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Kapitel 4

last update publish date: 2026-07-06 19:53:37

Sophies Sicht

Die Stille, die auf Divias Worte folgte, war ohrenbetäubend. Sie spannte sich zwischen uns wie ein unter Strom stehender Draht, knisternd vor Anspannung und dem Gewicht all dessen, was ich verzweifelt versucht hatte zu verbergen.

Richardos Hand, die eben noch warm auf meinem unteren Rücken gelegen hatte, wurde plötzlich steif. Ich spürte die Veränderung in ihm – die plötzliche Anspannung seiner Muskeln, die Art, wie sein Atem stockte. Langsam drehte ich mich zu ihm um, während mein Herz so heftig gegen meine Rippen schlug, dass ich sicher war, er müsse es hören.

„Sophie?“

Seine Stimme war leise, aber gefährlich – auf eine Weise, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Seine grauen Augen, die noch vor wenigen Stunden voller Zuneigung gewesen waren, suchten nun mein Gesicht mit einer Mischung aus Verwirrung und langsam aufsteigendem Verrat.

„Wovon spricht sie? Ein Vertrag?“

Divia trat ohne Einladung in die Wohnung und zog ihren Koffer mit einem dumpfen Geräusch hinter sich her. Ihre dunklen Locken umrahmten ein Gesicht, das meinem bis ins Detail ähnelte, aber durch die Jahre verhärtet war, in denen sie mich schweigend hatte leiden sehen.

„Es ist Zeit, Sophie. Du kannst nicht weiter so tun, als wäre alles in Ordnung, während er sich in eine Lüge verliebt. Sag es ihm.“

Ich öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Die Sätze, die ich unzählige Male in Gedanken geübt hatte – Es begann aus geschäftlichen Gründen. Ich war nur praktisch. Du hast mich nie geliebt. – blieben wie Glasscherben in meiner Kehle stecken.

Richardos Blick wanderte zwischen uns hin und her. Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Er zog den schwarzen Bademantel enger um sich, als würde ihm plötzlich bewusst, wie verletzlich er war – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.

„Jemand erklärt mir jetzt sofort, was hier los ist.“

Divia zögerte keine Sekunde.

„Ihre Ehe wurde vor vier Jahren aus geschäftlichen Gründen geschlossen. Fusionen, Image – all dieser Unternehmenskram. Sophie unterschrieb einen Vertrag: getrennte Leben, keine Gefühle, keine echte Beziehung. Sie war die ganze Zeit unglücklich und spielte die perfekte Ehefrau, während du sie kaum bemerkt hast. Und jetzt? Dieser hingebungsvolle Ehemann, den du plötzlich spielst, existiert nur wegen deiner Amnesie und ihrer Angst, alles zu verlieren, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.“

„Divia, hör auf ...“, flüsterte ich mit brechender Stimme.

Doch Richardo war bereits einen Schritt zurückgewichen. Eine Hand fuhr durch sein zerzaustes Haar. Erinnerungsfetzen mussten durch seinen Kopf schießen; ich sah das Aufflackern von Erkenntnis und den Schmerz, der seine Gesichtszüge verzerrte.

„Die E-Mail ... die langen Nächte ... du hast allein zu Abend gegessen.“

Seine Stimme brach.

„Es war alles wahr. Oder besser gesagt ... es war nicht das, was ich geglaubt habe.“

Tränen brannten in meinen Augen.

Ich streckte die Hand nach ihm aus, doch er wich leicht zurück.

Nur ein kleiner Schritt.

Aber er genügte, um mich innerlich zu zerbrechen.

„Richardo, bitte. So hat es angefangen. Aber die letzten Tage ... seit du dich verändert hast ... waren anders. Du bist anders. Ich hätte nie erwartet ...“

„Nicht erwartet was?“

Er unterbrach mich. Seine Stimme war schärfer geworden, doch darunter lag noch immer dieselbe Verletzlichkeit, die meine Schuldgefühle unerträglich machte.

„Dass ich aufwachen und mich in eine Frau verlieben würde, die mich wegen eines Vertrags geheiratet hat? Dass ich etwas Echtes aufbauen möchte, während du nur darauf wartest, dass mein altes Ich zurückkehrt?“

Verglichen mit diesem Moment wirkte der Besuch von Alex und Victoria beinahe harmlos.

Die Zweifel des Vorstands waren nichts im Vergleich zu dem Schmerz in Richardos Augen.

Divia verschränkte die Arme.

„Er hat die ganze Wahrheit verdient, Sophie. Die einsamen Hochzeitstage. Die Nächte, in denen du nach jeder kalten Zurückweisung geweint hast. Und warum bist du überhaupt geblieben?“

Ich konnte mich nicht länger zurückhalten.

Der Damm brach.

„Weil ich mich trotzdem in dich verliebt habe“, gestand ich, während die Worte nur so aus mir herausströmten.

„Auch als du so distanziert warst und deine Arbeit immer wichtiger war als ich. Auch als unser Vertrag mir sagte, dass ich das nicht durfte. Ich blieb, weil ich hoffte, dass du mich eines Tages sehen würdest. Dann passierte der Unfall ... und plötzlich hast du mich gesehen. Du hast mich berührt, als wäre ich wichtig. Du hast mich geküsst, als wäre ich deine ganze Welt. Ich hatte schreckliche Angst, dass du mich hassen würdest, wenn ich dir die Wahrheit erzähle ... oder noch schlimmer, dass du wieder der Mann wirst, dem ich völlig gleichgültig war.“

Das Penthouse fühlte sich plötzlich viel zu klein an.

Die Lichter der Stadt funkelten draußen gleichgültig weiter.

Richardo sah mich lange schweigend an.

Seine Brust hob und senkte sich schwer.

Dann drehte er sich wortlos um und trat vor die bodentiefen Fenster. Schweigend blickte er auf die glitzernde Skyline.

Divia drückte kurz meine Schulter – eine Mischung aus Unterstützung und harter Ehrlichkeit.

„Ich bin im Gästezimmer“, murmelte sie.

„Bring das in Ordnung ... oder auch nicht. Aber keine Lügen mehr.“

Sie verschwand den Flur entlang und ließ uns allein.

Langsam ging ich auf ihn zu.

Meine nackten Füße bewegten sich lautlos über den Marmorboden.

„Richardo ...“

Zunächst reagierte er nicht.

Dann drehte er sich langsam um.

Seine Augen waren dunkel vor Gefühlen.

„Ich erinnere mich nicht an den Mann, der ich früher war“, sagte er leise.

„Aber ich weiß, wer ich jetzt bin.“

Er schluckte schwer.

„Und dieser Mann ... will keinen Vertrag.“

Sein Blick traf meinen.

„Er will dich.

Ganz.

Nicht die Frau, die nur eine Rolle spielt.“

Ein schwacher Hoffnungsschimmer flackerte in meiner Brust auf.

Ich trat näher und legte zitternd eine Hand auf seinen Arm.

„Dann lass uns neu anfangen.

Ohne Vertrag.

Ohne Geheimnisse.

Nur wir.“

Er suchte erneut mein Gesicht.

Sein intensiver Blick ließ meinen Puls rasen.

Für einen schrecklichen Augenblick glaubte ich, er würde sich ganz von mir abwenden.

Doch stattdessen stieß er einen zittrigen Atemzug aus und zog mich fest in seine Arme.

Sein Kuss war zunächst leidenschaftlich und voller widersprüchlicher Gefühle – Wut, Sehnsucht und Erleichterung zugleich –, bevor er sanfter wurde und sich in etwas Tieferes verwandelte.

Als er sich schließlich löste, legte er seine Stirn wieder gegen meine.

„Keine Lügen mehr, Sophie.

Nie wieder.

Wir stellen uns gemeinsam dem Vorstand, meinem Bruder, Victoria – allem.

Aber wenn das funktionieren soll, musst du mir die Wahrheit anvertrauen.

Die ganze Wahrheit.“

Ich nickte, während mir die Tränen unaufhaltsam über die Wangen liefen.

„Das werde ich.

Und ich fange damit an, dir zu sagen, dass ich seit Jahren in dich verliebt bin ...

selbst als du es mir unmöglich gemacht hast.“

Ein Hauch seines alten, selbstbewussten Lächelns erschien auf seinem Gesicht, wenn auch voller Schmerz.

„Dann zeig es mir.

Bleib heute Nacht bei mir.

Nicht als meine Vertragsehefrau.

Sondern als meine Ehefrau.“

Wir gingen gemeinsam ins Schlafzimmer – getragen von neuer Leidenschaft und zerbrechlicher Ehrlichkeit.

Als wir später eng umschlungen im Bett lagen und sein Arm schwer auf mir ruhte, konnte ich das Gefühl der Angst in meinem Magen dennoch nicht verdrängen.

Alex und Victoria würden nicht aufgeben.

Die Vorstandssitzung rückte immer näher.

Und irgendwo in Richardos zerbrochenen Erinnerungen konnte sein altes, kälteres Ich jederzeit wieder auftauchen.

Doch für diesen Moment erlaubte ich mir, an den Mann zu glauben, der mich fest in seinen Armen hielt –

an den Mann, der für uns kämpfte.

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Comments (1)
goodnovel comment avatar
Catty
Ich kann es kaum erwarten .........
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