan.“

Er drehte sich um, und für einen Moment huschte Schuld über sein Gesicht, bevor er sie verbergen konnte.

„Gestern war unser dritter Jahrestag.“

Er starrte mich an, dann schlug er sich gegen die Stirn.

„Stimmt. Ich wusste, ich hatte was vergessen.“

Etwas vergessen.

Nicht mich vergessen – nur etwas vergessen, so wie man einen Termin vergisst oder einen Posten von der Einkaufsliste.

„Tut mir leid“, sagte er schnell. „Wir feiern eben an einem anderen Tag. Ich mach's wieder gut, versprochen.“

Ich sah an ihm vorbei zu den Blumen in Sophies Armen.

„Aber für sie hast du dran gedacht, Blumen zu kaufen.“

„Ich bin an einem Blumenladen vorbeigekommen. War nur eine Kleinigkeit, um sie aufzumuntern.“

„Du hast mir noch nie Blumen gekauft.“

Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich.

„Nora.“

„Drei Jahre lang. Kein einziges Mal.“

Hinter uns öffnete sich Ryans Tür, und der Flur wurde still.

Ethans Entschuldigung verflog, und Verärgerung trat an ihre Stelle.

„Kannst du nicht mal aufhören, aus allem einen Vergleich zu machen?“, fragte er.

„Ich trete nicht gegen sie an.“

„Genau das tust du gerade. Sophie ist an den Fluss gegangen, weil sie ihren Vater vermisst. Sie hat stundenlang geweint, und ich habe ihr Blumen gekauft, damit es ihr besser geht.“

„Gestern war unser Jahrestag.“

„Das weiß ich jetzt.“

„Du wusstest es schon vor zwei Tagen.“

Er atmete scharf aus.

„Ihr Vater ist tot, Nora. Einen Jahrestag können wir jederzeit nachholen. Sie bekommt ihren Vater nicht wieder.“

Diese Worte machten unsere Beziehung zu etwas, das man immer wieder aufschieben konnte.

Sophies Trauer war heilig.

Meine Enttäuschung war eine Zumutung.

Ryan kam näher und stellte sich sofort auf Ethans Seite.

„Nora, genug jetzt. Ihr Vater ist gestorben, um mein Leben zu retten – natürlich kümmert sich diese Familie mehr um sie. Warum willst du ihr unbedingt einen einzigen Blumenstrauß wegnehmen?“

„Ich will ihre Blumen nicht.“

„Was willst du dann?“

Die Frage klang wie eine Anklage.

Ich sah Ethan an und wartete darauf, dass er begriff: Es war nie um die Blumen gegangen. Es ging darum, wie er Sophies Gefühle schützte und meine als unvernünftig abtat.

Er wirkte nur, als hätte er dieses Gespräch satt.

Also hörte ich auf, auf eine Antwort zu warten, und ging zurück in die Abstellkammer.

Hinter mir murmelte Ryan etwas von Eifersucht.

Beim Abendessen legte Sophie leise ein Stück Schweinefleisch in meine Schüssel.

„Nora, bitte sei nicht mehr böse. Ethan fühlt sich schon schrecklich.“

Selbst ihre Entschuldigung verlangte von mir, es ihnen leichter zu machen.

Sie klang aufrichtig, und genau das machte es noch schmerzhafter.

Sophie hatte nie mein Zimmer verlangt oder Ethan gebeten, mich im Stich zu lassen. Sie stand einfach im Mittelpunkt jedes Raumes, während die Menschen, die ich liebte, ihr die Zuneigung schenkten, die eigentlich mir hätte gelten sollen.

Und wenn sie dann merkte, dass ich nichts hatte, gab sie mir ein kleines Stück davon zurück.

Ein Kleid in ihrer Lieblingsfarbe.

Ein bisschen Essen von ihrem Teller.

Eine Entschuldigung an Stelle meines Freundes.

Alle sahen diese Krümel und nannten sie großzügig, aber niemand fragte, warum ich für Reste dankbar sein sollte.

„Ich bin nicht böse auf dich“, sagte ich.

Nach Mitternacht sah ich auf den Kalender.

Noch drei Tage.

In drei Tagen würde Ethan mir nicht mehr versprechen können, es an einem anderen Tag wiedergutzumachen, und meine Familie würde mich nicht mehr bitten können, großzügiger, verständnisvoller oder geduldiger zu sein.

Sie glaubten, ich würde immer da sein, wenn Sophie erst einmal getröstet war.

Sie wussten nicht, dass ihnen die Zeit ausging.

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