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Kapitel 2

last update publish date: 2026-07-06 19:52:17

Sophies Sicht

Die TĂŒr des Penthouses fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss, nachdem die letzte Krankenschwester gegangen war, und ließ mich allein mit meinem Ehemann in einer Stille zurĂŒck, die so schwer war, dass sie auf meiner Brust lastete.

Ich stand mitten im luxuriösen Penthouse von Richardo Blackwood in Seattle – zweiundfĂŒnfzig Stockwerke ĂŒber der Stadt – und fĂŒhlte mich wie eine Eindringling in meiner eigenen Ehe. Die bodentiefen Fenster gaben den Blick auf die funkelnde Skyline bei Nacht frei. Sanfte Beleuchtung spiegelte sich auf den Marmorböden, den eleganten modernen Möbeln und den Kunstwerken wider, die mehr wert waren als alles, was ich vor unserem Vertrag besessen hatte. Dieser Ort hatte sich nie wie ein Zuhause angefĂŒhlt. Er war immer sein Reich gewesen. Kalt. Makellos. Unnahbar.

Genau wie der Mann, den ich vor vier Jahren geheiratet hatte.

Jetzt beobachtete mich derselbe Mann vom breiten Ledersofa aus, auf dem er ruhte. Seine grauen Augen folgten jeder meiner Bewegungen mit stiller Faszination. Die BlutergĂŒsse an seinem Kiefer und seinen Rippen begannen zu verblassen, doch die IntensitĂ€t seines Blickes war schĂ€rfer denn je.

„Du warst seit unserer Entlassung aus dem Krankenhaus so still“, sagte Richardo mit einer sanften Stimme, die mein Herz schmerzhaft zusammenzog. „Komm her, Sophie.“

Mit unsicheren Schritten ging ich auf ihn zu. Mein langes dunkles Haar fiel wie ein Vorhang ĂŒber meine Schultern. Als ich ihn erreichte, nahm er meine Hand und zog mich neben sich auf das Sofa. Die WĂ€rme seines Körpers und die starke Umarmung seines Armes um meine Taille waren beinahe ĂŒberwĂ€ltigend. UnwillkĂŒrlich lehnte ich mich an ihn und atmete den frischen Duft seiner Haut ein, vermischt mit dem leichten Geruch von Krankenhausseife.

„Ich habe das Personal gebeten, das Hauptschlafzimmer fĂŒr uns beide vorzubereiten“, murmelte er und strich mit seinen Lippen ĂŒber meine SchlĂ€fe. „Ich möchte heute Nacht nicht allein schlafen. Nicht jetzt, wo ich meine Frau endlich wieder bei mir habe.“

Frau.

Dieses Wort ließ eine neue Welle der Schuld ĂŒber mich hereinbrechen. Ich schloss die Augen und erinnerte mich an die kalte RealitĂ€t unseres frĂŒheren Lebens – getrennte Schlafzimmer, höfliche Distanz und die NĂ€chte, in denen ich still in meinem Zimmer weinte, wĂ€hrend er bis zum Morgengrauen in seinem BĂŒro arbeitete.

„Ich ... ich kann im GĂ€stezimmer schlafen, wenn du etwas Abstand brauchst“, flĂŒsterte ich kaum hörbar.

Richardo zog sich leicht zurĂŒck und legte eine große Hand an meine Wange. Sein Daumen strich so zĂ€rtlich ĂŒber meine Haut, dass mir TrĂ€nen in die Augen stiegen.

„Warum sollte ich Abstand von dir wollen?“ Seine grauen Augen suchten meine, voller aufrichtiger Verwirrung und etwas Tieferem – Sehnsucht. „Ich erinnere mich vielleicht noch nicht an unser gemeinsames Leben, aber jeder Instinkt in mir sagt mir, dass dein Platz genau hier ist. Bei mir.“

Er beugte sich vor und kĂŒsste mich.

Der Kuss begann sanft, fast ehrfĂŒrchtig, wurde jedoch schnell intensiver, als ich gegen ihn schmolz. Seine Finger glitten durch mein Haar und legten meinen Kopf genau so, wie er es wollte. Ein leises Seufzen entwich meinen Lippen, und ich spĂŒrte, wie er gegen meinen Mund lĂ€chelte. WĂ€rme breitete sich tief in meinem Körper aus, wĂ€hrend seine freie Hand ĂŒber meinen RĂŒcken glitt und mich noch nĂ€her an sich zog.

Das war falsch.

So schmerzhaft falsch.

Aber Gott ... ich hatte mich so lange nach ihm gesehnt.

Als wir uns schließlich voneinander lösten und beide schwer atmeten, lehnte Richardo seine Stirn gegen meine.

„Bleib heute Nacht bei mir, Sophie. Lass mich dich im Arm halten.“

Ich nickte, unfĂ€hig, wegen des Kloßes in meinem Hals zu sprechen.

SpĂ€ter an diesem Abend, nachdem ich ihm geholfen hatte, sich im Bett auszuruhen, schlĂŒpfte ich in den begehbaren Kleiderschrank, wĂ€hrend er duschte. Meine HĂ€nde zitterten, als ich hastig die letzten Spuren unseres alten Lebens verschwinden ließ – die getrennten Kleiderbereiche, die versteckten Vertragsunterlagen und die Fotos unserer emotionslosen Hochzeit, auf denen keiner von uns lĂ€chelte.

Ich ersetzte sie durch sorgfĂ€ltig arrangierte Paarfotos, die ich schnell aus Archivbildern erstellt und eingerahmt hatte, in der Hoffnung, dass sie ĂŒberzeugend genug wirkten.

Als Richardo das Badezimmer verließ und nur eine schwarze Jogginghose trug, hatte ich die Illusion einer liebevollen Ehe vollstĂ€ndig geschaffen. Meine Kleidung hing ordentlich neben seiner. Mein ParfĂŒm stand auf der Kommode. Ein eingerahmtes Foto von uns – bearbeitet von einer alten Firmenveranstaltung – stand auf dem Nachttisch.

Als er alles sah, lÀchelte er.

Ein echtes, warmes LĂ€cheln, das mir zugleich Freude und Herzschmerz bereitete.

„Du hast diesen Ort wie ein Zuhause wirken lassen“, sagte er leise und zog mich in seine Arme. „Danke.“

In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal seit dem Unfall.

Es war weder ĂŒberstĂŒrzt noch rein körperlich. Richardo berĂŒhrte mich, als wĂ€re ich etwas Kostbares, das er fĂŒrchtete zu verlieren. Seine HĂ€nde erkundeten mich langsam und voller ZĂ€rtlichkeit, wĂ€hrend seine Lippen seinen BerĂŒhrungen folgten. Als wir schließlich eng beieinander lagen, rief ich seinen Namen, und TrĂ€nen liefen ĂŒber meine Wangen. Ich hielt mich verzweifelt an ihm fest, wĂ€hrend GlĂŒcksgefĂŒhle und ĂŒberwĂ€ltigende Schuld ineinanderflossen.

Danach lagen wir eng umschlungen im riesigen Bett. Seine Finger zeichneten trĂ€ge Muster auf meinen RĂŒcken, als er in die Dunkelheit sprach.

„Ich bekomme immer wieder diese kurzen Erinnerungsblitze“, gestand er leise. „Kalte Abendessen. Du verlĂ€sst mein BĂŒro mit Schmerz in den Augen. Ich ... sage Dinge, die ich am liebsten zurĂŒcknehmen wĂŒrde.“ Er zog mich noch fester an sich. „Sag mir, dass diese Erinnerungen falsch sind, Sophie. Sag mir, dass ich dir nicht wehgetan habe.“

Ich drĂŒckte mein Gesicht gegen seine Brust, lauschte dem ruhigen Schlag seines Herzens und log.

„Es sind nur BruchstĂŒcke“, flĂŒsterte ich mit trĂ€nenerstickter Stimme. „Wir hatten schwierige Zeiten, wie jedes andere Paar auch. Aber jetzt sind wir hier. Das ist alles, was zĂ€hlt.“

Er kĂŒsste mich auf den Kopf und war fĂŒrs Erste zufrieden.

Doch ich konnte nicht schlafen.

Noch lange nachdem sein Atem ruhig geworden war, lag ich wach und starrte an die Decke, wÀhrend das Gewicht meiner TÀuschung auf mir lastete.

Am nÀchsten Morgen wurde ich vom Duft frischer Blumen geweckt.

Richardo hatte einen riesigen Strauß weißer Rosen – meine Lieblingsblumen – bestellt und daneben eine handgeschriebene Nachricht hinterlassen.

FĂŒr meine Frau, die sich wie ein Zuhause anfĂŒhlt, selbst wenn ich mich nicht an den Weg erinnern kann, der mich zu ihr gefĂŒhrt hat.

Ich drĂŒckte den Zettel an meine Brust, und schließlich liefen mir die TrĂ€nen ĂŒber das Gesicht.

Diese sanfte, liebevolle Version von Richardo machte mir mit echter ZĂ€rtlichkeit den Hof – mit Blumen, liebevollen BerĂŒhrungen und innigen KĂŒssen, die mir den Atem raubten. Und mit jeder seiner Gesten verliebte ich mich noch tiefer in ihn ... wĂ€hrend mich meine Schuld immer weiter zu zerreißen drohte.

Mein Handy auf dem Nachttisch vibrierte.

Eine Nachricht von Divia.

Divia: Ich komme heute ins Penthouse. Du hast bis heute Abend Zeit, ihm die Wahrheit zu sagen, Sophie. Sonst werde ich es tun.

Noch bevor ich ihre Drohung richtig begreifen konnte, ertönte ein scharfes Klopfen an der HaustĂŒr.

Ich öffnete.

Vor mir standen Alex Blackwood und Victoria Hale.

Kalte LĂ€cheln lagen auf ihren Gesichtern.

„Wir mĂŒssen mit meinem Bruder sprechen“, sagte Alex ruhig. „Wegen der bevorstehenden Abstimmung im Vorstand ... und wegen des Ă€ußerst gĂŒnstigen Zeitpunkts dieser Ehe.“

Mein Blut gefror in den Adern, als ich Richardos Stimme hinter mir hörte.

„Sophie? Wer ist da?“

Die Illusion, die ich so sorgfÀltig aufgebaut hatte, begann bereits zu zerbrechen.

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