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Kapitel 2

Author: Cara Anderson
Skyes Perspektive

Ich konnte nicht atmen.

Der Junge – dieses Kind, das meinen Ehemann gerade „Papa“ genannt hatte – sah Jaxon voller Bewunderung an.

Und Jaxon ... Jaxon widersprach nicht. Er schob ihn nicht weg. Er stand einfach nur da, legte eine Hand auf die Schulter des Jungen und sah mich mit seinen kalten grauen Augen an. Es wirkte, als würde er darauf warten, dass ich endlich einen Witz verstand, den alle anderen längst begriffen hatten.

„Ich ...“ Meine Stimme versagte. „Ich verstehe das nicht.“

Cassandra bewegte sich endlich.

Sie trat schnell vor und stellte sich zwischen mich und den Jungen.

Beschützend.

Mütterlich.

Alles, was ich offenbar niemals gewesen war.

„Skye, es tut mir so leid.“ Ihre Stimme war sanft und voller Bedauern. „Ich wollte nicht, dass du es auf diese Weise erfährst. Jaxon wollte es dir vor der heutigen Versammlung erzählen.“

„Mir was erzählen?“

Die Worte kamen kaum hörbar über meine Lippen.

„Was wolltest du mir erzählen, Cassandra?“

Wieder tauschte sie einen Blick mit Jaxon aus.

Und verdammt, ich hasste es.

Ich hasste, wie mühelos sie miteinander kommunizierten.

Ich hasste, dass ich in meinem eigenen Leben immer nur danebenstand und zusah.

„Das ist Liam.“ Sie legte sanft eine Hand auf den Kopf des Jungen. „Er ist ... er ist Jaxons Sohn.“

Der Boden schien unter meinen Füßen wegzubrechen.

Ich griff nach der Tischkante. Meine Fingerknöchel wurden weiß.

„Das ist unmöglich.“

Doch selbst während ich diese Worte sagte, konnte ich meinen Blick nicht von dem Jungen lösen. Diese Kieferlinie. Diese Augen. Dieses Stahlgrau, das genau wie das seines Vaters war.

„Das ist nicht ... du bist vor vier Jahren gegangen. Du warst bereits fort, als wir ...“

„Davor“, unterbrach Cassandra mich. „Davor, bevor Jaxon herausfand, dass du seine Gefährtin bist. Wir waren zusammen, Skye. Du erinnerst dich doch sicher daran.“

Ich erinnerte mich. Ich erinnerte mich daran, wie ich sie bei den Rudelversammlungen beobachtet hatte und überzeugt gewesen war, dass sie perfekt zusammenpassten. Ich erinnerte mich an die Nacht meines achtzehnten Geburtstags. Jaxons Duft hatte mich damals wie ein körperlicher Schlag getroffen. Ich erinnerte mich an den Moment, in dem ich mit erschreckender Klarheit erkannt hatte, dass der Alpha-Erbe, in den ich mich jahrelang heimlich verliebt hatte, mein Gefährte war.

Mein Schicksalsgefährte. Und dass er zuvor mit meiner Schwester zusammen gewesen war.

„Du wusstest davon?“

Ich drehte mich zu Jaxon um. Meine Stimme wurde lauter. Panik breitete sich langsam an den Rändern meiner Gedanken aus.

„Du wusstest die ganze Zeit von ihm?“

„Nein.“

Seine Antwort kam knapp und kalt.

„Cassandra hat es mir erst erzählt, als sie zurückgekommen ist. Vor einem Monat.“

Vor einem Monat.

Dieser Satz hallte immer wieder in meinem Kopf wider. Mit jeder Wiederholung bohrte sich der Schmerz tiefer in mich hinein.

„Es tut mir so leid“, sagte Cassandra erneut.

Und wenn ich sie nicht besser gekannt hätte, hätte ich die Tränen in ihren Augen vielleicht geglaubt.

„Ich wollte mich niemals in deine Ehe einmischen. Ich bin gegangen, weil ich wusste, dass Jaxon seine wahre Gefährtin gefunden hatte und ich eurer Verbindung nicht im Weg stehen wollte. Ich habe Liam allein großgezogen und versucht, weit weg von hier ein Leben für uns aufzubauen.“

„Warum bist du dann zurückgekommen?“

Die Frage kam aus mir heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte.

„Liam war krank.“

Ihre Stimme brach.

„Er brauchte eine Behandlung, die nur Jaxons Kontakte ermöglichen konnten. Unsere Blutlinie ... du weißt, wie kompliziert Wolfsgene sein können. Ich hatte keine andere Wahl.“

Ich sah Jaxon an.

Tief in mir hoffte ich verzweifelt, dass er ihr widersprechen würde. Dass er mir sagen würde, dass dies alles nur ein schreckliches Missverständnis war. Doch er stand einfach nur da. Sein Gesicht blieb unbewegt.

Und mit erschreckender Klarheit wurde mir bewusst: Er glaubte ihr. Jedes einzelne Wort.

„Warum hast du es mir nicht erzählt?“

Ich sah ihn an.

„Ich bin deine Ehefrau. Deine Gefährtin. Warum hast du mir nicht ...“

„Weil die heutige Versammlung mit den Ältesten dazu dient, alles bekannt zu geben.“

Er unterbrach mich.

Seine Stimme blieb beunruhigend ruhig.

„Ich musste zuerst die politischen Auswirkungen klären. Das Rudel muss wissen, dass du trotz dieser Situation weiterhin Luna bleiben wirst.“

„Weiterhin Luna bleiben.“

Ich wiederholte seine Worte wie betäubt.

„Wie großzügig von dir.“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Sei nicht dramatisch, Skye. Das verändert nichts zwischen uns.“

Ein Lachen stieg in meiner Kehle auf. Scharf. Schmerzhaft.

„Es verändert nichts? Du hast einen Sohn mit meiner Schwester, und du glaubst, das verändert nichts?“

„Ich habe eine Verantwortung ihm gegenüber.“

Zum ersten Mal lag Schärfe in Jaxons Stimme.

„Er ist mein erstgeborener Sohn. Mein Erbe. Ich werde ihm nicht den Rücken kehren, nur weil die Umstände schwierig sind.“

Mein Erbe.

Diese Worte trafen mich wie ein Schlag.

Meine Hand legte sich auf meinen Bauch. Ich spürte das geheime Leben darin.

Das Baby, von dem ich ihm so glücklich erzählen wollte. Das Baby, von dem ich geglaubt hatte, dass es uns endlich zu einer richtigen Familie machen würde. Doch er hatte bereits einen Erben.

„Du liebst sie immer noch.“

Es war keine Frage.

Ich konnte es daran erkennen, wie er dastand.

Selbst während unseres Streits war sein Körper leicht zu Cassandra ausgerichtet.

Ich konnte es daran riechen, wie sich sein Duft veränderte, sobald sie in seiner Nähe war.

Weniger abweisend.

Weniger kalt.

Mehr ... vertraut.

„Die ganze Zeit hast du meine Schwester geliebt.“

„Hier geht es nicht um Liebe.“

Jaxon sprach die Worte scharf aus.

„Hier geht es darum, das Richtige für das Rudel zu tun. Für meinen Sohn.“

„Und was ist mit dem Richtigen für mich?“

Meine Stimme brach.

„Ich bin deine Gefährtin, Jaxon. Deine Schicksalsgefährtin. Bedeutet das überhaupt etwas?“

Sein Schweigen war vernichtender als jede Antwort.

Cassandra machte ein leises Geräusch und zog Liam näher an sich.

„Skye, ich weiß, dass das schwer zu verstehen ist. Aber Jaxon und ich ... wir versuchen nur herauszufinden, was das Beste für Liam ist. Wir wollen dich nicht verletzen.“

„Du bist seit einem Monat zurück.“

Mein Körper zitterte inzwischen.

Wut und Schmerz kämpften in mir miteinander.

„Einen Monat voller heimlicher Treffen. Einen Monat voller Entscheidungen, die hinter meinem Rücken getroffen wurden. Einen Monat, in dem ihr beide die glückliche Familie gespielt habt, während ich mich bis zur Erschöpfung trainiert habe, um die Luna zu sein, die Jaxon braucht.“

Meine Stimme wurde leiser.

„Ohne zu wissen, dass ich längst ersetzt worden war.“

„Niemand ersetzt dich.“

Jaxon sagte es.

Doch seine Stimme enthielt keine Wärme.

Keine Beruhigung.

Nur dieselbe kalte Autorität, mit der er Rudelmitglieder behandelte, die seine Entscheidungen infrage stellten.

„Du hast mit meiner Schwester geschlafen.“

Die Worte schmeckten bitter wie Gift.

„Du hattest ein Kind mit ihr und hast es mir nie erzählt. Nicht, als wir geheiratet haben. Nicht in diesen drei Jahren.“

Meine Stimme zitterte.

„Du hast mich glauben lassen ...“

Ich konnte den Satz nicht beenden.

Ich konnte die erbärmliche Hoffnung nicht aussprechen, die ich all die Jahre wie einen kostbaren Schatz bewahrt hatte.

Dass er mich eines Tages lieben würde.

Dass ich vielleicht doch genug sein könnte.

„Ich wusste nichts von Liam.“

Jaxon presste die Zähne zusammen.

„Ich habe keine Geheimnisse vor dir bewahrt, um dich zu verletzen, Skye. Ich versuche nur, mit dieser komplizierten Situation so würdevoll wie möglich umzugehen.“

„Würde.“

Ich schmeckte Blut, weil ich mir auf die Lippe gebissen hatte.

„So nennen wir das also?“

Ich sah ihn an.

„Du willst, dass ich bei dieser Versammlung neben dir stehe, freundlich lächle, während du deinen Sohn mit meiner Schwester bekannt gibst, und einfach akzeptiere, dass ich immer nur die zweite Wahl sein werde?“

„Du bist unvernünftig.“

„Ich bin unvernünftig?“

Meine Stimme wurde beinahe zu einem Schrei.

„Du planst eine verdrehte Vereinbarung, in der ich weiterhin die Luna spiele, während du und Cassandra euren Sohn gemeinsam großzieht. Und ich bin die Unvernünftige?“

„Skye ...“

Cassandra wollte etwas sagen.

„Nein.“

Ich hob eine Hand. Etwas in meiner Brust wurde hart. Etwas, das sich beinahe wie Stärke anfühlte.

„Nein. Ich bin fertig.“

Ich sah Jaxon an. Sah ihn wirklich an. Und suchte nach irgendeiner Spur des Mannes, in den ich mich all die Jahre zuvor verliebt hatte. Doch ich sah nur den Alpha, der mich aus Pflichtgefühl geheiratet hatte. Den Mann, der die ganze Zeit meine Schwester geliebt hatte.

„Ich will die Scheidung.“

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